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profan Rudolf Baumbach profan Rudolf Baumbach Erzählungen aus dem 1717. Jahrhundert . Jahrhundert Unterlagen aus unserem Unterlagen aus unserem Reychs-Archiv Reychs-Archiv ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 2 von 71 Rudolf Baumbach Trug-Gold Erzählung aus dem 17. Jahrhundert Die erste Ausgabe dieses Buches erschien unter dem Autornamen: »Paul Bach«. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 3 von 71 Erstes Kapitel. Was sich im Wald begab. Wenn im Sommer des Jahres 165* ein Mägdlein auf dem Tanz- boden ihrem Tänzer die Worte zuflüsterte: »Es ist heute recht heiß«, und der Angeredete stotternd und erröthend zur Antwort gab: »Fürwahr, tugendsame und ehrbare Jungfrau, Ihr habt Recht, es ist sehr heiß«, so war keiner, der dem Pärlein wider- sprochen hätte, denn die Hitze war in der That sehr groß, und zwar nicht erst zur Zeit der Hundstage, wo die Sonne vom Ka- lendermacher Erlaubniß hat zu sengen und zu brennen, son- dern, wie die Chronik meldet, schon zu Ende Mai. Halbverbrannt von den heißen Strahlen der Sonne war Saat und Wieswachs; Gräser und Kräuter lechzten nach Regen, aber keine Wolke senkte sich nieder, um die halbverdursteten zu tränken. Und das war schlimm. Ja, hätte Frau Holle ihr Federbett im Win- ter tüchtig geschüttelt, daß sich im Frühling die Saaten im schmelzenden Schnee hätten sättigen können, so würde man wohl den lieben Regen noch eine Weile haben missen können. Nun aber hatte es im Winter fast gar nicht geschneit, und eine Bauernregel sagt: »So folgt ein Frühling trocken, heiß, Dem Winter ohne Schnee und Eis, Dann gute Nacht Kern, Korn und Heu, Denn mit der Ernte ist's vorbei.« Item, es war an einem solchen heißen Maientag. Drückend lag die Hitze auf den Feldern, durch die sich wie eine weiße Schlange die staubige Landstraße hinwand. Glühend hing die Sonne am wolkenlosen Himmel, und das nahe Waldgebirge sandte kein erfrischendes Lüftchen herüber; der Wald brauchte seine Kühle für sich selbst. Auf der Flur war's einsam. Die geschäftige Frau Feldmaus lag faul und verdrossen auf ihrem Lotterbettlein im unterirdischen Haus; sie getraute sich nicht, nach dem Stand ihres Weizens zu sehen. Im tiefen Keller saß Meister Maulwurf, aber auch zu ihm drang die Hitze. Er verspeiste Engerlinge, Regenwürmer und andere kühlende Sachen in großer Menge, doch das half nur wenig; er litt viel und verwünschte seinen Pelzrock, auf den er sonst so Es gab auch einen, der sich des unfruchtbaren Wetters freute, das war der Hamster. Der alte Geizhals hockte in seinem geräu- migen Vorrathshaus, bewachte wie ein Drache seinen Hort und berechnete an seinen Krallen, wieviel er bei der zu erwartenden Mißernte an seinem vorjährigen Korn gewinnen könne. Von den vornehmen Bewohnern der Flur war also keiner sicht- bar, aber Gesindel trieb sich genug umher. Der Buschklepper Carabus lauerte an der Heerstraße, um unschuldige Marienkä- fer und harmlose Würmer zu würgen; das Ameisenproletariat schaffte und schanzte, und das Heupferd in seinem grünen Wämslein, nebst seiner Sippe Grille und Heimchen, geigten und spielten auf ihren Hackebrettlein unverdrossen, denn dem Volk wird jeder Tag zum Fest. Die Vögel waren allesammt dem Buchenwald auf der Höhe zu- geflogen: dort war's kühl. Aus dem Porphyrfelsen sprang schäu- mend und sprudelnd ein lebendiger Brunnen, der sich als Bach in vielen Krümmungen, oft durch Steine gehemmt, thalwärts seinen Weg suchte. Über den saftigen Kräutern und Blumen, die am Bach wuchsen, schwebten blaue Wasserjungfern und buntscheckige Falter, gol- diggrüne Käfer schwärmten brummend um die duftigen Hollun- derdolden, und aus der Krone der höchsten Buche erscholl das Lied des Edelfinken. Er sang nicht lange allein; die anderen Vögel, nachdem sie an der Quelle ihren Durst gelöscht hatten, fielen ein, und bald sang der Chor vollstimmig das ewige Lied von der Waldschönheit. Das klang so glockenrein und wunder- bar, wie kaum der Englein Gesang im Himmelssaal erschallen Plötzlich schwiegen die Sänger und verbargen sich im Laub. Nahte sich ein Marder oder eine Wildkatze, schlich sich ein hungriger Fuchs heran, oder zog ein Weih seine Kreise über dem Wald? Keins von dem; es kam ein Wanderer, ein junger, schlanker Gesell, der gar mühsam am Stab einherhinkte. Sein mit Federn geschmückter Hut war arg bestäubt und zerdrückt. Er trug an einem Bandelier von Leder ein langes Stoßrapier, auf dessen stählernem Gefäß die Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach hie und da drangen, lustig blinkten und blitzten. Hinten hing ihm ein kleines Ränzel, doch schien nicht viel darin Der Bursche zog den Hut vom Haupt und strich sich die braunen Locken aus dem erhitzten Gesichte zurück. Die frische Waldluft spielte mit seinen Haaren und kühlte ihm wohlthuend die hei- ßen Schläfen. »Hier will ich Mittagsruhe halten,« sprach er, »die Quelle ist Wirth, ich bin der Gast.« Nach diesen Worten löste er sein Schwertgehänge, warf Degen und Ränzel auf das Moos und zog aus dem Sack ein Stück Brot nebst einer strohumflochtenen Flasche. Diese füllte er knieend an der Quelle und trank in tiefen Zügen das kalte Bergwasser. »Bei meiner Ehr',« sprach er, »Hippokrates und Galenus haben Recht, wenn sie das Wasser preisen. Hätte selbst nimmer ge- glaubt, daß es so köstlich zu trinken wär'. Indessen ist ein Schluck Wein auch nicht zu verachten, wenn man einen hat.« Er sprach's, trank von neuem und streckte sich dann am Rand des Baches zum Mahle nieder. Das Brot war schwarz und von ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 4 von 71 der Sonne wohl ausgedörrt. Der Gesell fragte indeß nicht lange, hieb vielmehr wacker mit den Zähnen ein, und in kurzer Zeit war er fertig. Als der Wandergesell seine karge Mahlzeit beendigt hatte, seufzte er tief auf und lächelte hinterdrein, dann starrte er in das schäumende Wasser, als wolle er die Steine auf dem Grunde zählen, und schließlich summte er halblaut ein Lied. Es war ein Wanderlied, in welchem das Wasser, der Vogel und die Sonne gefragt werden: wohin des Wegs? und alle geben Bescheid, alle haben ein Ziel. Der Schluß aber lautet: »Wohin des Wegs, Müd' Menschenkind? Zum Glück durch Leid, Zur Ruh durch Qual Über Berg und Thal – Die Welt ist weit!« So sang der junge Gesell und wischte sich eine Thräne von der Wange; sein Haupt sank matt zurück, er hatte eben noch Zeit, sich das Ränzel unter den Kopf zu schieben und das Rapier an sich heranzuziehen, dann fielen ihm die Augen zu. Droben in den Buchen rauschte es leis' und lind, der Brunnen murmelte und schäumte, und auf dem Moos am Bach lag der junge Wanderer und träumte von seinem Glück.Jetzt kamen die Vögel wieder aus ihren Verstecken hervor. Fürwitzig flog die Meise voran, ihr folgte muthig der Fink, der Sperling schwirrte im Zickzackflug herbei, und mit Würde nahte sich Ehren-Dom- pfaff, um das schlafende Menschenthier zu betrachten. Aber sie sollten bald wieder verscheucht werden. Eine Peitsche knallte, das Knirschen von Wagenrädern ward vernehmbar, und abermals zerstob die gefiederte Schar. Der Wagen kam heran, es war ein starkes, mit einem weißen Tuch überspanntes Vehikel, das von zwei kleinen, dickköpfigen Pferden gezogen wurde, deren Kummete mit rothen Wollenlap- pen, Dachsfellen und Messingscheiben gar sauber verziert Neben dem Wagen schritt der Fuhrmann, der einen sonderbaren Anblick bot. Seine Beine steckten in ungarischen Stiefeln, die einstmals sehr schön gewesen sein mochten. Sein Oberkörper war mit einem blauen, schmutzigen Kittel bekleidet, und auf dem Kopf trug er einen spitzen Hut, den er so weit zurückge- schoben hatte, daß seine ganze Stirn und noch ein zerzauster Haarbüschel über derselben sichtbar war. Das Gesicht des Bur- schen hatte eine Menge Falten und Runzeln, obgleich er noch nicht dreißig Jahre zählen mochte. Der Wagen näherte sich der Stelle, wo der Wanderer im Moos lag; weder das Geräusch der Räder, noch das Klingen der Mes- singbleche am Pferdegeschirr störte seine Ruhe. Der Kerl im blauen Kittel hielt die Pferde an, als er den Schläfer sah, steckte seinen Kopf unter das Leintuch des Wagens und sprach ein paar Worte in das Innere hinein. Alsbald kam ein dreieckiger Hut zum Vorschein, unter demselben ein gelbes, mit einer großen krummen Nase versehenes Gesicht und sodann der übrige Körper eines Menschen, der, als er auf seinen Füßen stand, sich als ein stattlicher, in den besten Jahren stehender Mann erwies. Er richtete seinen Blick auf die Stelle, nach wel- cher der andere mit dem Peitschenstiel deutete, schlich dann leise wie eine Katze näher und betrachtete den schlafenden Ge- »Erkennst du ihn?« fragte er dann leise den anderen. Der Gefragte nickte verdrossen. »Laß einmal Deine Peitsche knallen!« Der im blauen Kittel that, wie ihm geheißen, und jetzt erwachte der Schläfer. Sein erster Griff war nach dem Degengefäß, er ließ jedoch die Hand wieder sinken, als er den Wagen und die beiden Männer sah, und erwiderte ihren Gruß. »Nichts für ungut,« nahm der stattliche Mann mit dem Dreispitz das Wort, »nichts für ungut, daß wir Euch aus dem Schlaf ge- weckt haben. Ihr thätet besser, Euren Weg zwischen die Beine zu nehmen, anstatt hier an der Straße zu liegen. Es läuft im Land noch immer viel Gesindel umher, das trotz des Friedens den Krieg auf eigene Faust forttreibt. Gesellt Euch zu uns, wenn Ihr Lust habt, und falls Ihr müde seid, mögt Ihr immerhin auf- steigen; es ist Platz genug für mich und Euch im Wagen. Daß wir keine Buschklepper sind, seht Ihr.« Der Angeredete lachte. »Ich wäre sicher unter Räubern und Mör- dern,« sagte er; »wer nichts zu verlieren hat, hat wenig zu fürch- ten. Übrigens ist mir's lieb, in Gesellschaft zu reisen, und wenn Ihr's mit Eurem Anerbieten ernst meint, so bin ich's gern zu- frieden, eine Wegstrecke zu fahren, denn müde bin ich wie ein Die beiden stiegen in den Wagen, der griesgrämliche Rosselen- ker knallte mit der Peitsche, die Pferde zogen an, und fort ging's. Drinnen unter dem weißen Tuch war's ganz wohnlich; ein paar Bündel und Kästen ließen Platz genug für zwei Personen, und für einen weichen Sitz war durch Stroh und darüber gebreitete Pferdedecken auch gesorgt. Ein schneeweißer Spitz mit klugen, schwarzen Augen kam schweifwedelnd herbei und schnupperte an den Kleidern des Fremden; sein Herr faßte ihn beim Kragen und hob ihn auf das Wagentuch. Dort stand er nun mit gespreiz- ten Beinen und betrachtete sich die Gegend. Der Mann mit dem Dreispitz holte aus einer Ecke eine Flasche und bot sie seinem Gast. »Das ist ein Tropfen,« sagte er, »wie hierzuland keiner wächst,« und der Bursche nickte, als er getrunken hatte, zustimmend. »So,« fuhr jener fort, »jetzt macht's Euch bequem und laßt uns eins plaudern, damit die Zeit schneller vergeht. Wer seid Ihr und wohin wollt Ihr?« Dem jungen Gesellen schien die Frage nicht sehr zu behagen, er mußte aber doch eine Antwort geben, darum sprach er zö- »Daß ich ein Student bin, das erseht Ihr wohl aus meiner Klei- dung, und wenn ich Euch sage, daß ich gegenwärtig ein fahren- der bin, so werdet Ihr mir's auch glauben. Wollt Ihr aber noch mehr wissen, so kann ich Euch vermelden, daß ich ein Bacca- ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 5 von 71 laureus der Medizin bin und jetzo von der Universität Zechstädt in meine Heimat reise.« »Ei,« sagte der andere, »das ist ja ein glückliches Zusammen- treffen! Wisset, Herr Baccalaureus, daß ich gelernter Medicus bin. Ich nenne mich Doktor Rapontiko und bin in Padua daheim. Der dort mit der Peitsche ist mein Gehilfe Balthasar Klipperling aus Wien, dies sind meine Pferde Pyramus und Thisbe, und der dort oben auf dem Wagen sitzt, ist Salep, mein Spitz. Nun kennt Ihr meine Angehörigen. In Padua und Bologna habe ich die Me- dizin von Grund aus studirt, bin auch durch eifriges Studium der alten Schriften und anhaltendes Meditiren und Experimen- tiren hinter manch Geheimniß gekommen, davon Ihr im Reich nichts ahnt, und jetzo fahre ich in Deutschland umher, um meine Arkana feilzubieten. Mehr als ein Reichsfürst hat mich an seinem Hoflager mit großen Ehren ausgezeichnet, und man- cher hat mich beschworen, sein Leibmedicus zu werden. Doch hab' ich's ihnen immer rundweg abgeschlagen, denn als ansäs- siger Doktor könnte ich nicht mehr hilfespendend im Land um- herreisen; und das geht nicht an, denn die ganze Menschheit soll theilhaft sein der wundersamen Medikamente des Doktor Rapontiko.« Der Student blickte während dieser Rede den Sprecher von der Seite an; er wußte recht wohl, was von dergleichen fahrenden Ärzten zu halten sei, und als Baccalaureus der Medizin fühlte er sich weit erhaben über das Gelichter der Quacksalber und Theriakkrämer. Weil ihm aber der Mann Gastfreundschaft er- wiesen, wollte er ihn nicht kränken mit stolzer Rede, er ließ es sich also gefallen, daß der andere ihn Kollege titulirte, und hörte schließlich mit Wohlgefallen den Aufschneidereien des Doktors »Ja,« fuhr dieser fort, »man hat mich allenthalben hoch geehrt, und wo ich gewesen bin, preist jung und alt meine heilkräftigen Tränklein und Latwergen. Aber ich habe auch Feinde und Wi- dersacher; dazu gehören namentlich meine seßhaften Kollegen, die mir allerlei Hindernisse in den Weg legen; freilich ist's nicht zum Verwundern, wenn die armen Schelme vor Neid grün und gelb anlaufen, denn vor meinem Elixir, meinen Magenpillen, meiner Kropfsalbe können ihre Medikamente nicht bestehen. In Zechstädt, wo ich mich zuletzt aufhielt, haben es die Herren Professoren der Medizin sogar durchgesetzt, daß mir die Aus- übung meiner Kunst von Amts wegen untersagt wurde, aber im geheimen habe ich nichtsdestoweniger viel praktizirt und viele meiner Arzneien abgesetzt. Ja, sogar die Ehefrau des Doktor Heinsius, der am heftigsten wider mich gestritten, ist bei mir auf der Herberge gewesen und hat mich ihres Kropfes wegen um Rath gefragt. Ist das nicht ein Triumph meiner Kunst?« »Da, in Zechstädt,« fuhr der Doktor Rapontiko fort, »habe ich eine seltsame Geschichte vernommen. Doch Ihr kommt ja selbst von der Universität und habt jedenfalls auch von der Teufelsbe- schwörung gehört, die dorten alle Gemüther in Aufregung ge- bracht hat?« Der Baccalaureus besah seine Fingernägel mit großer Aufmerk- samkeit und sagte, er sei schon lange aus der Stadt fort, er habe sich unterwegs bei Vettern und Freunden ausgehalten, auch bei den Herren Pastoren vorgesprochen und wisse daher nichts von dem, was der Doktor meine. »Dann will ich's Euch erzählen, so gut ich's eben weiß,« erwi- derte dieser und schlug behaglich ein Bein übers andere. »Es ist ein Kleeblatt von Studenten gewesen, die haben, wie es die Herren zu thun pflegen, gern allerlei Kurzweil und Narrethei getrieben, und eines Tages ist es ihnen denn beigefallen, den Satanas zu zitiren. Wie sie's angestellt haben, weiß ich nicht, aber das steht fest, daß der Gottseibeiuns wirklich erschienen ist. Dem einen, und zwar dem tollsten der drei Gesellen hat er sogleich den Hals umgedreht, die andern sind an dem Ort, wo sie die Beschwörung vorgenommen, halbtodt vorgefunden wor- den. Einer von den beiden ist wenige Stunden darauf gestorben, nachdem er noch vor giltigen Zeugen den ganzen Hergang ge- treulich berichtet hat. Der andere war mehrere Tage schwer krank, endlich ist er aber wieder genesen, und alsbald haben ihn die Herren vom Konsistorio beim Schopf gefaßt und eine ri- gorose Untersuchung angestellt. Da der Student nichts hat be- kennen wollen, so hat das Gericht beschlossen, schärfer zu inquiriren und die peinliche Frage anzuwenden. Der Scharfrich- ter mit seinen Knechten ist von der Hauptstadt gekommen, und alles ist für die Tortur hergerichtet worden. Aber die Zechstädter sind wie die Nürnberger; sie hängen keinen, sie hätten ihn denn vorher. Als die Richter gekommen sind, um den Inquisiten ab- zuholen, war der Käfig leer. Nun könnt Ihr Euch denken, wie wü- thend die Herren vom Gericht und von der Geistlichkeit darüber sind, daß ihnen der Braten aus den Zähnen genommen ist. Es ist ihnen seit lange nicht geworden, einem mit den Daumen- schrauben und den spanischen Stiefelein zu Leibe zu gehen und ihn schließlich zu Gottes Ehre zu verbrennen. Darum haben sie aber auch nach allen Weltgegenden hin Landreiter nach dem Flüchtlinge ausgeschickt, und ich glaube, sie bringen ihn zu- rück, denn weit kann er noch nicht sein.« Der Student war mit dem Beschauen seiner Fingernägel noch nicht zu Ende gekommen. »Ei,« sagte er, »das ist ja eine sonderbare Geschichte, aber daß sie ihn zurückbringen, das ist denn doch nicht wahrscheinlich; das Land ist nicht groß, und er wird nunmehr sicherlich über die Grenze sein.« »Das hilft ihm wenig,« sagte Doktor Rapontiko und zog die Au- genbrauen in die Höhe, »das hilft ihm wenig, denn wie Ihr viel- leicht wißt, sind hier herum alle Fürsten miteinander verschwistert und verschwägert, und einer thut dem andern gern den Gefallen, einen Flüchtling auszuliefern, notabene wenn er ihn hat. Es ist noch keine Stunde her, daß uns ein Landreiter begegnet ist; er hieß uns anhalten, guckte in den Wagen und forschte, ob wir keinen Burschen gesehen hätten, der so und so ausschaue. Er berichtete auch, daß dem, welcher den entflohe- nen Teufelsbanner einbrächte, eine Belohnung von zwanzig Thalern verheißen sei, und das ist viel Geld, zumal bei den schlechten Zeiten.« Der Baccalaureus wurde blaß. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 6 von 71 »Es sollte mir leid sein um das junge Blut, wenn sie ihn fingen,« fuhr der Doktor fort, »es ist ein gar schmucker Gesell.« »Kennt Ihr ihn denn?« fragte der andere rasch und erhob sich aus seiner liegenden Stellung. »Ei freilich,« erwiderte der Medikus und streckte sich bequemer aus, »freilich kenne ich ihn; ich habe mir den Vogel zeigen las- sen, als er bewußtlos im Spital lag, und habe mir seine Züge genau eingeprägt.« Der Student ließ seinen Blick über die Gestalt des Sprechenden gleiten und spielte mit dem Griff des neben ihm liegenden Ra- piers. Der Doktor blieb in seiner bequemen Lage und sprach »Er ist, wie ich sagte, ein schlanker, kräftiger Knabe, ungefähr von Eurem Wuchs, hat auch solche Locken wie Ihr, und große blaue Augen, just wie Ihr. Auf der linken Wange hat er eine kleine Narbe, gerade wie Ihr. Und wenn Ihr seinen Namen wis- sen wollt, so kann ich Euch auch dienen; er heißt Fritz Hederich und ist Baccalaureus der Medizin wie Ihr.« »Hört einmal, Meister Rapontiko,« sagte der Student, »ich will Euch ein Wörtlein im Vertrauen sagen. Der Fritz Hederich bin »Was Ihr nicht sagt!« fuhr der Doktor auf und gab sich Mühe, ein erstauntes Gesicht zu machen. »Laßt mich ausreden,« sprach der andere. »Wenn Ihr mich in der Absicht in Euren Wagen gelockt habt, um mich zu verrathen, so habt Ihr gehandelt, verzeiht mir das Wort, wie ein Esel. Denn ehe ich mich von Euch an's Messer liefern lasse, eher nagele ich Euch wie einen Frosch mit meinem Rapier an den Boden des Wagens fest. Das hättet Ihr bedenken sollen, werther Doktor Rapontiko.« Und im Nu blinkte der Stahl in der Faust des Baccalaureus, und die Spitze der langen Klinge war drohend auf das runde Bäuch- lein des Doktors gerichtet. Der aber gerieth nicht aus der Fas- »Ihr seid mir ein schöner Kumpan!« sagte er. »So also vergeltet Ihr Gastfreundschaft! Einen unbewehrten Mann und überdies Euren Wirth wollt Ihr niederstechen? Das wäre fürwahr eine Heldenthat. Schämt Euch, Herr Baccalaureus!« Fritz Hederich ließ die Klinge sinken. »So sprecht, was Ihr von mir wollt, damit ich weiß, woran ich mit Euch bin.« »Trinkt erst einmal auf den Schreck,« sagte der Medicus in ge- müthlichem Tone und reichte dem Flüchtling die Weinflasche. »Ich habe nur Gutes mit Euch vor. So, trinkt noch einmal, und nun setzt Euch wieder nieder.« Fritz Hederich gehorchte, behielt aber den Degen in der Hand. »Ich will Euch nicht verhehlen,« fuhr der Doktor fort, »daß ich Euch auf den ersten Blick erkannt habe, als ich Euch an der Quelle schlafend fand. Ich habe Euch aber keineswegs aufge- nommen, um Euch den Häschern zu überliefern, sondern aus christlicher Nächstenliebe.« Der Medicus machte dazu ein sehr ernstes, ehrliches Gesicht. »Ja, aus purer Nächstenliebe,« fuhr er fort, »denn es hätte mir aufrichtig leid gethan, wenn ein Mann wie Ihr dem hochpeinli- chen Gericht überliefert worden wäre. Daß ich mir den Spaß machte, Euch ein wenig mit meiner Erzählung zu torquiren, war wohl nicht ganz recht. Ihr seid indessen immer noch glimpfli- cher weggekommen, als wenn Ihr dem Meister Hämmerlein und seinen Gesellen in die Hände gefallen wäret. Ich bitt' Euch also alles ab und hoffe, Ihr tragt mir's nicht weiter nach.« Der Sprecher reichte dem Baccalaureus die Hand, welche dieser zögernd ergriff. »Gut,« fuhr der Doktor fort, »das wäre abgemacht. Und nun, werthgeschätzter Kollega, sagt mir, wie könnt Ihr so unvorsich- tig sein, in Eurer Studentenkleidung in die Welt hineinzulaufen und Euch am hellen lichten Tage an der Landstraße zum Schlaf niederzustrecken? Wie durch ein Mirakel seid Ihr den Landrei- tern entgangen.« »Ich glaubte, hier jenseits der Grenze sicher zu sein,« erwiderte Fritz Hederich. »Darüber,« versetzte der Medicus, »seid Ihr nun aufgeklärt; nein, Ihr seid keineswegs außer Gefahr, und um Euch zu behü- ten, habe ich Euch in meinen Wagen genommen. Ihr müßt Eure Kleidung vertauschen, und ich will Euch gern dazu behilflich sein. Für's erste verbergt den Lerchenspieß und den Hut mit den Federn unter dem Stroh.« Fritz Hederich blickte den Doktor mißtrauisch an. »Oho, lieber Gesell,« rief dieser halb lachend, halb zornig, »traut Ihr mir immer noch nicht? Na wartet, ich will Euch ein Pfand Er griff in die Brust und zog eine lange Pistole unter dem Wams »Da nehmt das,« sagte er, »und sobald Ihr Unrath merkt, schießt mich nieder. Überzeugt Euch nur, die Pistole ist wohl geladen.« Fritz Hederich wurde roth und reichte dem Arzt die Hand. »Ich traue Euch,« sagte er und verbarg dann Hut und Degen unter Der Doktor gab ihm eine Jacke von grobem, blauem Tuch nebst einem dreieckigen Hut und sagte: »Nun müssen wir noch das Gesicht ein wenig verändern.« Er befahl seinem Gesellen, die Pferde anzuhalten, nahm ein Käst- chen unter den Arm und stieg mit seinem Gast aus. Etwas ab- seits von der Straße im Walde mußte sich Fritz Hederich auf einen Stein setzen, und Doktor Rapontiko begann mit großem Geschick ihm die Haare zu kürzen. »Das Bärtlein nehmen wir auch weg, es ist ohnedies noch zu jung und wollig,« sagte der Doktor und entfernte behend den Stolz des Baccalaureus. »Und nun erlaubt, daß ich Euch ein wenig dunkler mache.« Er nahm aus einem Büchslein eine Salbe und bestrich das Ge- sicht des jungen Gesellen. »So, nun beschaut Euch einmal!« Er hielt ihm ein kleines Spie- gelglas vor. »Eure eigene Mutter würde Euch nicht wieder er- »Die ist lange todt,« murmelte der Student. »Todt, ei das ist ja recht schlimm, und der Herr Vater?« ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 7 von 71 »Auch todt, alles todt,« erwiderte Fritz und ließ den Kopf hän- Der Medicus betrachtete den jungen Burschen, und seine klei- nen Augen funkelten vor Freude. »Und wohin gedenkt Ihr jetzt zu gehen?« fragte er lauernd. »Weiß ich's?« antwortete jener. »Vom Aufgang zum Untergang; die Welt ist weit.« »Hm, hm«, brummte der Doktor, »das ist eine eigene Ge- schichte. »Da ist's wohl mit Eurem Säckel gut bestellt?« Fritz Hederich lächelte wehmüthig und zog aus der Tasche ein ledernes Beutelchen; es war schlaff wie ein alter Handschuh. Er warf's in's Gras. Dem Doktor genügte diese Antwort, und er trieb den Baccalau- reus an, wieder zu dem Wagen zurückzukehren. Da der Weg jetzt ziemlich steil bergauf führte, so stiegen die beiden nicht wieder auf, sondern schritten hinter dem Gefährt drein. Einige Zeit lang sprach man kein Wort, jeder ging seinen eige- nen Gedanken nach. Die Sonne neigte sich der blauen Bergkette zu, und im Wald ward's stiller und stiller. Doktor Rapontiko räusperte sich. »Ihr habt also kein bestimmtes Reiseziel, Herr Baccalaureus?« »Seht,« fuhr der Doktor fort, »ich ziehe jetzt auf die Messe nach Judenfurth, und wenn Ihr mich begleiten wollt, – wer weiß, ob dort nicht Euer Glück blüht.« Der Baccalaureus schwieg. »Zieht mit mir, unterstützt mich in der Ausübung meiner Kunst und ich gebe Euch dafür Zehrung und Obdach; mit anderen Wor- ten, werdet mein Gehilfe.« Fritz Hederich stand still und blickte den Sprecher fragend an. War das Ernst oder Scherz? Er, ein Baccalaureus, sollte Geselle eines fahrenden Arzneikrämers werden? »Na, was sagt Ihr zu meinem Vorschlag?« fragte der Doktor. »Ich sage Euch großen Dank für Eure Absicht,« war die Antwort, »aber daraus kann nichts werden.« »Oho, nicht so hitzig! überlegt Euch einmal die Sache. Seht, ich bin ein Mann, der weiß, wo Barthel den Most holt, und es hat's noch keiner zu bereuen gehabt, der sich mir anschloß. Ihr macht Euer Glück. Ihr seid, ich will Euch nicht schmeicheln, ein hüb- scher, schlank gewachsener Bursche, so eine rechte Augen- weide für die Frauen und Mägdelein. Wenn Ihr mein Kamerad seid, gebt Acht, wie sich alles, was Hauben und lange Röcke trägt, zu Euch drängt und Rath begehrt gegen Zahnschmerz, Sei- tenstechen, Herzklopfen und noch ganz andere Leiden und Ge- Er kniff die Augen zu und blinzelte den Baccalaureus an. »Malt Euch das einmal recht aus. Auch will ich nicht unbillig sein und Euch gern einen Theil des Gewinnes überlassen, viel- leicht den Zehnten oder ein Achtel. Na, was meint Ihr?« »Meister,« sprach Fritz Hederich, »ich kann's nicht; ich könnte es nicht über's Herz bringen, vor Eurer Bude zu stehen und die Leute durch allerlei Späße und Possen anzulocken, wie das so zu Eurem Handwerk gehört. Ich kann's nicht.« »Ei, wer spricht denn davon? Habt Ihr geglaubt, Ihr sollt mein Hanswurst werden? Hohoho! So war's nicht gemeint. Das würde denn er ist mein Hanswurst, und was für ein Hanswurst! Bal- thasar Klipperling aus Wien ist ein Genie, er kann alles: Gesich- ter schneiden, Rad schlagen, Pech fressen, Feuer speien und hundert Ellen Band aus dem Mund ziehen: er weiß alle Thier- stimmen nachzuahmen, kann Karten tanzen und Geld ver- schwinden lassen, Messer und Gabeln verschlucken und sich mit dem Fuß hinterm Ohr kratzen. Balthasar Klipperling aus Wien ist der erste Hanswurst im heiligen römischen Reich. Aber seine Künste sind nur für den großen Haufen, ich selber befasse mich nicht mit dergleichen, und auch von Euch will und kann ich solches nicht verlangen.« »Also,« fiel Fritz Hederich ein, »was für Dienste wollt Ihr, daß ich Euch leiste?« »Für's erste,« antwortete Doktor Rapontiko, »helft Ihr mir beim Anfertigen meiner Tränklein und Pulver. Das ist für Euch, der Ihr die Materia medica kennt, ein Kinderspiel; und wenn Ihr mir beiläufig ein Geheimniß abguckt, will ich's nicht krumm neh- men. Zweitens – hm, hm – ja zweitens – seht, lieber Gesell, ich will einmal recht aufrichtig mit Euch reden. Also ich habe Euch schon berichtet, daß ich in Padua und Bologna studirt und ab- solvirt; das ist aber schon eine Weile her, und über dem Experi- mentiren und der Praxis ist mir so manches entfallen, was ich einstmals inne hatte, z. B. die lateinischen und griechischen Wörter, ohne die der Doktor doch einmal nicht auskommt. Ihr kommt gerade frisch aus der Lehre und werdet ohne Zweifel in diesen Dingen gut beschlagen sein.« Der Baccalaureus strich sich das Kinn und nickte. »Gut,« fuhr der Doktor fort, »da würde es denn Eure Sache sein, mit Eurem Latein einzuspringen, wenn es sozusagen mit mei- nem Latein zu Ende ist. Und drittens, doch das habe ich Euch schon gesagt, drittens sollt Ihr mir helfen, die Kunden zu bedie- nen, wobei ich hauptsächlich das Weibervolk im Auge habe. Dafür erhaltet Ihr eine gute Verpflegung – Schmalhans ist bei mir weder Küchen- noch Kellermeister – nebst einem Theil der Einnahme, und wenn Ihr nebenbei einen Handel mit Riech- fläschchen, Scheermessern und Kalendern halten wollt, so will ich auch nichts drein reden. Nun, wie ist's? Schlagt ein, Herr Baccalaureus!« Fritz Hederich steckte seine Rechte unter das Wams, aber er schlug das Anerbieten seines Gastfreundes auch nicht geradezu aus. Er müsse sich die Sache überlegen, meinte er, guter Rath komme über Nacht, und morgen sei auch noch ein Tag. Doktor Rapontiko aber ließ nicht ab mit Zureden und malte das Wanderleben so lustig und bunt aus, daß dem andern das Be- denken mehr und mehr schwand. Die Sonne war längst untergegangen, und die Pferde, müde von dem heißen langen Weg, schleppten den Wagen nur noch müh- sam vorwärts. »Kommen wir bald zur Herberge?« fragte Fritz Hederich. »Bald,« antwortete der Doktor, »das heißt, Ihr werdet es Euch ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 8 von 71 gefallen lassen, im Wagen zu schlafen, falls es Euch unter den Bäumen zu kühl sein sollte, denn wir kommen heute an kein Haus mehr und müssen im Walde übernachten.« Er wandte sich zu Balthasar Klipperling und sprach mit ihm in einer fremden, sonderbar klingenden Sprache. Wieder ging's vorwärts in den finstern Wald hinein, die Buchen verschwanden und an ihre Stelle traten Tannen, die immer mächtiger wurden, je weiter man vordrang. Jetzt brach durch das Dickicht ein rother Lichtschimmer; Salep der Spitz schlug an, die Pferde wieherten und standen dann plötzlich still. Fritz Hederich, der mit dem eifrig sprechenden Medicus ein Stück zurückgeblieben war, sah, wie rechts und links vom Weg dunkle Gestalten auftauchten und den Hanswurst »Habt keine Furcht,« sagte der Doktor mit Würde, »Ihr steht unter meinem Schutz,« und zog den Baccalaureus nach vorn. Dort wechselte er mit den Männern ein paar Worte, diese schüt- telten ihm zur großen Verwunderung des Jünglings derb die Hände und sprangen dann wieder rechts und links in den Wald. Fritz Hederich wünschte sich jetzt die Pistole, die er dem Doktor großmüthig überlassen hatte. Dieser beeilte sich, seinen Ge- fährten aufzuklären. »Denkt nichts Schlimmes,« sagte er. »Die dort im Walde lagern, sind Spielleute und Gaukler, lauter fahrendes Volk, welches gleich mir auf die Messe nach Judenfurth zieht. Die Waldblöße da drüben – sie heißt der Brand – ist ein Lagerplatz, der alljähr- lich wieder aufgesucht wird, weil er just in der Mitte des Waldes liegt; Dörfer und Einkehren sind hier weit und breit nicht zu fin- den. Ihr werdet hier lustige Gesellschaft treffen. Seht nur, meine Pferde rennen wie die arme Seele nach der Himmelsthür; sie kennen die Stelle so gut wie ich und wissen, daß sie dort gute Rast halten können.