Beschreibung
Pocci, Franz Graf von
Titel: Kasperlgraf
Reych: Nr. 15 Monachia (München) (erk. 12.10.152)
Geb.: 07.03.1807 in München
Gest.: 05.07.1876 in München
Volltext
deutscher Schriftsteller, Dichter, Illustrator, Maler, Zeichner, Komponist sowie Zeremonienmeister, Hoftheaterintendant, Oberstkämmerer unter drei bayrischen Königen Franz Graf Pocci hatte früh Umgang mit führenden Köpfen der Kunst und Wissenschaft in München; seit 1830 zweiter Zeremonienmeister bei Hofe, begleitete König Ludwig I. mehrfach nach Italien, wurde 1847 Hoftheaterintendant, 1863 Oberzeremonienmeister, 1864 Oberstkämmerer. Der vielseitig gebildete Geist war Mitbegründer des Historischen Vereins von Oberbayern, Illustrator literarischer Werke, Lyriker, Übersetzer, Komponist; Graphiker, Librettist, Dramatiker, Musikschriftsteller, Zeichner… Sein volkstümlicher Nachruhm ist mit seinen Kasperlstücken verbunden, geschrieben fürs Münchner Marionettentheater, weshalb er auch „Kasperlgraf“ genannt wurde. Der Komponist und der Lyriker Pocci ist so gut wie vergessen. Als Dramatiker wird er nur marginal wahrgenommen. Seine Leistungen als Zeichner und Illustrator werden dagegen hoch bewertet. Kinderbuch- Historiker rühmen ihn als wichtigen Pionier. In diesem Genre konnte er sein Ideal einer Synthese von Wort und Bild verwirklichen. Ludwig Richter hat er entscheidend beeinflusst. Noch vor Wilhelm Busch gestaltete er satirische Bildergeschichten für Deutschlands erste humoristisch-satirische Zeitschrift, die „Fliegenden Blätter“. Er wie Busch gehören zu den Vorreitern der modernen Comics. In einem Cartoon hat Pocci 1845 wohl erstmals überhaupt eine Sprechblase eingesetzt. Theaterwissenschaftlich gilt Franz Pocci als der Klassiker des deutschen Puppentheaters. Von seiner „üppig Fantasia“ zeugen illustrierte Kinderbücher. 42 Komödien fürs Marionettentheater, Volksdramen, Gedichte; Zeichnungen von Burgen, Reiseimpressionen, Totentänzen sowie treffende Karikaturen; zahlreiche Lieder, zwei Klaviersonaten, einige Singspiele. In seinem Lebenslauf wird die vielfarbige Welt des Münchener kulturellen Lebens im 19. Jahrhundert fassbar: von den spätromantischen Kreisen um Schwanthaler bis zu den geselligen Vereinen der Biedermeierzeit, die Sammelpunkte der gesellschaftlichen und geistigen Elite Münchens waren. Pocci hat die Hanswurst-Figur der burlesken Jahrmarkt-Kasperliaden in das romantisch-phantastische Märchentheater verpflanzt und sie literaturfähig gemacht. Erstmals tritt sein Kasperl 1837 als Hanswurst auf dem Titelbild eines Festkalenders in Erscheinung, dann in einer Karikatur inmitten der „Zwanglosen“, in Schattenspielen. In den Jahren vor 1850 pflegte der Graf im Sommer auf Schloss Ammerland für Kinder und Dorfbewohner Kasperlstücke zu spielen „auf einer improvisierten Bühne hinter einer spanischen Wand aus dem Stegreif“ – so die Familienüberlieferung. Von da aus ist es nur ein Schritt zum „Neuen Kasperl-Theater“, erschienen 1855. In diesen Stücken für Handpuppen herrscht „Action“: da befördert der Kasperl die übrigen Darsteller, einen nach den anderen, ins Jenseits. Warum? Ein Puppenspieler hat schließlich nur zwei Hände. 1858 kam der Kanzleiangestellte Joseph Leonhard Schmid ins Spiel, der bei der hohen Schulkommission die „Gehorsamste Bitte um die gnädigste Begutachtung zur Errichtung eines ständigen Marionettentheaters für Kinder“ einreichte. Die misstrauische Behörde lehnte ab. Auf Empfehlung wandte sich Schmid hilfesuchend an den Hofmusikintendanten, der ihn nicht nur zur Genehmigung verhalf, der ihn sofort und in jeder Hinsicht unterstützte. Er vermittelte ihm eine leistungsfähige Bühne, half beim Anfertigen des Vorhangs und der Dekorationen, schrieb das Eröffnungsstück, gab Ratschläge zur Regie und machte Reklame für Münchens „fünfte Schauspielbühne“. Prof. Dr. Hans Maier: „Pocci gelang es, in seinen Kasperlkomödien nochmals Literatur für Kinder wie für Erwachsene, für Gebildete wie für Ungebildete zu schreiben – eine seltene und erstaunliche Leistung.“ In seiner Sprachspielfreudigkeit wird er zum Nonsens-Poeten, der valentineske Dimensionen erreicht. Sollte sich auch an ihm – wie an Karl Valentin – erweisen, dass der Prophet in seiner Vaterstadt nichts gilt? Als ES Kasperlgraf bleibt er auf jeden Fall in der Monachia unvergessen. (Text: Rt Literadl (15))
Quelle: Mediathek Schlaraffia Arnstadt