Wetzlarer Rittertafel

Unbekannt ·Ritterbuende

Beschreibung

Ritterbünde auch Wetzlarer Tafelrunde. Der 22 jährige Johann Wolfgang Goethe kam am 10. Mai 1772 nach Wetzlar. Im 12. Buche von "Dichtung und Wahrheit" schreibt Goethe von seinem beabsichtigten Aufenthalt in Wetzlar, dass er sich in der " ... zwar wohlgelegenen, aber kleinen und übelgebauten ", ....

Volltext

Ritterbünde auch Wetzlarer Tafelrunde. Der 22 jährige Johann Wolfgang Goethe kam am 10. Mai 1772 nach Wetzlar. Im 12. Buche von "Dichtung und Wahrheit" schreibt Goethe von seinem beabsichtigten Aufenthalt in Wetzlar, dass er sich in der " ... zwar wohlgelegenen, aber kleinen und übelgebauten ", .... wie eng- und steilgassigen Stadt nicht besonders wohl fühlen könne (Wetzlar hatte zu jener Zeit nur rund 4000 Einwohner). Er schreibt: "Allein wie verwundert war ich, als mir anstatt einer sauertöpfischen Gesellschaft ein drittes akademisches Leben entgegensprang. An einer großen Wirtstafel traf ich beinah' sämtliche Gesandtschaftsuntergeordnete. (...) Sie stellten nämlich mit Geist und Munterkeit eine Rittertafel vor. Obenan saß der Heermeister, zur Seite desselben der Kanzler, sodann die wichtigsten Staatsbeamten; nun folgten die Ritter nach ihrer Anciennität. Fremde hingegen, (...), mussten mit den untersten Plätzen vorlieb nehmen. (...) Einem jeden war ein Rittername zugelegt mit einem Beiworte. Mich nannten sie Götz von Berlichingen, den Redlichen. (...) Bei den Treffen) konnte man keinen ernsten Zweck bemerken; es war ihm bloß zu tun, die lange Weile, (...), zu erheitern und den leeren Raum, (...), auszufüllen. Übrigens wurde dieses fabelhafte Fratzenspiel mit äußerlichem großem Ernst betrieben, ohne dass Jemand lächerlich finden durfte, wenn eine (...) Mühle als Schloss, der Müller als Burgherr behandelt wurde (...). Der Ritterschlag selbst geschah mit hergebrachten, von mehreren Ritterorden entlehnten Symbolen. Ein Hauptanlass zum Scherze war ferner der, dass man das Offenbarte als ein Geheimnis behandelte; man trieb die Sache öffentlich und es sollte nicht davon gesprochen werden. Die Liste der sämtlichen Ritter ward gedruckt (...). In dieses Ritterwesen verschlang sich noch ein seltsamer Orden, welcher philosophisch und mystisch sein sollte und keinen eigentlichen Namen hatte. Der erste Grad hieß der Übergang, der zweite des Übergangs Übergang, der dritte des Übergangs Übergang zum Übergang und der vierte des Übergangs Übergang zu des Übergangs Übergang. (...) Die Beschäftigung mit diesen Dingen war der erwünschte Zeitvertreib. (...) " Die Rittertafel versammelte sich regelmäßig zum Mittagsmahle oder vielmehr die Mittagessen fanden in der Form der Rittertafel statt. Als Goethe im Jahre 1772 nach Wetzlar kam, fand er die Legationssekretäre und andere junge Leute, die im Gasthaus "Zum Kronprinzen" gegenüber dem Dome auf dem Buttermarkt zu Mittag speisten, zu der oben erwähnten Rittertafel "mit studentischer Laune und Munterkeit" vereint. Der Gründer dieser Rittertafel war der braunschweigische Gesandtschaftssekretär August Siegfried von Goué. Er war ein Vereinsmeier, ein wilder Geselle voller närrischer Einfälle, nicht ohne einen Anflug von Genie, der sich aber später zu Tode trank. Er stand insbesondere im Zusammenhang mit der Freimaurerei und nahm darüber hinaus an dem Orden der Templer von der strikten Observanz teil. Goué hatte schon 1767 in Wolfenbüttel einen lustigen Ritterorden gegründet. Als er nach Wetzlar übersiedelte, bildete er mit den beschäftigungslosen Juristen des Reichskammergerichtes die "Knopfmacherzunft". Den Anlass zur Gründung gab jedoch das Ritterdrama 'Gabriele de Bergh' von dem Legationssekretär und Schriftsteller Gotter, in welcher dieser die altfranzösische Sage vom gegessenen Herzen behandelt. Der Ritterorden entlehnt diesem Drama einzelne