« Man kam zum Lagerplatz. Da sah's bunt aus. Über einem großen Feuer briet ein mächtiger Hirschziemer am Spieß, den ein in bunte Lappen gekleideter, buckeliger Knirps wandte. Wagen, mit Leinwanddecken versehen, standen ringsumher, große Hunde lagen vor denselben, die Pferde weideten im Wald. Männer, Wei- ber und Kinder, die ersteren zum Theil bewaffnet, lagen oder saßen in Gruppen auf dem Moos. Einige schliefen, andere tran- ken, schwatzten, schrieen und lachten, wieder andere arbeiteten an den Wagen, an Pferdegeschirren oder an Geräthschaften, die sie zur Ausübung ihrer Kunst brauchten. Aus dem dunkelsten Winkel des Lagers klangen leise Saitentöne in richtiger und fal- scher Folge, und aus den Wagen heraus drang zuweilen feines Kinderweinen. Doktor Rapontiko und sein Hanswurst schienen unter diesen Leuten sehr angesehen zu sein, denn von allen Seiten drängte man sich an sie heran, als sie mit ihrem Wagen angefahren kamen, und das Händeschütteln, Begrüßen und Befragen wollte schier kein Ende nehmen. Fritz Hederich wurde gemustert und, wie es ihm schien, mit mißtrauischen Blicken betrachtet, als ihn aber der Doktor als seinen Gehilfen vorstellte, ward auch er willkommen geheißen. Der Hanswurst spannte die Pferde aus, fesselte ihnen die Vor- derfüße und ließ sie grasen. Ein Bund Stroh und einige Decken aus dem Wagen des Doktors wurden auf dem Boden ausgebrei- tet, und nun war man zu Hause. Balthasar Klipperling aus Wien mischte sich unter die übrigen, Doktor Rapontiko aber blieb bei seinem Schützling zurück. Er saß gravitätisch, die Hände auf einen beschlagenen Stock gestützt, auf einem Strohbündel und sprach sehr herablassend mit den Leuten, die an seinen Sitz he- rankamen. Auch ärztlichen Rath mußte er spenden. Es wurde ihm ein krankes Kind gebracht, und ein bärtiger Mann, der an Krücken herbeihinkte, bat ihn, seinen Fuß zu besichtigen; es war ein Seiltänzer, der einen bösen Fall gethan hatte. Der Doktor willfahrte den Bittenden mit großer Bereitwilligkeit, und Fritz Hederich sah mit Erstaunen, daß der Arzt ganz dieselben Mittel anwandte, die er selbst verordnet haben würde. Er begann, den Mann mit günstigeren Blicken zu betrachten. Der Braten am Spieß war mittlerweile gar geworden und wurde nun vertheilt. Der Doktor erhielt das beste Stück, auch Fritz He- derich ward gut bedacht. Dem Mahle, welches gemeinschaftlich eingenommen wurde, fehlte es nicht an Getränken; der bucke- lige Bursche, der vorhin den Bratspieß gedreht hatte, versah jetzt das Amt des Schenken. Der Wein war aber keineswegs vor- züglich, deshalb ließ Doktor Rapontiko aus seinem Wagen ein wohlverspundetes Fäßlein bringen und gab den Inhalt desselben preis. Bei der Behauptung des Doktors, das Fäßchen sei das Ge- schenk eines reichen, dankbaren Patienten, blickte Balthasar Klipperling aus Wien den Baccalaureus von der Seite an und schnitt eine Fratze. Die fahrenden Leute ließen sich's wohl sein, der starke Wein that seine Wirkung, und man sang, jauchzte und schrie, daß der Wald widerhallte. Ein brauner Bursche mit wirren Haaren sprang mit einer Geige in den Kreis und setzte den Bogen an. Alles war still, und die Geige begann leise zu klingen wie die Klage eines verlassenen Mädchens. Fritz Hederich horchte auf. Die Weise wurde schnel- ler, die Töne wurden stärker, schneidiger, und endlich brauste es aus der Geige so wild und zaubergewaltig, daß sich der Bac- calaureus an die Stirn griff. »Das war eine Zigeunerweise«, sagte der Doktor zu ihm, als der Geiger plötzlich geendigt hatte. »Und nun gebt Acht!« In den Kreis sprangen ein Bursche und ein Mädchen, beide schön an Körper und phantastisch gekleidet. Der Zigeuner be- gann von neuem zu spielen, und mit den ersten Tönen seiner Geige begann der Bursche sich dem Mädchen zu nähern. Sie wich ihm aus. Lockender, wollüstiger klang die Teufelsgeige, dringender wurde der Tänzer, bis endlich sein Arm ihre Hüfte umfaßt hatte. Und nun drehten und wirbelten sich die zwei eng- verschlungen in rasender Eile nach dem immer schneller wer- denden Tempo des Spiels, bis dieses jählings abbrach. Laute Beifallsrufe lohnten den Künstlern. »Das war ein ungarischer Tanz,« erklärte der Doktor. »Wie ge- fällt Euch die Dirne? Ihr solltet sie erst einmal auf dem Seil Der Zigeuner spielte von neuem zum Tanz auf, ein bleiches, ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 9 von 71 hohlwangiges Weib schlug die Zither, und der kleine Buckelige handhabte das Triangel. Jetzt tanzte wer Lust hatte, und was für gewandte Tänzer sah man da! Klipperling, der Hanswurst, war keiner der schlechtesten; mitten im Tanz überschlug er sich, kam auf die Hände zu stehen und tanzte so eine Weile, während er mit den Beinen strampelte. Die Weiber und Mädchen in ihren bunten Fetzen und Flittern sprangen wie die Korkstöpsel und überboten sich in üppigen, herausfordernden Stellungen. In den Pausen machte der Becher fleißig die Runde, und auch Fritz He- derich blieb im Trinken nicht zurück. Er lag mit seinem Beschüt- zer unter einer alten, moosbehangenen Tanne und blickte auf das vom Feuer beleuchtete Gewirre der wilden, bunten Gestal- Das schöne Mädchen, welches zuerst getanzt hatte, trat auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen; sie sprach auch ein paar Worte, aber der Baccalaureus verstand ihre Sprache nicht. Wil- lenlos folgte er ihr, und im nächsten Augenblick befand er sich unter den Tanzenden. Der feurige Wein des Doktors hatte seine müden Lebensgeister gewaltsam aufgerüttelt und seinen Ju- gendmuth zu wilder Lust angefacht. Das Mädchen in seinem Arm flog wie eine Feder über den Boden, er fühlte ihren Athem, das Wogen ihrer Brust, er sah ihre leuchtenden Augen, ihre klei- nen Zähne und ihre weiße Stirn unter dem schwarzen Locken- geringel, und dann sah er nichts mehr. Als der Tanz zu Ende war und die Musikanten einen Augenblick rasteten, trat der Doktor zu Fritz Hederich und fragte: »Wie behagt's Euch unter uns? Habt Ihr Ähnliches hinter Euren Mauern, in Euren dumpfen Städten, wo um zehn Uhr die Lum- penglocke läutet und der Nachtwächter mit seinem Spieß an die Fensterläden klopft, hinter denen noch ein Licht schimmert? Ist das nicht ein Leben wie im Elysio? Wie steht's, lieber Gesell, habt Ihr Euch besonnen, so schlagt ein und werdet mein Gehilfe. Was ich Euch zugesagt, das halte ich. Schlagt ein, Ihr werdet's nicht bereuen!« Doktor Rapontiko hielt dem Baccalaureus die Hand hin; dieser hatte nur halb gehört, was jener zu ihm gesprochen. Mit den Augen suchte er das Mädchen, das ihm entflohen war, und als er sie, vom Tanz rastend, tiefathmend an eine Tanne gelehnt er- blickte, so besann er sich nicht länger, schlug in die dargereichte Rechte und eilte dann in raschen Sprüngen auf die Schöne zu, die ihm die Arme entgegenstreckte. Im Nu waren die beiden wieder in dem tanzenden Knäul; Doktor Rapontiko aber rieb sich schmunzelnd die Hände und ging. Unablässig erklangen die Instrumente, unermüdlich rasten die Tänzer, erscholl das tolle Jauchzen und Kreischen der fahrenden Leute. Das Feuer sandte mächtige Rauchwolken zu dem klaren Sternenhimmel, und aufgescheuchte Vögel flogen mit klagen- dem Ruf dem Innern des Waldes zu. Wäre ein Wanderer zufällig durch den Wald gekommen, er würde geglaubt haben, die wilde Jagd habe sich aus der Luft auf die Erde niedergelassen und feiere hier einen Sabbath. Fritz Hederich saß mit seiner Tänzerin unter einem Baum; sie füllte ihm den Becher, wenn er ihn hastig geleert hatte, immer wieder aufs neue und küßte ihm den letzten Tropfen von der Lippe. Er lehnte das Haupt an den Stamm der Tanne und zog das Mädchen an seine Brust, dann schloß er die Augen. Es schien ihm, als ob die Musik und das Jauchzen der Tanzenden sich immer weiter entfernte, jetzt klang es ihm nur noch im Ohr wie leises Summen, und dann war alles still. Doktor Rapontiko trat zu dem Schlafenden. Er winkte dem Mäd- chen, kniff sie in die Wange und sprach in leisem Ton sehr freundlich mit ihr. Dann griff er in die Tasche, zog eine Schnur böhmischer Granaten hervor und gab sie der Dirne, welche mit frohlockendem Gesicht leisen Fußes sich entfernte, um sich wieder unter die Tanzenden zu mischen. Der Doktor blieb noch eine Weile allein bei dem Schlafenden, den er wohlgefällig betrachtete. Dann ging er und kam mit Bal- thasar Klipperling zurück. Mit vereinten Kräften hoben sie den schlafenden Baccalaureus auf und legten ihn in den Wagen. »Wir haben ihn,« sprach Doktor Rapontiko. Der andere nickte, warf seinen Hut zwischen die Beine hin- durch und fing ihn sehr geschickt wieder mit dem Kopf. Das war ein Kunststück, auf welches sich Balthasar Klipperling, der Hanswurst, viel einbildete. Zweites Kapitel. Vom Magister Xylander. In dem Waldgebirge, wo wir das fahrende Volk verlassen haben, entspringt ein Flüßchen, die Ammer geheißen. Kurz nachdem ihr durch Zuflüsse verstärktes Gewässer aus den Bergen in ein weites, grünes Thal getreten ist, fließt sie im Bogen um ein altes Städtchen, dem sie den Namen Ammerstadt gegeben hat. Dann zieht sich der Fluß in anmuthigen Windungen weiter, um nach einem Lauf von wenigen Meilen die Mauern einer zweiten, ebenso kleinen Stadt zu bespülen; das ist Finkenburg. Ammerstadt und Finkenburg sind jetzt unbedeutende Ortschaf- ten, damals aber, als sich das zutrug, was wir im vorigen Kapitel erzählt haben, waren sie die Hauptstädte zweier Fürstentümer und die Residenzen zweier demselben Geschlecht angehörigen Der Herr von Ammerstadt, Fürst Rochus, war noch minderjährig und stand unter Vormundschaft. In Finkenburg regierte ein alter Herr. Er hieß Moritz, schrieb sich aber Mauritius, und zu dem Namen fügte er eine lange römische Zahl, welche ersichtlich machte, daß er in seinem Hause nicht der erste dieses Namens Seine Regierung war gesegnet, und seiner väterlichen Fürsorge hatte es das Land zu verdanken, daß es von allen Ländern des deutschen Reiches während des großen Krieges am wenigsten zu leiden hatte. Kein Glück auf Erden ist ungetrübt; Fürst Mauritius hatte keine männlichen Leibeserben, sondern nur eine Tochter. Mit Grausen blickten daher die Finkenburger in die Zeit, da das Fürstenthum ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 10 von 71 an Ammerstadt fallen, da aus der Residenz Finkenburg eine glanzlose Landstadt werden mußte. Ein Trost für den Fürsten und das Volk war es, daß es der Diplomatie gelang, eine Verlo- bung zwischen der Prinzessin Dorothea von Finkenburg und dem jungen Fürsten Rochus zustande zu bringen, und als es be- kannt wurde, daß letzterer nach dem Ableben des Fürsten Mau- ritius sein Hoflager abwechselnd in den beiden Städten halten werde, da erschien dem Volk der Finkenburger die Zukunft min- der schwarz. Damit dem jungen Fürsten die Zeit bis zu seinem Regierungs- antritt, welchem das Beilager folgen sollte, nicht zu lang werde, beschloß man ihn reisen zu lassen, und so machte sich denn Fürst Rochus, mit Geld und Wechseln reichlich versehen und von einem kleinen Gefolge erlesener Kavaliere und erprobter Diener begleitet, auf den Weg, um die Welt, das heißt die Höfe von Deutschland, Frankreich und Italien kennen zu lernen. Bald nach der Abreise des Fürsten kam nach Ammerstadt ein junger Mann von der Hochschule zurück, woselbst er das übliche Triennium hindurch die Humaniora eifrig studirt hatte. Es war dies der Magister Hieronymus Holzmann, Sohn des Bürgers Christoph Holzmann, weiland Hofbäckers zu Ammerstadt. Er war ein kleiner, magerer Mann mit gutmüthigen Augen und zierlichen, weißen Händen. An dem Mittelfinger der rechten hatte er zuweilen einen Tintenfleck, aber dann nahm er ein Stück Zitrone und rieb den Finger so lange, bis das Makel getilgt Als der Magister von der über Jahr und Tag angesetzten Vermäh- lung des Fürsten Rochus hörte, zuckte es in seinem Tintenfin- ger. Eilig packte er seine Habseligkeiten aus und begann mit übergroßem Eifer einen Bogen Papier zu beschreiben, daß die Tinte herumspritzte. Zuweilen kaute er auch an der Feder, rieb sich die Stirn und lief ein paarmal in seiner Kammer auf und ab, dann setzte er sich wieder zum Schreiben nieder und trieb dies bis zum Abend, ohne Speise und Trank zu genießen. Dann überlas er das Geschriebene; es waren lateinische Hexameter, subtil gearbeitet und fließend zu lesen. Aber beim Lesen ward dem Magister klar, daß er eine Arbeit begonnen, die Wochen und Monde in Anspruch nehmen würde. Es war ein Carmen zur Feier der bevorstehenden fürstlichen Hochzeit, was der Magister zu dichten unternommen hatte, und als gründlicher Gelehrter hatte er mit dem Ahnherrn des Geschlechtes begonnen, welcher in der Schlacht bei Ikonium den Heldentod gefunden hatte. Aber der Magister schreckte nicht zurück vor der Größe des ge- planten Werkes. Täglich stand er mit den Hühnern auf und dich- tete, daß ihm die hellen Tropfen auf der Stirn standen, und das trieb er mit kurzen Unterbrechungen fort, bis der Wächter mit Hornstoß und frommem Spruch die Bürger zum Schlafengehen aufforderte. Am Ende mußte er sich entschließen, eine Reise nach Finkenburg zu unternehmen, um sich über die fürstliche Braut und manches andere zu informiren. Er packte seine Sie- bensachen zusammen und fuhr in einem Wägelein gen Finken- burg. Sein Manuskript hielt er sorglich auf dem Schoß wie eine Mutter ihr Kind. In Finkenburg angekommen, miethete er sich in der Löwenapo- theke ein Hinterstübchen, wo der Straßenlärm sein Ohr nicht traf, und ging dann aus, um Erkundigungen einzuziehen. Seine Bemühungen waren mit Erfolg gekrönt. Der alte Prediger, der die Prinzessin in der Glaubenslehre unterwiesen, auch die historia mundi, insonderheit die Geschichte ihres Hauses mit ihr getrieben, gab dem Dichter reiches Material. Als Fürst Mauritius von der Anwesenheit und dem Vorhaben des Magisters erfuhr, sprach er seine höchste Zufriedenheit aus. Er beschied den Magister auf das Schloß, unterhielt sich lange mit ihm in sehr gnädiger Weise und theilte ihm eine Menge von Einzelheiten aus dem Leben seiner Tochter mit. Er versprach daß dem Magister das Deputat eines herzoglichen Kanzlisten verabreicht werde. Dasselbe bestand in einem halben Ries Pa- pier, vier Bündeln Federspulen, sechs Krüglein Tinte, zwei Pfun- den Streusand und einem Messerlein, um die Federn zu Der Magister blieb lange in Finkenburg, und der mit Laubthalern gefüllte Strumpf, den ihm seine selige Mutter als Nothpfennig hinterlassen hatte, war merklich leichter geworden. Endlich konnte der Dichter das Wort Finis unter seine Verse setzen, dann ward das Carmen, – es füllte einen mäßigen Band – auf fürstliche Kosten gedruckt und mit einem Deckel aus grasgrü- nem Sammet versehen. Und als das geschehen war, kam die Nachricht, daß Fürst Rochus auf dem Heimweg begriffen sei. Da säumte Magister Holzmann nicht länger und packte ein. Sein Gönner hieß ihm einen ansehnlichen Zehrpfennig reichen und entließ den Magister sehr gnädig, der sich alsbald verabschie- dete und wohlgemuth seiner Heimat zufuhr. Als er die Mauern und Thürme seiner Vaterstadt erblickte, klopfte sein Herz in geschwinderen Schlägen. Es war am Abend, die ganze Stadt schwamm in rothem Licht, und das Dach des fürstlichen Schlosses glänzte und funkelte wie Dukatengold. Der Magister freute sich darüber, denn er hielt es für ein gutes Omen. Da aber verfinsterte sich plötzlich das Firmament, und über der ganzen Stadt lag anstatt des Sonnenscheins jener graue Nebel, der sich allabendlich, wenn die Hausfrauen das Nachtes- sen kochten, über die Dächer verbreitete. Fürst und Dichter trafen fast gleichzeitig in Ammerstadt ein. Die Empfangsfeierlichkeiten waren vorüber, und der Zeitpunkt nicht mehr fern, wo der Fürst die Regierung antreten und sich vermählen sollte.Da kam mit schwarzen Fledermausflügeln ein unheimliches Gerücht herangeflattert. In den Schenken steck- ten die Bürger flüsternd die Köpfe zusammen, und am Markt- brunnen und auf der Bleiche erzählten sich die Weiber haarsträubende Dinge. Fürst Rochus, besagte das Gerücht, werde sich allerdings nach erlangter Großjährigkeit vermählen, aber nicht mit seiner Base Dorothea, sondern mit einer anderen Prinzessin, die er auf seiner Reise kennen gelernt. Und so war es auch. Das waren schreckliche Zeiten für die beiden Städte, und um das Bangen der Bürger noch zu vermehren, erschien am Himmel ein gräulicher Komet; sein Kern stand über dem Re- ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 11 von 71 sidenzschloß von Ammerstadt, und sein Schweif wies nach Fin- kenburg hinüber. Das bedeutet Krieg, Krieg zwischen den bei- den Nachbarstaaten, meinten die Leute, und Übervorsichtige suchten sich bereits in Hof und Garten geeignete Orte aus, um daselbst ihr Silber zu vergraben. Der Magister Holzmann aber war gebrochen, vernichtet. Zum Krieg kam es glücklicherweise nicht. Der drohende Konflikt fand eine unvermuthete, freilich auch sehr betrübende Lösung. Prinzessin Dorothea erkrankte an den Blattern und starb. Da legte Fürst Rochus Trauerkleider an, verschob seine Hochzeit mit der fremden Prinzessin rücksichtsvoll auf ein Jahr, und über die Bürger kam allmählich wieder Frieden und Ruhe. Dem Magister aber, dessen Hoffnung so schmählich zu schan- den geworden, ward das Leben in Ammerstadt unerträglich. Er verkaufte sein Habe und wanderte nach Finkenburg aus, wo- selbst er sein Hochzeitscarmen in einen Nekrolog der entschla- fenen Prinzessin umarbeitete. Er dedicirte es dem alten Fürsten Auf des letzteren Wunsch übertrug der Magistrat von Finkenburg dem Magister eine erledigte Stelle an dem städtischen Lyceo. Fürst Mauritius gab auch seinen Konsens dazu, daß der Magis- ter seinen Namen verändere. Dieser hatte schon längst beab- sichtigt, nach dem Vorbild anderer Gelehrten seinen Namen ins Griechische zu übersetzen: jetzt führte er seinen Vorsatz aus und nannte sich fortan nicht mehr Magister Holzmann, sondern Magister Xylander. Das geschah in dem Jahre der großen Hitze, da wir Fritz Hede- rich, den Baccalaureus, in Gesellschaft des fahrenden Doktors verlassen haben Drittes Kapitel. Das Galgenmännlein. In der Hauptstraße der Stadt Finkenburg fiel ein stattliches Haus vor allen anderen Gebäuden in die Augen. Es war ganz massiv und mit steinernen Figuren reich geschmückt. Unter jedem Fenster befand sich ein Widderkopf und am Giebelfeld eine Gruppe von Ungeheuern, deren Schwänze gräulich untereinan- der verschlungen waren. Die beiden Enden der Dachrinne waren durch kupferne Delphine gebildet, die bei Regenwetter auf die Köpfe der arglos Vorübergehenden große Wasserstrahlen spieen. Eine breite, mit einem eisernen Geländer versehene Treppe führte zu einer gewölbten Thür, deren oberer Theil runde, in Blei gefaßte Fensterscheiben hatte. Über derselben stand mit großen Buchstaben geschrieben: »Apotheke zum gol- denen Löwen«; und wer das gelesen hatte, der konnte mit Zu- hilfenahme einiger Phantasie in dem pudelartigen Thier, das in einer Nische neben dem Eingang stand, ein Konterfei des Wüs- tenkönigs erkennen; von Vergoldung war nichts mehr vorhan- Auf der breiten Freitreppe spazierte häufig und namentlich wenn die Sonne schien, ein großer Rabe würdevoll auf und nie- der. Er hieß Jakob, war uralt und in der ganzen Stadt bekannt. Jakob versah eine Art von Wächteramt vor der Apotheke und hatte es namentlich auf die nackten Füße der Finkenburger Gas- senjungen abgesehen. Es gehörte zu den Lieblingsvergnügun- gen der Straßenjugend, dem Löwen neben der Thür eine Brotrinde oder einen Knochen in den Rachen zu stecken, oder einer der Schlingel bei seinen Kameraden Derartiges in Vor- schlag brachte, pflegte man sich zuvor nach dem Raben umzu- sehen. Wehe dem Unglücklichen, den Jakob bei solch freventlichem Treiben ertappte; leise schlich er sich heran und versetzte dann dem Fuß des Arglosen einen so fürchterlichen Schnabelhieb, daß der Getroffene heulend und hinkend den Schauplatz seines verruchten Thuns verließ. Der Besitzer dieses wundervollen Raben, sowie der Apotheke, war Herr Daniel Thomasius, ein gar angesehener Mann. Herr Thomasius war Wittmann, sonst besaß er aber alles, was zum täglichen Brot gehört, Haus und Hof, Geld und Gut und außer- dem noch eine schöne Tochter, Namens Else. Mit dieser bewohnte er die Zimmer des ersten Stockes, im Erd- geschoß befanden sich die Offizin, das Laboratorium, mehrere Vorrathskammern und noch einige andere Gemächer. Das zweite Stockwerk des Hauses stand größtentheils leer; eine ge- räumige Stube, die nach dem Garten zu gelegen war, hatte Herr Magister Xylander inne. Schon damals, als er sich in Finkenburg aufhielt, um Stoff für das bewußte Carmen zu sammeln, hatte er in der Löwenapo- theke gewohnt und war auf diese Weise mit Herrn Thomasius bekannt und befreundet geworden. Als er dann später ganz nach Finkenburg übersiedelte, war es ihm sehr angenehm, sein altes Quartier wieder beziehen zu können, und hier wohnte er nun bereits seit anderthalb Jahren. In seine Studirstube, er nannte sie sein Museum, drang kein Geräusch von der Straße, und wenn auch des Abends und des Morgens die Nachtigallen im Garten etwas zu laut wurden, so war das doch nur einige Monate im Jahr, und die übrige Zeit war's desto stiller. Herr Thomasius stand hinter dem Rezeptirtisch. Er war ein be- häbiger Fünfziger mittlerer Größe, sein wohlwollendes Gesicht hatte eine etwas bleiche Farbe, und auch sein Haar war stark ergraut. Daran waren aber mehr die Dünste seines Laboratori- ums, als Alter und Krankheit schuld. Er war vielmehr ein kern- gesunder Mann, der sich seines Lebens freute. Heute war Herr Thomasius etwas mürrisch, denn sein Gehilfe war plötzlich ausgetreten, und er mit dem Lehrling vermochte kaum der Arbeit Herr zu werden. Dazu war noch ein Ärger über seine Schaffnerin, die alte Hanne, gekommen. Die alte Hanne hatte nämlich – doch ich muß etwas weiter ausholen. In Finkenburg ward alljährlich um Michaelis ein Markt abgehal- ten, welcher den sonderbaren Namen »Zwickmarkt« führte. »Zwick« nämlich hieß ein Gebäck, welches in Finkenburg um jene Zeit gebacken wurde. Nun bestand unter Freunden und Hausgenossen die schöne Sitte, daß man sich am Morgen des Markttages auflauerte, in die Arme kneipte und dazu »Zwick« ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 12 von 71 schrie. Der Gekneipte hatte die Verpflichtung, dem Kneipenden einen »Zwick« zu verehren. Herr Thomasius war es seit Jahren gewohnt, zuerst von seiner Schaffnerin, dann der Reihe nach von seiner Tochter, dem Herrn Gehilfen, dem Lehrling und schließlich vom Knecht gezwickt zu werden. Alle, namentlich der Lehrling, kneipten sehr zart, und es fiel dem Hausherrn nicht ein, sich gegen das altehrwürdige Herkommen aufzulehnen, vielmehr stellte er sich jedesmal, wenn er gekneipt wurde, höchst überrascht und gab gern einem jeden das überzuckerte, mit Mandelkernen gespickte Backwerk; seiner Else schenkte er auch wohl noch etwas anderes. Diesmal hatte Herr Thomasius, von Arbeit überhäuft, nicht an den Zwick gedacht. Er war des Nachts geweckt worden, um ein Tränklein zu brauen, hatte deshalb schlecht geschlafen und kam in früher Morgenstunde, als es noch dämmerig war, mißmuthig in das Wohnzimmer, um seine Morgensuppe zu verzehren. Als er die Thür öffnete, huschte eine dunkle Gestalt hinter dem gro- ßen Kleiderspind hervor, und im nächsten Augenblick fühlte Herr Thomasius einen heftigen Schmerz im Oberarm. »Au!« schrie der erschrockene Apotheker, und »Zwick, Zwick!« kreischte eine gellende Stimme. Es war die der alten Hanne, welche ihren Herrn hatte überraschen wollen. »Kreuztürkenschockschwerenoth!« polterte Herr Thomasius, »ist Sie verrückt, Hanne, oder hat Sie getrunken? Was fällt Ihr ein, mich so zu erschrecken. Sie alte Schneegans!« Die brave Hanne stand sprachlos da und blickte mit großen Augen in das geröthete Gesicht des Apothekers. So etwas war ihr noch nicht vorgekommen; ihre Mundwinkel verzogen sich in bedenklicher Weise, sie faßte den Schürzenzipfel und brachte ihn an die Augen. »Nun, nun«, lenkte Herr Thomasius ein, »jetzt lasse Sie die Kin- dereien; es war nicht bös gemeint. Sie ist eine brave, treue Per- son, Sie soll ihren Zwick haben, verlasse Sie sich darauf, nur heule Sie nicht!« Er wollte ihr auf die Achsel klopfen, aber seine Herablassung ward übel ausgenommen. Die alte Hanne wandte sich kurz ab und ging schluchzend zur Thür hinaus. Das war der Vorfall, der die Verstimmung des Apothekers noch gesteigert hatte. Er präparirte jetzt ein Pulver, und während seine Augen auf das vor ihm liegende Rezept gerichtet waren und er mit der Reib- schale hantierte, waren seine Gedanken bei der alten Hanne, die in der Küche saß und heulte. Er mußte sie versöhnen, sonst konnte er es in seinem eigenen Hause nicht mehr aushalten, das stand fest, aber über das Wie war er noch nicht mit sich einig. Er hatte auch keine Zeit, über so etwas nachzudenken, denn alle Augenblicke trat ein Kunde in die Offizin. Heute am ersten Markttag gab's doppelte Arbeit, und kein Gehilfe war zur Hand. Herr Thomasius war sehr übel gelaunt. Der Magister kam die Treppe herab, um, wie er zu thun pflegte, dem Hausherrn einen kurzen Besuch zu machen, bevor er in's Lyceum ging. Im letzten Jahre hatte sich Herr Thomasius für das Gezwicktwerden schadlos gehalten, indem er seinerseits den arglosen Magister mit einem derben Zwick überrumpelte; heute unterließ er es und erwiderte nur kurz und mürrisch die Fragen seines Miethsmannes. Gegen Mittag fingen die Kunden an, spärlicher zu erscheinen, Herr Thomasius hatte sich durch ein Schöpplein Wein gestärkt und war etwas besser gelaunt. Er schickte den Knecht fort, um das nöthige Backwerk zu holen, und beauftragte ihn auch noch, ein Tuch von bunter Wolle für die alte Schaffnerin zu kaufen. Der Knecht brachte das Tuch, und Herr Thomasius trug es nebst einem großen Zwick in die Küche, wo Hanne am Feuer han- Sie wollte erst nichts hören und sehen; zögernd nahm sie end- lich das Geschenk an und knurrte etwas, was sich Herr Thoma- sius mit »Schön Dank« übersetzte. »Hanne,« sagte er, »wenn Sie ein wenig auf den Markt gehen will, um sich die Raritäten anzusehen, so geh' Sie; die Else kann einstweilen Acht geben, daß die Suppe nicht anbrennt.« Hanne antwortete nicht, und als der Apotheker noch ein paar Worte hinzufügte, raspelte sie ein Stück altes Brot auf dem Reib- eisen so heftig, daß er sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Er ging wieder in seine Offizin. Eine Viertelstunde später sah er die alte Hanne, angethan mit dem neuen Tuch, aus dem Haus schreiten und den Weg nach dem Markt nehmen. Herr Thomasius hatte seine gute Laune Unterdessen stand die blonde Else in einer weißen Schürze bei dem Feuer, trällerte ein Lied und klapperte hin und wieder mit den Deckeln der Töpfe, in denen es lustig zischte und brodelte. Die Küchenthür knarrte. »Bist Du's, Hanne?« fragte Else. »Nein, Elslein, ich bin's,« erwiderte eine zuckersüße Stimme, und herein hüpfte mit einem zierlichen Kratzfuß der Magister Xylander. Er trug etwas Eingewickeltes in der Hand. »Es ist doch erlaubt, hier einzutreten?« »Ich will's Euch nicht wehren,« sagte Else, »und wenn Ihr mir helfen wollt, so ist mir's auch recht. Dort hängt eine Schürze, und hier habt Ihr einen Kochlöffel.« »Nein, Elslein, darum bin ich nicht hergekommen, wißt Ihr nicht, daß heute Zwickmarkt ist?« »Freilich weiß ich's,« erwiderte Else und betrachtete den Ma- gister verwundert. Als sie den eingewickelten Gegenstand in der Hand des Magisters sah, wußte sie, woran sie sei. »Der Magister will von mir gekneipt sein und mir dann einen Zwick verehren, aber da kann er lange warten,« sprach sie bei sich. Sie lächelte boshaft und zeigte dabei zwei Reihen kleiner Mauszähne, daß es dem braven Magister ordentlich schwül wurde. »Elslein,« sagte er und trat näher, »also Ihr wißt, was heute für ein Tag ist? Wohlan, hier steh' ich; Else, genirt Euch um Gottes willen nicht!« »Nicht im geringsten, Herr Magister, bleibt meinetwegen bis Mittag hier stehen: seht, ich thue, als ob Ihr gar nicht da wäret,« entgegnete Else und schäumte die kochende Fleischbrühe mit großem Ernst ab, ohne den Magister weiter zu beachten. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 13 von 71 »Aha,« dachte dieser, »sie will mich nicht verstehen, vielleicht erwartet sie den Angriff von mir, vielleicht hat sie mir eine Über- raschung zugedacht, sie hat neulich in ein Tuch mit blauer Seide ein Blümchen genäht, vielleicht ...« Er schlich sich auf den Zehen hinter Else und kneipte sie, aller- dings sehr behutsam, in den runden Arm. Aber da kam er gut an. Patsch! fiel der Kochlöffel auf seine Hand, ein paar heiße Wassertropfen spritzten ihm in's Gesicht, und um das Unheil voll zu machen, ertönte hinter ihm das laute Ge- lächter der alten Hanne, die von ihrem Marktgang zurückgekom- »Recht so, Else!« rief die Schaffnerin, »das war gescheit, seht mir den Herrn Magister!« Hieronymus Xylander war sehr verwirrt über diesen Ausgang, er faßte sich indessen sehr bald wieder und lachte selbst über- mäßig laut. »Sieht Sie, Hanne,« sagte er dann, »was ich um Sie leiden muß, ich bin nämlich nur Ihr zu Liebe gekommen, ich wollte Ihr die- sen Zwick verehren.« Mit diesen Worten überreichte er der Alten das eingewickelte Gebäck, welches eigentlich für Else bestimmt war. Hanne fühlte sich sehr geschmeichelt durch die Aufmerksamkeit des Magis- ters und erschöpfte sich in Danksagungen. Else stand über diese Wendung betroffen und nahm das Band ihrer Schürze in den Der Magister aber entfernte sich mit dem so wohlthuenden Ge- fühl der befriedigten Rache. Die Spannung zwischen ihm und der blonden Else war indessen nur von kurzer Dauer. Dergleichen Reibereien kamen zwischen den beiden häufig vor, und der Magister Xylander pflegte bei sol- chen Gelegenheiten zu sagen: »Was sich neckt, das liebt sich.« Else lachte dann jedesmal, wie ein fröhliches Kind lacht. Herr Thomasius aber, wenn er zugegen war, nickte bedeutsam mit dem ergrauten Kopfe. Als um zwölf Uhr Herr Thomasius, Else und der Herr Magister bei der Suppe saßen, die trotz des Zwischenfalls nicht ange- brannt war, herrschte eine fröhliche Stimmung. Die alte Hanne, welche die Speisen auftrug, zeigte gleichfalls ein heiteres Ge- sicht, und als das Gratias gesprochen war, kam sie der Auffor- derung des Hausherrn, von ihrem Marktgang zu berichten, gern nach. Nachdem sie ein Langes und Breites von den prächtigen Waaren erzählt, auch zweier in rothe Wämslein gekleideter Meerkatzen gedacht hatte, fuhr sie fort: »Denkt Euch, da komm' ich an einen kleinen Tisch, und hinter dem Tisch sitzt ein Weib, und auf dem Tisch steht eine große Glasflasche, und ringsherum ist alles gestopft von Menschen. Ich dränge mich durch, und alsbald fragt mich das Weib, ob ich wahrgesagt haben wolle, es koste bloß einen Batzen. Natürlich sag' ich ja, denn ein Batzen ist nicht zu viel. Das Weib legt die Hand oben auf die Flasche, und da – denkt Euch – kommt ein kleiner, schwarzer Teufel aus dem Hals der Flasche herunterge- stiegen, tanzt auf dem Boden hin und her und steigt dann wie- der hinauf.« Else und der Magister saßen sprachlos, Herr Thomasius lehnte sich mit einem überlegenen Lächeln im Sessel zurück. »Jetzt,« fuhr Hanne fort, »sagt mir das Weib wahr: Ihr seid, sagt sie, in Eurer Jugend sehr schön gewesen und hättet, sagt sie, oft freien können, wenn Ihr nur gewollt hättet, sagt sie. Das traf zu. Weiter sagt sie, werdet Ihr noch viele frohe Tage verleben und nächstens, sagt sie, vielleicht noch heute, werdet Ihr ein Geschenk erhalten. So hat sie gesagt, und das ist auch einge- troffen, denn der Herr Magister hat mir gleich darauf einen Zwick geschenkt. Zum Schluß fragte mich das Weib noch, ob mir der Geist in der Flasche sagen solle, wie alt ich sei. Das hab' ich mir aber schönstens verbeten, so vor allen Leuten.« Weiter hatte Hanne einen wilden Mann mit einem Ring in der Nase und einer Krone von bunten Federn auf dem Kopf gesehen, und zuletzt berichtete sie von einem berühmten Doktor mit schwer auszusprechendem Namen, der eine große Bude nächst der Stadtkirche und viel Zuspruch habe. Sie zog ein Fläschchen mit wohlriechendem Wasser gefüllt hervor und zeigte es trium- phirend den Anwesenden. Herr Thomasius nahm die Phiole, eröffnete sie und führte sie an die Nase. »Was hat denn das Ding gekostet?« fragte er die »Das ist kein Ding, Herr Thomasius, sondern ein Bisamapfel,« erwiderte Hanne. »Er kostet nur zwei Batzen.