* 23.12. 1826 Bürgstein (Pirkštejn), einem Felsschloss im tschechischen Land in der Nähe von Nový Bor in der Kleinstadt Sloup, † 22.9. 1862 Prag Dramatiker, Theaterkritiker, Kulturhistoriker, Literaturhistoriker, Redakteur Er wurde geboren als Ferdinand Daniel Emanuel Mikowetz in der gut situierten Familie eines Justiziars und Gutsverwalters der Fürsten Kinsky. An seinem Geburtsort absolvierte M. die Trivialschule, ab 1837 besuchte er das Augustinergymnasium in Česká Lípa (Böhmisch Leipa), das er mit ausgezeichnetem Erfolg absolvierte. Im Herbst 1842 ging M. nach Prag, um an der dortigen Universität die sog. philosophischen Jahrgänge zu absolvieren. Nach dem Tod des Vaters zog M.s Mutter mit zwei weiteren Söhnen und drei Töchtern nach Prag, wo M. dank der guten finanziellen Situation der Familie seinen Interessen – der Kulturgeschichte und der Theaterkritik – nachgehen konnte. Er war mit vielen Persönlichkeiten des deutschsprachigen Kulturlebens und später auch mit tschechischen Kulturschaffenden bekannt. Seine Artikel erschienen zunächst in deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften, ab 1846 publizierte er auch auf Tschechisch. 1847 wurde er Vorsitzender des utraquistischen Kunst- und Literaturvereins Concordia, gegründet von Egon
↑ Ebert, Clemens Ritter v. Weyhrother, Graf Franz Thun und Akademiedirector Ruben, einer entschieden deutschen Gesellschaft, die unwillkürlich durch die Ereignisse des Jahres 1848 geschichtliche Bedeutung gewann. In diesem Jahr war M. auf Seiten der tschechischen radikalen Demokraten am gesellschaftlichen und politischen Geschehen beteiligt und bemühte sich als Fahnenträger des Vereins „Svornost“ (übersetzt. Einigkeit, Eintracht, wiederum gleichbedeutend mit Concordia, der römischen Göttin der Eintracht) um die Überwindung des wachsenden tschechisch-deutschen Misstrauens und Antagonismus. Im Juni 1848 schloss er sich dem sog. Prager Pfingstaufstand an, nach dessen Niederschlagung er nach Kroatien floh, da gegen ihn Haftbefehl vorlag. Von Kroatien aus begab er sich in die serbische Provinz Vojvodina und war bis Anfang des Jahres 1849 als Adjutant der freiwilligen antiungarischen Einheiten tätig. Nach Prag zurückgekehrt, befand sich M. in einer politisch unsicheren Situation, eine Reihe seiner vormaligen Freunde hatte den Kontakt zu ihm abgebrochen. Daher ging er Anfang März 1849 nach Leipzig, wo er in der Redaktion der Zeitschrift Die Grenzboten arbeitete. Er reiste nach Mitteldeutschland, um kulturelle und literarische Bohemica zu studieren, und besuchte auch einige Theatervorstellungen. Aus ungeklärten Gründen kehrte er im November 1849 nach Prag zurück. In einer Zeit wachsender Reglementierung des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens versuchte er vergeblich, einen literarischen Almanach herauszugeben, im Dezember 1850 bewilligte ihm jedoch die Prager Statthalterei die Herausgabe der Literaturzeitschrift Lumír. Diese wurde in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts zu einer wichtigen Plattform der tschechischen kulturellen Öffentlichkeit. M. fungierte als Leiter und Chefredakteur der Zeitschrift, für die er bis zu seinem Tod Kulturbeiträge und Kritiken schrieb. Auch in der nachfolgenden Zeit unterhielt M. persönliche Kontakte mit tschechischen Künstlern wie auch mit deutschsprachigen Literaten und Theaterschaffenden (J.
↑ Bayer, K. E.
↑ Ebert, J. Gundling, E. M. Oettinger, I. Reinsberg-Düringsfeld, A. Schleicher, F. ↑ Thomé), er verfasste Artikel zur tschechischen Kulturgeschichte, die in deutschen und österreichischen Zeitungen und Zeitschriften publiziert wurden. Ende der 50er-Jahre war er gemeinsam mit Josef ↑ Mánes an der Gründung des utraquistischen Kunstvereins Arcadia und an der gemeinsamen tschechisch-deutschen Feier zum 100. Geburtstag Friedrich Schillers (1859) in Prag beteiligt. Verschiedene Quellen geben als Gründungsdatum der Arcadia (auch Arkadia) 1860 an. Bei der Konstituierung der Arkadia wurde M. in die Direktion gewählt und als stellvertretender Vorsitzender bestätigt. Im September 1861 organisierte er mit dem Musikkritiker und Komponisten A. W. Ambros eine erste Ausstellung alter tschechischer Kunstgegenstände im Altstädter Rathaus. Das Übermaß an Arbeitsverpflichtungen und wohl auch M.s persönliche Enttäuschung über die wachsende Entfremdung zwischen Tschechen und Deutschen beschleunigten den Verlauf einer Erkrankung (Herzhypertrophie), die letztlich zu seinem Tod führte. Nach der Enthüllung seiner Grabplatte entspann sich in der tschechischen und deutschsprachigen Presse eine polemische Diskussion über M.s nationale und kulturelle Zugehörigkeit, die bis zum 2. Weltkrieg andauerte. Von einem Teil der tschechischen Theatergeschichtsschreibung wird M.s Wirken als Kritiker bis heute kontrovers wahrgenommen, insbesondere aufgrund seiner hohen Ansprüche gegenüber dem tschechischen Theaterbetrieb. (Quelle: Tschechische Theaterenzyklopädie, Václav Petrbok) Über etwaige Zerwürfnisse mit Franz Thomé, ebenfalls Mitlied der Arcadia, und der sich daraus ergebenen Gründung der Schlaraffia 1859 ist in Biografien Mikovecs nichts bekannt. Die Persönlichkeit Mikowec's beschreibt auf das Treffendste Alfred
↑ Meißner in seinem Buche „Die Geschichte meines Lebens“ mit den Worten: „Ferdinand Mikowetz war ein weit über sechs Fuß hoher jugendlicher Recke von einer Schulterbreite, die gewöhnliche Mannesarme kaum umspannen konnten. Dem starken wuchtigen Körperbau entsprach die blühende Gesichtsfarbe, das rothblonde Haar, das blaue Augenpaar. So sah er aus wie aus der Germania des Tacitus herausgetreten. Auch eine gewisse Schwerfälligkeit stimmte zu diesem Bilde, denn nachlässig in Gang und Tracht kam er daher“.