Beschreibung
Namensgeber des Begriffs „Schlaraffia“. * 7. September 1814 in der Kleinstadt Lissa (heute Leszno) in der Provinz Posen als Kind einer jüdisch-orthodoxen, im Ghetto lebenden Familie. Schon als 14-Jähriger ging er auf Wanderschaft nach Deutschland, u.a. nach Glogau, Frankfurt a.M., Stuttgart und Bing
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Namensgeber des Begriffs „Schlaraffia“. * 7. September 1814 in der Kleinstadt Lissa (heute Leszno) in der Provinz Posen als Kind einer jüdisch-orthodoxen, im Ghetto lebenden Familie. Schon als 14-Jähriger ging er auf Wanderschaft nach Deutschland, u.a. nach Glogau, Frankfurt a.M., Stuttgart und Bingen. Seinen Lebensunterhalt soll er als Sprachlehrer verdient und später nebenher in Heidelberg und München zunächst Medizin, später vergleichende Sprachwissenschaften studiert haben. Erst 1847, als 33-Jähriger, wurde er an der Universität Gießen zum Dr.phil. promoviert. 1840, mit 26 Jahren, beendete er in Mainz seine Wanderschaft. Chancen für eine Realisierung seiner literarischen Ambitionen dürfte er nicht zuletzt im Mainzer Karneval gesehen haben, in dem das freiheitlich denkende Bürgertum unter der tarnenden Narrenkappe seinen Unmut gegen die reaktionären Verhältnisse kundtun konnte. 1843 übernahm Kalisch die Redaktion der achtmal jährlich erscheinenden Karnevalzeitung »Narhalla«. Darin brachte er Satiren, Parodien und Glossen sowie Berichte über den Mainzer Sitzungskarneval, an dem er sich mit witzigen Vorträgen auch selbst beteiligt hat. Ein Jahr später wurde er Redakteur der Zeitschrift »Das Rheinland«, die er dazu nutzte, auf satirische Weise demokratische Freiheiten zu fordern, vor allem die ihm als Journalist am Herzen liegende Pressefreiheit. Im Frühsommer 1849 beteiligte er sich an dem Aufstand der seinerzeit zu Bayern gehörenden linksrheinischen Pfalz, um diese Freiheiten mit Waffengewalt zu erzwingen. Kalisch hat sich an dieser Erhebung zwar nicht mit der Waffe beteiligt, aber als engagierter Redakteur des »Boten für Stadt und Land« in Kaiserslautern, des Sprachrohres der zum Kampf auffordernden pfälzischen Revolutionsregierung. Nach dem kläglichen Zusammenbruch dieses Aufstandes wurde Kalisch im Oktober 1851 in einem gegen 333 Aufständische geführten Schauprozess zum Tode verurteilt, weil er »zur Unterstützung der revolutionären Gewalt aufgefordert« hätte. Kalisch war allerdings nach dem Zusammenbruch des Aufstandes Ende Juni 1849 über die nahe Grenze nach Frankreich geflohen. Seine zweite, 34-jährige Lebenshälfte hat Kalisch in Paris verbracht, wo ihm die Atmosphäre und Lebensart besonders zugesagt haben, worauf seine dortigen literarischen Arbeiten schließen lassen. Seinen Lebensunterhalt konnte er durch Sprachunterricht und Übersetzungen verdienen. Er hat aber auch Opern- und Operettenlibretti von Französischen ins Deutsche übersetzt, u.a. »Orpheus in der Unterwelt« von Jacques Offenbach. Als Korrespondent der »Gartenlaube« hat er sehr interessant über diesen ebenfalls in Paris lebenden, außerordentlich populären Künstler berichtet. Schließlich konnte man von Kalisch in der »Gartenlaube« auch über Heinrich Heines klägliches Leben in seiner Pariser »Matratzengruft« lesen, wo Kalisch ihn mehrfach besucht hat. Am 2. oder 3. März 1882 ist Ludwig Kalisch im 