« »Nur zwei Batzen,« höhnte der Apotheker. »Hanne Sie ist eine Närrin, das hätte Sie von mir umsonst haben können, das ist keine zwei Heller werth.« Hanne lächelte ungläubig. Der fremde Doktor hatte ihr gesagt, er habe das wohlriechende Ding aus Arabia mitgebracht; da sie aber wußte, daß Herr Thomasius in solchen Dingen keinen Wi- derspruch vertragen konnte, so schwieg sie weislich. »Wenn ich heute Nachmittag nicht so gar viel zu schaffen hätte,« fuhr der Apotheker fort, »so ginge ich selber einmal auf den Markt und betrachtete mir den Kram des Quacksalbers. Zu- weilen findet man darunter einen Schatz, von dem der Besitzer selbst nichts ahnt. Meine Jerichorose und den Riesenfinger habe ich auch von solch einem wandernden Arzt erhandelt. – Du aber, Else, wenn Du auf den Markt gehst, hütest Dich wohl, von dem Kerl etwas zu kaufen. Bei Ihr, Hanne, kommt meine Warnung zu spät, und bei dem Magister fruchtet sie nichts, denn ich seh's ihm an, daß er vor Begierde brennt, den Doktor um ein Mittel gegen seine Leichdornen anzugehen. Nun, mir kann's nichts verschlagen. Ich gehe jetzt in die Offizin; wenn Ihr noch ein wenig bei meiner Else sitzen bleiben wollt, Herr Magister, so habe ich nichts dagegen, denn Ihr seid ein gesetzter und ge- lehrter Mann, von dem Du noch viel lernen kannst, Else!« Es war Nachmittag, und die Herbstsonne schien heiß auf das Marktgewühl. In den Morgenstunden hatte man die nöthigen Einkäufe für das Haus gemacht, der Nachmittag war dem Ver- gnügen gewidmet, und daß für mancherlei Unterhaltung gesorgt war, wissen wir bereits aus dem Bericht der alten Hanne. Die Bürger der guten Stadt Finkenburg wandelten mit der Frau Liebsten am Arm bedächtig zwischen den Buden auf und ab, hie ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 14 von 71 und da stehen bleibend, um etwas Augenfälliges zu besichtigen, oder um mit einem Bekannten ein paar Worte zu wechseln. Bau- ern und Bäuerinnen im Sonntagsputz bahnten sich mit den El- lenbogen Weg durch das Gedränge, und die Straßenjugend lärmte und musizirte auf kleinen hölzernen Querpfeifen und Trompeten, wie sie um wenige Heller auf dem Markt zu kaufen waren. Da die Besitzer von Schaubuden nicht ermangelten, durch allerlei Getöse, als Beckenschlagen, Trommeln und Knar- ren die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu lenken, auch die Verkäufer mit immer heiserer werdenden Stimmen ihre Waaren feilboten, so war der Lärm nicht gering. Aber so war's den Finkenburgern eben recht, so war's immer gewesen, und das gehörte mit zu dem Marktvergnügen. Herr Thomasius hatte Zeit gefunden, auf den Markt zu gehen. Er schritt, den Knopf seines langen Stockes unter das Kinn hal- tend, würdevoll zwischen den Reihen der Verkaufsstände einher und spähte nach der Bude des Arztes, von dem ihm seine Schaff- nerin berichtet hatte. »Gehorsamer Diener, Herr Thomasius,« schrie ihn ein altes, dürftig gekleidetes Männlein an, welches hinter einem mit ge- trockneten Kräutern und Wurzeln bedeckten Tisch stand. »Schön Dank, Wurzelpeter,« lautete die freundliche Entgegnung, »wie gehen die Geschäfte?« »Schlecht, schlecht, Herr Thomasius, heute will niemand von meinen Kräutern etwas wissen; hier liegen Kamillen, Wohlver- lei, Berufskraut, Wurmwurz und Teufelsabbiß noch gerade so, wie ich sie hingelegt habe, niemand kauft, alles läuft dem frem- den Doktor zu. Hätt' ich den Schwamm nicht, ich verdiente nicht das Marktgeld.« Der Alte war ein Kräutermann aus dem Gebirge, der nebenbei Herr Thomasius, welcher dem Wurzelpeter das Jahr über man- chen Groschen zu verdienen gab, bewährte seine Gönnerschaft dadurch, daß er ein großes Stück Zunder kaufte und es, ohne zu handeln, bezahlte. »Wo hat der Medikus seine Bude?« fragte er. Das Wurzelmännlein deutete mit dem knöchernen Zeigefinger nach einem Menschenknäuel, über welchem an einer Stange befestigt ein großes Stück bemalte Leinwand schwebte. Herr Thomasius schlug, von einem trüben Blick des Wurzelpeters ge- folgt, die angezeigte Richtung ein und gelangte halb schiebend, halb geschoben durch die Menge bis vor die Bude des Arztes. Das große Bild, welches der Wind leise hin und her bewegte, war in drei Abtheilungen getheilt. In der ersten sah man eine menschliche Figur, deren Körper alle möglichen Gebresten an sich trug; aus ihrem Munde hing ein Zettel, auf dem die Worte O weh mir armem Lazarus! Mich schmerzt der Kopf, der Bauch, der Fuß, Das Aug', das Ohr, der Zahn, die Zunge, Herz, Leber, Nieren, Milz und Lunge. Ist denn kein Mensch auf Erden nicht, Der wieder mich zusammenricht't? Auf dem zweiten Feld schüttete ein Mann, der einen rothen ge- stickten Rock und an der Seite einen Degen trug, dem Patienten den Inhalt eines großen Löffels in den offenen Mund. Hier trug der rothe Mann einen Zettel, auf welchem geschrieben war Du armer Mann, ich helfe Dir Mit meinem Lebenselixir. Mit meinen wunderkräft'gen Pillen Vermag ich jeden Schmerz zu stillen. Doktor Rapontiko bin ich genannt, In allen Reichen wohlbekannt. In der letzten Abtheilung sah man den geheilten Kranken; er hatte die Krücken weggeworfen, und seine Gliedmaßen strotz- ten von Fleischbündeln. In seinem Gesicht prangten zwei große, zinnoberrothe Kleckse. Auf dem Zettel, der ihm aus dem Munde hing, stand: Heisa, juchheisa, Dideldum! War vormals siech und schwach und krumm, Bin jetzo wohlgemuth und frisch, Gleichwie im Wasser die schuppigen Fisch'. Das hat mit seiner Kunst und Kraft Doktor Rapontiko geschafft. Nachdem Herr Thomasius das Bild beschaut und die Verse ge- lesen hatte, wandte er seine Augen auf die Bude selbst. Diese hatte eine Galerie, zu welcher eine Treppe emporführte. Der Me- dikus selbst war nicht sichtbar, er übte wahrscheinlich im In- nern seine Kunst aus. Einstweilen unterhielt der Hanswurst das Publikum. Unser alter Bekannter, Balthasar Klipperling aus Wien, stand, gekleidet in ein buntes, mit Schellen behangenes Gewand, den spitzen Hut auf dem Kopf, vor der Bude und hielt am Zaum eins der kleinen Pferde, die des Doktors Reisewagen zu ziehen pflegten. »Pyramus,« redete der Hanswurst das Pferd an, »sag' an, wieviel Monden ein Jahr hat.« Pyramus tippte zwölfmal mit dem Vorderhuf auf den Boden. »Und wieviel Tage hat die Woche?« Das Pferd wußte es. »Pyramus sag' an, wer ist unter den Herrschaften hier der Ge- lahrteste?« Pyramus ging im Kreis herum und blieb vor einem Bauer ste- hen, der vor Verwunderung das Maul aufsperrte. Laute Beifalls- rufe lohnten dem Hanswurst und seinem gelehrigen Schüler. »Pyramus, wer ist der tapferste Mann unter den Herrschaften?« Das Pferd suchte und blieb vor einem Grenadier stehen, der mit einer Dirne am Arm dastand und gaffte. Der Kriegsmann machte ein dumm-vergnügtes Gesicht. »Pyramus, wieviel hat der Herr Korporal Knöpfe am Rock?« Das Pferd gab die Zahl richtig mit dem Vorderfuß an. »Pyramus, wer ist das schönste Weiberleut im Kreis?« Die Weiber und Mädchen kicherten. Pyramus be- zeichnete die Dirne am Arme des Soldaten als die schönste. Diese wurde roth und lachte. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 15 von 71 Alsdann folgte eine sehr indiskrete Frage, den Lebenswandel der Dirne betreffend, und Pyramus schüttelte energisch den dicken Kopf. Das Volk johlte, das Weibervolk kreischte, die Dirne machte sich von dem Grenadier los und lief davon. Letzterer sah anfangs sehr grimmig aus, da aber alle lachten, so lachte er mit, und das war das beste, was er thun konnte. Jetzt erschien oben auf dem Gerüst der Doktor Rapontiko. Er trug einen rothen, mit goldenen Tressen besetzten Rock, sei- dene Strümpfe und einen Degen; die Schnallen auf seinen Schu- hen und die Ringe an seinen Fingern blitzten von großen böhmischen Steinen. Er gab mehreren Personen, die ihn kon- sultirt hatten, das Geleite und blieb dann noch ein paar Augen- blicke auf der Galerie stehen. Mit der Rechten strich er sich über die metallenen Knöpfe seiner langschößigen Weste und blickte gedankenvoll zum Firmament empor; die vor seiner Bude ver- sammelte Menge würdigte er keines Blicks. Hinter dem Doktor war ein junger Mann aus dem Innern der Bude getreten. Er war ganz schwarz gekleidet, und sein bleiches Gesicht drückte tiefe Trauer aus. Wie im Traum ließ er seine großen Augen über die Menge schweifen und starrte dann in's Leere. Unter den Leuten unten erhob sich ein Geflüster, und aller Augen richteten sich auf Fritz Hederich, den Gehilfen des Doktors. »Der Arme ist ein vornehmer Kranker,« sagte eine Frau, »und der Doktor soll ihn gesund machen.« »Nein,« sagte eine andere, »er ist der Gesell des Doktors, und so bleich sieht er aus, weil er den ganzen Tag Gift kocht.« »Er ist aus Welschland,« sagte eine dritte, »dort sind alle Leute blaß. Dieser hat außerdem noch das Heimweh und friert auch, denn hier bei uns im Finkenburgischen ist's viel kälter als in Welschland.« »Ich hab' gehört,« sprach eine vierte, »daß der junge Mensch ein Prinz von Polen, oder gar aus der Türkei ist, der nur zum Spaß im Lande herum reist.« »O bewahre,« sagte eine fünfte, »er ist als Kind von den Zigeu- nern gestohlen worden und weiß selber nicht, wo er daheim ist.« Mittlerweile waren mehrere Leute auf das Gerüst gestiegen und vom Doktor und seinem Gehilfen in das Innere der Bude geführt worden. Balthasar Klipperling aus Wien unterhielt wieder das Volk mit seinen Späßen. Er war ein vielseitiger Hanswurst, auch die Verse auf dem Aushängeschild hatte er gedichtet. Herr Thomasius war in die Bude eingetreten. Der Doktor sah ihm sogleich an, daß er eine respektable Person sei, und wollte sich ihm zuerst widmen. Der Apotheker aber sagte kurz: »Erst die andern, ich will nachher ein Wörtlein mit Ihm spre- chen.« Er setzte sich auf einen Stuhl, den ihm Fritz Hederich hinstellte, stützte das Kinn auf sein Rohr und wartete geduldig, bis der Arzt den letzten abgefertigt hatte. Als dies geschehen war, wandte sich Doktor Rapontiko zu ihm mit den Worten: »Nun bin ich zu Euren Diensten, wo fehlt's, wo sitzt das Übel, daß ich's fasse und mit der Wurzel ausrotte?« »Mir fehlt, Gott sei Dank, nichts,« antwortete Herr Thomasius, »und gesetzt, es wäre an dem, so käme ich sicherlich nicht zu Ihm, Meister Rapontiko, denn ich verstehe selbst etwas von dem Rummel, ich bin der Apotheker Daniel Thomasius hierselbst.« So sprach er und erhob sich stolz. Dem Doktor wurde es angst. Kam der Apotheker vielleicht, um ihm auf die Finger zu sehen? Wollte er ihm gar den Verkauf der Medikamente untersagen? Sehr kleinlaut fragte er: »Womit kann ich denn dem Herrn die- nen? Ich will nicht fürchten –« Herr Thomasius lächelte, als er die Angst des Medikus sah. »Lirum, larum,« sprach er, »denke Er nicht, daß ich Ihm den Markt verderben will. Wenn Er meinen klugen Mitbürgern die Groschen aus der Tasche lockt, was kümmert's mich! Nein, ich komme vielmehr, um Ihm etwas zuzuwenden. Lasse er mich ein- mal Seinen Kram besehen, vielleicht finde ich etwas, was ich brauchen kann. Hat Er vielleicht Violenwurz?« » Ireos florentinae radix?« fiel der Doktor ein, »das versteht sich, weiß wie frisch gefallener Schnee. Kommt nur, Ihr werdet stau- nen, wenn Ihr meine Raritäten seht.« Der Doktor, der außerordentlich geschmeidig geworden war, winkte seinem Gehilfen und führte den Apotheker in einen Ver- schlag, wo sich die Niederlage befand. Da sah man allerlei ge- trocknete Kräuter und Wurzeln, außerdem noch eine Menge anderer Gegenstände, Seeigel, Korallen, Zähne vorweltlicher Thiere, verschrumpftes Gewürm und einen Hasen mit sechs Bei- nen. Der Apotheker betrachtete alles genau, kaufte einiges. »Nun will ich Euch meine größte Kuriosität zeigen,« sprach der Medikus, öffnete eine verschlossene Kiste und entnahm dersel- ben ein kleines Kästchen, welches die Gestalt einer Todtenlade hatte; es war mit schwarzem Sammt überzogen und mit silber- nen Flittern geziert. Neugierig streckte Herr Thomasius seine Hand nach dem Särg- lein aus, aber der Arzt ließ dasselbe nicht, er öffnete den Deckel, und der Apotheker sah, auf Wolle gebettet, einen kleinen, brau- nen Wurzelmann, angethan mit einem Scharlachröcklein. »Ein Alraun!« rief entzückt Herr Thomasius, »ein Alraun!« »Ja, ein Alraun, ein Galgenmännlein,« bestätigte der Arzt und schickte sich an, das Särglein zu verschließen. Der Apotheker hielt ihn am Ärmel fest und holte tief Athem. »Wartet, wartet,« sprach er, »laßt mich's doch erst mit Muße be- Er betrachtete die Wurzel wie ein Jüngling den Gegenstand sei- ner ersten Liebe. »Was wollt Ihr für das Galgenmännlein?« rief er dann, »ich kaufe es, sagt schnell, was Ihr dafür haben wollt!« »Es ist mir nicht feil,« antwortete der Doktor und verschloß das »Verkauft mir das Männlein,« bat Herr Thomasius, »ich zahle es gut,« seine Stimme klang weich und flehend wie die eines Kindes, welches bei der Mutter durchsetzen will, daß der Deckel vom Honigtopf weggenommen wird. »Nein,« erwiderte der Medikus, »es bringt mir Unglück, wenn ich es verkaufe; Ihr glaubt nicht, wie schwer es hält, einen ech- ten kräftigen Alraun zu bekommen.« ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 16 von 71 »Ich weiß, ich weiß,« versetzte Herr Thomasius, »aber Ihr kommt weit in der Welt umher und findet sicherlich wieder einen anderen Galgenmann.« »Schwerlich,« sagte der Doktor, »denn wie Ihr wißt, wächst die Wurzel nur auf Richtstätten und muß in der Johannisnacht ge- graben werden. Damit ist's aber nicht abgethan. Soll das Gal- genmännlein zauberkräftig wirken, so muß es von einer reinen Jungfrau um Mitternacht unter tiefem Schweigen gehoben wer- den. Ein Hündlein muß es aus der Erde ziehen, dann schreit es wie ein Kind; und wenn die Jungfer sich entsetzt und einen Laut von sich giebt, oder wenn das Hündlein bellt, so bekommen die bösen Geister Gewalt über die Dirne, und sie ist rettungslos ver- loren. Geht alles soweit gut, und vergißt die Dirne, die Wurzel mit einem Kreuzdorn zusammenzubinden, so verliert sie ihre Kraft, und alles war umsonst.« Der Apotheker hörte nur mit halbem Ohr, was der andere sagte. Er hatte seine Augen auf das Kästchen gerichtet und seinen Beutel gezogen. Jetzt nahm er einen Dukaten heraus und hielt ihn dem Doktor entgegen. Dieser lachte. »Einen Dukaten? Wo denkt Ihr hin?« »Zwei,« bot der Apotheker. Doktor Rapontiko schüttelte den Kopf. »Drei, vier, fünf.« »Zwölf Dukaten, weil Ihr der Apotheker Thomasius seid, nicht mehr und nicht weniger,« sagte endlich der Doktor. »Und dann müßt Ihr mir noch versprechen, mein Hühneraugenpflaster und meine Magenpillen Euren Freunden und Bekannten anzuprei- »Zwölf Dukaten sind viel Geld,« sprach Herr Thomasius nach- denklich, »thut's nicht die Hälfte, nicht sechs?« »Wenn Ihr nicht wollt, so behalte ich meinen Alraun und Ihr Euer Geld, ich trenne mich ohnehin ungern von meinem Gal- »Gebt her, gebt her,« rief der Apotheker leidenschaftlich. Er riß dem Doktor das schwarze Särglein aus der Hand. »Also es gilt, zwölf Dukaten, der Alraun ist mein.« Als es jetzt an's Bezahlen ging, sah Herr Thomasius, daß er nicht genug Geld bei sich habe. Doktor Rapontiko erbot sich, ihm die Wurzel aufzuheben, bis er das Geld geholt habe, aber das mochte der Apotheker nicht, er wollte sein Kleinod nicht mehr aus der Hand lassen, weil er fürchtete, der Handel möchte den Arzt ge- »Hier,« sagte er, »sind vier Dukaten; gebt mir den da,« er wies auf Fritz Hederich, »mit in meine Behausung, daß ich ihm das fehlende Geld einhändige.« Der Doktor war's zufrieden. Er gab dem Apotheker noch einige Verhaltungsmaßregeln in Betreff des Alrauns. Wenn Vollmond eintrete, müsse er gebadet werden, sonst schreie er und geberde sich sehr ungestüm. Herr Thomasius hörte das Geschwätz des Quacksalbers geduldig an und ging dann, gefolgt von Fritz He- derich nach der Löwenapotheke. Er schaute nicht rechts, nicht links und hielt das Särglein mit dem Galgenmann krampfhaft Doktor Rapontiko hatte damals richtig gerechnet, als er den flüchtigen Studenten zum Gehilfen annahm. Fritz Hederich war ein unbezahlbarer Lockvogel für alles, was lange Röcke trug, und seit jener Zeit konnte sich der Arzt nimmer über Mangel an Zu- spruch beklagen. Dem Baccalaureus behagte anfangs das lustige Leben des fahrenden Volkes sehr, er war guter Dinge und lebte in den Tag hinein wie der Vogel auf der Heide. Als aber das Wan- derleben den Reiz der Neuheit für ihn verloren hatte und er das Treiben seiner Gefährten genauer betrachtete, schlug sein Froh- sinn in das Gegentheil um. Der Medikus hatte sich anfangs seinem Gehilfen gegenüber stets einen Schein von Würde und Menschenfreundlichkeit zu geben gewußt, nach und nach ließ er die Hülle fallen und gab sich, wie er war. Da sah denn der Baccalaureus, daß jener nichts war als ein gemeiner Betrüger, dem jedes Mittel, den Leuten das Geld aus der Tasche zu locken, recht war. Er sah mit Schrecken, daß er der Spießgesell eines Gauners geworden war, und trach- tete danach, sobald als möglich frei zu werden. Auf ein Jahr hatte er sich durch Handschlag verpflichtet, und das Jahr wollte und mußte er aushalten; er hörte nicht auf die versuchende Stimme, die ihm zuflüsterte, einem Schurken brauche man nicht das Wort zu halten. Als das Jahr zu Ende ging, sah sich Fritz Hederich nach einem Unterkommen um. Er wollte versuchen, als Schreiber einen Dienst zu bekommen, aber nirgends, wo er anklopfte, ward ihm aufgethan. Entweder machte man Ausflüchte, man sei von der Brauchbarkeit des Bittstellers überzeugt, könne aber keinen Ge- brauch von seinem Anerbieten machen; oder man sagte ihm ge- radezu, einem fahrenden Gaukler wie ihm könne man kein Vertrauen schenken. Fritz Hederich, der um jeden Preis von dem Arzt loskommen wollte, stellte seine Ansprüche tiefer; er bat und flehte um eine geringe dienstliche Stellung; man verweigerte sie ihm und schlug ihm die Thür vor der Nase zu. Einstmals traf er einen ehemaligen Kameraden von der Univer- sität. Diesem gab er sich zu erkennen und erfuhr, daß man nach seiner Flucht aus Zechstädt seinen Namen ans schwarze Brett geschlagen habe, daß er auf hundert Jahre relegirt worden sei. Er ersah auch, daß Doktor Rapontiko damals geflunkert hatte, als er von nachsetzenden Landreitern erzählte. Sein ehemaliger Kommilito sagte, die Herren vom Konsistorio seien im Grunde herzlich froh über die Flucht des Baccalaureus gewesen, weil dadurch dem Ärgerniß ein rasches Ende gemacht worden sei. Als nun Fritz seinen Kameraden bat, ihm zu einem ehrlichen Brot zu verhelfen, zuckte dieser mitleidig die Achseln und brachte die Ausflüchte vor, die jener schon oft hatte vernehmen müssen. Wenn ihm mit einem kleinen Geldgeschenk gedient sei, so wolle er ihm nach Kräften geben. Fritz Hederich dankte und ging traurig seines Weges. Doktor Rapontiko sah recht wohl, was mit seinem Gehilfen vor- ging, und er lachte jedesmal im Stillen, wenn jener von einem seiner vergeblichen Gänge wieder zu ihm zurückkehrte. Er wußte, daß er den Vogel an einer Kette hielt, die fester war als Stahl und Eisen. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 17 von 71 Fritz Hederich wurde immer stiller und schwermüthiger, aber in demselben Maße, als die gesunde Farbe von seinen Wangen wich, stieg sein Werth als Lockvogel. Der arme, todtenblasse junge Mensch in der schwarzen Kleidung war ein noch besseres Anziehungsmittel als der blühende, geschmeidige Bursche von ehemals. Überdies ließen es der Doktor und Balthasar Klipper- ling, der Hanswurst, nicht an geheimnißvollen Andeutungen über Geburt und Abstammung des bleichen Gesellen fehlen, was natürlich viel dazu beitrug, bei den Leuten das Verlangen zu stei- gern, mit dem rätselhaften Menschen in Berührung zu kommen. Zwischen jenem Tage, an welchem der fahrende Arzt den Bac- calaureus schlafend an der Quelle gefunden hatte, und heute lagen sechzehn Monate, und diese Zeit hatte genügt, aus dem lebenslustigen, übermüthigen Studenten einen unglücklichen, schwermüthigen Menschen zu schaffen, der mit sich und der Welt haderte. Fritz Hederich schritt hinter Herrn Thomasius her, der sich im Zickzack seinen Weg durch das Marktgewühl bahnte. Er schaute erst auf, als der Apotheker vor seinem Hause ankam. Jakob der Rabe lief eilfertigen Schrittes auf seinen Herrn zu und grüßte ihn mit wiederholtem Kopfnicken, dann sah er Fritz He- derich von der Seite an und sprach: »Lump!« Der Apotheker lachte. »Das darf Er ihm nicht übel nehmen,« sagte er zu Fritz, und das war das erste Wort, welches er an ihn richtete. »Mit dem Wort ›Lump‹ begrüßt er jeden Fremden, sogar den Herrn Bürgermeister, meinen Gevattersmann. Er kann drei Worte sprechen: ›Jakob‹, so heißt er selbst, ›Lump‹ und –« »Else,« schnarrte der Rabe. »So heißt nämlich meine Tochter,« erklärte der Apotheker; »ist das nicht ein gescheiter Vogel?« Fritz Hederich bejahte das und bückte sich, um den Raben zu streicheln. Jakob duckte sich, machte einen Katzenbuckel und duldete es, daß Fritz ihm mit der Hand über das glänzende Ge- fieder fuhr. »Das wundert mich,« sprach Herr Thomasius, »er ist sonst karg mit seiner Freundschaft. Aber jetzt lasse Er den Raben und komme Er, damit wir unser Geschäft beendigen.« Der Apotheker schritt durch die Offizin und begab sich, gefolgt von Fritz Hederich, in das erste Stockwerk. Fritz wollte beschei- den vor der Thür warten, aber der Apotheker sagte: »Komm' Er nur mit herein.« Wie sie in das Wohnzimmer traten, kam Else ihrem Vater ent- gegen gesprungen, und als sie das sonderbare Kästlein in seiner Hand sah, klatschte sie in die Hände und rief fröhlich aus: »Laß sehen, Vater, was Du mir mitgebracht hast.« »Das ist kein Spielzeug für Dich,« antwortete der Alte, »aber sehen sollst Du's.« Er öffnete das Särglein und zeigte ihr den Wurzelmann. »O das herzige Ding! Gelt, Du schenkst mir's?« »Nein, Else, das bekommst Du nicht. Faß es nicht an! Es ist eine große Rarität, ein Alraun.« Und nun erklärte er weitläufig, was es für eine Bewandtniß mit der Wurzel habe. Else hörte zu, und über das Galgenmännlein hin flog ihr Auge zu dem Baccalaureus, der, den Hut in der Hand, an der Thür stehen geblieben war. »Ja so,« sagte Herr Thomasius, den der fragende Blick seiner Tochter an den Wartenden erinnerte, »den dort hatte ich fast vergessen. Komm' Er her, guter Freund, und nehm' Er sich einen Stuhl. Ich gehe, das Geld zu holen.« Auf dem Tisch stand ein Imbiß, den Else für den Vater herge- richtet hatte. Sie blickte auf den Weinkrug. »Vater, soll ich ihm einen Becher Wein geben?« flüsterte sie leise, »er sieht so krank aus.« Herr Thomasius nickte und ging in's Nebenzimmer. Dem Baccalaureus that die Freundlichkeit des Mannes wohl. Er setzte sich nieder, und als Else ihm einen Becher reichte, trank er hastig den dunklen Wein, aber er sprach kein Wort und sah sein Gegenüber nicht an. Es war lange her, daß Fritz Hederich in einem Zimmer, wie dieses war, gesessen hatte. Der großes grüne Kachelofen, die Schreine mit Schnitzwerk und glänzen- den Schlüsselschildern, das kleine Spiegelglas mit der Pfauen- feder dahinter, die alten, gebräunten Familienbilder mit den Immortellenkränzen, die Töpfe mit Goldlack im Fenster, und der sauber gedeckte Tisch vor ihm, das alles heimelte ihn an und weckte in ihm die Erinnerung an sein elterliches Haus, an seine glückliche Kindheit. Eins Thräne fiel heiß auf seine Wange, und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. »Vorbei, vorbei, verloren auf immer!« Else saß schweigend dem jungen Mann gegenüber; es wurde ihr angst, als sie seine Erregung sah. »Wenn nur der Vater zurück- Er kam, setzte sich in seinen Lehnstuhl und zählte die Goldstü- cke vor sich auf den Tisch. Fritz Hederich rührte die Hand nicht. Der Apotheker griff in die Tasche, holte eine kleine Münze her- vor und reichte sie dem Baccalaureus. »Da hat Er etwas für den Gang. Nun, was wird's, warum nimmt Er das Geld nicht?« »Herr,« sagte Fritz Hederich mit leiser Stimme, »Ihr seid betro- gen; die Wurzel, die Euch der Medikus verkauft hat, ist kein Al- Als hätte er sich auf einen glühenden Schmelztiegel gesetzt, so fuhr der Apotheker von seinem Sitz auf. »Was sagt Er? Kein Alraun? Was denn sonst?« »Eine Zaunrübe,« sagte Fritz Hederich. »Der Doktor hat solcher Wurzeln wohl an die hundert; er versteht's, sie herzurichten, daß sie wie Alraunwurzeln aussehen. Glaubt mir's, er betrügt »Ei da soll doch gleich –« schrie Herr Thomasius und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Teller und Gläser zusammen- klirrten. »Der infame Spitzbube der, der Betrüger! An den Galgen muß er mitsammt seinen hundert falschen Galgenmännlein, an den Galgen!« »Vater!« mahnte Else ängstlich. Der Apotheker kam zu sich. Er sah bald auf den Wurzelmann im Särglein, bald auf den Baccalaureus. Sein Gesicht nahm allmäh- ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 18 von 71 lich wieder den gewöhnlichen Ausdruck an. »Es ist brav von Ihm,« sagte er dann zu Fritz Hederich, »daß er mir reinen Wein einschenkt. Er scheint mir ein ehrlicher Kerl zu sein; geb' Er mir Seine Hand.« Fritz reichte dem Apotheker die Hand, und in seinem Kopf blitzte der Gedanke auf: wenn dich dieser Mann rettete! »Nehme Er die Wurzel wieder mit,« sprach Herr Thomasius jetzt in ganz ruhigem Ton, »oder halt! ich will selber mit Ihm gehen und Seinem Herrn die Meinung sagen.« Er setzte seinen Hut auf und ergriff das lange Rohr. »Komm' Er!« »Herr,« sprach Fritz Hederich mit zager Stimme, »erweist mir die Gunst und gewährt mir eine Unterredung unter vier Augen.« »Was will Er noch?« fragte Herr Thomasius verwundert. »Indes- sen, Er hat mich vor Schaden bewahrt, darum ist es billig, daß ich Ihm gefällig bin. Komm' Er mit mir da herein.« Else war allein in der Wohnstube zurückgeblieben. Sie betrach- tete das falsche Galgenmännlein noch einmal recht mit Muße, dann nahm sie es aus dem Särglein, versuchte es auf seine Füße zu stellen, und freute sich, wenn der Wurzelmann umpurzelte. Bald aber ward sie des Spiels überdrüssig, sie bettete das kleine Ding wieder in seine Lade und schloß den Deckel. Der Fremde blieb lange bei dem Vater; was er ihm wohl mitzutheilen hatte? Und wie krank der arme Junge aussah! Vielleicht konnte ihm der Vater helfen, denn der Vater – das sagten alle Leute – ver- stand von der Heilkunst mehr als zwölf Doktoren. Else ging nach der Thür. Horchen – das wäre nicht fein, aber wenn man zufäl- liger Weise ein Wörtlein aus dem Gespräch hörte, das wäre wohl kein großes Unglück. Im nächsten Augenblick hatte sie ihre schwere Flechte zurückgeschoben und ihr kleines, rosenfarbiges Ohr an das Thürschloß gedrückt. Das waren merkwürdige Dinge, die der Fremde erzählte. Vom Teufel, vom Tod und vom Scharfrichter sprach er. – Else bekam die Gänsehaut. Weiter hörte sie, wie der Vater sagte: die Narren die, – was Teufel – der giftige Dampf, der hat's gethan. – Else richtete sich auf, aber gleich darauf neigte sie ihren blonden Kopf wieder zu der Thür, und jetzt blinzelte sie zur Abwechselung durch das Schlüssel- loch. Der Fremde nahm aus seiner Brusttasche ein Päcklein; er entfernte das umhüllende Tuch, entfaltete ein großes Pergament und reichte es dem Vater. Dieser las und nickte während des Le- sens mit dem Kopf. – Ich helfe Euch, sprach jetzt der Vater, da habt Ihr meine Hand, Herr Baccalaureus. Er hatte es so laut ge- sprochen, daß Else erschreckt aufgefahren war. Als Herr Thomasius gleich darauf in das Zimmer trat, stand Else, den Rücken der Thür zukehrend, am Tisch und betrachtete an- gelegentlich das Kästchen mit dem Wurzelmann. Als sie auf- blickte, kam ihr der Vater viel größer vor als sonst; er schritt kerzengerade wie ein Grenadier aus der Kammer, hinter ihm trat Fritz Hederich in das Zimmer, sein Gesicht zeigte eine helle Röthe, seine Augen glänzten. Herr Thomasius nahm das schwarze Särglein und gab seiner Tochter den Auftrag, die Du- katen aufzuheben, dann ergriff er seinen Stock und entfernte sich mit seinem Begleiter. Drunten in der Offizin öffnete der Apotheker einen Kasten und hielt dem Baccalaureus eine Hand voll dürren Krautes vor die Nase. »Was ist das?« »Tormentille.« »Gut, was ist das?« Fritz Hederich wußte wiederum Bescheid. Das Examen wurde weiter fortgesetzt, und immer waren die Antworten richtig. »Ihr scheint nichts verschwitzt zu haben. Nun aber merkt auf! Was ist das?« Fritz Hederich nahm die getrockneten Blätter in die Hand, be- roch sie und sagte dann: »Das Kraut schaut aus wie Cicuta, ist's aber nicht, sondern Käl- » Optime,« erwiderte der Apotheker und klopfte den Baccalau- reus auf die Schulter. »Mein voriger Subjekt hat sich anführen lassen und das Kraut für Cicuta gekauft. Jetzt wollen wir's sein lassen, morgen werde ich sehen, wie Ihr in der Rezeptirkunst beschlagen seid. Zuvörderst wollen wir mit dem saubern Herrn Rapontiko unsere Rechnung in's Gleiche bringen.« Er schwang seinen Stock, wie ein Feldherr seinen Degen, und trat mit Fritz Hederich auf die Straße. Dieser sagte unterwegs zu seinem Beschützer, er fürchte einen heftigen Auftritt von Sei- ten des Doktors; derselbe werde ihn jedenfalls nicht gern ziehen lassen, er werde keinen Anstand nehmen, seine, des Baccalau- reus Vergangenheit bekannt zu machen, und dann stehe es schlimm um ihn. Der Apotheker sprach ihm Muth ein: »Ich bin Senator der Stadt Finkenburg, und der Bürgermeister ist mein Gevatter, da müßte es nicht mit rechten Dingen zuge- hen, wenn es mir nicht gelänge, Euch dem Alraunfalsarius aus den Zähnen zu nehmen.« Die beiden Männer kamen zu des Doktors Bude und stiegen die Treppe hinauf. Der Arzt stand an der Galerie und machte einen tiefen Bückling, als der Apotheker das Gerüst betrat. »Wenn Er glaubt, ich bringe Ihm das Geld, so ist Er auf dem Holz- wege,« begann Herr Thomasius. »Hier hat Er seinen Alraun, oder vielmehr seine Zaunrübe, und nun gebe Er mir meine vier Dukaten wieder.« Doktor Rapontiko machte ein verblüfftes Gesicht. »Ich weiß nicht, was Ihr wollt,« brachte er endlich hervor, »Ihr glaubt doch »Papperlapapp!« fiel der Apotheker ein, »gebe Er mir im Augen- blick mein Geld, oder Er soll sehen, was geschieht!« Der Medikus warf seinem Gehilfen einen giftigen Blick zu, griff in die Tasche und reichte dem Apotheker die Goldstücke. Dieser besah sie genau und steckte sie dann ein. »So,« sagte er, »das wäre abgethan. Nun sei Er so gut und rechne Er mit diesem da ab, denn ich nehme ihn mit mir.« Der Doktor stand starr wie der Sankt Jörg auf dem Marktbrun- nen von Finkenburg. »Ja, Meister,« sprach Fritz Hederich, »erlaubt, daß ich meine Siebensachen hole, ich verlasse Euch und wünsche Euch alles Der Doktor wechselte die Farbe und lachte gezwungen. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 19 von 71 »Herr,« sprach er zu dem Apotheker gewandt, »es ist wohl Euer Ernst nicht?« »Ob es mein Ernst ist!« sagte Herr Thomasius und stieß seinen Stock auf den Boden. »Glaubt Er, daß ich Spaß mit Ihm treibe?« »Was,« schrie der Arzt, und sein Gesicht wurde kirschbraun, »den da wollt Ihr zu Euch nehmen, den Bettelstudenten, den Teufelsbeschwörer?« Die Leute, die vor der Bude standen, horchten auf. Fritz Hederich ballte krampfhaft die Fäuste. »Nehm' Er sich in Acht!« rief der Apotheker. »Sonst lasse ich Ihn einstecken mit sammt seinem falschen Galgenmann, Er er- bärmlicher Quacksalber Er!