Ritternamen, welche von den Mitgliedern der Rittertafel angenommen wurden. So den Ritternamen Gouci für den Gründer Goué. Die Symbole, insbesondere der Ritterschlag, dürften dem Orden der Templer von der strikten Observanz entlehnt worden sein. Von diesem Orden wurde behauptet, dass er auf die Kreuzfahrer und hier vor allem auf die Tempelherren zurück ging und nach Auflösung der Tempelherren weiter fortbestanden hat. Die Ritter dieser Orden trugen nicht, wie die Freimaurer, den Schurz, sondern Schwert und Mantel und nahmen die Gebräuche der Ritterorden an. Die Rittertafel, welche Coué gründete, hatte jedoch nicht den ernsten Charakter, den der Templerorden hatte, sondern war vielmehr eine Parodie eines solchen. Die Liste - quasi die Stammrolle - sämtlicher Mitglieder, von der Goethe spricht, wurde nie aufgefunden. Jedoch wurde sie von dem Wetzlarer Heinrich Gloel, der sich mit der Geschichte dieser Rittertafel befasst hat, rekonstruiert. Gloel fand zwar nicht die erwähnte gedruckte Liste, aber ein geschriebenes Verzeichnis von Goués Trauerspiel "Masuren", einer Parodie auf Goethes 'Werther'. Auf dem letzten Blatt dieses Trauerspieles hat ein Eingeweihter das Personenverzeichnis der Schauspieler nachgetragen. Darunter auch Goethe, unter dem Namen 'Götz'. Äbtissin, Nonnen zu Altenberg, St.Albin d'Auteil, Gr. Rethel H v. Kiemannsegg, St.Armand Leg.Sekr., Wanderer Reinald H. v. Schleinitz, Bemirsky Lieutn. Glebowsk, Baudrai H. v. Königsthal, Euphrasia Madame Bollmann, Bergh Capt. Dachtler, Fayel Leg.Sekr. Gotter, Windser Lieutn. v. Breitenbach, Francisca Geh.Sekr. Hertin, Mauvoisin Kammerh. v. Mengheim, Götz Lic.(=Lizentiat) Goethe, Levis H. v. Langermann, Lusignan Geh.Rat v. Breidenbach, Der krimmische Gesandte H.Ges. v. Höfler, Goucy H. v. Goué, Der Referendarius H.Geh.Skr. Hert, Masuren Leg.Sekr. Jerusalem, Reinbroek H. Leg.Sekr. Kerkering, Nenette Mademll. Fried. Döhler. Von den aufgeführten Rittern hatten neben Goethe die meisten künstlerische Ambitionen. So, der schon mehrfach erwähnte Hofgerichtsassessor Goué, und vor allem der Legationssekretär Gotter, den der Leg.Sekr. Johann Christian Kestner als "den vornehmsten unserer schönen Geister" nannte. Im Sommer 1772 wurde Gotter Heermeister des Ritterordens. Dass der Humor nicht zu kurz kam, darf gleichfalls als sicher angenommen werden. Goethe sagt ja, sie stellten mit Geist und Munterkeit eine Rittertafel vor, er nennt die Teilnehmer muntere Leute, er sagt, es war ihnen zu tun, die Langeweile zu erheitern, kurz, er betont den heiteren Charakter der Rittertafel. Interessant ist, dass in der Rittertafel, wie aus einer Stelle des Dramas "Masuren" hervorgeht, die Ansprache "Herrlichkeit" gebraucht wird. Festzustellen ist somit der künstlerische und humoristische Charakter, den die Rittertafel in Wetzlar mit der Schlaraffia gemeinsam hat. Nicht feststellbar ist jedoch, ob diese Rittertafel auch andere ethische Absichten verfolgte, vor allem auch die Pflege der Freundschaft. Nichts deutet darauf hin. Die Ritter waren Kammeraden. Gewiss schloss sich der eine dem anderen freundschaftlich an, so Goethe Gotter, v.Kielmannsegg und Jerusalem, aber nicht wegen der Zugehörigkeit zur Rittertafel. Das Fehlen der ernsten Idee im Ritterbunde, im Gegensatz zur Schlaraffia, mag vielleicht darin liegen, dass das Motiv der Gründer lediglich der Zeitvertreib war oder der Zeitverderb, wie Goethe sagt. Die Rittertafel endete 1772, nachdem Goué Wetzlar verließ. Text: Rt SCHMOKY der vom Hinterlande, Wetiflar (335) 10.im Lethemond a.U.138 nach Ausführungen Rt Recurs (Praga) v.16.i.Lenzmond a.U.73, sowie: Heinrich Goel: 'Was schrieb Goethe in und über Wetzlar?', Wetzlar 1922, Heinrich Mignon (Rt Sir Henry): 'Goethe in Wetzlar', Wetzlar 1972, 'Mitteilungen des Wetzlarer Geschichtsvereins'
Quelle: Lulupedia Import