69. Lebensjahr in Paris verstorben. Der erste Schlaraffe, der Ludwig Kalisch als Visionär eines Schlaraffenreyches der fröhlichen Narrenfreiheit entdeckt hat, war weiland Rt Don Benno (59). Er ist im Antiquariat seines Burgknappen zufällig auf Kalischs 1844 in Mainz erschienenes Buch »Schlagschatten« und darin auf das Gedicht »Aus dem Schlaraffenlande« gestoßen. Das ist ein Spottgedicht auf die konservativ verkrusteten politischen, sozialen und gesellschaftlichen Strukturen in den damaligen deutschen Fürstentümern. Denen hat Kalisch sehr anschaulich und humorvoll seine Vision von einem Schlaraffenland der fröhlichen Narrenfreiheit gegenübergestellt, das er mehrmals »Schlaraffia« nannte. Etliche der 159 vierzeiligen Verse dieses Gedichts lesen sich wie eine Vorahnung von unserem einzigartigen Spiel im Zeichen von Kunst, Humor und Freundschaft. A.U. 142 (2001), sechs Jahre nach Rt Don Benno, hat Rt Dal´berg (45), profan Fernsehjournalist, bei Recherchen über die historische Mainzer Fastnacht eine weitere, ergänzende Entdeckung in Kalischs 1845 veröffentlichten »Buch der Narrheit« gemacht. Das ist in diesem Buch, einer Sammlung von geistreichen satirischen Gedichten und Glossen, die ganzseitige Titelvignette und Kalischs ausführliche Erklärung dazu. Die macht seine Schlaraffia-Vision noch deutlicher und es damit zugleich noch wahrscheinlicher, dass sie das Konzept der Urschlaraffen für ihren neuen, fröhlichen Verein beeinflusst hat. Die Titelvignette zeigt die auf dem Erdball thronende Königin der Narrheit. Sie herrscht über mehrere, ihr treu ergebene, friedlich-fröhlich koexistierende Narrenkolonien mit Namen wie Utopia, Eldorado, Narragonien und auch wieder Schlaraffia. Mit der Narrheit hat Kalisch die bürgerlichen Freiheiten gemeint. Damit konnte er sich der damals alles beherrschenden Zensur entziehen. Hinter seinen Narrenreich-Träumen verbarg sich sein ungeduldiges Warten auf die bürgerlichen Freiheiten, die sich die Franzosen in ihrer Revolution von 1789 erstritten hatten und die man auch in den von 1797 bis 1814 zu Frankreich gehörenden linksrheinischen deutschen Gebieten kennen und schätzen gelernt hatte. Wie der Begriff Schlaraffia nach Prag gelangte, ist reine Spekulation, allerdings logisch hergeleitet, und betrifft Franz ↑ Thomé, den anderen Akteur der Geschichte. Wie Kalisch ist auch Thomé neben seinen Bühnenauftritten im Mainzer Sitzungskarneval im »Frankfurter Hof« aufgetreten, möglicherweise sogar mit Kalisch zusammen. Von Kalisch ist belegt, dass er Stammgast in der Mainzer Künstlerkneipe »Schützenhof« war, in der u.a. der Komponist Meyerbeer, der Walzerkönig Johann Strauß, der Dichter Freiligrath und andere namhafte Künstler verkehrten. Dass sich dort auch Thomé nach seinen Bühnenauftritten erholt und entspannt hat, zumal der »Schützenhof« nur einen Steinwurf vom Theater entfernt lag, ist mehr als wahrscheinlich. Schließlich dürfte der künstlerisch so engagierte Kalisch wohl auch häufiger Theaterbesucher gewesen sein und Thomé als Schauspieler erlebt und gekannt haben. Es kann also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gesagt werden, dass sich Thomé und Kalisch in Mainz kennengelernt haben und dass Thomé die originelle Wortschöpfung »Schlaraffia« von Kalisch erfahren hat.
Quelle: Lulupedia Import