« Bei diesen Worten verlor der Doktor seine Selbstbeherrschung; seine schwarzen Augen rollten, seine Zähne knirschten. Er sprang auf den Apotheker zu und führte in der Wuth mit seinem schweren Stocke einen Schlag gegen ihn. Aber Fritz Hederich warf sich dazwischen und fing den Streich mit dem Arme auf. Der Doktor raste wie eine wilde Bestie. Blitzschnell hatte er sein Messer gezogen, und wer weiß, welch' üblen Ausgang die Sache genommen hätte, wenn nicht plötzlich kräftige Fäuste den Wü- thenden von hinten gepackt und niedergerissen hätten. Die gaffende Menge hatte anfangs mit stummer Verwunderung zugesehen, wie einer der angesehensten Bürger mit dem Doktor heftige Worte wechselte, als aber letzterer zu Tätlichkeiten über- ging, waren im Nu ein paar Bursche die Treppe hinaufgesprun- gen, und von diesen wurde jetzt der Doktor festgehalten, als ob er in einem Schraubstock säße. Wie anderwärts, so war es auch in Finkenburg Sitte, daß jede Volksbelustigung durch eine Prügelei ihren würdigen Abschluß fand. Eine Rauferei gehörte zum Markte, wie das Amen zur Pre- Die mißvergnügten Stadtknechte, die in ihrer zeisiggrünen Uni- form vor dem Rathhause herumlungerten, hatten im Laufe des Nachmittags mehrmals die guten alten Zeiten berufen, da an Markttagen mindestens ein Mann erschlagen wurde. Jetzt schien ihr Weizen zu blühen, denn von der Bude des Arztes her erscholl Schreien und Toben. Die Stadtknechte kamen eben dazu, als der Streit durch das Dazwischentreten der Bürger be- endigt war. Sie ließen sich den Hergang erzählen, dann eignete sich einer von ihnen den Stock, der andere das Messer des Dok- tors an, die übrigen packten diesen selbst. Sie wollten auch den Gehilfen und den Hanswurst mit sich nehmen, aber Balthasar Klipperling hatte sich wohlweislich aus dem Staube gemacht, und für Fritz Hederich erklärte der Senator und Apotheker Tho- masius Bürgschaft leisten zu wollen. Die Stadtknechte machten Schwierigkeiten, da erschien aber zum Glück der Herr Bürger- Der Apotheker sprach angelegentlich mit ihm, die beiden Herren schüttelten sich die Hände, und Fritz Hederich erhielt die Wei- sung, sein Bündel aus der Bude zu holen. Er raffte seine Habseligkeiten zusammen und schickte sich an, mit seinem Gönner den Schauplatz zu verlassen. Herr Thoma- sius hielt ihn noch zurück und machte ihn aufmerksam auf das, was jetzt vorging. An die Stange, welche das Gemälde mit den Versen trug, wurde eine Leiter gelegt und das Bild herunterge- nommen, dann kamen Männer mit Hammer und Nägeln und na- gelten die Bude des Doktors zu. Als Fritz Hederich mit dem Apotheker an dem Rathhause vorü- berging, sahen sie eine große Menschenmenge vor demselben versammelt, und Herr Thomasius sagte: »Wenn Ihr Abschied von Eurem bisherigen Meister nehmen wollt, so bemüht Euch dorthin.« Vor dem Rathhaus stand ein hölzerner Esel, und auf dem Esel ritt im Scharlachrocke der Doktor Rapontiko. Er saß da mit ge- senktem Haupt und zerbiß in ohnmächtigem Grimm die Unter- lippe. Der Janhagel, der kurz vorher mit andächtigem Maulaufsperren den Medikus betrachtet hatte, jauchzte und gröhlte und bewarf die gefallene Größe mit allen Stoffen, die ihm just zur Hand waren. »So werden bei uns die bestraft, die den Marktfrieden brechen,« sagte Herr Thomasius und lenkte in die Hauptstraße, wo dem Baccalaureus die Löwenapotheke winkte, wie das Land dem Schiffbrüchigen. »Hanne,« sprach Herr Thomasius, als er nach Hause gekommen war, »das ist mein neuer Subjekt, Herr Hederich. Führe Sie ihn in seine Stube. – Morgen früh um halb sechs Uhr,« fuhr er zu dem Baccalaureus gewendet fort, »kommt Ihr zum Frühstück zu mir, dann will ich Euch sagen, was Ihr zu thun habt. Heute Abend bleibt Ihr in Eurer Stube, die Hanne wird Euch Euer Abendbrot bringen. Gehabt Euch wohl und nehmt Euch zusam- men, damit wir gute Freunde werden.« Herr Thomasius ging, und Hanne geleitete den neuen Subjekt in seine Stube. Spät am Abend saß die alte Schaffnerin noch bei der blonden Else. Vom Wurzelpeter hatte Hanne erfahren, was sich auf dem Markte zugetragen, und nun berichtete sie ihrem Herzblatt das Gehörte und noch einiges, welches ihr die Phantasie eingab. »Und wie manierlich und fein er ist! Denk Dir, Else, wie, ich ihm das Bett überzogen und Trinkwasser gebracht habe, hat er gesagt: »Ich dank' Euch, Jungfer Hanne!« Der vorige Subjekt hat mich immer nur schlechtweg »Hanne« genannt, und »schön Dank« oder so etwas hab' ich niemals von ihm gehört. – Gieb Acht, Else, der neue Subjekt ist kein richtiger Subjekt, der ist was viel Besseres!« Else machte große Augen. »Meine Mutter, Gott hab' sie selig,« fuhr Hanne fort, »hat mir einmal eine Geschichte erzählt von einem Gärtner, der hat eine schöne Tochter gehabt, und da ist einmal ein junger Gesell ge- kommen, der hat sich als Knecht bei dem Gärtner verdingt und – so genau weiß ich die Geschichte nicht mehr – kurz und gut, er ist ein Königsohn gewesen und hat das Mädchen geheirathet, und sie ist eine Königin geworden. Else, denk' an mich, der Vater hat's auch gesagt, hinter dem jungen Gesellen steckt etwas, wenn's auch just kein Prinz ist.« Else lachte, die alte Hanne küßte ihren Liebling und ging mit ihrem Öllämpchen aus der Kammer. Else vergrub sich in die Fe- ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 20 von 71 derkissen und träumte vom Galgenmännlein. Unter ihr im Erdgeschoß lag Einer, der schlief einen Schlaf ohne Traum, so sanft und wohlig wie vor Jahren, da ihm noch seine Mutter allabendlich das Kopfkissen schüttelte Viertes Kapitel. In der Löwenapotheke. Der Herbst war ins Land gekommen. Die Laubbäume, die den Sommer über ihren Blätterschmuck kräftig gegen den anstür- menden Wind vertheidigt hatten, wurden müde und schwach und überließen ihre vergilbten Blätter dem Meister Boreas, der sie lustig über die Wege tanzen ließ. Die Schwalben hielten große Volksversammlungen auf dem Dach der Löwenapotheke und rathschlagten über den Tag der Abreise. Jakob, der Rabe, spazierte auf seiner Treppe auf und ab und betrachtete das Schwalbenvolk mit geringschätzigen Blicken. »Lump, Lump, Lump!« sagte er, und in der Rabensprache setzte er hinzu: »Bleibe im Lande und nähre dich redlich, ich lobe mir eine feste Anstellung.« Ähnliches dachte Fritz Hederich. Es war ihm zu Muthe, wie Einem, der aus bösem Traum erwacht. Eifrig erfüllte er seine Pflicht, und wenn die Mörser erklangen, wenn die Flammen unter den Kolben und Tiegeln prasselten, so däuchte ihm das liebliche Musik, und es war ihm, als ob durch das einförmige Geräusch die Weise des Wiegenliedes vom schwarzen und wei- ßen Schaf leise klinge. Doktor Rapontiko war nach überstandener Strafe mit seinem Hanswurst, Balthasar Klipperling, eiligst von dannen gezogen, ohne, wie Fritz Hederich und sein nunmehriger Prinzipal be- fürchtet hatten, eine Bosheit auszulassen. Fritz hatte sich rasch in die neue Thätigkeit gefunden, und Herr Thomasius hatte seine Freude an dem fleißigen Gehilfen. An- fangs hatte er wohl ein scharfes Auge auf den Subjekt; als er aber inne ward, daß derselbe seine Sache verstehe, so ließ er ihn gewähren und kam des Tages nur für eine oder zwei Stun- den in die Offizin. Außer dem Laboratorium, in welchem Fritz Hederich hantirte, hatte Herr Thomasius ein zweites, in wel- chem er allein arbeitete. Niemand durfte die Schwelle desselben überschreiten, und immer war die Thür verschlossen. Zuweilen arbeitete Herr Thomasius mehrere Tage ununterbrochen in dem geheimen Gemach, dann mußte ihm die alte Hanne das Essen durch ein Schiebfensterlein reichen. Die alte Hanne war die Gönnerin des neuen Herrn Subjekts von der Stunde an, da dieser zum erstenmal das Haus betreten hatte. In den ersten Tagen betrachtete sie ihn mit gespannter Miene, es war ihr immer, als müsse er plötzlich seine Hülle abwerfen und sich als ein goldener Prinz entpuppen. Da aber nichts der- gleichen geschah, vielmehr Fritz Hederich sich um nichts als um die seiner Obhut anvertrauten Büchsen und Phiolen küm- merte, so verlor er in den Augen der Schaffnerin allerdings von Tag zu Tag mehr von seinem Nimbus, aber keineswegs etwas von ihrer Zuneigung. Diese bethätigte sie vorläufig dadurch, daß sie ihm jeden abgesprungenen Knopf sofort wieder annähte und ihm Busenstreifen und Manschetten mit einem Lockeisen kräu- Mit Else kam der Baccalaureus nur Mittags zusammen. Herr Thomasius saß da am oberen Ende des Tisches, rechts von ihm Else, links der Magister Xylander und neben diesem Fritz Hede- rich. Das Tischgespräch drehte sich stets um solche Dinge, die dem letzteren fern lagen, und so nahm er denn sein Mahl meist schweigend ein. Er hatte mit Else noch kein Wort gesprochen, außer wenn er ihr die Tageszeit bot, und Else dankte ihm dann jedesmal mit einem kurzen Kopfnicken. Sie ist hochmüthig, dachte Fritz Hederich. Er ist ein Stock, dachte Else. Was den Magister Xylander betrifft, so war er in der ersten Zeit sehr zurückhaltend gegen den neuen Hausgenossen gewesen, nachdem er aber vom Apotheker vernommen hatte, daß der Sub- jekt ein Studirter, ja sogar Baccalaureus sei, hatte er sich ihm genähert und gefunden, daß Fritz Hederich ein Mensch sei, mit dem man ein vernünftiges Wort sprechen könne. Der Magister fühlte sich in dem Hause des Herrn Thomasius sehr behaglich, aber etwas hatte er bisher vermißt, und der neue Subjekt schien ganz geeignet, die Lücke ausfüllen zu können. Herr Hieronymus Xylander war, wie wir wissen, Lehrer am Fin- kenburger Lyceo, und er erfüllte seine Pflicht gewissenhaft. Als seinen eigentlichen Beruf aber sah er das Lehramt nicht an, er betrachtete es eben nur als Milchkuh, und sein Hoffen war auf etwas ganz Anderes gerichtet. In seinem Museo hing unter Glas und Rahmen ein Holzschnitt, welcher einen Mann darstellte, der einen Lorbeerkranz trug. Dieser Mann war kein anderer, als der hochberühmte, gekrönte Dichter Martin Opitz von Boberfeld. Unter dem Bild hing, gleich- falls unter Glas, ein Blatt Papier, auf welchem stand: Über Herrn Martin Opitzen auf Boberfeld sein Ableben. »So zeuch denn hin in dein Elyserfeld, Du Pindar, du Homer, du Maro unsrer Zeiten, Und untermenge dich mit diesen großen Leuten, Die ganz in deinen Geist sich hatten hier verstellt. Zeuch jenen Helden zu, du jenen gleicher Held, Der jetzt nichts Gleiches hat, du Herzog deutscher Saiten, O Erbe durch dich selbst der steten Ewigkeiten, O ewiger Schatz und auch Verlust der Welt. Germania ist todt, die Herrliche, die Freie, Ein Grab verdecket sie und ihre ganze Treue, Die Mutter, die ist hin. Hier liegt nun auch ihr Sohn, Ihr Rächer und sein Arm. Laßt, laßt nur alles bleiben, Ihr, die ihr übrig seid, und macht euch nur davon; Die Welt hat wahrlich mehr nichts Würdig's zu beschreiben. Paul Flemming.« Zu dem Bild des gekrönten Poeten blickte der Magister oft mit sehnendem Auge empor und fuhr sich dann mechanisch mit der ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 21 von 71 Hand über den Kopf, wo freilich kein Lorbeer, sondern nur spär- liches blondes Haar zu finden war. Der Magister Xylander war ein Dichter, dem nichts fehlte als die Anerkennung, aber er gab die Hoffnung nicht auf und arbeitete unverdrossen. Wenn er nun ein Poem gedichtet, ausgefeilt und sauber abge- schrieben hatte, so wollte er es natürlich auch jemandem vorle- sen, aber da erging es ihm übel. Anfangs hatte er dazu die Tochter des Herrn Thomasius ausersehen. Als er nach Finken- burg gezogen war und sein Quartier in der Löwenapotheke auf- geschlagen hatte, war Else eben zum ersten Male an den Tisch des Herrn getreten und also vom Schulbesuche losgesprochen. Herr Thomasius hatte den Magister gebeten, er möge, wenn er wolle und Zeit habe, hin und wieder seiner Else einige Beleh- rung über allerlei wissenswerthe Dinge angedeihen lassen, und der Magister hatte sich auch bereit dazu erklärt. Er erzählte der blonden Else vom Perserkönig Xerxes, vom Stachelschwein, von den ägyptischen Pyramiden, vom feuerspeienden Berg Vesuvius, von Romulus und Remus, von den Menschenfressern, von Dio- genes, vom Walfisch und noch manchem Anderen, und Else hörte gern zu. Als aber der Magister anfangen wollte, seine Schülerin in die Gesetze der Poeterei einzuführen, und ihr seine Gedichte vorlas, begann sie zu gähnen und zum Fenster hinaus- zusehen, ja sie erklärte ihm rund heraus, sie langweile sich, alle Lieder, die man nicht sänge, seien ihr zuwider. Der Magister wollte sie eines Bessern belehren, aber Else blieb dabei, die Poe- sie sei langweilig, und ihr Vater bestärkte sie in dieser Ansicht, indem er dem Magister eines Tages sagte, er könne nicht be- greifen, wie ein verständiger Mann solche Allotria treiben möge. Seit dieser Zeit behielt der Magister seine Perlen für sich, und wenn er durchaus nicht anders konnte, so deklamirte er seine Carmina des Abends, wenn alles schlief, den vier Wänden seines Musei und blickte dabei abwechselnd in den Spiegel und auf das Bild des Boberschwans. Seitdem Fritz Hederich in die Löwenapotheke eingezogen, brauchte der Magister nicht mehr den tauben Wänden zu pre- digen. Der Subjekt lieh ihm nicht nur willig sein Ohr, sondern er zeigte sogar Verständniß für die Schönheiten der Xylandri- schen Poesei. Mehrmals in der Woche, wenn die Offizin geschlossen war, stieg Fritz Hederich mit seiner Lampe hinauf in den zweiten Stock, wo ihn der Magister in seinem Museo erwartete. Da war es gar wohnlich und traulich. Im Ofen prasselten mächtige Scheite, und nahe beim Ofen stand ein großer Lehnstuhl für den Herrn Subjekt. Auf dem Tische neben der Lampe lag eine giftgrüne Mappe, welche die Manuskripte des Magisters barg, und etwas abseits stand eine bauchige Flasche nebst zwei Gläsern. Wäh- rend der Magister eins seiner langen Helden- oder Lehrgedichte vortrug, lehnte sich der müde Fritz behaglich im Lehnsessel zu- rück, nahm hin und wieder einen Schluck und ließ seine Ge- danken spazieren gehen. Machte der Magister eine Pause, so murmelte Fritz halblaut: »Vortrefflich, sehr gut gesagt!« oder etwas dergleichen. Und wenn er gar um sein Urtheil befragt wurde, so pflegte er zu antworten: »Ich bin zwar kein feiner Ken- ner, Herr Magister, aber mein Gefühl sagt mir, daß –« So weit kam er jedesmal, dann fiel ihm der Magister in die Rede und sprach: »Ihr wollt sagen, Herr Baccalaureus –« und nun entwi- ckelte er seine eigene Ansicht, und Fritz Hederich nickte mit dem Kopfe und sagte: »So meinte ich's.« Der Magister hatte also auch Ursache, mit dem Baccalaureus zufrieden zu sein, und er äußerte oft gegen Herrn Thomasius, er solle sich glücklich schätzen, einen solchen Subjekt zu besit- zen, worauf ihm einmal der Apotheker trocken erwiderte: der Subjekt Hederich sei allerdings ein sehr geschickter Mensch, hoffentlich sei er auch gescheit genug, sich durch die Poeterei nicht verderben zu lassen. Es waren ruhige Tage, welche die Insassen der Löwenapotheke, vom Hausherrn bis herab zu Jakob, dem Raben, verlebten. Draußen wirbelten die Flocken; die steinernen Männer, mit denen das Haus geziert war, und der Löwe neben der Thür tru- gen weiße Kappen, und Jakob hinterließ bei seinen Spaziergän- gen zierliche Fußtapfen. Die Finkenburger gingen einher in großen, mit vielen Krägen versehenen Mänteln, alle hatten Nasen, wie der Wirth zur gol- denen Gans, dessen Zinken auch zur Sommerzeit, nicht nur im Winter, wenn es schneite, funkelte wie auf dem Kirchendach der Wetterhahn im Abendsonnenschein. In der Löwenapotheke war starke Nachfrage nach Mitteln gegen Frostbeulen, und der Lehrling des Herrn Thomasius verabreichte die lindernde Salbe mit Händen, die roth wie gesottene Krebse und unförmlich wie Bärentatzen waren. Er trug seine Leiden mit Geduld, denn er wußte, daß er von Herrn Thomasius zum Weihnachtsgeschenk ein Paar Fäustlinge erhalten werde. Wie im Innern der Löwenapotheke die Tage, Wochen und Monde sich gleichmäßig abhaspelten, so auch draußen in Stadt und Im Wirthshaus zur goldenen Gans, wo sich im Herrenstübchen allabendlich die Patrizier der Stadt Finkenburg versammelten, wurde zwar hin und wieder von Kriegsgefahr und kommenden schweren Zeiten gesprochen, aber der Herr Bürgermeister ver- jagte alle Sorgen mit der bündigen Versicherung, daß man Frie- den halten werde, und er mußte es doch wissen. Der Winter neigte sich seinem Ende zu, und der Schnee schmolz. Die Ammer trat, wie sie das seit Jahrhunderten gethan hatte, über und hemmte für einige Tage den Verkehr; den Wei- den entsproßten silberne Kätzchen, und die Grenadiere, die vor dem fürstlichen Schlosse schilderten, trugen keine Mäntel mehr. Auf den von Schnee befreiten Plätzen sammelten sich die Kin- der, um ihre Frühlingsspiele, Ball- und Reifenschlagen, zu be- ginnen. Der saftige Weidenbaum mußte seine Zweige zu Pfeifen und Schalmeien hergeben, und nun quiekte und dudelte die Fin- kenburger Jugend um die Wette mit den Spatzen, die dem rau- hen Winter mannhaft Stand gehalten hatten und jetzt dem abziehenden den Reisemarsch pfiffen. Da geschah etwas, was sich die ärgsten Schwarzseher aus dem Herrenstübchen der gol- denen Gans nicht hatten träumen lassen. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 22 von 71 Fürst Mauritius starb plötzlich, und das Land mußte nun an Am- merstadt fallen. Die Finkenburger waren sehr niedergeschlagen, denn jetzt war es um den Glanz der Stadt gethan. Fürst Rochus war überdies bekannt als ein Mann, der Neuerun- gen liebe: hatte er doch in Ammerstadt das Amt des Kuhhirten und das des Nachtwächters, welche seit undenklichen Zeiten in einer Person vereinigt gewesen, eigenmächtig getrennt, anderer Reformen von geringerer Tragweite nicht zu gedenken. Er erließ zwar sofort nach dem Tode seines Vetters ein Manifest, in wel- chem er gelobte, die Rechte der Stadt Finkenburg zu wahren und alljährlich einige Monate in Finkenburg zu residiren, aber die Bürger sahen doch mit trüben Blicken in die Zukunft. Rochus, Fürst von Ammerstadt-Finkenburg war ein kluger Herr; wohlweislich ließ er in Finkenburg vorläufig alles beim alten, sogar von seinem Vorsatz, die citrongelbe Montur der Finken- burger Grenadiere mit der kleidsameren apfelgrünen des Am- merstädter Heeres zu vertauschen, stand er einstweilen ab, wodurch er sich rasch in der Gunst der Finkenburger festsetzte. Auf dem Marktbrunnen stand ein steinerner Sankt Georg mit dem Lindwurm, beide, Ritter und Drache, waren aber vom Zahn der Zeit arg mitgenommen, und aus dem Rachen des Ungeheu- ers sproß lustig Gras und Unkraut. Der Fürst ließ die Gruppe entfernen und an ihrer Statt ein Standbild des hochseligen Herrn errichten. Das Denkmal ward feierlich enthüllt, und als der Prediger den Bürgern in einer blumenreichen Rede die väterliche Liebe des neuen Landesherrn zu Gemüth führte, die sich eben in der Er- richtung dieses Monumentes manifestirte, da standen sie alle tief ergriffen um den Brunnenkasten herum, und als dann der Bürgermeister ein dreimaliges Hoch auf den Landesvater aus- brachte, da stimmten sie alle aus vollem Herzen und Halse ein, bis auf Einen. Dieser Eine war der Magister Hieronymus Xylander. Als Ordina- rius der Quarta hatte er seine Klasse zu der Einweihung des Standbildes führen müssen, aber als das Vivatgeschrei der Üb- rigen erschallte, heuchelte er einen heftigen Hustenanfall; er hatte mit dem Fürsten Rochus seinen Frieden noch nicht ge- Viertes Kapitel. In der Löwenapotheke. Der Herbst war ins Land gekommen. Die Laubbäume, die den Sommer über ihren Blätterschmuck kräftig gegen den anstür- menden Wind vertheidigt hatten, wurden müde und schwach und überließen ihre vergilbten Blätter dem Meister Boreas, der sie lustig über die Wege tanzen ließ. Die Schwalben hielten große Volksversammlungen auf dem Dach der Löwenapotheke und rathschlagten über den Tag der Abreise. Jakob, der Rabe, spazierte auf seiner Treppe auf und ab und betrachtete das Schwalbenvolk mit geringschätzigen Blicken. »Lump, Lump, Lump!« sagte er, und in der Rabensprache setzte er hinzu: »Bleibe im Lande und nähre dich redlich, ich lobe mir eine feste Anstellung.« Ähnliches dachte Fritz Hederich. Es war ihm zu Muthe, wie Einem, der aus bösem Traum erwacht. Eifrig erfüllte er seine Pflicht, und wenn die Mörser erklangen, wenn die Flammen unter den Kolben und Tiegeln prasselten, so däuchte ihm das liebliche Musik, und es war ihm, als ob durch das einförmige Geräusch die Weise des Wiegenliedes vom schwarzen und wei- ßen Schaf leise klinge. Doktor Rapontiko war nach überstandener Strafe mit seinem Hanswurst, Balthasar Klipperling, eiligst von dannen gezogen, ohne, wie Fritz Hederich und sein nunmehriger Prinzipal be- fürchtet hatten, eine Bosheit auszulassen. Fritz hatte sich rasch in die neue Thätigkeit gefunden, und Herr Thomasius hatte seine Freude an dem fleißigen Gehilfen. An- fangs hatte er wohl ein scharfes Auge auf den Subjekt; als er aber inne ward, daß derselbe seine Sache verstehe, so ließ er ihn gewähren und kam des Tages nur für eine oder zwei Stun- den in die Offizin. Außer dem Laboratorium, in welchem Fritz Hederich hantirte, hatte Herr Thomasius ein zweites, in wel- chem er allein arbeitete. Niemand durfte die Schwelle desselben überschreiten, und immer war die Thür verschlossen. Zuweilen arbeitete Herr Thomasius mehrere Tage ununterbrochen in dem geheimen Gemach, dann mußte ihm die alte Hanne das Essen durch ein Schiebfensterlein reichen. Die alte Hanne war die Gönnerin des neuen Herrn Subjekts von der Stunde an, da dieser zum erstenmal das Haus betreten hatte. In den ersten Tagen betrachtete sie ihn mit gespannter Miene, es war ihr immer, als müsse er plötzlich seine Hülle abwerfen und sich als ein goldener Prinz entpuppen. Da aber nichts der- gleichen geschah, vielmehr Fritz Hederich sich um nichts als um die seiner Obhut anvertrauten Büchsen und Phiolen küm- merte, so verlor er in den Augen der Schaffnerin allerdings von Tag zu Tag mehr von seinem Nimbus, aber keineswegs etwas von ihrer Zuneigung. Diese bethätigte sie vorläufig dadurch, daß sie ihm jeden abgesprungenen Knopf sofort wieder annähte und ihm Busenstreifen und Manschetten mit einem Lockeisen kräu- Mit Else kam der Baccalaureus nur Mittags zusammen. Herr Thomasius saß da am oberen Ende des Tisches, rechts von ihm Else, links der Magister Xylander und neben diesem Fritz Hede- rich. Das Tischgespräch drehte sich stets um solche Dinge, die dem letzteren fern lagen, und so nahm er denn sein Mahl meist schweigend ein. Er hatte mit Else noch kein Wort gesprochen, außer wenn er ihr die Tageszeit bot, und Else dankte ihm dann jedesmal mit einem kurzen Kopfnicken. Sie ist hochmüthig, dachte Fritz Hederich. Er ist ein Stock, dachte Else. Was den Magister Xylander betrifft, so war er in der ersten Zeit sehr zurückhaltend gegen den neuen Hausgenossen gewesen, ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 23 von 71 nachdem er aber vom Apotheker vernommen hatte, daß der Sub- jekt ein Studirter, ja sogar Baccalaureus sei, hatte er sich ihm genähert und gefunden, daß Fritz Hederich ein Mensch sei, mit dem man ein vernünftiges Wort sprechen könne. Der Magister fühlte sich in dem Hause des Herrn Thomasius sehr behaglich, aber etwas hatte er bisher vermißt, und der neue Subjekt schien ganz geeignet, die Lücke ausfüllen zu können. Herr Hieronymus Xylander war, wie wir wissen, Lehrer am Fin- kenburger Lyceo, und er erfüllte seine Pflicht gewissenhaft. Als seinen eigentlichen Beruf aber sah er das Lehramt nicht an, er betrachtete es eben nur als Milchkuh, und sein Hoffen war auf etwas ganz Anderes gerichtet. In seinem Museo hing unter Glas und Rahmen ein Holzschnitt, welcher einen Mann darstellte, der einen Lorbeerkranz trug. Dieser Mann war kein anderer, als der hochberühmte, gekrönte Dichter Martin Opitz von Boberfeld. Unter dem Bild hing, gleich- falls unter Glas, ein Blatt Papier, auf welchem stand: Über Herrn Martin Opitzen auf Boberfeld sein Ableben. »So zeuch denn hin in dein Elyserfeld, Du Pindar, du Homer, du Maro unsrer Zeiten, Und untermenge dich mit diesen großen Leuten, Die ganz in deinen Geist sich hatten hier verstellt. Zeuch jenen Helden zu, du jenen gleicher Held, Der jetzt nichts Gleiches hat, du Herzog deutscher Saiten, O Erbe durch dich selbst der steten Ewigkeiten, O ewiger Schatz und auch Verlust der Welt. Germania ist todt, die Herrliche, die Freie, Ein Grab verdecket sie und ihre ganze Treue, Die Mutter, die ist hin. Hier liegt nun auch ihr Sohn, Ihr Rächer und sein Arm. Laßt, laßt nur alles bleiben, Ihr, die ihr übrig seid, und macht euch nur davon; Die Welt hat wahrlich mehr nichts Würdig's zu beschreiben. Paul Flemming.« Zu dem Bild des gekrönten Poeten blickte der Magister oft mit sehnendem Auge empor und fuhr sich dann mechanisch mit der Hand über den Kopf, wo freilich kein Lorbeer, sondern nur spär- liches blondes Haar zu finden war. Der Magister Xylander war ein Dichter, dem nichts fehlte als die Anerkennung, aber er gab die Hoffnung nicht auf und arbeitete unverdrossen. Wenn er nun ein Poem gedichtet, ausgefeilt und sauber abge- schrieben hatte, so wollte er es natürlich auch jemandem vorle- sen, aber da erging es ihm übel. Anfangs hatte er dazu die Tochter des Herrn Thomasius ausersehen. Als er nach Finken- burg gezogen war und sein Quartier in der Löwenapotheke auf- geschlagen hatte, war Else eben zum ersten Male an den Tisch des Herrn getreten und also vom Schulbesuche losgesprochen. Herr Thomasius hatte den Magister gebeten, er möge, wenn er wolle und Zeit habe, hin und wieder seiner Else einige Beleh- rung über allerlei wissenswerthe Dinge angedeihen lassen, und der Magister hatte sich auch bereit dazu erklärt. Er erzählte der blonden Else vom Perserkönig Xerxes, vom Stachelschwein, von den ägyptischen Pyramiden, vom feuerspeienden Berg Vesuvius, von Romulus und Remus, von den Menschenfressern, von Dio- genes, vom Walfisch und noch manchem Anderen, und Else hörte gern zu. Als aber der Magister anfangen wollte, seine Schülerin in die Gesetze der Poeterei einzuführen, und ihr seine Gedichte vorlas, begann sie zu gähnen und zum Fenster hinaus- zusehen, ja sie erklärte ihm rund heraus, sie langweile sich, alle Lieder, die man nicht sänge, seien ihr zuwider. Der Magister wollte sie eines Bessern belehren, aber Else blieb dabei, die Poe- sie sei langweilig, und ihr Vater bestärkte sie in dieser Ansicht, indem er dem Magister eines Tages sagte, er könne nicht be- greifen, wie ein verständiger Mann solche Allotria treiben möge. Seit dieser Zeit behielt der Magister seine Perlen für sich, und wenn er durchaus nicht anders konnte, so deklamirte er seine Carmina des Abends, wenn alles schlief, den vier Wänden seines Musei und blickte dabei abwechselnd in den Spiegel und auf das Bild des Boberschwans. Seitdem Fritz Hederich in die Löwenapotheke eingezogen, brauchte der Magister nicht mehr den tauben Wänden zu pre- digen. Der Subjekt lieh ihm nicht nur willig sein Ohr, sondern er zeigte sogar Verständniß für die Schönheiten der Xylandri- schen Poesei. Mehrmals in der Woche, wenn die Offizin geschlossen war, stieg Fritz Hederich mit seiner Lampe hinauf in den zweiten Stock, wo ihn der Magister in seinem Museo erwartete. Da war es gar wohnlich und traulich. Im Ofen prasselten mächtige Scheite, und nahe beim Ofen stand ein großer Lehnstuhl für den Herrn Subjekt. Auf dem Tische neben der Lampe lag eine giftgrüne Mappe, welche die Manuskripte des Magisters barg, und etwas abseits stand eine bauchige Flasche nebst zwei Gläsern. Wäh- rend der Magister eins seiner langen Helden- oder Lehrgedichte vortrug, lehnte sich der müde Fritz behaglich im Lehnsessel zu- rück, nahm hin und wieder einen Schluck und ließ seine Ge- danken spazieren gehen. Machte der Magister eine Pause, so murmelte Fritz halblaut: »Vortrefflich, sehr gut gesagt!« oder etwas dergleichen. Und wenn er gar um sein Urtheil befragt wurde, so pflegte er zu antworten: »Ich bin zwar kein feiner Ken- ner, Herr Magister, aber mein Gefühl sagt mir, daß –« So weit kam er jedesmal, dann fiel ihm der Magister in die Rede und sprach: »Ihr wollt sagen, Herr Baccalaureus –« und nun entwi- ckelte er seine eigene Ansicht, und Fritz Hederich nickte mit dem Kopfe und sagte: »So meinte ich's.« Der Magister hatte also auch Ursache, mit dem Baccalaureus zufrieden zu sein, und er äußerte oft gegen Herrn Thomasius, er solle sich glücklich schätzen, einen solchen Subjekt zu besit- zen, worauf ihm einmal der Apotheker trocken erwiderte: der Subjekt Hederich sei allerdings ein sehr geschickter Mensch, hoffentlich sei er auch gescheit genug, sich durch die Poeterei nicht verderben zu lassen. Es waren ruhige Tage, welche die Insassen der Löwenapotheke, vom Hausherrn bis herab zu Jakob, dem Raben, verlebten. Draußen wirbelten die Flocken; die steinernen Männer, mit ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 24 von 71 denen das Haus geziert war, und der Löwe neben der Thür tru- gen weiße Kappen, und Jakob hinterließ bei seinen Spaziergän- gen zierliche Fußtapfen. Die Finkenburger gingen einher in großen, mit vielen Krägen versehenen Mänteln, alle hatten Nasen, wie der Wirth zur gol- denen Gans, dessen Zinken auch zur Sommerzeit, nicht nur im Winter, wenn es schneite, funkelte wie auf dem Kirchendach der Wetterhahn im Abendsonnenschein. In der Löwenapotheke war starke Nachfrage nach Mitteln gegen Frostbeulen, und der Lehrling des Herrn Thomasius verabreichte die lindernde Salbe mit Händen, die roth wie gesottene Krebse und unförmlich wie Bärentatzen waren. Er trug seine Leiden mit Geduld, denn er wußte, daß er von Herrn Thomasius zum Weihnachtsgeschenk ein Paar Fäustlinge erhalten werde. Wie im Innern der Löwenapotheke die Tage, Wochen und Monde sich gleichmäßig abhaspelten, so auch draußen in Stadt und Im Wirthshaus zur goldenen Gans, wo sich im Herrenstübchen allabendlich die Patrizier der Stadt Finkenburg versammelten, wurde zwar hin und wieder von Kriegsgefahr und kommenden schweren Zeiten gesprochen, aber der Herr Bürgermeister ver- jagte alle Sorgen mit der bündigen Versicherung, daß man Frie- den halten werde, und er mußte es doch wissen. Der Winter neigte sich seinem Ende zu, und der Schnee schmolz. Die Ammer trat, wie sie das seit Jahrhunderten gethan hatte, über und hemmte für einige Tage den Verkehr; den Wei- den entsproßten silberne Kätzchen, und die Grenadiere, die vor dem fürstlichen Schlosse schilderten, trugen keine Mäntel mehr. Auf den von Schnee befreiten Plätzen sammelten sich die Kin- der, um ihre Frühlingsspiele, Ball- und Reifenschlagen, zu be- ginnen. Der saftige Weidenbaum mußte seine Zweige zu Pfeifen und Schalmeien hergeben, und nun quiekte und dudelte die Fin- kenburger Jugend um die Wette mit den Spatzen, die dem rau- hen Winter mannhaft Stand gehalten hatten und jetzt dem abziehenden den Reisemarsch pfiffen. Da geschah etwas, was sich die ärgsten Schwarzseher aus dem Herrenstübchen der goldenen Gans nicht hatten träumen las- Fürst Mauritius starb plötzlich, und das Land mußte nun an Am- merstadt fallen. Die Finkenburger waren sehr niedergeschlagen, denn jetzt war es um den Glanz der Stadt gethan. Fürst Rochus war überdies bekannt als ein Mann, der Neuerun- gen liebe: hatte er doch in Ammerstadt das Amt des Kuhhirten und das des Nachtwächters, welche seit undenklichen Zeiten in einer Person vereinigt gewesen, eigenmächtig getrennt, anderer Reformen von geringerer Tragweite nicht zu gedenken. Er erließ zwar sofort nach dem Tode seines Vetters ein Manifest, in wel- chem er gelobte, die Rechte der Stadt Finkenburg zu wahren und alljährlich einige Monate in Finkenburg zu residiren, aber die Bürger sahen doch mit trüben Blicken in die Zukunft. Rochus, Fürst von Ammerstadt-Finkenburg war ein kluger Herr; wohlweislich ließ er in Finkenburg vorläufig alles beim alten, sogar von seinem Vorsatz, die citrongelbe Montur der Finken- burger Grenadiere mit der kleidsameren apfelgrünen des Am- merstädter Heeres zu vertauschen, stand er einstweilen ab, wodurch er sich rasch in der Gunst der Finkenburger festsetzte. Auf dem Marktbrunnen stand ein steinerner Sankt Georg mit dem Lindwurm, beide, Ritter und Drache, waren aber vom Zahn der Zeit arg mitgenommen, und aus dem Rachen des Ungeheu- ers sproß lustig Gras und Unkraut. Der Fürst ließ die Gruppe entfernen und an ihrer Statt ein Standbild des hochseligen Herrn errichten. Das Denkmal ward feierlich enthüllt, und als der Prediger den Bürgern in einer blumenreichen Rede die väterliche Liebe des neuen Landesherrn zu Gemüth führte, die sich eben in der Er- richtung dieses Monumentes manifestirte, da standen sie alle tief ergriffen um den Brunnenkasten herum, und als dann der Bürgermeister ein dreimaliges Hoch auf den Landesvater aus- brachte, da stimmten sie alle aus vollem Herzen und Halse ein, bis auf Einen. Dieser Eine war der Magister Hieronymus Xylander. Als Ordina- rius der Quarta hatte er seine Klasse zu der Einweihung des Standbildes führen müssen, aber als das Vivatgeschrei der Üb- rigen erschallte, heuchelte er einen heftigen Hustenanfall; er hatte mit dem Fürsten Rochus seinen Frieden noch nicht ge- Sechstes Kapitel. Der Magister dichtet eine Komödie. Herr Thomasius war von seiner Reise zurückgekehrt, in dem geheimen Laboratorium wurden die Apparate aufgestellt, und der Unterricht begann. Fritz Hederich war ein gelehriger Schüler, ja, der Apotheker wurde bald gewahr, daß jener manches wußte, wovon er selbst keine Ahnung hatte. So z. B. verstand Fritz, ein Bäumlein von Blei wachsen zu lassen, und manches andere subtile Experi- ment, das Herrn Thomasius bis dato unbekannt geblieben war. Von dem Lehrling des Herrn Thomasius ist bisher nur einmal die Rede gewesen, er ist nicht berufen, in den Gang der Ge- schichte einzugreifen, und wir werden deshalb auch in Zukunft nur selten von ihm sprechen. Indessen muß anerkannt werden, daß der Lehrling in den letzten Monaten so bedeutende Fort- schritte in seiner Kunst gemacht hatte, daß sein Prinzipal, ohne ein Unglück befürchten zu müssen, ihn hinter den Rezeptirtisch stellen konnte. So kam es, daß Fritz Hederich den größten Theil des Tages über in dem geheimen Laboratorium arbeitete. Mit Else traf er nur Mittags zusammen, und da galt es, auf der Hut zu sein, damit nicht ein Blick zum Verräther werde an dem halb ausgesprochenen Geheimniß, welches Else und der Subjekt zu bewahren hatten. Eine Person war im Haus, die wußte, was mit den Beiden vorging: das war die alte Hanne. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 25 von 71 Als Else am Abend, der auf jenes Gespräch im Garten gefolgt war, statt des Salzes Zucker in die Fleischbrühe streute und später beim Schlafengehen die Alte küßte, daß dieser der Athem aus- ging, schöpfte Hanne Verdacht, gab genau auf ihren Liebling Acht und wußte bald, was die Glocke geschlagen hatte. Sie hoffte im Stillen, Else werde sie zur Vertrauten machen, und sie hatte sich schon ausgedacht, was sie ungefähr sprechen wollte. »Aber Kind,« wollte sie sagen, »was sind das für Geschichten! Was wird der Vater dazu sagen und der Magister!« Dann wird mir Else um den Hals fallen, dachte sie, und schluch- zen und sagen: »Gute, liebe Hanne, rathe mir, was soll ich thun.« Und da wollte sie antworten: »Nun, nun, Else, es ist freilich eine schlimme Geschichte, da es aber nun einmal so weit gekommen ist, und ich hab' mir's wohl gedacht, so müssen wir eben sehen, wie wir's zu einem guten Ende führen. Sei nur ruhig, mein Kind, und laß mich machen. Mit der Hilfe Gottes und der Jungfer Johanne Storchschnabelin wird sich alles zum Guten wenden.« So ungefähr wollte Hanne sprechen. Else aber war verschlossen und schwieg trotz aller Anspielun- gen. Darüber wurde Hanne ihrem Herzblatt beinahe gram, und sie beschloß, dem Herrn Subjekt zu Leibe zu gehen. Dieser jedoch wurde fuchsteufelswild, als die alte Haushälterin ihn neckte, er schwur Stein und Bein, daß sie sich irre, und ge- berdete sich so bärbeißig, daß die erfahrene Hanne jetzt die volle Gewißheit bekam, daß etwas vorgefallen sei. Aber sie war stolz genug, sich unaufgefordert nicht einzumischen. Herr Thomasius arbeitete unverdrossen an der Ergründung des großen Magisterii, und Fritz leistete ihm Handlangerdienste. Nebenbei aber experimentirte er privatissime, denn das Gold- fieber seines Prinzipals hatte ihn angesteckt. »Warum soll ich nicht ebenso gut wie ein anderer hinter das Ge- heimniß kommen,« dachte er, und schmolz und filtrirte mit Herrn Thomasius um die Wette. Dieser wiederholte täglich: »Es ist mir nicht um's Gold zu thun, sondern um die Entdeckung.« Fritz Hederich sagte im Stillen: »Es ist mir nicht um's Gold zu thun, sondern um etwas ganz Anderes. Bringe ich Gold zu Wege, dann kann ich offen vor meinen Brotherrn treten und sagen: So und so stehen die Sachen.« Das Feuer unter dem Schmelzofen glühte, in den Tiegeln und Kolben wallte es, und in den Köpfen der beiden Adepten wirbelte es. Else zerbrach alle Tage einen Teller, die alte Hanne fühlte sich durch die Verschlossenheit ihres Lieblings zurückgesetzt und gekränkt, Jakob der Rabe mauserte sich, und der Magister – von dem wird sogleich des Weiteren gehandelt werden. Der Rektor des Finkenburger Lycei, Herr Paulus Crusius, pflegte alljährlich seinen Geburtstag zu feiern. Es war dann keine Schule. Der Rektor saß festlich gekleidet, das güldene Kettlein, welches ihm Fürst Mauritius verehrt, um den Hals, in seiner Stube und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Zuerst erschien dann eine Deputation der Schüler, die gewöhn- lich ein Buch, zuweilen auch ein Stück Hausgeräthe über- reichte, ein Selectaner hielt dazu eine lateinische Ansprache, in welcher der Redner regelmäßig stecken blieb. Herr Crusius dankte gleichfalls in lateinischer Sprache und blieb nicht ste- cken. Die geputzte Frau Rektorin überreichte jedem Mitglied der Deputation einen Becher Weins nebst einem Stück Kuchen, und damit war der erste Theil der Feier zu Ende. Um zehn Uhr polterten sechs Paar Stiefel zu gleicher Zeit die Treppe herauf, und das gesammte Lehrerkollegium des Lycei trat sonntäglich gekleidet bei dem Rektor ein. Die gelehrten Her- ren überreichten ein Festcarmen in lateinischer Sprache und wurden zu einem Löffel Suppe eingeladen. Bei dem Mittagsmahl, welches sich keineswegs auf Suppe be- schränkte, ging es jedesmal sehr heiter zu. Die sechs Gelehrten und ihr Oberhaupt hatten sich, weil's just sieben waren, die Namen der griechischen Weisen beigelegt; der Rektor hieß Solon, der Konrektor Bias, der Tertius Thales u. s. f. Da gab's denn viel Kurzweil, und oft lachten die sieben Weisen, daß der Tisch wackelte. In der angegebenen Weise war auch dieses Jahr die Feier vor sich gegangen, nur waren zu Mittag außer dem Lehrerkollegium noch der Bürgermeister, der Superintendent und der Diakonus Die Herren hatten eben den Kuchen, welcher den Schluß des Mahles bildete, in Angriff genommen, Magister Xylander hatte den üblichen Trinkspruch ausgebracht, und man sprach über dies und jenes. Es war natürlich, daß auch auf den bevorstehen- den Einzug des neuen Landesherrn die Rede kam. Der Bürger- meister führte das Wort, er berichtete über die Festlichkeiten, welche die Stadt veranstalten werde und fragte plötzlich den Rektor, auf welche Weise denn das Lyceum sich an der Feier bet- heiligen werde. Solon ließ das Messer fallen. Daran hatte er noch nicht gedacht. Verlegen ließ er die Augen über seine Kollegen gleiten, aber die sechs Weisen saßen stumm da und blickten mit offenem Mund auf ihren Vorgesetzten. Der Rektor faßte sich und erwiderte dem Bürgermeister, es sei allerdings dies und jenes in Vorschlag ge- bracht worden, doch habe man noch keinen Entschluß gefaßt. Sobald dies aber geschehen sei, werde er, der Rektor, nicht er- mangeln, den Herrn Bürgermeister zu benachrichtigen. Als die Tafel aufgehoben war, gab der Rektor jedem der sechs Lehrer einen Wink, noch ein wenig zu verweilen. Bürgermeister, Superintendent und Diakonus gingen endlich, und nun hielten die sieben Weisen in aller Eile einen Rath und überlegten, wie das Lyceum den Besuch des Fürsten Rochus feiern solle. Es wurde viel hin- und hergeredet; daß bei dem Einzug die Schule in corpore vertreten sein müsse, stand fest, aber das schien kei- neswegs zu genügen; es mußte etwas ganz Außerordentliches Der dicke Konrektor schlug ein großes Festessen vor; das wurde für zu kostspielig befunden. Ein Anderer meinte, man solle eine Votivtafel anfertigen; das wurde als nicht genügend erachtet. Ein Dritter beantragte, daß in der Aula des Lycei neben der ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 26 von 71 Büste des Cicero und der des Homeros eine Hermensäule des neuen Landesherrn aufgestellt werde, aber der Rektor legte dar, daß es unpassend sei, einen Fürsten zwischen zwei Männer zu stellen, von denen der eine nur Bürgermeister von Rom, der an- dere aber gar nur ein Poet gewesen sei. Der Rektor kam endlich auf den Gedanken, die Schulchronik zu Rathe zu ziehen. Die alte Scharteke ward geholt, und nach ei- nigem Suchen fand man, daß vor nahezu fünfzig Jahren das Ly- ceum bei einer ähnlichen Gelegenheit ein Festspiel, betitelt »Der verlorene Sohn«, aufgeführt habe. Es war ausführlich in der Chronik beschrieben, welches Aufsehen das Spiel in Stadt und Land gemacht, und wie huldvoll sich der Landesfürst bei dieser Gelegenheit gegen das Lyceum bewiesen habe. Als der Rektor zu Ende gelesen hatte, richteten sich aller Augen auf den Magister Xylander, der aber saß in sich gekehrt auf sei- nem Stuhl und zeigte keinerlei Theilnahme. »Das wäre etwas,« nahm Herr Crusius das Wort, »was meint Ihr, werthgeschätzte Collegen?« Fünf Gelehrte neigten die Häupter. »Und Ihr, Herr Xylander,« fuhr der Rektor fort, »wäret just der Mann, das Festspiel herzurichten.« Der Magister blieb stumm. Widerstreitende Gefühle tobten in seiner Brust. Er sollte dem Fürsten Rochus, der ihn durch seine Heirath so tief gekränkt, zu Ehren eine Komödie dichten? Der Rektor wurde dringender, auch die übrigen Herren redeten ihm zu, und der Magister sagte endlich, er wolle sich die Sache einmal überlegen. »Aber bald müßt Ihr Euch entscheiden,« mahnte der Rektor. »In sechs Wochen kommt unser durchlauchtigster Herr, und es wird viel Zeit vergehen, bevor die Schüler alles so weit inne haben, um mit Ehren bestehen zu können.« Der Magister versprach, schon am folgenden Tage seinen Ent- schluß kundzugeben, und die sieben Weisen gingen auseinan- Hieronymus kämpfte den ganzen Abend und die halbe Nacht einen schweren Kampf. »Thu's, thu's,« flüsterte ihm eine innere Stimme zu. »Du gewinnst Ehre und Ruhm!« – »Thu's nicht, thu's nicht,« sprach eine andere Stimme, »hast Du vergessen, was man Dir angethan?« Ohne einen Entschluß gefaßt zu haben, kroch der Magister end- lich in die Federn, aber lange konnte er keine Ruhe finden, und als er endlich eingeschlafen war, hatte er einen sonderbaren Er stand in einem glänzenden Gemach, wo der fürstliche Hof und viele andere Menschen versammelt waren. Der Fürst hielt in der Hand eine große Pergamentrolle und rief mit lauter Stimme: »Tretet herzu, Magister Xylander!« Er wollte hinzu eilen, aber die Füße versagten ihm den Dienst; er machte ver- zweifelte Anstrengungen, aber er konnte nicht vom Fleck kom- men; er wollte rufen: »Hier bin ich,« aber er brachte keinen Laut aus der Kehle. Da erscholl plötzlich eine tiefe Stimme: »Dies ist mein Bruder in Apoll, der Magister Hieronymus Xylander.« Ein Mann mit einem Lorbeerkranz auf dem Haupte bahnte sich einen Weg durch das Gedränge, faßte den Magister bei der Hand und führte ihn zum Fürsten. Und wie der Magister seinen Retter aus der Noth genau ansah, so erkannte er in ihm den Dichter Martin Opitz von Boberfeld. Und da erwachte er. Gegenüber dem Fenster stand der Mond und goß sein bleiches Licht über den Fußboden und die Wände des Xylandrischen Musei. Schlaftrunken richtete der Magister seine Augen auf das Bild des gekrönten Poeten und – o Graus und Schauer! – Martin Opitz nickte mit dem Kopf. Der Magister fuhr mit dem Kopf unter die Decke, und seine Zähne klapperten. Am andern Morgen sah er so bleich aus, daß dies Herrn Thoma- sius sogleich auffiel. Er wollte ihm ein Tränklein zurecht brauen, der Magister aber sträubte sich gegen dieses Ansinnen mit Hän- den und Füßen, verzehrte seine Morgensuppe und begab sich in das Lyceum. Dort theilte er dem Rektor Crusius mit, er sei gesonnen, sich der gedachten Arbeit zu unterziehen, falls man ihn bis zur Voll- endung der Komödie von der Hälfte seiner Lektiones dispensi- ren wolle. Das ward ihm zugestanden. Am Abend desselben Tages saß Fritz Hederich in dem Museo des Magisters, dieser aber las heute nicht vor, sondern besprach sich mit seinem Be- such über das zu dichtende Festspiel. »Ein Stoff aus der biblischen Historia muß es sein,« sagte der Magister, »aber welcher? Die klugen und die thörichten Jung- frauen sind zu oft dagewesen, desgleichen Jonas im Walfisch- Der Baccalaureus nickte. »Wie wär's, Herr Magister, wenn Ihr den Daniel in der Löwengrube aufführen ließet?« »Hm,« sagte der Magister und neigte sein gedankenschweres Haupt, »der Vorschlag ist nicht übel. Man könnte ein paar Ly- ceisten in Felle einnähen und sie im Brüllen üben. Aber nein, es geht nicht; es fehlt die Handlung.« »Oder,« sprach Fritz, »ließen sich nicht die drei Männer im feu- rigen Ofen verwenden?« »Das wäre allerdings schön! So ein rechtes Höllenfeuer auf dem Theater würde außerordentlich gefallen – aber es geht doch nicht; wie sollte man ohne Gefahr für die Lyceisten ein Feuer herrichten.« »Vielleicht Bileam und sein Esel,« schlug Fritz vor. »Das ist etwas ganz Neues. Denkt Euch die Wirkung, wenn der Esel zu sprechen anfinge.« »Nein, Herr Baccalaureus, damit ist's nun gar nichts; einen Esel darf ich vor den allergnädigsten Herrschaften nicht auf die Scene bringen.« »Halt, ich hab's,« rief Fritz. »Wie wär's mit der Hochzeit zu »Ihr habt in's Schwarze getroffen,« rief der Magister und sprang auf. »Die Hochzeit zu Kana! Warum ist mir das nicht gleich ein- gefallen? O, das ist prächtig! Zuerst das Hochzeitsfest, dann die Verwandlung des Wassers in Wein, – zum Schluß ein lustiger Tanz – das muß gefallen.« Der Magister ging aufgeregt in seinem Museo auf und nieder ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 27 von 71 und demonstrirte dem Baccalaureus, wie der Stoff zu behandeln sei. Plötzlich hielt er in seiner Wanderung an und schlug sich vor den Kopf. »Und es geht doch nicht,« sagte er traurig. »Es geht nicht, denn wie soll ich den Teufel anbringen?« »Muß denn der Teufel nothwendig in dem Spiel vorkommen?« »Nothwendig. Der Teufel gehört zum Spiel wie der Schatten zum Licht, der Teufel oder der Tod, am besten alle beide.« Fritz Hederich nahm wieder das Wort: »Herr Magister, mir kommt ein guter Gedanke. Wenn Ihr den Lucifer durchaus braucht, so könnt Ihr ja die Sache so darstellen, als ob er die Weinkrüge, die der Herr füllt, zuvor ausgetrunken habe.« »In Gold laß ich Euch fassen,« jubelte der Magister. »Ihr trefft den Nagel immer auf den Kopf.« Ja, so soll's sein. Während die Hochzeitsgäste im Tempel sind, erscheint der Teufel oder besser eine ganze Kumpanei von Teufeln und trinkt dem Herrn Jesus zum Schur ihm und den Gästen den Wein vor dem Mund weg. Das ist neu, das wird Aufsehen erregen, das wird Beifall finden. Und daß Ihr es waret, der mir diesen vortrefflichen Rath gege- ben hat, das will ich Euch gedenken, verlaßt Euch darauf. Wenn die Komödia glücklich ausgegangen ist, und wenn mich dann unser gnädigster Fürst fragt: Aber lieber Magister, alter Freund, wie habt Ihr nur das zu Stande gebracht? – Dann werde ich sagen: Gnädigster Herr, der Gedanke, so zu sagen die Idee ist nicht mein, sondern im Kopf meines Freundes des Baccalaureus Fritz Hederich entstanden. Und dann wird sich das Weitere schon finden. Aber jetzt an's Werk!« Er begann, Papier, Tinte und Federn zurecht zu legen, und goß frisches Öl in die Lampe. Der Baccalaureus sagte, er wolle nicht länger lästig sein und verabschiedete sich von seinem Wirth, der ihn unter häufigen Dankesworten zur Thür hinausschob. In der nächstfolgenden Zeit saß der Magister hinter seinem Pult und dichtete, daß ihm der Schweiß von der Stirn lief. Unter ihm am Fenster saß Else und blickte hinüber nach den Bergen, hinauf nach den Wolken und hinunter nach der phar- maceutischen Abtheilung des Gartens, welche von Tag zu Tag mehr verwilderte, seitdem den Herrn Subjekt das Goldfieber ge- packt hatte. Dieser stand wieder eine Treppe tiefer als Else neben seinem Meister am Schmelzofen, kochte und schmorte, und wenn ihn etwas in seiner Arbeit störte, so war es das Bild der blonden Else, welches ihm aus allen Kolben und Phiolen entgegenblickte. Siebentes Kapitel. Der Fürst kommt. Else stand weiß gekleidet, mit Blumen geschmückt in der Mitte ihres Gemaches, die alte Hanne kniete vor ihr auf der Erde, zupfte an dem Festgewand und betrachtete ihren Liebling mit strahlenden Augen. Nicht mit strahlenden, sondern mit neidischen Augen betrach- teten sie zwei andere, gleichfalls in Festschmuck prangende Mädchen, Bürgermeisters Käthe und Stadtschreibers Lore, die gekommen waren, um ihr Gespiel abzuholen. Den drei Jung- frauen war nämlich bei dem Empfang des Fürsten, der heute seinen Einzug in Finkenburg hielt, eine wichtige Rolle zu Theil Hanne erhob sich, trat einen Schritt zurück, stemmte die Arme in die Seite und musterte Else. »Du bist die Schönste von allen,« sagte sie dann mit großer Be- stimmtheit. »Was wird der Fürst für Augen machen, wenn er Dich sieht!« Bürgermeisters Käthe und Stadtschreibers Lore rümpften die Stumpfnäschen und stießen sich an. Erstere trat vor, beschaute Else mit prüfenden Blicken und sagte: »Die Hanne hat Recht, Else. Nur schade, daß man den braunen Fleck, den Du auf der Schulter hast, sieht. Hättest Du denn das Leibchen nicht ein wenig höher machen können?« Else wurde roth und drehte ihren Kopf nach der Seite, um das Mal zu betrachten. Käthe warf der Stadtschreibers Lore einen triumphirenden Blick zu. »Ach was,« knurrte die alte Hanne, »der kleine Fleck steht der Else gut, da sieht man erst recht, wie weiß ihre Haut ist. – Else, wie ich Dich jetzt angekleidet habe, habe ich an den Tag ge- dacht, da ich Dich mit Kranz und Schleier schmücken werde. Das wird ein Tag für mich werden! Ich habe mir sogar vorge- nommen, an Deinem Ehrentage einen Tanz zu machen. Und gieb Acht, es währt nicht mehr lange bis dahin. Im Frühling hab' ich den Kuckuck gefragt; er hat nur einmal gerufen. Und der verwunschene Bäckerknecht lügt nicht, denn ich weiß es noch sehr gut, wie ich jung und schön war und den Kuckuck fragte, hat er wohl an die sechzig Mal geschrien, und ein paar Tage drauf hat sich mein Peter anwerben lassen und ist zwanzig Jahre im Felde gelegen, und ich bin unterdessen eine alte Jung- fer geworden.« Das Geplauder der Alten war der blonden Else peinlich, da sie recht wohl sah, wie ihre beiden Gespielinnen im Stillen über die gute Hanne spotteten. Sie wandte sich zu ihnen und sagte: »Ihr glaubt nicht, wie mir's bang zu Muthe ist; ich wollte, die ganze Geschichte wäre schon vorüber.« »Du hast just keine Ursache, ängstlich zu sein. Du und die Lore, Ihr habt ja nichts zu thun, als den Herrschaften die Blumen- sträuße in den Wagen zu reichen, aber ich (Käthe wurde um zwei Zoll größer), ich muß den Willkomm sprechen, und das ist keine Kleinigkeit.« Sie zog ein Blatt Papier aus dem Busen und las: »Durchlauchtigster Landesvater, allergnädigster Fürst und Herr, durchlauchtigste Fürstin, allergnädigste Landesmutter u. s. w. – Wenn ich nur erst glücklich über den Anfang hinaus wäre, ohne mich zu versprechen, das Übrige ist dann leicht.« Die drei Freundinnen schickten sich an zu gehen. Zuvor schlüpfte die alte Hanne aus dem Zimmer und klopfte an die Thür des geheimen Laboratorii. Als kurz darauf die geschmück- ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 28 von 71 ten Mädchen die Treppe herunterkamen, stand Fritz Hederich im Hausflur und betrachtete angelegentlich eine Süßholzwurzel. Er grüßte höflich und erhaschte von Else einen schnellen Blick. »Wer war denn der?« fragte Stadtschreibers Lore. »Nur der Subjekt des Herrn Thomasius,« antwortete Käthe. Else wurde roth, sie wollte gern etwas Scharfes entgegnen, besann sich aber und schwieg. Draußen vor der Apotheke saß Jakob der Rabe mit struppigem Gefieder und sonnte sich. Als die Jungfern aus dem Hause tra- ten, hüpfte er flügelschlagend herzu und rief Else beim Namen. Aber weder diese noch ihre Begleiterinnen beachteten ihn, und Jakob zog sich gekränkt zurück. Die ganze Stadt prangte im Festschmuck. Die Häuser waren mit Laubgewinden geziert, und von den Giebeln der Dächer wehten Fahnen in den Landesfarben der beiden Städte Finkenburg und Ammerstadt. Die Kaufläden waren geschlossen, die Handwerker feierten, und alles strömte festlich gekleidet nach dem untern Thor, wo eine Ehrenpforte errichtet war. Bald nachdem Else das Haus verlassen hatte, schritt auch Herr Thomasius aus dem Thor, er trug sein gesticktes Staatskleid, eine mächtige Perrücke, die ihm das Ansehen eines alten Löwen gab, und unter dem Arm einen kleinen, mit goldenen Tressen besetzten Hut. Er nahm seinen Weg nach dem Rathhaus, denn von dort aus sollte sich der Zug der Senatoren mit dem Bürger- meister an der Spitze in Bewegung setzen. Jakob der Rabe blickte dem langsam Dahinschreitenden mit er- stauntem Blick nach. Wieder etwas später hielt der Magister seinen Auszug, und zu- letzt trat die geputzte Hanne aus dem Haus, um ihren Weg nach dem untern Thor zu nehmen. An der Ehrenpforte vor dem Thor war alles in bester Ordnung aufgestellt. Oben, auf dem Triumphbogen in einer Art von Hüh- nerkorb saßen die Stadtzinkenisten. Sie hatten's am besten von allen, da oben war's lustig, und der dicke Posaunenbläser hatte die Vorsicht gebraucht, ein kleines Fäßlein hinaufschroten zu lassen, dem man zur Erhöhung der Feststimmung wacker zu- Unter der Ehrenpforte stand der Bürgermeister, umringt von den Senatoren, wie ein Truthahn unter dem Hühnervolk, ferner die Geistlichkeit und die drei Festjungfrauen, Bürgermeisters Käthe, Stadtschreibers Lore und Apothekers Else. Ihnen schlos- sen sich auf beiden Seiten die übrigen Jungfrauen Finkenburgs an, deren Aufgabe es war, den einziehenden Herrschaften Blu- men auf den Weg zu streuen. An diese reihten sich die Schulen, es folgten die Zünfte mit ihren Fahnen, und den Beschluß bil- deten die Grenadiere des Fürstenthums, die sich bis an den Ein- gang des Schlosses ausdehnten. Die trutzigen Krieger standen etwas weitläufig, denn der Weg bis zum Schloß war lang. Um zehn Uhr sollte der Einzug stattfinden, und schon eine halbe Stunde früher war die Aufstellung fertig. Der Bürgermeister hielt das rothsammtene Kissen, auf welchem die neuvergoldeten Schlüssel der Stadt lagen, auf den Armen wie eine Amme den Säugling, und repetirte für sich die Rede, die er zu halten hatte. Es schlug zehn Uhr, jetzt muß er kommen, aber nichts kam. Es verging wieder eine Viertelstunde, die Sonne schien heiß, die Leute wurden des Stehens müde und die Kehlen durstig. Da kam mit verhängten Zügeln ein Reiter einhergesprengt, welcher mel- dete, die hohen Herrschaften würden frühestens in einer Stunde eintreffen. Der Herr Bürgermeister blickte die Senatoren fragend an. Eine volle Stunde – da könnte man ja in der Goldenen Gans, die nächst dem Thor gelegen war, in aller Ruh noch ein Schöpplein zur Stärkung trinken. Der Rath däuchte den Vätern der Stadt gut, und alsbald machten sie sich auf nach der Goldenen Gans. Die anderen Leute lösten sich in Gruppen auf und suchten sich die Zeit durch Gespräche zu kürzen. Vorsorgliche Bürger hatten wohl auch im Rocksack einen eingewickelten Imbiß und ein Fläschlein mit Gutem; das zog man jetzt hervor und theilte brü- derlich mit Freunden und Nachbarn. Der Wirth zur Goldenen Gans, dessen Nase zur Feier des Festes noch feuriger schimmerte als sonst, empfing die gestrengen Herren mit tiefen Bücklingen und schaffte alsbald den begehr- ten Labetrunk zur Stelle. Schon setzte der Bürgermeister den Becher an den Mund, da entstand draußen auf der Straße ein heftiges Drängen, und vom Kirchthurm herab gaben die Glocken das Zeichen, daß die fürstlichen Wagen am Weichbild der Stadt angelangt seien. Da galt es flink sein. Ohne die Lippen befeuch- tet zu haben, stürzte der Bürgermeister auf die Straße und lief, so schnell er konnte, der Ehrenpforte zu. Kaum waren die at- hemlosen Väter der Stadt an ihrem Platz angekommen, kaum hatte man einige Ordnung hergestellt, so kam auch schon der erste Vorreiter auf schäumendem Pferde angesprengt. Die Musikanten droben in ihrem Hühnerkorb bliesen, die Glo- cken bimmelten, und in langen Pausen krachte eine ausge- diente Kanone. Jetzt sah man eine große Staubwolke. »Sie kommen, sie kom- men!« hieß es. Der Bürgermeister griff sich an die Halsbinde und krallte seine Finger in das Purpurkissen. Bürgermeisters Käthe wurde bald roth, bald blaß und murmelte: »Allerdurchlauchtigster Fürst und Landesmutter – Else, mir wird schwindelig, gieb mir geschwind Dein Riechfläschchen!« Aber ehe ihr Else das Verlangte reichen konnte, rollte der Pracht- wagen heran. Der Fürst und die Fürstin saßen nebeneinander, auf dem Rücksitz der kleine Prinz. Der Wagen hielt unter der Ehrenpforte, der Bürgermeister trat vor, und siehe da, es ging alles viel leichter, als er sich's vorgestellt hatte. Der Fürst sprach leutselig und freundlich – und als nun erst die Jungfrauen an den Wagen traten und ihre Blumensträuße überreichten, da floß der Mund der hohen Herrschaften von Honigseim über. Bürger- meisters Käthe sprach ihre paar Worte, und die Fürstin, eine gar schöne Dame, reichte zuerst ihr, dann den beiden andern Mädchen die Hand und fragte jede nach ihrem Namen. Auch der kleine Prinz streckte sein Händchen aus dem Wagen, und Else zeichnete er noch insbesondere dadurch aus, daß er sie an ihren blonden Locken zupfte, eine Aufmerksamkeit, die von der alten Hanne, welche im Gedränge stand, mit großer Genugthuung ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 29 von 71 und Freude bemerkt wurde. Noch einmal grüßte das hohe Herr- scherpaar, dann zogen die Pferde wieder an. Die Jungfrauen streuten Blumen, die Schuljugend unter Anführung ihrer Lehrer brüllte Vivat, die ehrsamen Zünfte liehen ihre Fahnen flattern und schwenkten schreiend ihre Hüte, die Grenadiere präsentir- ten, das Spiel ward gerührt, und die Wagen fuhren in den Schloßhof. Jetzt verstummte das Glockengeläute, die Musik hörte auf zu spielen, und nur die Kanone krachte noch ein paar Mal. Bürgermeister, Senatoren, Geistlichkeit, Festjungfrauen, Handwerker, Schuljugend und Grenadiere zogen in schönster Ordnung ab, und damit war die erste Festlichkeit vorüber. Es sollten aber noch viele andere nachfolgen. Herr Thomasius holte seine Tochter aus dem Gedränge heraus und ging mit ihr seiner Behausung zu. Er blickte mit Wohlge- fallen auf sein schönes Kind, das so sittsam neben ihm herging. Der Magister kam des Wegs, er wurde angerufen und mußte sich anschließen. Die Leute auf der Straße blieben stehen und sahen dem Trifolium nach. Herr Thomasius grüßte freundlich nach rechts und links; jetzt feierte er seinen Triumphzug. Er selbst repräsentirte den Reichthum, seine Else die Schönheit, der Magister die Gelehrsamkeit. Was fehlte noch? Vor der Thür auf der Freitreppe stand Fritz Hederich; er schien den Apotheker zu erwarten. »Herr Thomasius,« rief er dem Herankommenden entgegen, »ich habe –«, sein Blick fiel auf Else, die ihn mit leuchtenden Augen ansah, und er vergaß, weiter zu sprechen. Er dachte einen Augenblick: »Wenn ich ihr jetzt um den Hals fiele und sie auf den rothen Mund küßte – freilich meines Bleibens wäre nicht länger im Haus, aber ich hätte gelebt.« »Lump!« rief Jakob der Rabe, und das brachte ihn zur Besin- »Was habt Ihr denn? Was steht Ihr da, wie die Kuh vor dem neu- angestrichenen Hofthor?« polterte Herr Thomasius. »Ist etwas zerschlagen worden? Heraus mit der Sprache!« »Nein, Herr Thomasius, es ist kein Unfall geschehen, im Ge- gentheil – kommt nur und seht.« »Magister, thut mir den Gefallen und geht mit der Else hinauf, ich muß sehen, was den Fritz so aufgeregt hat,« sagte Herr Tho- Else stieg gefolgt vom Magister die Treppe hinauf, und Fritz zog den Apotheker nach dem Laboratorium. »Da seht!« sagte Fritz und hielt seinem Prinzipal einen Schmelz- tiegel vor. Der Apotheker stieß einen Freudenruf aus. »Gold, Gold! Junge, laß Dich umhalsen; wie hast Du das angestellt?« »Prüft's nur erst, ob's auch wirklich Gold ist,« entgegnete Fritz, aber mit einer Stimme, der man die Siegesgewißheit anhörte. Der Apotheker prüfte genau; es ließ sich nicht leugnen, der schimmernde Überzug auf dem Grund des Tiegels war Gold. Der Alte setzte sich nieder, ein Zittern war ihm in die Glieder gefah- »Sprecht, sprecht,« sagte er, »wie habt Ihr's angestellt?« Fritz gab Bescheid. Er erzählte, wie er aus Zinnober den Schwe- fel ausgeschieden habe, und wie dann nach Entfernung des Mer- kurs das Gold als Rückstand geblieben sei. »Wartet hier,« sprach Herr Thomasius, »ich will mich umkleiden und sogleich wieder hierher kommen; das Experiment muß so- gleich wiederholt werden.« Herr Thomasius vertauschte sein Staatsgewand schnell mit dem Arbeitskleide und erschien wieder im Laboratorium. »Jetzt munter, Fritz, den Zinnober her!« Fritz Hederich brachte eine Büchse mit Zinnober herbei und wiederholte das Experiment. Athemlos mit vorgestrecktem Hals stand Herr Thomasius und sah dem Baccalaureus zu. Dieser ar- beitete mit fieberhafter Hast, und siehe da – auf dem Grund der Schale befand sich abermals ein goldener Spiegel. »Es ist richtig, Fritz,« keuchte der Apotheker, »Ihr habt's gefun- den. Freilich,« setzte er hinzu, »die Tinktur ist's nicht, und gro- ßer Gewinn ist just auch nicht zu hoffen, denn des Goldes ist wenig und der Zinnober ist theuer; aber Gold habt Ihr gemacht, das steht fest.« Er machte eine lange Pause, dann begann er von neuem mit un- sichrer Stimme: »Fritz, ich bin Euer Freund –« »Ich weiß, ich weiß, Herr Thomasius. Wenn Ihr nicht gewesen wäret, wer weiß, was aus mir geworden wäre.« »Das wollte ich nicht sagen, Fritz, ich meinte – Fritz, ich bin reich, reicher, als Ihr denkt. Ich will Euch glücklich machen; Fritz, ich beschwöre Euch, verkauft mir das Geheimniß. Seht, ich bin fünfundfünfzig Jahre alt, habe mich mein ganzes Leben lang geplagt, um das Magisterium zu finden, und nun wirft's Euch der Zufall, ja der Zufall, Fritz, in den Schooß. Verkauft mir das Geheimniß, laßt mir die Ehre, den Ruhm, Ihr sollt genug haben für Zeit Lebens.« »Herr Thomasius,« sagte Fritz mit stockender Stimme, »ich ver- kaufe Euch das Geheimniß –« »O du Goldjunge!« »– Ich lasse Euch den Ruhm und die Ehre, wenn Ihr mir –« »Was, was? Heraus mit der Sprache! Was willst Du, mein Sohn?« »Gebt mir Eure Else,« sagte Fritz Hederich leise und schlug die Augen nieder. »O weh, o weh,« jammerte der Apotheker, »daran hab' ich nicht gedacht. Armer Junge, den Gedanken laß Dir vergehen, daraus kann nichts werden. Ich glaub's wohl, daß sie Dir in die Augen gestochen hat, sie ist das schönste Mädel in Stadt und Land, aber – armer Junge – schlag' sie Dir aus dem Sinn! Höre mich an, Fritz. Ich will Dich reich machen, ich will Dir die Apotheke abtreten, sie ist viel, viel werth; ich will Dein Fürsprech sein bei der reichsten, schönsten Jungfer, des Bürgermeisters Käthe zum Beispiel wäre nicht uneben, Du sollst sie haben, und wenn Du sie willst, – der Bürgermeister ist mein Gevattersmann, – verlaß Dich auf mich! Aber meine Else ist nichts für Dich!« »Und warum wollt Ihr mir Eure Tochter nicht geben?« fragte Fritz mit tonloser Stimme. »Bin ich Euch nicht gut genug?« »Du wärst mir ein lieber Tochtermann,« antwortete Herr Tho- masius, »aber sieh, die Else ist mein einzig Kind, ich habe sie ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 30 von 71 so lieb, nein, viel lieber noch als mein Leben, und ich möchte ihr um alles in der Welt keinen Zwang anthun. Der Magister, der Magister Xylander hat ihr das Herz gestohlen mit seinem gelehrten Wesen und seinen Manieren, den und keinen andern mag sie, und darum wird er, wenn Else noch etwas älter ist, mein Schwiegersohn. Du wärst mir freilich, offen gestanden, lieber, Du machst keine Verse, Du bist ein Pharmaceute, und die Apo- theke bliebe bei der Familie. Aber es geht nun einmal nicht. Schlag Dir die Else aus dem Sinn!« Fritz Hederich stand da todtenbleich. »Also hat sie ihr Spiel mit mir getrieben,« dachte er. »Narr, der ich war! Vorbei, vorbei!« Er schlug die Hände vor's Gesicht. »Armer Junge,« murmelte der Apotheker, »aber es wird vorüber gehen, ich kenne das. – Fritz,« sagte er dann laut, »sei ein Mann, Du kannst mein Sohn nicht werden, aber Du sollst mir darum nicht minder werth sein. Dein Glück ist gemacht, das bi- schen Liebesgram bringt Dich nicht um, Du hast eine gute Natur. Gehe jetzt und erhole Dich. Die Hanne soll Dir Dein Essen in die Stube bringen, auf die Tinktur will ich heut selber Acht geben, denn die dürfen wir nicht vernachlässigen trotz Deiner Entdeckung. Und morgen, wo Du hoffentlich wieder auf dem Zeuge bist, beginnen wir mit einem großen Quantum Zinnober zu experimentiren, dann sprechen wir auch weiter über unsere Angelegenheiten.« Er reichte dem Baccalaureus die Hand, und dieser ging gebro- chen aus dem Laboratorium. Der Wirth zur Goldenen Gans trug seine funkelnde Nase hoch, der Einzug des Fürsten kam ihm vor allen zu Gute. Zur Feier des Festes ruhte alle Arbeit, und die Trinkstube der Goldenen Gans war gesteckt voll. Diese suchte aber auch ihres- gleichen. Hier war's im Sommer kühl und wohlig warm im Win- ter, dazu drang durch die halbblinden Fensterscheiben so wenig Sonne, daß man schon um vier Uhr Nachmittags bei Licht ze- chen konnte; und bei Kerzenschein mundet der Wein bekannt- lich besser, als wenn das Tageslicht in den Becher scheint. Was den Wein anbelangt, so war er immer gut, der Ganswirth taufte ihn nur so viel, wie jeder christliche Wirth thun muß, um nicht zu Schaden zu kommen. Den besten Tisch hatten die Altmeister der ehrsamen Zünfte eingenommen, und das große Wort führte der dicke Metzger- meister. Er war als junger Bursche weit in der Welt herumge- kommen und hatte eine Zeit lang im Dienst des gewaltigen Herzogs von Friedland gestanden, von dem er, so oft sich eine Gelegenheit dazu ergab, erzählte. Auch heute hatte er, anknüp- fend an die Ähnlichkeit des Fürsten mit dem Friedländer, von der Glanzzeit seines Lebens zu sprechen begonnen, aber die Meister hatten heute kein Ohr für dergleichen Sachen, der Ein- zug des neuen Herrn gab überreichen Stoff für ihr Gespräch. Der Ganswirth lief wie ein Wieselein hin und her. Bald schleppte er einen frisch gefüllten Henkelkrug aus dem Keller herauf, bald stand er ehrerbietig hinter dem Stuhl eines angesehenen Gastes und gab Bescheid über das Alter des Weins; jetzt fuhr er mit Schüsseln und Tellern klappernd in der Küche umher, und gleich darauf stand er an der Kammerthür, die mit Keilschrift bedeckt war, und notirte die Anzahl der geleerten Schoppen; es war, als wenn der Ganswirth sich verdoppeln könnte. Dabei war er lustig und guter Dinge, hatte für jeden Gast ein Wort und vergaß kei- neswegs, für sein eigenes Wohl zu sorgen, denn nach regelmä- ßigen Zwischenräumen rutschte ein Schöpplein durch seine ewig durstende Kehle. Der Ganswirth hatte aber auch noch einen zweiten Grund, sich über den Besuch des Fürsten zu freuen, denn dieser hatte das ganze zweite Stockwerk des Hauses, sogar die Küche, die sich oben befand, gemiethet. Schwere Kasten waren von fürstlichen Dienern gebracht und mit großer Vorsicht in die gemietheten Zimmer getragen worden. Den Dienern auf dem Fuß waren zwei Männer gefolgt, denen man gleich an der Nase ansah, daß es Fremde waren. Der eine von ihnen, ein großer Mann, dessen Bart bis auf die Brust herabreichte, schien der Herr, der andere sein Untergebener zu sein, wenigstens traf der erstere alle An- ordnungen. Er ließ ein gutes Mahl für zwei Personen auftragen, und als der neugierige Wirth die Schüsseln und den Wein auf den Tisch gestellt hatte, sagte ihm der fremde Herr, er wolle al- lein mit seinem Genossen bleiben, schob, ohne viel Umstände zu machen, den Ganswirth zur Thür hinaus und verriegelte die- Daß die Fremden zum Gefolge des Fürsten gehörten, das war das Einzige, was der Ganswirth von ihnen wußte, und das ge- nügte, ihn dienstwillig und gefügig zu machen; in welcher Be- ziehung jene zu dem Fürsten standen, das auszuforschen, hatte er heute weder Zeit noch Gelegenheit; er ließ sich aber darum keine grauen Haare wachsen, denn er sah voraus, daß er bald erfahren werde, was es mit den Beiden für ein Bewandtniß Als die Fremden ihre Mahlzeit beendigt hatten, begannen sie ihre Kisten und Laden auszukramen. Allerlei sonderbare Geräthe kamen da zum Vorschein, deren Zweck nicht leicht zu ergründen war, außerdem Flaschen, Schmelztiegel, Kolben und dergleichen. Das Geräth wurde in die Küche und in das größte Zimmer geschafft, und als alles an Ort und Stelle war, sah es in der Wohnung der Fremden fast ebenso aus wie in dem geheimen Laboratorio des Herrn Thomasius. Doch sah man hier noch andere Dinge, zum Beispiel eine Tafel, auf welche Sternbilder gezeichnet waren, eine Himmelskugel, einen großen Tubus und zwei vollständige Todtengerippe. Der Mann mit dem langen Bart betrachtete alles, verschloß dann die Thüren und begab sich mit seinem Gefährten in eins der beiden anderen Zimmer, in denen sich nur gewöhnlicher Haus- rath befand. »Laß den Kopf nicht hängen,« sagte er zu dem andern, »es wird alles gut gehen.« »Meister,« erwiderte der Angeredete und verzog das Gesicht, »mir ist's Höllenangst, Ihr hättet nicht hierher kommen sollen; mir schwant Böses.«»Du bist ein Hasenfuß,« entgegnete der an- dere. »Ich habe in den Sternen gelesen –« ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 31 von 71 »Meister,« fiel jener ein, »spart Euer Gefasel, Eure Weisheit wollt' ich sagen, für den Fürsten und andere erleuchtete Männer. Ich habe nicht in den Sternen gelesen, kann überhaupt nicht lesen, aber das weiß ich, daß es unklug von Euch war, hierher zu gehen. Die Meise geht nicht zweimal in den Schlag. – Wenn er uns erkennt!« »Wer? der Grünschnabel? Gesetzt er hält sich noch hier auf, so erkennt er mich sicherlich nicht.« »Euch nicht, aber mich, das Gesicht läßt sich nicht verstecken.« »So bleib' zu Hause, wenn Du Dich fürchtest.« »Schöne Aussicht das! Sechs Monate will der Fürst hier bleiben, und ich soll die ganze Zeit über gefangen sitzen!« »Sechs Monate bleibt der Fürst hier,« sagte der andere und strich sich seinen langen Bart, »damit ist aber nicht gesagt, daß Zeit ist bald um, es gilt noch einen Hauptschlag auszuführen.« »Wie wär's, Meister, wenn wir uns gleich jetzt drückten; heute denkt niemand an uns. Wir haben Reisegeld genug.« »Du bist ein Narr. Nein, wir haben nicht genug, aber wir werden bald genug haben, verlaß Dich auf mich!« Der Getröstete schnitt ein Gesicht. »Sei guten Muths und trinke, dann wirst Du auf andere Gedan- ken kommen,« sagte der Bärtige und schob seinem Gesellen den Weinkrug hin. Dieser grinste, nahm ihn in Empfang und verließ das Zimmer. Achtes Kapitel. Fritz wird Schauspieler aus Desperation. Als Fritz am anderen Morgen zu guter Stunde in dem geheimen Laboratorium erschien, fand er Herrn Thomasius beschäftigt, große Klumpen Zinnober im Mörser zu zerstampfen. »Wie geht's, Fritz?« fragte Herr Thomasius theilnehmend. »Ich bin nicht krank.« »Das freut mich,« sagte der Apotheker und reichte seinem Sub- jekt die Hand. »Kopf oben, Fritz! und trinkt brav kalt Wasser, das ist das Beste in solchen Fällen.« Man ging an die Arbeit. Fritz wiederholte noch einmal im klei- nen das Experiment, und es gelang wie gestern. Nun drängte der Apotheker zu dem Versuch im großen. »Die ersten Skrupel Gold,« sagte er, »werden angewandt, um den Löwen, den die Apotheke als Zeichen führt, zu vergolden. Ich habe mir bereits vom Magister, dem ich gestern Abend un- sere, oder vielmehr Eure Entdeckung unter dem Siegel der Ver- schwiegenheit anvertraut habe, eine Inschrift aufsetzen lassen, die ich auf das Fußgestell des Löwen zu setzen gedenke.« Er zog ein Papier aus der Brusttasche und reichte es dem Bac- calaureus. Dieser las: » Me renovavit et ornavit auro, quo D ipse fe Cit, Danie LVs Tho- »Die dicken Buchstaben,« erklärte der Apotheker, »stellen zu- gleich die Jahreszahl dar. Ja, das muß man dem Magister lassen, auf solche Sachen versteht er sich wie kein Zweiter.« Fritz nickte schweigend und gab den Zettel zurück. Die beiden Adepten gingen an's Werk; bald wirbelte trübgelber Dampf auf und zog durch den Rauchfang. Draußen schien die Sonne, die Vögel sangen in den Bäumen des Gartens, grüne Ei- dechsen spielten auf der Mauer, und tausend Mücken tanzten in der Luft. Die beiden Goldmacher standen am Schmelzofen und kümmer- ten sich nicht um die Welt. Der Apotheker dachte nur an das gelbe Metall und blickte in die dampfende Masse; Fritz Hederich starrte in's Leere. Ein müder Schwimmer, hatte er sich an's Ufer gerettet und das Land, welches ihn aufgenommen, dankbar bebaut. Er war still- zufrieden, hatte mit den Weltfreuden abgeschlossen und sehnte sich nicht wieder hinaus in das Leben. Da zeigte ihm das Schick- sal das Erdenglück in der verlockenden Gestalt der blonden Else noch einmal. Eine süße Gewalt riß ihn in's Leben zurück, und er begann wieder zu hoffen, sich zu freuen. Nun war sein Hoffen zu Schanden geworden, die Ruhe, aus der man ihn gewaltsam aufgerüttelt hatte, war dahin, das liebgewordene Stillleben war ihm verleidet. Was lag vor ihm? Neue Stürme, neues Ringen. Sollte er den Kampf noch einmal wagen, oder sollte er die Arme sinken lassen und untergehen? Er hatte manche Phiole unter seiner Obhut, deren Inhalt ihm bald zur ewigen Ruhe verholfen haben würde. Sollte er der Welt gute Nacht sagen? – Nein, die Welt ist doch schön, trotz allen Elends, das sie hegt und aller Narren, die auf ihr herumstolpern! Das Wanderlied zog ihm durch den Sinn: »Wohin des Wegs, Müd' Menschenkind? Zum Glück durch Leid, Zur Ruh durch Qual Über Berg und Thal – Die Welt ist weit!« Er richtete sich auf und reckte seine Glieder. Er fühlte sich so stark, er hätte dem Atlas das Weltgebäude abnehmen mögen. Es war ein Glück, daß er so kräftig war, denn im nächsten Au- genblick hatte er seinen Prinzipal aufzufangen, der todtenblaß vom Schmelztiegel zurücktaumelte. Er nahm ihn in die Arme, wie man ein kleines Kind nimmt und setzte ihn in den Lehn- stuhl. Herr Thomasius kam wieder zu sich und deutete mit der Hand nach dem Schmelztiegel. Fritz Hederich blickte hinein und konnte sich sofort den Zufall des Apothekers erklären, denn der Tiegel zeigte statt des Goldes einen trüben Bodensatz, der sich trotz aller Mühe nicht in Gold verwandeln ließ. Fritz Hederich betrachtete kopfschüttelnd den Tiegel. »Ohne Sorgen, Herr Thomasius,« rief er dann, »es ist Zufall, ich bin meiner Sache gewiß. Gebt Acht, das nächste Mal gelingt's!« Der Apotheker stand auf und drängte mit fieberhafter Angst zur Wiederholung des Experiments. Fritz arbeitete jetzt allein, er ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 32 von 71 ging mit großer Sorgfalt zu Werke, aber kein Gold kam zum Vor- »Es war Blendwerk,« murmelte Herr Thomasius. »Nein,« antwortete Fritz, dem jetzt ein Licht aufging, »es war kein Blendwerk, aber ich war ein Thor. In dem Zinnober, den ich zum Versuch angewandt, war Gold enthalten, und ich habe es nur hervorgezogen. Dieser Zinnober enthält kein Gold, darum bleibt keins im Tiegel zurück. So ist's und nicht anders.« »Das war eine schlimme Täuschung,« seufzte der Apotheker, »schlimm für Euch. Nun bleibt uns wieder nur die Tinktur, und diese muß gerathen, sie muß – denn es wäre eine beispiellose Grausamkeit vom Schicksal, wenn wieder ein Unfall einträte.« Er ging nach dem großen Kolben, der über einem gelinden Feuer stand, und betrachtete die trübpurpurne Flüssigkeit. »Seht Fritz, es klärt sich schon. Nur Geduld, nur Geduld! – Fritz, laßt's Euch nicht anfechten, daß Euch das Glück genarrt hat. Finde ich das Magisterium, so soll es keinem mehr zu Gute kom- men, als Euch. Aber jetzt wachsam und vorsichtig! diesmal muß es gelingen.« Fritz Hederich räusperte sich. »Herr Thomasius,« sagte er, »ich hab' eine Bitte an Euch.« »Was giebt's?« »Ich habe Euch treu gedient, und Ihr wißt, daß ich meine Sache »Gewiß, das weiß ich und erkenne es an.« »Ich danke Euch für Eure gute Meinung,« fuhr Fritz fort. »Ihr seid ein angesehener Mann und weit im Land herum bekannt. Euer Wort gilt etwas. Erweist mir die Gunst und fragt bei Euren Kollegen an, ob mich keiner brauchen kann, denn ich muß fort, fort aus dem Haus und aus der Stadt.« »Fritz, seid gescheit, wollt Ihr gleich den Muth verlieren, weil Euch der erste Versuch in der Alchymie mißglückt ist?« »Es ist mir nicht darum,« entgegnete Fritz; »mich treibt etwas anderes fort, Ihr wißt schon was.« »Hm, so, so,« sagte der Apotheker und neigte den grauen Kopf. »Ihr habt am End' Recht. Es ist besser für Euch. Ich verliere Euch ungern, denn ohne Schmeichelei, ich hab' Euch lieb gewonnen, aber es ist besser, Ihr verlaßt die Stadt. Für einen guten Platz will ich schon Sorge tragen, vielleicht in Ammerstadt oder sonst wo. Aber augenblicklich könnt Ihr nicht fort, Ihr müßt bleiben, bis die Tinktur fertig ist. In zwei, drei Wochen – es kann aber müßt Ihr aushalten. Wollt Ihr mir das versprechen?« Fritz wäre am liebsten gleich gegangen, doch versprach er dem Apotheker, die bestimmte Zeit bleiben zu wollen und indessen sorgfältig auf die Tinktur zu achten. »Von der Arbeit in der Offizin,« sagte Herr Thomasius, »entbinde ich Euch gänzlich, aber hier müßt Ihr desto fleißiger aufpassen, sechs Stunden ich, sechs Stunden Ihr; lange dauert's ohnehin nicht mehr.« Es war sechs Uhr Abends. Fritz war in der Wache bei der Tinktur von seinem Prinzipal abgelöst worden und saß in seiner Stube. Da klopfte es an die Thür, und herein trat der Magister. Er war hochroth im Gesicht, und seine Nasenflügel zitterten. Das war immer der Fall, wenn er sehr aufgeregt war. »Ach, Herr Baccalaureus,« sagte er mit bebender Stimme, »ach, »Was giebt's denn, Herr Magister, wo fehlt's denn?« fragte Fritz theilnehmend. »Ach, Werthgeschätzter, mir ist etwas Arges zugestoßen; denkt Euch, der Heiland ist krank geworden, oder vielmehr er simulirt eine Krankheit, bloß um mich zu kränken.« Dem Baccalaureus wurde angst. Der Apotheker war nahe daran, über dem großen Magisterium den Verstand zu verlieren, er selbst wußte nicht, wo ihm der Kopf stand, und nun kam ihm noch der Magister mit seinen verworrenen Reden auf den Hals. »Ruhe, Herr Magister, Ruhe!« mahnte er. »Setzt Euch und erholt Euch, Euch ist etwas zugestoßen?« »Freilich, freilich, und ich selbst bin Schuld daran,« antwortete der Magister und schlug sich vor die Stirn, »denn ich habe ihm eine Pönitenz diktirt.« Fritz Hederich griff sich gleichfalls an die Stirn. »Er hat sich aber auch ein unverzeihliches Delictum zu Schul- den kommen lassen,« fuhr der Magister fort. »Wer?« fragte Fritz; »der Heiland?« Der Magister nickte. Jetzt war es dem Baccalaureus klar, daß es bei dem Magister rappelte, und er begann ihn mit Vorsicht zu behandeln. Zunächst faßte er ihn beim Handgelenk. »Euer Puls zappelt wie eine Maus im Milchtopf. Nur ruhig, Herr Magister! Was hat er denn begangen?« »Er hat, nein ich kann's kaum sagen, er hat – ut cum indicativo konstruirt,« stöhnte der Magister. Der Baccalaureus lachte hell auf. »Das ist freilich ein großes »Nicht wahr?« ächzte der Magister. »Natürlich konnte ich nicht anders, als ihm eine Pönitenz auferlegen. Nun thut er mir den Possen an und stellt sich krank! Wer soll nun nächsten Sonntag den Herrn Jesus spielen?« Jetzt ging dem Baccalaureus ein Licht auf. »Gott sei Dank,« sagte er, »daß es nichts weiter ist. Der Schüler, der in Eurer Komödie den Heiland spielen soll, ist plötzlich er- krankt? Nicht so?« »So ist's,« bestätigte der Magister, »habt Ihr mich denn nicht verstanden? Der Sekundaner Kaspar Krautmann, welcher in meiner Komödie die Rolle des Jesus übernommen hat, hat in seinem letzten Exercitio ut cum indicativo gesetzt. Das ist etwas Unerhörtes für einen Sekundaner, und ich habe ihn deshalb mit einer Pönitenz belegt.« »Das war aber auch unklug, Herr Magister!« wandte Fritz ein. »Das Gewissen, Herr Baccalaureus, das pädagogische Gewis- sen,« entgegnete eifrig der Magister. »Ich mußte das thun. Wer hätte auch dem Krautmann die Bosheit zugetraut, krank zu wer- den. Ich weiß, er ist gesund wie ein Fisch im Wasser, aber er behauptet steif und fest, sterbenskrank zu sein, und unglückli- ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 33 von 71 cher Weise ist Doktor Krautmann sein Oheim; der schreibt ihm richtig ein Testimonium, daß er das Zimmer hüten muß. Und ich sitze da in der höchsten Verlegenheit. Auf Sonntag ist das Spiel angesagt, alles in Bereitschaft, und nun wird mein Heiland Fritz Hederich war in einer Stimmung, daß, wenn ihm wer ge- sagt hätte, morgen gehe die Welt unter, er nicht außer Fassung gerathen sein würde. Der Magister aber in seiner Verzweiflung kam ihm so komisch vor, daß er Mitleid mit ihm zu fühlen be- gann. Theilnehmend fragte er: »Kann denn kein anderer von Euren Lyceisten die Rolle des Herrn übernehmen? Bis zum Sonntag sind ja noch sechs Tage, und so gar viel wird der Heiland doch nicht zu sprechen haben.« »Das nicht, aber unter meinen Schülern ist keiner, der für die Rolle tauglich wäre. Die besten habe ich bereits anderweitig ver- wendet; der kleine Müller spielt die Jungfrau Maria, der Sekun- daner Hans Spieß macht die Braut, und ich habe meine liebe Noth gehabt, noch ein paar halbwegs taugliche Brautjungfern zu finden, alle übrigen sind kleine, untersetzte Knirpse oder un- geschlachte Bengel, kaum gut genug für die Hochzeitsgäste und Teufel. Und ich kann doch den Heiland nicht von einem so ha- gebüchenen Lümmel oder von einem dickköpfigen, bausbäcki- gen Stöpsel spielen lassen! Nein, Fritz – Herr Baccalaureus, wollte ich sagen –, wenn Ihr mich nicht rettet, so weiß ich nicht, in welches Mausloch ich mich vor Scham verkriechen soll. Ihr müht den Jesus spielen.« »Ich?« fragte der Baccalaureus und lachte. »Magister, wenn Ihr wüßtet, wie mir's zu Muth ist, Ihr verlangtet Derartiges nicht »Weiß schon, weiß schon,« erwiderte der Magister, »Topf zer- brochen, Brühe ausgelaufen oder sonst etwas; Herr Thomasius hat mir vorhin etwas Ähnliches vorgewinselt. Hirngespinst, Herr Baccalaureus, Hirngespinst! Ich hätte nicht geglaubt, daß Ihr Euch von der Narrheit des übrigens sehr ehrenwerthen alten Herrn anstecken lassen würdet. Gold wollt Ihr machen? Überlaßt den Mammon den andern; Ihr seid zu Höherem geboren. – Spielt mir den Heiland, und Ihr werdet's nicht zu bereuen haben. Mei- ner Fürsprache bei unserm allergnädigsten Fürsten seid Ihr gewiß, und wenn der hohe Herr einmal aufmerksam auf Euch geworden ist und Euch seine Gunst zuwendet, so seid Ihr gebor- gen. Viel ist's nicht, was Ihr zu lernen habt, nichts als Stellen aus den Evangelisten, die Ihr als guter Christ so wie so kennt, nur hab ich sie in Verse gebracht, und das lernt sich desto leich- Fritz Hederich befand sich in einer Lage, wo der Mensch jed- wede Gelegenheit ergreift, seinen Gedanken eine andere Rich- tung zu geben. Es kam ihm lächerlich vor, daß er gegenwärtig, wo er alles verloren, wo er im Begriff stand, wieder in die Welt hinauszufahren und sich mit dem Geschick herumzuschlagen, Komödie spielen sollte. Er lachte und erschrak selbst vor seinem Lachen, als er dem Magister versprach, die Rolle zu überneh- Diesem fiel mit der Zusage des Baccalaureus ein Stein vom Her- zen. »Mit Herrn Thomasius habe ich schon gesprochen,« sagte er, »der hat nichts dagegen.« Er wiederholte seine Verheißung und ging, um die Rolle zu holen, die Fritz auswendig lernen sollte. In den nächsten Tagen lernte Fritz, während er am Feuer saß, über dem die rothe Tinktur brodelte, die Xylandrischen Verse auswendig. Es war ihm lieb, daß er etwas hatte, was sein Den- ken fesselte, und – er malte sich den Abend aus, wenn er auf dem Theater stehen und das veilchenblaue Augenpaar der fal- schen Else nach ihm blicken würde. Herr Thomasius hatte seinen Konsens gegeben, daß Fritz sich an der Aufführung des Festspiels betheilige. Er war zwar ein ab- gesagter Feind aller Poeterei und hatte bereits mit Bestimmtheit erklärt, der Komödie in keinem Fall beiwohnen zu wollen, aber er glaubte, seinem Subjekt, dem das Schicksal so übel mitge- spielt hatte, alles bewilligen zu müssen, was diesem zur Zer- streuung seiner trüben Gedanken ersprießlich wäre. Der Magister war in diesen Tagen in großer Aufregung. An dem Spiel mußte hie und da gekürzt werden, dort war's nöthig, etwas einzuflicken, und wieder an einer andern Stelle beantragte der Rektor eine Änderung; und was Herr Paulus Crusius sagte, das mußte geschehen, wenn's auch dem Magister nicht immer ein- Täglich wurde eine Probe gehalten, und dabei gab's viel Ärger. Hans Spieß, der die Braut spielte, war ein Faulpelz ersten Ran- ges, er konnte seine kleine Rolle immer noch nicht und lachte in einem fort. Die Jungfrau Maria fing unglücklicher Weise an, die Stimme zu wechseln und sprach bald fein, bald grob. »Er muß Kreide essen, damit seine Stimme fein wird!« befahl der Magister. Der kleine Müller versicherte unter Thränen, das könne er nicht, die Kreide mache ihm übel. Endlich bequemte er sich zu Eidotter und Honig, und nun krächzte er minder rauh. Ein Trost war es, daß Fritz Hederich seine Sache gut machte. Mit seinen langen Locken, seinem etwas angegriffenen Gesicht glich er in der That dem Bild des Heilands, und wenn der Ma- gister beim Auftreten der übrigen Mimen die Stirn runzelte, so verklärte sich sein Antlitz, wenn Fritz Hederich seine Rolle Wohl nie hat ein Komödiendichter solche Plackereien gehabt, wie der Magister Hieronymus Xylander. Endlich klappte alles so ziemlich zusammen. Am Sonnabend war die letzte Probe gehal- ten worden, morgen Abend sollte das Spiel abgehalten werden, da ereignete sich noch etwas. Der Oberstkämmerer des Fürsten kam nämlich am Sonnabend Abend zu dem Rektor des Lycei und erinnerte denselben, daß morgen, als am Tage der Komödie, der Sterbetag der hochseli- gen Fürstin Mutter sei. Der Herr Rektor werde wohl wissen, daß an diesem Tage weder Musik noch Tanz gestattet sei. Er, der Oberstkämmerer, bringe dies bei dem Herrn Rektor in Erinne- rung, damit bei dem morgen stattfindenden Festspiel dies Gebot respektirt werde. Obgleich Herr Crusius keineswegs an den Trauertag gedacht hatte, so versicherte er doch dem Oberstkämmerer, daß man ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 34 von 71 diesem Umstand wohl Rechnung getragen habe, und geleitete den fürnehmen Besuch unter tiefen Bücklingen bis an die Haus- thür. In sein Zimmer zurückgekehrt, ergriff er Stock und Hut und begab sich eiligen Schrittes nach der Goldenen Gans, wo Herr Xylander um diese Zeit ein Schöpplein zu trinken pflegte. Dort theilte er dem Magister mit, daß morgen keinerlei Musik gemacht werden dürfe, dieweil auf morgen der Todestag der hochseligen Fürstin Mutter falle. Er, der Rektor, setze voraus, daß dem Magister dies bekannt sei. Der Magister antwortete: er wisse das allerdings, habe auch be- reits die nöthigen Änderungen an der Komödie gemacht, trank sein Schöpplein aus und begleitete den Rektor auf die Straße, wo er sich von demselben verabschiedete. Dann ging er, um Fritz Hederich aufzusuchen. »Es ist, als ob sich alles wider mich verschworen hätte,« begann er. »Denkt Euch, Herr Baccalaureus, da fällt mir eben ein, daß morgen der Sterbetag der hochseligen Fürstin Mutter ist.« »Und da dürft Ihr das Spiel nicht aufführen?« fragte Fritz. »Das wohl, aber es darf weder musizirt noch getanzt werden, das bricht der Komödie die Spitze ab. Eine Komödie ohne Musik und Tanz zum Schluß ist noch gar nicht dagewesen. Und nun denkt Euch, wenn der Speisemeister zu Jesus spricht: »Erlaubt, o Herr, daß wir zum Tanz uns rüsten: Die städtischen Geiger und die Zinkenisten, Sie stimmen schon die Zinken und die Geigen, Um aufzuspielen zu dem Hochzeitsreigen –« und Ihr als Heiland darauf antwortet: »Da thut Ihr recht, denn einen Tanz in Ehren Kann niemand nicht mit Fug und Recht verwehren. Es tanzte selbst ohn' Ärgernuß und Schade Der König David um die Bundeslade –« und wenn dann alles still und stumm auseinandergeht – was wird das für einen Eindruck machen?« »Könnt Ihr das Spiel nicht um einen Tag verschieben?« »Unmöglich! Am Montag beginnen die Stoppelferien, da müssen die Schüler, wenigstens die ärmeren, ihren Eltern auf dem Felde helfen. Und wenn ich die Komödie bis nach den Ferien verschie- ben wollte, so würden die Schlingel unterdessen alles ver- schwitzt haben; dann geht auch die Jagd auf, und Serenissimus haben keine Zeit mehr, Komödien anzusehen.« Die Beiden sannen hin und her, und schließlich mußte der Ma- gister doch ohne Trost abziehen. Er fand lange die ersehnte Ruhe nicht. Das Bild des Martin Opitz konnte ihn zwar nicht des Nachts mehr erschrecken, denn er pflegte es allabendlich vor dem Schlafengehen umzukehren, aber die Sorge um den Schluß der Komödie ließ ihn nicht schlafen. Da – gegen Mitternacht – wurde an die Thür des Xylanderschen Musei geklopft. Der Ma- gister fuhr mit dem Kopf unter die Decke, er erinnerte sich an die Sage von dem Gespenst, welches im Haus umgehen sollte. Aber das Klopfen wiederholte sich, und eine Stimme rief: »Herr Magister, ich bin's, Fritz Hederich.« Der Magister Xylander zündete seine Lampe an und öffnete die Thür. Fritz Hederich betrachtete die Gestalt des Dichters, der keine Zeit gehabt hatte sich anzukleiden, mit verbissenem Lä- »Herr Magister,« sagte er, »ich hab's.« »Was habt Ihr?« »Ich hab' einen Ausweg gefunden und etwas zu Papier gebracht, was Euch morgen bei der Aufführung über alles hinweghilft. Er reichte dem Magister einen Zettel. Dieser stellte die Lampe auf den Tisch und brachte das Papier an seine blinzelnden Augen. Seine nackten Beine und der Zipfel seiner Nachtmütze zitterten, während er las. » Optime, mein Freund,« rief er, als er gelesen hatte, und flog dem Baccalaureus an den Hals, daß sein Hemdlein flatterte. » Optime, Herr Baccalaureus! Ich sag's und bleib' dabei, Ihr seid ein Ingenium. Das ist ein herrlicher Gedanke, das wird wirken. Fritz gebt Acht, Euch blüht das Glück. Und wenn alles gut geht, und mir der Fürst – nun, was er thut, das weiß ich nicht, aber etwas thut er sicherlich, dann – Fritz, ich bin Euer Freund, und wenn ich Else heirathe – nächsten Frühling ist die Hochzeit – so sollt Ihr mein Brautführer werden; hier meine Hand drauf!« Der Magister sprach's und klapperte vor Frost mit den Zähnen. »Geht nur wieder zu Bett,« mahnte Fritz, »und für Eure gutge- meinte Absicht danke ich Euch. Gute Nacht!« »Gute Nacht, Herr Baccalaureus, und nochmals meinen Dank,« sagte der Magister, »morgen will ich nachholen, was ich heute an Schlaf versäumt habe. Gute Nacht!« Der Baccalaureus entfernte sich, der Magister verriegelte sorg- fältig hinter ihm die Thür und ging – nicht in's Bett, er kleidete sich vielmehr wieder an und setzte sich an sein Schreibpult, um das, was auf dem Zettel des Baccalaureus stand, auszufeilen, denn die Verse des Subjekts waren sehr schlecht. Neuntes Kapitel. Die Hochzeit zu Kana. Die Ratten im Finkenburger Rathhaus hielten einen Familien- rath, denn in dem großen Saal, welchen sie als ihr unbestritte- nes Eigenthum betrachteten, gingen seit ein paar Tagen Dinge vor, welche ihnen den Aufenthalt verleiden mußten und den ge- schwänzten Familienoberhäuptern die Frage aufdrängten, ob man nicht besser thue, andere Wohnsitze zu suchen. Wären es Wanderratten gewesen, sie hätten Angesichts der dro- henden Gefahr ihre Lenden gegürtet und wären ausgezogen mit Mann und Maus, Kind und Kegel, denn diese Spezies fragt nicht woher? und wohin? sondern denkt: Ubi bene, ibi patria. So aber waren's konservative Hausratten, denen seit urvordenklichen Zeiten das Finkenburger Rathhaus erb- und eigenthümlich zu- gehörte, und daß diese den Ort, wo die Wiege ihrer Väter ge- standen, nicht leichtsinnig aufzugeben geneigt waren, wird jedermann begreifen. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 35 von 71 Die Ratten hielten, wie gesagt, einen Familienrath, dem der Se- nior des weitverzweigten Geschlechts, ein alter, eisgrauer Rat- tenvater, präsidirte. Er hatte statt des ansehnlichen Schwanzes, den die übrigen zur Schau trugen, nur einen kurzen Stummel, aber dieser Mangel gereichte ihm keineswegs zur Schande, im Gegentheil – wie junge Krieger den Stelzfuß eines Veteranen mit Ehrfurcht betrachten, so blickten die Rattenjünglinge auf den Schwanzstummel ihres Ältesten, hatte er doch die fehlenden Zweidrittel in einem höchst ungleichen Kampfe verloren, als ihn Peter, der Schooßkater der Bürgermeisterin, heimtückischer Weise von hinten überfiel. Daß man gegen die Besitznahme des Rathhaussaales durch die Menschen nicht mit Gewalt einschreiten dürfe, war allen Ratten einleuchtend, eine List wollte keinem einfallen, und so ent- schloß man sich denn, wiewohl mit schwerem Herzen zu einer Massenauswanderung; es war nur die Frage, wohin. Unternehmende Jünglinge, die zuweilen ausgedehnte Streif- züge in die Nachbarschaft unternahmen, rühmten die Räum- lichkeiten der Goldenen Gans und malten das Wirthshausleben so reizend wie möglich aus. Ein eroberungslustiger Rattenheld hatte sogar, wie einst Cato Feigen aus Karthago, einen Wurst- zipfel aus der Küche der Goldenen Gans in die Versammlung mitgebracht. Aber der Rath, so gut er übrigens schien, ward doch verworfen, weil ein Wirthshaus, allenfalls gut genug für ein Mäuseproletariat, kein standesgemäßer Aufenthalt für ein altes Rattengeschlecht sei. Auch wußten ängstliche Rattenfrauen von zwei in der Gans wohnenden Männern zu erzählen, die eine große Familienähnlichkeit mit slovakischen Rattenfängern hät- Hierauf schlug man die Bodenräume der Löwenapotheke vor. Aber auch dieser Antrag fiel durch. »Wie leicht könnte sich eins der Kinder an einem giftigen Kraut vergeben, und dann – Jakob Es wurde noch manches Haus in Vorschlag gebracht, aber über- all hatte es irgendwo einen Haken. Da erhob sich ein Rattenva- ter, der bisher geschwiegen hatte, und stellte den Antrag, man solle noch ein paar Tage warten, vielleicht geschehe unterdes- sen etwas. Den sorgenden Familienhäuptern fiel es wie Schup- pen von den Augen, und die gepreßten Herzen athmeten auf; das war ein Ausweg. Abwarten wollte man die Dinge, die da kom- men würden. Die Versammlung wurde geschlossen, und die Rat- ten verliefen sich in ihre Löcher, um von ihrer parlamen tarischen Thätigkeit auszuruhen. Allerdings mußte jeder, der den großen Rathhaussaal gesehen hatte, wie er sonst gewesen, bei dem Anblick seiner jetzigen Ge- stalt zugestehen, daß das kein behaglicher Aufenthaltsort mehr für anständige Hausratten sei. Ehemals war der Saal gewissermaßen die Rumpelkammer des Rathhauses gewesen. An den Wänden standen hohe Reposito- rien, angefüllt mit Acten und Urkunden. Auch hingen hier alte, gebräunte Gemälde, Bürgermeister und andere berühmte Per- sönlichkeiten darstellend. In den Winkeln standen, durch le- derne Überzüge geschützt, die Fahnen der ehrsamen Zünfte, ferner ausgediente Nachtwächterspieße, verschiedene bei Schlägereien konfiscirte Mordwaffen und Knüppel, sowie alte Hakenbüchsen, mit denen vor Jahren die tapferen Bürger ihre Mauern vertheidigt hatten. Hier stand auch für gewöhnlich der hölzerne Marktesel, den vor Jahr und Tag der Doktor Rapontiko geziert hatte. Außerdem lagen und standen im Saal umher al- lerhand alter Hausrath, abgenutzte Feuereimer, unrichtiges Gemäß, falsche Waagen und Gewichte, welch' letztere Gegen- stände man ihren betrügerischen Eigenthümern von Rechts wegen konfiscirt hatte; zerbrochene Harnische und anderes Ge- waffen, abgetragene Monturstücke der Stadtknechte, verrostete Ketten und Handschellen, eine alte Dachrinne, Glasscherben und Schutt. Dazu waren die runden Fensterscheiben erblindet und mit Spinneweben geziert, und da hie und da eine Scheibe fehlte, so war der Eintritt in den Saal auch fliegendem Nacht- gethier unverwehrt. Man sieht aus der Beschreibung des Rathhaussaales, wie er vor- dem aussah, daß derselbe allerdings ein Aufenthaltsort für die Ratten war, wie ihn diese nicht besser wünschen konnten. Jetzt war's freilich anders geworden. Eines Tages waren die Stadtknechte gekommen und hatten das Gerümpel beseitigt. Diesen folgten drei alte Weiber auf dem Fuße, welche mit Sand, Wasser und Strohwisch den Fußboden reinigten, und wieder einen Tag später begannen Zimmerleute im Hintergrunde des Saales ihr Pochen und Hämmern. Endlich hörte der Lärm auf, und als sich die beherztesten Rattenrecken in den Saal wagten, sahen sie ein großes, aus Balken und Bret- tern aufgeschlagenes Gerüste, welches vorn mit einem rothen Tuch verhangen war. Daß das eine Rattenfalle sei, war keine Aber diesmal täuschten sich die Ratten doch. Das Gerüst war keine Falle, sondern nichts Geringeres, als die Bühne, auf wel- cher das Festspiel des Magisters Xylander, betitelt »Die Hochzeit zu Kana«, aufgeführt werden sollte. Der Rektor Crusius hätte es zwar lieber gesehen, wenn die Ko- mödie in der Aula des Lycei gespielt worden wäre, denn es war vorauszusehen, daß nun der Bürgermeister einen Theil der fürstlichen Huld erschnappen werde, die außerdem ungetheilt dem Lehrkörper des Lycei zugefallen wäre – aber die Aula war nun einmal nicht geräumig genug, um den Hof und die übrigen Ehrengäste zu fassen, und der Rektor mußte wohl oder übel zu- geben, daß das Spiel im Rathhaus vor sich gehe. Er hatte sich's aber ausbedungen, in Gemeinschaft mit dem Bürgermeister die durchlauchtigsten Herrschaften an der Treppe empfangen zu dürfen, und das war ihm auch zugestanden worden. Am Sonntag Abend wogte es von allen Seiten gegen das Rath- haus zu, vor dessen Eingang zwei sprühende Pechpfannen und sechs mit Hellebarden bewaffnete Stadtknechte standen. Fin- kenburg hatte deren eigentlich nur fünf, aber des Gleichmaßes halber war der Nachtwächter in eine Stadtknecht-Uniform ein- gekleidet worden, und zu seinem Ruhm muß berichtet werden, daß er sich so gut hielt, als ob er ein wirklicher Stadtsoldat sei. Außer diesen sechs Wächtern und den beiden Pechpfannen ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 36 von 71 standen noch viele gewöhnliche Menschen vor dem Rathhaus; das waren diejenigen, die keine Einladung erhalten hatten. Sie machten ihrem Ärger durch Schimpfen und Lärmen Luft und be- gleiteten den Eintritt jedes geladenen Bürgers mit Hohngeschrei und ungehörigen Bemerkungen. Endlich kam ein fürstlicher Läufer angerannt. Die aufgeregte Menge ward plötzlich mäuschenstill und wich zur Seite, denn die vergoldete Staatskarosse nebst allem Zubehör rollte heran. Diejenigen, welche im Besitz einer Kopfbedeckung waren, zogen dieselbe, der Wagenschlag wurde geöffnet, der Herr Bür- germeister und der Herr Rektor bewillkommneten die hohen Gäste mit tiefen Bücklingen und geleiteten sie nach oben. Unten wogte und brauste wieder die Volksmenge, die Stadtsoldaten lehnten an ihren Spießen, und die Pechflammen sandten ersti- ckende Rauchsäulen in die klare Abendluft. Durch die weise Fürsorge des Herrn Bürgermeisters war die Fol- terkammer zur Garderobe hergerichtet worden. Dort entledigten sich die Herrschaften ihrer Mäntel und traten dann, geleitet vom Bürgermeister und vom Rektor, in den festlich geschmückten Saal, der von vierundzwanzig dicken Unschlittkerzen glänzend beleuchtet war. Bei dem Eintritt des Hofes erhob sich Alles von den Sitzen, und für ein paar Augenblicke war von all' den Kratzfüßen ein Schar- ren im Saale, daß man sich in einen Pferdestall versetzt glaubte. O, sie hatten Lebensart, die Finkenburger! Das fürstliche Paar und der kleine Prinz nickten nach allen Sei- ten und nahmen dann der Bühne gegenüber ihre Plätze ein. Rechts und links von den Durchlauchtigsten stand und saß das Gefolge, bestehend aus den Edelleuten der Stadt und der Umge- Auf beiden Seiten des Saales befanden sich die Sitze der gela- denen Bürger. Die Frau Bürgermeisterin thronte mit Käthe, ihrer Tochter, und Else Thomasius in der vordersten Reihe, wo- selbst auch die Frau Rektorin zwischen den Ehefrauen des Kon- rektors und des Tertius Platz genommen hatte. Auch der dicke Metzgermeister nebst seiner nicht minder wohlbeleibten Frau Liebsten, sowie die anderen Altmeister, waren zugegen. Der Raum, welchen die Bürgerschaft inne hatte, war durch eine rothe Schnur abgegrenzt, über die rothe Schnur hinüber flogen die feurigen Blicke der Kavaliere nach den schönen Bürgers- töchtern, ja, die unternehmendsten Edelleute traten sogar hart an die Schnur heran und knüpften Gespräche an mit dem errö- thenden Gretchen, Käthchen, Lottchen, Lieschen, über welche Auszeichnung manches Mutterauge erglänzte und manche bür- gerliche Faust sich ballte; aber nur in der Rocktasche. Es ging sehr laut im Saale her. Fürst Rochus unterhielt sich mit dem Bürgermeister, während dem Rektor die Ehre zu Theil ge- worden war, der Fürstin und dem kleinen Prinzen über dies und jenes Auskunft zu ertheilen. Er that dies mit großer Würde, jeder Zoll ein Rektor, und schielte zuweilen nach seiner Ehehälfte hi- nüber, die sich mit jeder Sekunde mehr aufblähte. Da ertönte eine Klingel zum Zeichen, daß das Spiel beginne, es wurde mäuschenstill im Saal, und aller Augen richteten sich er- wartungsvoll auf den Vorhang, der langsam emporrollte. Auf der Bühne stand der Magister Xylander. Er trug ein reiches Kleid, eine große Perrücke und einen Degen mit weißer Weiß sind Gelehrter Degenscheiden, Denn Unschuld pflegt sich weiß zu kleiden. Der Magister sah blaß aus, und seine Hand, die eine Papierrolle hielt, zitterte ein wenig. Er machte drei tiefe Bücklinge, wobei er die Linke auf's Herz legte und mit dem rechten Fuß zierlich auskratzte, und hub an, einen sauber zugerichteten Prolog zu sprechen. Am Schluß machte er wieder drei Verbeugungen, und der Vorhang fiel, jedoch nur, um sich sogleich wieder zu heben. Auf der Bühne standen jetzt links ein Dutzend großer, steinerner Krüge, rechts eine Gestalt in der Tracht eines wohlhabenden »Des Kupferschmieds Gottlieb,« flüsterte man im Saal. Des Kup- ferschmieds Gottlieb, seines Zeichens ein Selektaner, trug einen großen Strauß von Sternblumen und Rosmarin am Busen, denn er stellte den Brautvater dar. Er verneigte sich vor den Herrschaf- ten, wurde roth und begann dann mit leiser, schüchterner »Gekommen endlich ist die frohe Zeit. Da meine Tochter einen Gatten freit –« »Lauter!« zischte Herr Xylander aus seinem Winkel, und mit etwas stärkerer Stimme fuhr der Brautvater fort: »Bereits ist ohne alle Müh' und Noth Geschehn das dritt' und letzte Aufgebot, Und heut im Tempel wechseln sie die Ringe. Drum bin ich wohlgemuth und guter Dinge –« »Noch lauter,« raunte der Magister dem Selektaner zu, »Er kann ja sonst schreien wie ein Zahnbrecher.« Und Gottlieb, der mittlerweile Muth gefaßt hatte, kreischte in den Saal hinaus: »Mein Töchterlein ist schön und tugendreich, Und meinem Tochtermann kann's keiner bieten, Er ist der erste unter allen Jüden.« »Hand auf's Herz!« erinnerte der Magister, und der Brautvater legte die Hand auf's Herz, indem er seinen Monolog mit den Worten schloß: »Der ist fürwahr ein hochbeglückter Mann, Der solche Kind' sein eigen nennen kann.« Jetzt trat der Speisemeister, ein dicker, rothwangiger Junge, mit den Worten auf: »Gelobt sei Jesus Christus, unser Herr!« Brautvater: »In Ewigkeit; Speisemeister, was ist Dein Begehr?« Speisemeister: »Dir anzusagen, daß zur Festlichkeit, Jedwedes Ding, so Speis' und Trank bereit.« Brautvater: ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 37 von 71 »Ich will es hoffen, daß Du nichts vergessen, Die werthen Gäste sollen satt sich essen; Vor allem aber sorge für den Wein, Zu viel soll eher als zu wenig sein, Zu viel des Guten kann uns heut nicht schaden! Gar hohe Gäste hab' ich eingeladen, Ja, reiße nur die Augen auf, mein Lieber, Sankt Joseph kommt von Nazareth herüber, Maria auch, die Jungfrau sündenohne, Zur Hochzeit kommt sie mit dem ein'gen Sohne, Mit unserm Herrn und Heiland, Jesus Christ, Der an dem Kreuz für uns gestorben ist.« »Amen,« ertönte es hie und da aus dem Zuschauerraum. Meh- rere Weiber tasteten mit der Hand nach dem Ort, wo sie ihr Sacktuch zu tragen pflegten, denn sie konnten in den Fall kom- men, des Tüchleins zu bedürfen; die Komödie ließ sich gar zu rührend an. Dem Magister entging der Eindruck, den das Spiel auf die Zu- schauer machte, nicht; er freute sich ob der Theilnahme der An- wesenden und glaubte auch, in den Gesichtern der hohen Herrschaften den Ausdruck der Befriedigung zu bemerken. Der Speisemeister fuhr fort: »Sei ohne Sorgen. All' die Krüge hier Sind angefüllt mit edlem Malvasier; Wenn hundert wollten ihre Schoppen füllen, Sie könnten alle ihren Durst wohl stillen. Der Noah selbst, der fromme alte Zecher, Fänd' Weins genug für seinen großen Becher. Wenn Deine Gäste all' den Wein vertragen, Sie müßten Schwämme haben statt der Magen.« »Hohoho, hahaha, hihihi!« lachte es im Saal, und der Magister sah mit wonnigem Entzücken, daß auch Serenissimus die Mundwinkel verzog. Das Spiel nahm seinen Fortgang. Der Speisemeister las von einem langen Zettel die Anzahl der für das Hochzeitsmahl her- gerichteten Kälber, Lämmer und Hühner ab und erging sich eines Breiteren über die mannigfaltigen Gerichte, so daß den Zuschauern das Wasser im Munde zusammenlief. Damit schloß der erste Aktus. Nachdem der Vorhang wieder in die Höhe gegangen war, stellte die Bühne das Innere des Tempels dar. Im Hintergrund stand ein Altar mit Kruzifix und Kerzen; ein Katheder war zur Kanzel umgestaltet worden. Hinter der Scene schlugen zwei kleine Ly- ceisten abwechselnd auf einen kupfernen Kessel und eine Gieß- kanne; das war das Glockengeläute. Eine Zeit lang stand die Bühne leer, dann trat unter Absingung eines geistlichen Liedes der Hochzeitszug herein, voraus der Bräutigam mit der Braut. Der Lyceist, welcher die Braut darstellte, sah so allerliebst aus, daß alle Zuschauer die Hälse reckten, um den Hans Spieß in dem weißen Schleppkleid und der Brautkrone genau sehen zu können. Hans Spieß sah aber gar nicht ergriffen aus, wie dies sonst bei Bräuten der Fall ist; er ließ vielmehr seine schwarzen Augen neugierig über die Anwesenden gleiten und hatte Mühe, ernsthaft zu bleiben, als ihm der Magister mit einer Menschen- fressermiene zuflüsterte: »Augen niedergeschlagen, Spieß! Oder Er kommt sechs Stunden in den Karzer!« Dem Brautpaar folgte der Brautvater mit den Hochzeitsgästen; den Schluß des Zuges bildete Joseph mit Maria und Jesus. Sie sahen genau so aus, wie auf dem Bild, welches in der Finken- burger Stadtkirche hing, und Joseph trug überdies zum Zeichen, daß er ein Zimmermann sei, eine Säge. Der kleine Müller als Jungfrau Maria war sehr bleich, denn er hatte eine Höllenangst seiner groben Stimme halber, aber eben wegen seiner Blässe nahm er sich sehr gut aus. Alle überstrahlte jedoch Fritz Hederich durch seine edlen Züge und seine hohe Gestalt, die von einem blauen, faltigen Gewand umflossen war. »Aaaah,« ertönte es im Saal. Der Fürst aber winkte den in der Nähe stehenden Rektor herbei und fragte ihn, wer der junge Mensch sei. Leider mußte Herr Crusius berichten, daß der Darsteller des Heilands kein Lyceist, sondern ein fremder, seit Jahr und Tag hierselbst ansässiger Baccalaureus sei, der die Rolle des krank gewordenen Schülers aus Gefälligkeit für den Magister Xylander übernommen habe. Auf den fremden, seit Jahr und Tag hier ansässigen Baccalau- reus waren viele Augen gerichtet, unter andern auch zwei blaue, die der blonden Else angehörten. »Euer Subjekt,« flüsterte ihr Bürgermeisters Käthe in's Ohr, »sieht nicht übel aus.« Nicht übel! Else warf der Sprecherin einen vernichtenden Blick zu. – Nicht übel! – Sie verglich Fritz Hederich mit den anwesen- den Bürgerssöhnen, da war keiner, der ihm das Wasser reichte; von den hinter der rothen Schnur sitzenden Bürgern wanderte ihr Auge zu den Junkern im Gefolge des Fürsten. Freilich gab's darunter schöne, schlanke Männer, und wie biegsam und gelen- kig waren ihre Rücken, aber mit Fritz Hederich konnte sich doch keiner messen. Sie zog zum Vergleich noch einen heran, der ge- genwärtig nicht sichtbar war, weil er hinter der Scene Acht geben mußte, daß alles ordentlich herging, und sie seufzte so tief auf, daß sich mehrere Hälse nach ihr drehten, und Bürger- meisters Käthe fragte, was ihr fehle. Mittlerweile hatte auf der Bühne die Handlung begonnen; das Brautpaar kniete am Altar nieder und wurde feierlich eingeseg- net. Diese Scene hatte dem Magister Xylander große Schwierig- keiten gemacht, denn die Trauformeln, wie sie der Katechismus vorschreibt, in Verse zu bringen, war kein Spaß. Alles lief gut ab. Der Hohepriester Kaiphas, der im schwarzen Chorrock mit weißen Bäffchen die Trauung vollzog, fragte am Schluß seiner Rede den Bräutigam: »Willst Du zum Ehgemahle diese da, Bekräftige es mit einem lauten Ja!« »Ja,« würgte der Bräutigam hervor. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 38 von 71 Dieselbe Frage ward hierauf mit der nöthigen Abänderung der Braut vorgelegt, und Hans Spieß nickte seelenvergnügt mit dem Kopf, indem er sein Ja so laut und vernehmlich in den Saal hi- nausschmetterte, daß alles auflachte und der Magister vor Wuth mit den Zähnen knirschte. »So nehmt denn meinen Segen hin, ihr Beiden! Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden.« sagte der Hohepriester und legte die Hände auf das Haupt des Brautpaares. »Rührung, Rührung!« zischelte der Magister, und auf dies Kom- mando schluchzten die Lyceisten, namentlich der Brautvater ganz jämmerlich. Jetzt war auch für die weichherzigen Zuschauerinnen der rechte Augenblick gekommen, das Tüchlein zu ziehen, und eine Weile lang war ein so erbärmliches Seufzen und Gekluckse im Saal, daß man die Worte der Darsteller nicht verstehen konnte. Der Magister war höchst zufrieden. Durch Gegensätze muß man wirken; dies war dem Verfasser der Komödie wohl bekannt, und deshalb hatte er die Scene, in wel- cher Lucifer mit seinen Gesellen agiren sollte, unmittelbar auf die Tempelscene folgen lassen. Wenn jene auf die Thränendrü- sen gewirkt hatte, so reizte diese die Lachmuskeln. Die Teufelss- cene war übrigens diejenige, welche bei den jugendlichen Schauspielern am meisten Anklang gefunden hatte und in den Proben stets außerordentlich gut gegangen war. Auch jetzt bei der Aufführung war die Liebe ersichtlich, mit der die Darsteller ihre Rollen spielten. Der Boden des Theaters hatte eine Thür. Diese ward jetzt zu- rückgeschoben, und grelle Flammen sprühten hervor. Fritz He- derich leitete das Feuerwerk; er hatte sich seines blauen Gewandes entledigt und kommandirte zwei kleine, unterirdische Quintaner, denen auf vieles Bitten das Blitzen übertragen wor- den war. Die beiden Burschen waren außerordentlich aufgeregt und blitzten mit Vergeudung großer Massen von Hexenmehl, welches Fritz Hederich unentgeltlich geliefert hatte, so unge- stüm und gräulich, daß dem Magister beinahe angst wurde. Von den Blitzen umzingelt, stieg Lucifer mit sechs Teufelchen herauf. Die Höllensöhne waren in Kälberfelle eingenäht und hatten stattliche Schwänze nebst Hörnern und Krallen. Lucifer erging sich in schauderhaften Gotteslästerungen, schimpfte auf die heilige Familie wie ein Rohrsperling und forderte schließlich seine Gesellen auf, den Wein auszutrinken. »Damit dem Herrn des Himmels und der Erde Die Hochzeitsfreude recht versalzen werde.« Gräulich quiekend und kreischend fielen auf dieses Geheiß die Teufel über die Weinkrüge her und tranken dieselben unter dem wiehernden Gelächter und geräuschvollen Beifall des Publikums Die übrigen mitwirkenden Lyceisten, die hinter der Scene stan- den, sahen mit mißgünstigen Blicken den Erfolg ihrer Kamera- den. Hans Spieß, der die Braut spielte, vergoß sogar Thränen des Neides; den Erfolg der Teufel voraussehend, hatte er sich eifrig um eine Teufelsrolle bemüht, aber der unerbittliche Ma- gister hatte ihn zur Braut verurtheilt. Hans Spieß nahm sich im Stillen vor, dem Magister demnächst einen Possen zu spielen. Dieser ließ freudetrunken seinen Blick über die tobende, ju- belnde Zuschauermenge gleiten und dankte im Stillen dem Bac- calaureus, in dessen Kopf der Gedanke, den Wein durch Teufel austrinken zu lassen, entstanden war. Die Sache hätte aber um ein Haar eine üble Wendung genom- men, der kleine Prinz nämlich, der zwischen seinen erlauchten Eltern saß, fing, als die Teufel gar zu toll schrieen und herum- sprangen, zu weinen an, erst leise, dann aber, als niemand dies bemerkte, lauter; und endlich zeterte er in den Saal hinaus, daß der ganze Hof zusammenlief, um die kleine schreiende Durch- laucht zu beschwichtigen. Glücklicher Weise gelang es, durch Zuckerwerk die Thränen des Prinzen zu stillen, und der Magis- ter, dem das Herz für ein paar Augenblicke stillgestanden hatte, athmete wieder auf. Er war aber doch herzlich froh, als die Teu- felsscene zu Ende war, und er verstand den Blick, den ihm der Rektor Crusius zuwarf, recht wohl. Es folgte nun der letzte Actus, das Festmahl und die Verwand- lung des Wassers in Wein. Fritz Hederich, der als Apothekersub- jekt vortrefflich mit Panschereien umzugehen wußte, bewerkstelligte das Wunder mit großer Geschicklichkeit. Es ging folg der Teufel gehabten Ärgers nicht mehr so übermüthig drein, und der kleine Müller krächzte nicht allzu rauh, als er zu Jesus »Mein Sohn, die Krüge hier sind alle leer, Die Juden haben keinen Wein nicht mehr.« Die Komödie neigte sich ihrem Ende zu. Der Wein ward ge- bührendermaßen gelobt und getrunken, die Tafel wurde auf- gehoben, und nun hätte eigentlich der Tanz kommen müssen. Wirklich traten auch Musikanten hervor, und der Speisemeis- ter näherte sich dem Heiland mit den Worten: »Erlaubt, o Herr, daß wir zum Tanz uns rüsten, Die städt'schen Geiger und die Zinkenisten Sie stimmen schon die Zinken und die Geigen, Um aufzuspielen zu dem Hochzeitsreigen.« Der Oberstkämmerer und der Rektor blickten sich bestürzt an. Sollte der Magister sich erdreisten? Herr Crusius schickte sich schon an, einzuschreiten, da aber nahm die Sache plötzlich eine andere Wendung. Jesus antwortete nämlich auf die Anfrage des Speisemeisters: »Musik und Tanz? Hab' ich verstanden recht? Ei, ei. Du frommer und getreuer Knecht! Hast Du vergessen ganz, daß Baß und Geigen Des Trauertages halber müssen schweigen?« Der Oberstkämmerer und der Rektor athmeten beruhigt auf, dem Fürsten aber schien diese Aufmerksamkeit außerordentlich zu gefallen, er nickte höchst gnädig mehrmals mit dem Kopf und fuhr dann mit dem Ärmel über die Augen. Auch die Fürstin machte ihrem Gemahl zu Liebe ein ergriffenes Gesicht, und als die Herren und Damen vom Hofe die Rührung des Fürstenpaa- res sahen, beeilten sie sich gleichfalls, ihre Gesichter in be- ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 39 von 71 trübte Falten zu legen, was auch allen sehr gut gelang. Es ver- steht sich von selbst, daß sich die Rührung des Hofes auch auf die Bürger fortpflanzte, und die letzten Verse der Komödie wur- den durch das Geschluchze im Saal verschlungen. Der Magister warf einen Blick des Dankes nach der Decke des Saales und gab den Schauspielern das Zeichen, die Bühne zu verlassen. Braut und Bräutigam, Brautvater und Hochzeitsgäste zogen ab, und auf die verödete Bühne trat der Magister, um den Epilog zu sprechen. Als er geendigt hatte, gab Serenissimus selber das Zeichen zum Beifall, und die Hände der Cavaliere, mehr aber die der ehrsa- men Bürger hinter der rothen Schnur schlugen klatschend zu- sammen, daß die Ratten in ihren tiefsten Schlupfwinkeln erzitterten. Kaum war der Magister Xylander abgetreten, so erschien mit freudestrahlendem Gesicht der Rektor Crusius, drückte ihm die Hand und sagte mit feierlichem Ton: »Unser durchlauchtigster Fürst will Euch sprechen.« Der Magister stand vor dem hohen Herrn mit niedergeschlage- nen Augen und einem himmlischen Lächeln auf den Lippen. Alle Zuschauer erhoben sich, um recht genau zu sehen und zu hören, was jetzt kommen würde. »Unser Magister Xylander,« stellte der Rektor mit gönnerhafter Der Fürst reichte ihm leutselig die Hand. »Er hat mich außerordentlich delektirt mit Seiner Komödia,« sprach er; »hat Er das Alles selbst gedichtet?« »Zu Befehl, Durchlaucht, das heißt, der Gedanke ist von meinem Freunde Hederich, demselben, der den Heiland gespielt hat, aus- »Wo steckt denn der Hederich?« fragte der Fürst, und alsbald mußte Fritz herbei. Er trug noch das faltige Gewand und ver- neigte sich mit Anstand vor den Fürstlichkeiten. Der Fürst ließ sein Auge mit Wohlgefallen auf der Gestalt des Baccalaureus ruhen; er richtete auch an ihn einige freundliche Worte, und der kleine Prinz mußte ihm die Hand geben. Sodann verlangte Serenissimus die übrigen Komödianten zu sehen. Sie zogen im Gänsemarsch heran, und jeder erhielt ein anerkennendes Wort; Hans Spieß und der kleine Müller genos- sen vor den andern die Ehre, von der Frau Fürstin angesprochen zu werden, sie sahen gar zu hübsch aus. Hans Spieß gab dreist auf alle Fragen Bescheid, als aber der kleine Müller, der sich nunmehr frei von allem Zwang glaubte, mit seiner groben Stimme ein »Schön Dank, allergnädigste Frau!« krächzte, da entsetzten sich die Damen nicht wenig über die Korporalstimme in der Jungfrauenhülle, und der arme, kleine Müller schlich ge- kränkt von hinnen. Lucifer mit seinen Gesellen präsentirte sich gleichfalls, und jetzt war der kleine Prinz so kühn, jedem der Teufel einen herzhaften Handschlag zu geben. Der Fürst winkte hierauf den Rektor herbei und sprach leise mit ihm. Hans Spieß, der in der Nähe geblieben war und die Ohren gewaltig spitzte, glaubte etwas wie »Bratwurst und Bier« ver- nommen zu haben und verkündigte es flugs seinen Kameraden. Schließlich wandte sich der Fürst noch einmal an den Magister, der neben Fritz Hederich stand, und sagte: »Lieber Magister, Wir bleiben Ihm in Gnaden gewogen und wer- den hoffentlich bald in die Lage kommen, Ihm und Seinem Fa- mulo da (er zeigte auf Fritz Hederich) Unsern Dank beweisen zu können.« Das war Himmelsmusik in den Ohren des Magisters; er machte einen tiefen, tiefen Bückling, die übrigen Anwesenden verneig- ten sich gleichfalls, und unter dem Scharren von mehreren hun- dert Stiefelsohlen entfernte sich der Hof. Der Magister hatte sich eigentlich vorgenommen, jetzt einige Verstöße zu ahnden, aber die Huld des Fürsten hatte versöhnli- che Gefühle in seinem Busen wachgerufen, und er hatte nur Worte des Lobes für die Lyceisten. Fritz Hederich entledigte sich seiner langen Gewänder und war im Begriff zu gehen, als der Bürgermeister und der Rektor, die den Herrschaften das Geleit gegeben hatten, in den Saal zurück- kamen. Die Herren hatten beschlossen, in der Goldenen Gans eine kleine Nachfeier zu veranstalten und forderten auch den Baccalaureus auf, mitzukommen. Dieser aber entschuldigte sich, da er wußte, daß Herr Thomasius, der mittlerweile die rothe Tinktur bewacht hatte, seine Rückkehr mit Schmerzen er- wartete. Er verabschiedete sich und ging nach der Löwenapo- theke. Bürgermeister, Rektor und Magister strebten der Goldenen Gans zu. Während sie dort bei einem Becher vom Besten den Abend be- sprachen, brachen Zimmerleute das Theater ab, und die Stadt- knechte räumten all' das Gerümpel wieder ein, welches für gewöhnlich seinen Platz im Rathhaussaal hatte. Dann erloschen die Lichter, und gedeckt durch die Finsterniß wagten einige be- herzte Ratten eine Rekognoscirung. Welche Freude, als sie alles wieder in der alten Verfassung fanden! Mit Windeseile kehrten sie in ihre unterirdischen Gänge zurück und meldeten, daß oben die Luft rein wäre. Und nun feierten auch die Ratten ihr Fest, tanzten und pfiffen und setzten in halsbrechenden Sprüngen über den Marktesel. Zehntes Kapitel. Was dem Magister im Walde begegnete. Gott sei Dank, daß das Komödiespielen nun ein Ende hat,« rief der Apotheker seinem Subjekt entgegen, als dieser in das Labo- ratorium trat. »Ich habe seither immer eine geheime Angst aus- gestanden, daß Ihr über den Possen die Tinktur vernachlässigen würdet. Schaut nur her, wie das funkelt und strahlt. Diesmal ge- räth's. – Habt Ihr den Xylander mit nach Hause gebracht?« Fritz Hederich berichtete über das Verbleiben des Magisters. »Mit diesem,« fuhr Herr Thomasius fort, »wird man nun hof- fentlich wieder ein vernünftiges Wort sprechen können; in den ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 40 von 71 letzten Wochen war durchaus nichts mit ihm anzufangen. Seht, Fritz, mit der Poeterei ist's just wie mit der fallenden Sucht. Vor einem Anfall ist der Patient tagelang ein halber Narr, dann fällt er um, schäumt und rast und schlägt mit Händen und Füßen um sich. Ist der Anfall glücklich überstanden, so wird der Patient ruhig und ist ein ganz vernünftiger Kerl, mit dem sich's gut aus- kommen läßt. Schlimm ist's freilich, daß sich so ein Anfall wie- derholt, und daß der Hirnkasten doch am Ende darunter leidet. Darum sind auch Stadt- und Hofpoeten meistens so verrückte Käuze. – Versprecht mir, Fritz, daß Ihr kein Poet werden wollt.« Das konnte Fritz mit gutem Gewissen versprechen. »Nun will ich Euch meinen Platz überlassen,« schloß der Apo- theker, »und morgen müßt Ihr wohl oder übel von früh bis Abends Stand halten, denn mich rufen Geschäfte nach Ammer- stadt, vor Einbruch der Nacht aber bin ich wieder hier. Bei dieser Gelegenheit will ich auch Nachfrage halten, ob für Euch ir- gendwo eine Stelle offen ist. Aber ehe wir die Tinktur fertig haben, lasse ich Euch nicht ziehen. Gute Nacht!« Am andern Morgen um sieben Uhr war Herr Thomasius auf dem Wege nach Ammerstadt, und während er zum unteren Thor hi- nausfuhr, zog der Magister, bewaffnet mit einem indischen Rohr, aus dem oberen Thor den bewaldeten Bergen zu. In der Tasche trug er, sorgfältig eingewickelt, kaltes Fleisch und Brot, eine Taschenausgabe des Poeten Horatius und eine wohlgefüllte Flasche aus gekörntem Glas. Der Erfolg des gestrigen Abends, die wiedergewonnene Huld sei- nes Landesherrn, die rosenfarbige, mit güldenen Gnadenkettlein und Lorbeerkränzen verbrämte Zukunft – das alles hatte die Brust des Magisters Hieronymus Xylander dermaßen schwellen gemacht, daß es ihm in seinem Museo schier zu enge wurde, und er den Entschluß faßte, einmal einen ganzen Tag curis ex- peditis herumzuschweifen, wie dies die beiden römischen Poe- ten Virgil und Horaz zu ihrer Zeit gethan hatten. Als vorsichtiger Mann hatte er zuvor Erkundigungen eingezogen, ob der Wald sicher sei, und erst, nachdem er von zuverlässiger Seite die Ver- sicherung erhalten hatte, daß weder Buschklepper, noch wildes Gethier, Eichhörnchen ausgenommen, in dem Gebirge hausten, war er in der genannten Ausrüstung fortgegangen. Das Wandern war sonst des Magisters Sache nicht; an sonnigen Sonntagsnachmittagen pflegte er wohl einen Spaziergang zu machen, das heißt, er ging zu einem Thor hinaus und kam zum andern wieder herein oder umgekehrt, aber eine Wanderung querfeldein war ihm noch nicht in den Sinn gekommen. Nicht einmal als Knabe hatte er an den Streifzügen seiner Ka- meraden Theil genommen. Wenn sich diese in Feld und Wald tummelten, sei es, um zu spielen, sei es, um Vogelnester aus- zunehmen oder Zwetschen zu stehlen, saß der kleine Hierony- mus Holzmann daheim bei seiner Mutter und half ihr bei den häuslichen Geschäften, und während sich im Winter die Jugend im Schnee und auf dem Eis vergnügte, zog er vor, am warmen Backofen zu kauern, um den Erzählungen der weitgereisten Ge- sellen zuzuhören, oder ein lehrreiches Buch zu lesen, etwa das Zauberschloß in der Höhle Xa-Xa, oder die vier Haimonskinder, oder die Abenteuer des Herzogs Ernst von Schwaben. Seine Schulkameraden verspotteten ihn zwar und nannten ihn einen Ofenhocker, aber Hieronymus machte sich nichts daraus, mied, eingedenk des Bibelspruches: »So dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht,« ihren Umgang und betrug sich stets wie ein gesitteter Knabe. Dafür sah er aber auch immer sauber aus, brachte niemals ein blaues Auge, eine blutige Nase oder Löcher in den Höslein mit nach Hause und war deshalb der Liebling der In späteren Jahren, als der Magister seiner Studien halber rei- sen mußte, blieb er hübsch auf der Landstraße und begnügte sich, Berge und Wälder aus der Ferne zu beschauen. Die heutige Wanderung war die erste derartige in seinem Leben, und wenn er etwas bedächtig waldeinwärts schritt und seine Augen halb neugierig, halb ängstlich umherschweifen ließ, so wird man ihm das ebenso wenig verübeln, als dem Bauernbuben, der zum ers- ten Mal die Hauptstadt betritt, das Gaffen und Maulaufsperren. Der Magister betrachtete sich alles mit Muße und schritt dabei nicht allzuhastig weiter. Plötzlich wurden die Bäume lichter, und ein Wasser blinkte auf. »Das ist vermuthlich ein See,« sagte der Magister, »obgleich er nicht blau aussieht, wie ihn die Poeten schildern, sondern viel- mehr schwärzlich grün; das Ding müssen wir uns einmal in der Nähe betrachten.« Er ging vorwärts, hemmte aber plötzlich er- schreckt seinen Fuß, denn platsch, platsch! sprangen kleine Ge- stalten vom Ufer in's Wasser. Des Magisters erste Gedanken waren Nixen und Elfen, im nächsten Augenblick aber belächelte er diese Gedanken und schämte sich seines Schrecks, denn ihm kam zu guter Zeit die Erinnerung an die oft gelesene Erzählung von den Bauern, die von der erzürnten Latona in Frösche verwandelt worden waren. Vorsichtig schlich er näher, und richtig, da guckte ein dicker Kopf aus dem Wasser. Der Dichter der Hochzeit zu Kana hob den Stock auf, um dem Frosch eins zu versetzen, als aber der Stock in's Wasser klatschte, tauchte der grüne Bursche unter, und dem Magister spritzte das Wasser in's Gesicht. Er wiederholte den Angriff noch mehrmals, denn er hätte gar zu gern einen der ver- wandelten Bauern in der Nähe betrachtet, jedoch immer mit demselben Erfolg. Daß dabei sein linker Fuß in den sumpfigen Boden allmählich einsank, bemerkte er im Eifer der Jagd nicht eher, als bis ihm das kalte Wasser in den Schuh drang, – einen Schrei ausstoßen und einen Satz nach rückwärts machen, war »Das hätte übel ablaufen können,« sagte er, während er seinen Schuh an Gras und Moos abputzte. »Vorsicht, Hieronymus, Vor- Der kleine Schreck war indeß bald vergessen, der Magister zog weiter und freute sich seiner Begegnung mit den Fröschen, die nun hinter ihm drein quakten. » Sub aqua maledicere tentant,« sagte er erfreut, »schade, daß ich meinen Ovidius Naso nicht zur Hand habe, jetzt an Ort und Stelle den betreffenden Abschnitt zu lesen, das müßte fürwahr ein Genuß sein.« ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 41 von 71 Dabei erinnerte er sich seines Horaz. Er zog ihn aus der Tasche, und da er bereits etwas müde geworden war, so beschloß er, ein wenig zu rasten und eine Ode zu lesen. Er suchte sich einen bequemeren Platz aus, breitete sein Nas- tüchlein auf's Moos, setzte sich nieder und las: Integer vitae scelerisque purus etc. Bekanntlich theilt Horaz in dieser Ode mit, er sei, seine Lalage besingend, im Sabiner Wald spazieren gegangen und einem Wolf begegnet, dieser aber habe die Flucht ergriffen. Daraus zieht nun der Dichter den merkwürdigen Schluß, daß einem braven Mann kein Unglück auf der Reise passiren könne. Diese Ode, die so recht in seine Lage paßte, las der Magister mit großer Befriedigung. Er nahm sich vor, gleichfalls seine La- lage, welche Else Thomasius hieß, zu besingen, um einen et- waigen Wolf in die Flucht zu schlagen, mußte sich aber zu seinem Schrecken bekennen, daß er bis dato noch kein Carmen auf Else Lalage verfertigt habe, welches er jetzt singen könne. »Das soll meine erste Arbeit sein,« sprach er, klappte seinen Horaz zu und simulirte im Weitergehen auf einen Anfang. Dabei störten ihn aber die Baumwurzeln, die über den Weg liefen. »Die Farbe meines Elselein –« Hopp! Ist weißer als kein Hermelein –« Hopp! »Nein, es ging nicht, er sah ein, daß er das Dichten auf eine ru- higere Stunde verschieben müsse, und er beschäftigte sich wie- der mit der Außenwelt. »So ein Wald ist ein hübsches Ding,« sagte er bei sich, aber ein- förmig ist er dennoch; unten Moos, in der Mitte Bäume und oben Himmel. Und unter den Bäumen ist gar keine Abwechselung.« Er blieb stehen und nahm einen Tannenzweig in die Hand. »Da ist eine Nadel just wie die andere; auf die Länge, glaube ich, wird das sehr langweilig.« »Piep,« zirpte es dicht neben dem Magister. Er schaute auf und entdeckte auf dem nächsten Ast einen winzig kleinen Vogel, der auf dem Kopfe goldig glänzende Federn hatte. Von diesem Vogel mußte er schon einmal gehört haben. Richtig, jetzt fiel's ihm ein. Seine selige Mutter hatte ihm oftmals das Märchen von dem wunderbaren Vögelein erzählt, welches ein güldenes Krönlein trägt und eitel güldene Eier legt. Das kleine Ding war außeror- dentlich keck; da saß es kaum eine Armeslänge entfernt und blickte den Magister mit großen Augen an. In diesem wurde das Raubthier wach, und wie vorhin nach dem Frosch, so schlug er jetzt mit dem Stock nach dem Goldhähnchen, aber – o Wunder! – das kleine Geschöpf hüpfte nur um ein Zweiglein weiter und blieb daselbst sitzen, indem es höhnisch zirpte und den mord- gierigen Xylander unverwandt ansah. Dem Magister stand der Verstand still. So etwas hatte er nie von einem Vogel erlebt; das übertraf sogar die Unverschämtheit des Raben Jakob. Es rieselte ihm kalt den Rücken hinunter, und er schritt eiligst von dannen. Als er sich eine Strecke entfernt hatte, kam ihm sein Muth wie- der, und er begann sich im Stillen eine Vorlesung über seine Furchtsamkeit zu halten. »Sei ein Mann!« sagte er laut, und »Mann, Mann!« hallte es zu- rück, daß er zusammenfuhr. »Hieronymus, Du bist in der That wie ein Kind,« sprach er lä- chelnd zu sich, »und erschrickst am Ende vor Dir selber. Aber das kommt daher, daß ich noch nicht gefrühstückt habe.« Er trachtete aus dem Dickicht herauszukommen, denn in dem Dämmerlicht des Hochwaldes war es ihm doch zu unheimlich, als daß er sich mit rechter Lust den Freuden des Schmausens hätte hingeben können. Darum schritt er vorwärts, umging klüg- lich hemmende Wurzeln und zerrende Hecken und gelangte glücklich auf eine Waldblöße, von der aus er tief unten im Thal die Stadt liegen sah. Bei dem Anblick der Dächer und Schorn- steine schwand seine Beklemmung völlig, er setzte sich auf einen Baumstumpf, das Gesicht dem Thal zugekehrt, und nahm seinen Imbiß in Angriff. Es schmaust sich angenehm im Grünen. Diese Bemerkung machte jetzt der Magister, und kauend schaute er vergnügt auf seine Umgebung. Gras und Kraut um ihn her bog und schmiegte sich im Wind, in der Luft tanzte allerlei kleines Gethier, und auf dem Boden rannten bunte Käfer geschäftig hin und her, wäh- rend andere geschickt an den Halmen emporkletterten. Häuser- schnecken zogen wie müde Karrengäule langsam ihres Weges, und die grünen Heupferde sprangen lustig über jedes Hinderniß hinweg. Das war eine ganze Welt im Kleinen. Wie der Magister seine Augen auf den Boden heftete, um die Kreatur zu betrachten, bemerkte er mehrere kugelrunde Steine, die halb aus der Erde hervorschauten. Mit Hilfe seines Stockes hob er einen heraus, nahm ihn in die Hand und wunderte sich über die steinerne Stückkugel. Er versuchte sie zu zerschlagen, und nachdem er sie in dieser Absicht mehrmals gegen einen Stein geschleudert hatte, zersprang sie endlich in zwei Stücke. »Nein, ist das wieder eine Überraschung!« sagte der Magister halblaut, als er das Innere der Kugel mit dichtgedrängten, blit- zenden Krystallen bekleidet sah. »Das Ding will ich dem Herrn Thomasius mitbringen, dem wird es sicherlich große Freude machen. Welche Pracht!« »Habt Ihr etwas gefunden?« fragte urplötzlich eine Stimme hin- ter dem Magister. Dieser ließ den Stein aus der Hand fallen und drehte sich er- schreckt um. Hinter ihm stand ein altes, ärmlich gekleidetes Männlein, welches ein großes Bündel Wurzeln und Kräuter trug. »Ach, Ihr seid's, Herr Magister!« sagte der Alte grinsend und zog seinen runden Filzhut. »Ich dachte schon –« »Woher kennt Ihr mich?« fragte der Magister nicht eben beson- ders freundlich. »Wie sollte ich Euch nicht kennen,« versetzte jener, »komme ich doch alle Sonnabend in die Löwenapotheke, um dem Herrn Thomasius meine Kräuter zu verhandeln. Habt Ihr mich denn nie gesehen? Ich bin der Wurzelpeter.« Der Magister erinnerte sich jetzt, den alten Kräutermann gese- hen zu haben, und seine Gesellschaft hier im Walde kam ihm nicht gerade unerwünscht; er reichte dem Alten etwas Brot und Fleisch, welches dieser auch dankbar annahm. »Habt Ihr etwas gefunden?« fragte er abermals. »Freilich,« antwortete der Magister, »seht nur die schönen glit- zenden Steine!« ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 42 von 71 »Das ist nichts; Gold, Gold müßt Ihr finden,« versetzte der Wur- zelpeter mit gedämpfter Stimme. »Liegt viel Gold da herum; wer's nur zu finden verstände. Seht, hier wächst Goldmilz und Widerthon; die zwei Kräutlein zeigen allemal an, daß Gold ver- borgen unter der Erde liegt. Wer's aber heben will, der muß mehr können, als Brot essen. Die Kugel da,« er zeigte auf den Stein in der Hand des Magisters, »ist noch nicht reif, und es ist schade, daß Ihr sie zerschlagen habt; in ein paar Jahren wäre das Gold vielleicht darin gewachsen.« Dem Magister stand der Verstand still; offenbar war der Wurzel- peter bei seinen Besuchen in der Löwenapotheke von der Krank- heit des alten Thomasius angesteckt worden. »Habt Ihr denn schon einmal Gold in so einem Stein gefunden?« fragte er den Wurzelmann. »Nein, ich nicht, aber vor vielen Jahren kamen zuweilen Fremde in's Land, die sahen es den Steinen an, ob sie reif seien. Die unreifen vergruben sie wieder, die reifen zerschlugen sie und fanden Gold die Hülle und Fülle. Dieses schleppten sie dann nach Welschland, wo sie herrliche Häuser bauten.« »Also Welsche waren die Männer?« fragte der Magister. »Ja, Welsche oder Ungarn; Welschland und Ungarn ist einerlei,« fügte der Wurzelpeter in belehrendem Ton hinzu. »Und Ihr habt mich für einen solchen Goldsucher gehalten?« »Von hinten, Herr Magister, von hinten, meine Augen fangen an schwach zu werden. Ich habe Euch für den fremden Herrn gehalten, der drunten beim Ganswirth wohnt.« »Welcher fremde Herr?« »O du meine Güte!« rief der Wurzelpeter und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Habt Ihr denn nicht gehört von dem welschen Grafen, dem Sterngucker, der unserm allergnädigsten Herrn Gold macht?« Der Magister hatte nichts von dem wel- schen Grafen gehört. Der Wurzelmann erzählte ihm daher, was er wußte. Er sei ihm oft hier oben im Walde begegnet und habe gesehen, wie er Steine zerklopft habe. Der Fremde sei auch hin und wieder bei ihm eingekehrt und habe etwas Speise und Trank begehrt, welches er dann immer gut bezahlt habe. »Ich gäbe es ihm aber auch gern umsonst,« fügte er hinzu, »denn die Freundschaft mit dem fremden Herrn könnte mir Glück bringen. Es hat früher einmal ein Ohm von meinem Äl- tervater Kameradschaft mit einem Welschen geschlossen und hat's nicht zu bereuen gehabt« Der Magister wurde neugierig. »Erzählt mir das,« bat er. »Gern, Herr Magister, aber wenn Ihr nicht naß werden wollt, so kommt mit in mein Haus. Seht einmal den Himmel an.« Dieser hatte sich allerdings bedenklich umnachtet, und der Ma- gister dankte dem Glück, welches ihm den Wurzelpeter zuge- führt hatte. »Ihr habt ein Haus hier oben?« fragte er im Gehen den Alten. »Ich bin eigentlich drüben im Walddorf daheim,« erklärte dieser, »während des Sommers aber hause ich mit meinem Schwester- sohn, der ein Kohlenbrenner ist, hier im Wald. Dort, wo Ihr den Rauch aufsteigen seht, ist unsere Hütte. Der Köhler ist heute in die Stadt gegangen, ich aber bin daheim geblieben, weil immer einer bei dem Meiler sein muß.« Man langte bei der Köhlerhütte an, gerade als der erste Wind- stoß durch die Gipfel der Tannen fuhr, und kaum war der Ma- gister mit seinem Führer unter dem schützenden Dach, so prasselte der Regen nieder. Das Innere der Hütte sah nicht eben sehr wohnlich aus. Ein Herd, ein dreibeiniger Stuhl, ein Dutzend hölzerner Vogelbauer bildeten die gesammte Einrichtung; aber man war doch vor dem Sturm geborgen. Der Wurzelpeter schleppte den Stuhl für seinen Gast herbei und hockte selber auf die Streu nieder, welche ihm und seinem Schwestersohn als Bett diente. »Das Wetter kann bis zum Abend anhalten,« meinte Peter, und als er bemerkte, daß der Magister bei dieser Bemerkung ängst- lich wurde, setzte er hinzu: »Wenn Ihr wollt, so führ' ich Euch dann aus dem Wald, ich kenne alle Wege und bringe Euch von hier aus in einer kleinen Stunde bis auf die Landstraße, wo Ihr nicht mehr irre gehen könnt.« Dem Magister gefiel dieser Vorschlag, und er forderte nun sei- nen Wirth auf, das Abenteuer zu erzählen, welches sein Ahnherr mit dem welschen Goldsucher gehabt habe. Der Wurzelpeter war bereit. Draußen heulte der Sturm und schüttelte die Tannen- zapfen von den Ästen, der Regen rauschte und schlug gegen die hölzernen Fensterläden; es war das richtige Wetter zum Anhören einer wunderbaren Geschichte. »Der Vater von dem Ohm meines Ältervaters,« hub der Kräuter- mann an, »ist ein Köhler gewesen und hat da herum seine Hütte gehabt. Das war just in der Zeit, wo die Welschen alle Sommer in's Land gekommen sind, um Gold zu suchen. Einmal in der Nacht hört der Köhler ein Schreien und Lamentiren, und wie er nachsieht, da findet er einen solchen Welschen, der war in der Dunkelheit gestürzt und hat nicht mehr vom Fleck gekonnt. Da hat ihn denn der Vater von dem Ohm meines Ältervaters aufge- hoben und an ihm gethan, was Christenpflicht ist, und von der Zeit an sind die Beiden gut Freund gewesen. Jeden Morgen ist der Welsche mit seinem Arbeitszeug in die Berge gegangen und am Abend in die Hütte zurückgekommen, wo er auf drei Fellen, einer Schweinshaut, einer Hirschhaut und einer Bärenhaut, ab- wechselnd geschlafen hat.« »Giebt's Bären hier 'rum?« unterbrach der Magister. Beruhigend schüttelte der Wurzelpeter das verwetterte Haupt und fuhr fort: »Wenn der Winter kam, so zog der Welsche fort, doch kehrte er im Frühjahr regelmäßig wieder, just wie die Schwalben und der Storch. Von seinem heimlichen Treiben hat er aber nie gespro- chen, und der Vater von dem Ohm meines Ältervaters hat auch nicht gefragt. Das ging so ein paar Jahre lang fort, endlich aber blieb der Freund aus und kam nicht wieder. Unterdessen war des Köhlers Sohn, der Ohm meines Ältervaters, ein Bursch ge- worden und ging als Vogelhändler in die Fremde, um sein Glück zu suchen. Auf seiner Wanderschaft ist er auch in die prächtige Stadt Venedig gekommen. Das ist eine Stadt, noch größer und schöner als Finkenburg, und die Häuser sind dort alle aus dem ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 43 von 71 weißen Stein gebaut, aus dem sie den seligen Fürsten Mauritius ausgehauen haben. Als er dort seine Finken und Kreuzschnäbel feil geboten hat, ist auf einmal ein fürnehmer Herr gekommen, und das war kein Anderer als jener Welsche. Der Welsche hat sich seiner auch gar nicht geschämt, sondern hat den Ohm mei- nes Ältervaters bei der Hand gefaßt und ihn in ein prächtiges Schloß geführt, das von Gold gefunkelt hat. Da ist es hoch her- gegangen. Schweinefleisch, Sauerkraut und Bier hat er haben können, so viel er nur gewollt hat, und des Nachts hat ihn der Welsche in eine Kammer geführt, da sind drei Betten gestanden, das eine hat einen Hirschen, das andere ein Schwein und das dritte einen Bären vorgestellt, und alle drei sind aus purem Gold gewesen. Darin mußte der Ohm meines Ältervaters abwech- selnd schlafen. Dann hat ihm der Welsche erzählt, daß er das Gold in unseren Bergen gefunden habe, und hat ihm alle seine Vögel abgekauft und obendrein so viel geschenkt, daß er genug gehabt hat für sein Lebtag. – Ist das nicht eine merkwürdige Ge- schichte?« schloß der Wurzelpeter. »Höchst merkwürdig,« bestätigte der Magister, »und Ihr habt niemals Gold gefunden?« »Niemals, ich hab' mir aber auch keine besondere Mühe drum gegeben, denn es wäre doch vergebens. Wer Gold finden will, muß mehr können als Brot essen.« Der Magister dachte nach. »Jedenfalls,« murmelte er, »theile ich das Gehörte dem alten Thomasius mit, das ist etwas für ihn. Schöner wär's freilich, wenn es mir selbst gelänge, so ein paar Goldklumpen zu finden. Wie wollte ich dann meinen Schwieger- vater in spe auslachen, der sich seit Jahren müht und plagt und kein Körnlein noch zu Wege gebracht hat! Dann gute Nacht, la- teinische Schule!« Bunte Bilder zogen an ihm vorüber, und schimmernde Luft- schlösser bauten sich vor ihm auf. Der Geist, der in den alten Thomasius gefahren war, begann seine Krallen nach dem Ma- gister auszustrecken. Der Wurzelpeter erzählte noch andere Wundergeschichten, von weißen Schlangen mit goldenen Krönlein, von Kröten, die einen Karfunkel im Kopf tragen, von Wunderblumen, unterirdischen Schatzkammern und schwarzen Hunden, der Magister aber hörte nur mit halbem Ohr, er träumte wie der Hase mit offenen Da wurde die Thür geöffnet, und herein trat ein Mann, dessen schwarzer, durchnäßter Mantel ihm das Ansehen einer riesigen Fledermaus gab. »Das ist der welsche Graf aus der Goldenen Gans,« raunte der Wurzelpeter dem Magister in's Ohr und erhob sich, um den Fremden zu bewillkommnen. »Das ist ein Wetter wie damals, als sich Vater Noah in seine Arche begab,« sagte der Ankömmling und schwenkte seinen Hut, daß die Tropfen herumspritzten. »Wurzelpeter, macht Feuer an, daß ich meine Federn wärmen kann!« Er nahm den Mantel ab, und jetzt entdeckte er den Magister, dessen Gruß er ziemlich mürrisch erwiderte. Der Wurzelpeter war außerordentlich geschäftig. Im Nu pras- selte ein Feuer auf dem Herd, und dann sah sich Peter nach einem Sitz für den Gast um. Da war freilich guter Rath theuer, denn der einzige Stuhl war bereits an den Magister abgegeben worden. Dieser verstand den bittenden Blick seines Wirthes, und da er auch übrigens ein höflicher Mann war, namentlich hoch- gestellten Personen gegenüber, so erhob er sich von seinem Dreibein und bot dasselbe mit einer zierlichen Verdrehung sei- ner Gliedmaßen dem welschen Grafen. Dieser dankte verbindlich, setzte sich auf den Stuhl und kehrte Herrn Xylander den Rücken zu. »Das ist grob,« dachte der Magister, »aber dafür ist er ein ita- lienischer Graf.« Er brannte vor Begierde, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, denn der Fremde war jedenfalls der rechte Mann, der ihm Aus- kunft geben konnte in der Sache, mit der sich sein Gehirn seit der Erzählung des Wurzelpeters beschäftigte, aber wie ihm bei- kommen? Einstweilen betrachtete er die Gestalt des Fremden von hinten und von der Seite und gewahrte, daß demselben ein Hammer zur Rocktasche heraussah. Der Magister räusperte sich und hub an: »Schlechtes Wetter heut, hm?« »Ja,« erwiderte der Fremde. »Peter, habt Ihr etwas zu essen?« Der Kräutermann schien nur auf diese Frage gewartet zu haben, denn im Nu stand Brot, Butter und Käse nebst einer Flasche vor »Peter,« sagte der Magister, »habt Ihr nicht auch für mich etwas zu essen? Ich bezahl's Euch gut.« Der Wurzelpeter, welcher wußte, daß der Magister erst kurz vor- her eine Mahlzeit gehalten hatte, verwunderte sich über den Hunger desselben, brachte aber gefügig dasselbe noch einmal herbei, was er dem Grafen vorgesetzt hatte. Der Magister setzte sich auf eine Ecke des Herdes und beobachtete das Gesicht des »Gute Butter das,« hub er wieder an und tippte mit dem Messer auf die Schüssel. »Ja,« entgegnete der Fremde und schob einen großen Bissen in Wieder trat eine Pause ein. Der Magister beschloß, dem Italie- ner näher auf den Leib zu rücken; er zog die zerschlagene Quarzdruse aus der Tasche und hielt sie seinem Gegenüber unter die Nase. »Verzeiht, Herr,« sprach er, »könnt Ihr mir etwa sagen, was das für ein Ding ist?« Der Fremde warf einen Blick auf den Stein und sagte: »Kann dem Herrn nicht dienen.« Der Wurzelpeter, der neben den Beiden stand, grinste. Er wußte recht wohl, worauf der Magister mit seiner Frage zielte, und da er selber gar zu gern etwas über das heimliche Thun des Wel- schen erfahren hätte, so wollte er dem Magister die Sache er- leichtern und sagte: »Wenn's der Herr Graf Euch nicht sagen kann, so fragt nur den Apotheker Thomasius, wenn Ihr heim kommt; der versteht sich auf solche Dinge.« ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 44 von 71 Der welsche Graf hob blitzschnell seine Augen und senkte sie ebenso schnell wieder auf das Stück Brot, welches er in der Hand »Ah,« sagte er dann zu dem Magister, »Ihr seid wohl ein Gehilfe des Apothekers?« Dem Angeredeten stieg das Blut in den Kopf. Er, der Dichter der Hochzeit zu Kana, ein Apothekersubjekt! »Nein,« erwiderte er, »der alte Thomasius ist nur mein Freund, ich wohne in seinem Hause. Mein Name ist« – der Magister erhob sich, und mit einer Handbewegung, wie sie vielleicht der Gast des Phäakenkönigs gemacht hatte, da er sich als Odysseus, Sohn des Laertes, vorstellte, sagte er: »Mein Name ist Hierony- mus Xylander, Magister der freien Künste.« Der italienische Graf neigte sich. »Seid Ihr vielleicht ein Ver- wandter des hochansehnlichen Poeten, der gestern vor unserem durchlauchtigsten Herrn eine Komödie hat spielen lassen?« Der Magister erröthete wie ein Mägdelein und lispelte ver- »Der bin ich selbst.« »Aaaah!« machte der Graf und erhob sich von dem dreibeinigen Stuhle. Er sprach etwas von großer Freude und hoher Ehre, und zwei Lippenpaare flossen über von honigsüßen Worten, das dritte Lippenpaar, nämlich das des Wurzelpeters, stand vor Er- staunen offen. Die beiden Herren, Graf und Magister, setzten sich wieder, zuvor erhob sich ein kleiner Streit wegen des drei- beinigen Stuhls, dann aber nahm das begonnene Gespräch sei- nen Fortgang. Der Graf ließ sich die zersprengte Kugel noch einmal zeigen und gab seine Meinung über dieselbe ab. Der Ma- gister brachte die Geschichte, die ihm der Wurzelpeter mitget- heilt, zur Sprache, erzählte von seinem alten Freund, dem Apotheker Thomasius und dessen vergeblichen Bemühungen, Gold zu machen, und brachte es endlich dahin, daß der Graf sich herbeiließ, ihm über die geheime Kunst der Alchymie einige Belehrungen angedeihen zu lassen. Der Wurzelpeter, dessen Maulsperre noch immer anhielt, wich und wankte nicht und verschlang jedes Wort des Welschen, ob- gleich er nicht das dritte verstand. Dem Magister ging es im Grund wie dem guten Kräutermann. Der Graf überschätzte offenbar die Vorkenntnisse seines Zuhö- rers, denn er sprach außerordentlich dunkel und gelehrt, aber nichtsdestoweniger lauschte der Andere wie ein Mäuschen, als der Graf von dem Geheimniß des großen Magisterii und der noch weit unverständlicheren Lehre von der Multiplikation Der Regen hatte aufgehört, trocknend fuhr der Abendwind über die Berge, und die Sonne ging zur Rüste. Der Magister aber dachte nicht an Aufbruch. Mit vorgestrecktem Hals lauschte er der Weisheit des welschen Grafen, dessen Augen im Schein des sinkenden Herdfeuers sonderbar leuchteten. Elftes Kapitel. Jakob, der Unglücksrabe. Hör, Else,« sagte Herr Thomasius, ehe er nach Ammerstadt fuhr, »Du bist heute die Hausfrau. Halte dich an die Hanne und gehe dem Subjekt aus dem Wege. Hast Du mich verstanden? – Er wird uns ohnehin demnächst verlassen – Du verstehst mich schon. Er selbst hat mich gebeten, ihm ein anderes Unterkommen zu suchen, und ich werde thun, was ich kann. Während meiner Ab- wesenheit könnte es ihm einfallen, Abschied von Dir nehmen zu wollen. Du verstehst mich schon – und darum ist es besser, wenn Du ihn heute vermeidest. Er ist ein braver Junge, aber – Du verstehst mich schon – es ist besser so. Verstanden?« Else hatte von dem Allen nur das verstanden, daß Fritz ihr vä- terliches Haus verlassen wollte, und das war genug, um ihr für ein paar Augenblicke den Kopf schwindeln zu machen. Herr Thomasius streichelte sein schönes Kind über den blonden Kopf und fuhr ab. Else hörte nicht das Rollen der Räder, sie sah nicht, daß der Vater ihr nochmals zunickte und mit der Hand winkte. Er geht fort! der Gedanke lag ihr bleischwer auf dem Ge- Seit jenem Frühlingstag, wo ihr Fritz seine Lebensgeschichte erzählt hatte, war Else noch nicht wieder allein mit ihm zusam- mengetroffen. Es kam die Zeit, wo Fritz tagelang, nächtelang in dem geheimen Laboratorium über dem großen Magisterium brütete. Dann wieder hatte ihn der Magister in Anspruch ge- nommen, so daß ihn Else nur selten zu Gesicht bekam. Nun war die Komödie abgespielt, nun, hatte sie gehofft, werde Fritz He- derich wieder zugänglich sein, da mußte sie vernehmen, daß er scheiden wolle. Welche Qualen hatte Else in der letzten Zeit ausgestanden. Das Erscheinen des Magisters hatte damals, als sie mit Fritz unter dem Hollunderbaum gesessen, das Geständniß, welches Beide auf den Lippen hatten, nur zur Hälfte laut werden lassen. Wie hatte sie an den folgenden Tagen, wenn Fritz ihr bei Tisch ge- genüber saß, sich zusammennehmen müssen, daß ihr Geheim- niß nicht offenbar werde! Wie hatte sie auf eine Stunde gepaßt, die sie mit dem zusammenführe, für welchen ihr junges Herz schlug! Ein Tag nach dem andern verging. Wohl lustwandelte Else oft im Garten, aber der, welcher sonst der Blumen wartete, kam nicht mehr! Er saß in dem Laboratorium, gebeugt über sei- nen Schmelztiegel, und auf den Beeten schoß lustig das Wege- kraut empor. Wie oft hatte sie in der Ungeduld Blüthen abgerissen und im Zorn mit dem kleinen Fuß auf den Kies ge- stampft, wenn sie vom Garten aus die trüben Rauchwolken aus dem Laboratorium aufsteigen sah. Sie wußte freilich nicht, um welchen Preis Fritz arbeitete. Dann kamen Tage, an welchen Fritz gar nicht sichtbar wurde, und wenn er Else zufälliger Weise begegnete, so schlug er die Augen nieder und schritt hastig vo- rüber. Dann ging Else wohl hinauf in ihre Kammer und weinte sich recht aus, und dann regte sich der Stolz ein klein wenig in ihr, und sie dachte: »Du, des angesehensten Bürgers Tochter, ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 45 von 71 weinst um den – den –« Und wenn sie das gedacht hatte, so bat sie es ihm im Stillen wieder ab und tröstete sich mit dem Ge- danken: »Er hat den Kopf voll, die Goldmacherei, die Komödie, – aber es wird schon die Zeit kommen, dann will ich ihm sagen, was er mir angethan hat, und wie lieb, wie lieb ich ihn habe. Aber vorher will ich ihn quälen, ein wenig nur, aber er soll's doch fühlen, denn er verdient's nicht besser.« Und dann lächelte sie unter Thränen und trocknete sich ihr Gesicht und ging an ihre Geschäfte. Und nun endlich der gestrige Abend, als sie den Ge- liebten im vollen Glanz seiner Jugendschönheit von Hunderten bewundert und vom Fürsten hochgeehrt sah! Wie hatte ihr armes, kleines Herz geklopft und gezittert! Wie war sie bald er- röthet, bald erblichen, wenn seine dunklen Augen auf ihr ruh- ten! »Er liebt mich doch!« hatte es in ihr gerufen. Und als die Zuschauer flüsternd ihre Bemerkungen über den Baccalaureus austauschten, als sie sah, wie die Augen aller Frauen und Mäd- chen, sogar die der hochmüthigen Käthe an ihm hingen, da hätte sie laut in den Saal hinausrufen mögen: »Mir gehört er, mich liebt er, mein ist er!« Als ihr der Vater ankündigte, daß er zu verreisen beabsichtige, war ihr erster Gedanke der, daß sie einen Tag mit Fritz allein sein werde. Das Blut kreiste schneller in ihren Adern, aber sie wagte es kaum, sich zu gestehen, warum sie dies denke. Mit stiller Freude hörte sie den Entschluß des Magisters, eine Wanderung in die Berge unternehmen zu wollen. »Fritz,« dachte sie, »wird die Gelegenheit ergreifen und mich aufsuchen, und diesmal wird kein Magister uns stören, wenn wir uns sagen, wie lieb wir uns haben.« Mit diesen Ge- danken war die blonde Else eingeschlafen, und die Träume hat- ten ihr den Hollunderbaum im Garten und die kleine Bank unter demselben gezeigt, und auf der Bank saßen Zwei, die hatten sich lieb und sagten sich's hundertmal in einem Athem. Nun theilte ihr der Vater mit, daß Fritz Hederich demnächst die Stadt verlassen werde, und daß dies sein eigener Wunsch sei. Mit gesenktem Haupt ging Else in ihre Kammer und starrte in die blaue Ferne hinaus. »Was treibt ihn fort? Was ist geschehen?« Wieder fiel ihr sein Benehmen während der letzten Zeit ein. »Warum ward er plötzlich so scheu, warum ist er mir geflissent- lich aus dem Wege gegangen?« Sie sann und sann, ob sie ihn vielleicht unbewußt verletzt habe, aber es wollte ihr nichts einfallen. Und abermals regte sich in dem schönen Patrizierkinde der Dämon des Stolzes und flüsterte ihr böse Worte zu: »Laß ihn fahren, den Abenteurer! Du hast's nicht nöthig, Dich ihm an den Hals zu werfen!« Dann aber stand ihr des Jünglings Wohlgestalt wieder vor Augen, und sie vermeinte, seine Stimme zu hören, wie er leise das einzige Wort »Else« flüsterte. Sie bedeckte die Augen mit den Händen und schluchzte, daß es einen Stein in der Erde hätte erbarmen müssen. »Fahr' hin, du Frühlingstraum, fahr' hin, du meine Freude! Ich habe einen kleinen Mandelbaum gehabt, der trug im Frühling viel tausend röthliche Blüthen. Da kam der Sturm, der brach ihm die Krone ab, und seit der Zeit trieb er keine Knospen mehr. Der junge Baum bin ich. Warum muß ich das erleiden? Was hab' ich denn gethan, daß mir mein junges Leben zerstört wird?« So klagte Else. Aber sie klagte nicht lange. Sie besaß die starke Natur ihres Vaters, des alten Thomasius, der sich durch kein Unglück, selbst wenn es seine Kolben und Tiegel betraf, nieder- schmettern ließ. Sie richtete sich auf, kühlte ihre rothgeweinten Augen mit Wasser und glättete vor dem kleinen Spiegelglas ihr »Aber wissen will ich, warum er unser Haus verlassen will,« sagte sie, »ich will ihn selbst fragen, er soll mir Rede stehen.« Noch einen Blick warf sie in den Spiegel und ging dann mit em- porgehobenem Haupt raschen Schrittes aus ihrem Zimmer. Fritz Hederich saß in dem Laboratorium. Da hinein konnte Else nicht dringen, das wußte sie wohl, sie beschloß deshalb, den falschen Fritz in den Garten zu zitiren. Schnell, damit sie ihr Vorsatz nicht gereuen möge, betrat sie den Garten und warf eine Hand voll Sand gegen das Fenster des Laboratoriums. Im nächs- ten Augenblick erschien der Kopf des Herrn Subjekt an dem »Könnt Ihr nicht einen Augenblick herauskommen?« fragte Else, »ich habe etwas mit Euch zu reden.« »Ich komme,« sagte Fritz und verschwand von dem Fenster. »Jetzt werden wir sehen,« murmelte Else. Sie hatte die Hände auf den Rücken zusammengelegt, wie ein Schulmeister, der einen jugendlichen Apfeldieb verhören will. »Warum wollt Ihr fort?« wollte sie in strengem Ton fragen. Als aber Fritz vor ihr stand und sie mit seinen braunen Augen aus dem bleichen Gesicht ruhig ansah, da war es mit ihrer Strenge vorbei, und sie sprach das »Warum wollt Ihr fort« mit weicher Stimme und aufgehobenen Händen. Fritz Hederich senkte die Augen. »Ich muß gehen,« sagte er, »ich habe einmal geglaubt, hier eine Heimath finden zu können, – es war ein thörichter Gedanke.« Er lachte bitter. »Hat Euch mein Vater gekränkt?« fragte Else. »Er ist heftig, aber er meint's nicht so schlimm; oder hat Euch der Magister etwas »Ach, der Magister!« »Was ist's mit dem Magister, Fritz? Worüber habt Ihr Euch ent- »O, der Magister ist mein Freund,« sagte Fritz und biß die Zähne zusammen. »Wißt Ihr, was er mir versprochen hat? Ich soll sein Brautführer sein, wenn er mit Euch zum Altar tritt.« Jetzt hatte er seinen Trumpf ausgespielt, jetzt mußte Else seiner Berechnung nach vernichtet, zerknirscht vor ihm stehen. Die Falsche! Es kam aber nicht so, wie er gedacht hatte; Else brach in ein leidenschaftliches Weinen aus. Dem Baccalaureus wurde angst. »Um Gottes willen,« bat er, »hört auf zu weinen. Es war nicht klug von mir, daß ich Euer Geheimniß ausgesprochen habe, aber ich schwör's mit tausend Eiden, daß ich zu keiner Menschenseele ein Wort von Eurem Verspruch sagen will. Ich komme ohnehin nicht unter die Leute, und binnen Kurzem geh' ich fort auf Nimmerwiederkommen. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 46 von 71 Es ist ebenso gut, als ob ich nichts gehört hätte. Beruhigt Euch nur, Jungfer Else.« Aber Else weinte immer heftiger. »Auch das noch zu all' dem Elend,« jammerte sie. »Müßt Ihr mich auch noch verhöhnen, Fritz? Was hab' ich armes Ding Euch gethan?« Der Herr Subjekt machte in diesem Augenblick ein nicht son- derlich kluges Gesicht. Er war gekommen, um anzuklagen, – das Blättlein hatte sich gewandt – jetzt stand er da wie ein armer Sünder. Er wußte nicht, was er gleich sagen sollte, denn Else's Betragen war ihm unbegreiflich. Sie wandte sich und ging in das Haus zurück. »Nein, im Zorn soll sie nicht von mir gehen,« dachte Fritz und eilte ihr nach. Im Hausflur erreichte er sie und redete sie an: »Else, wer weiß, ob ich Euch vor meinem Weggang noch einmal sprechen kann; scheiden wir als Freunde! Wenn ich Euch ge- kränkt habe, so bitt' ich's Euch ab. Es war thöricht von mir, auch nur einen Augenblick zu denken, daß Ihr mich – daß Ihr mehr in mir sähet, als den Gehilfen Eures Vaters. Damals, dort unter dem Hollunderbaum« – seine Stimme zitterte – »damals, Else, als ich Euch neben mir sah in Eurer Jugendschönheit, als der Wind mit Euren gelben Haaren spielte, und Ihr mir sagtet, daß Ihr mich nicht verachten wolltet wegen meiner Vergangenheit – da kam mir der Gedanke, – Else, warum waret Ihr auch so holdselig und liebreich gegen mich? War's denn ein Wunder, daß ich den Verstand verlor? Nun weiß ich freilich, daß Ihr einem Andern angehört, und das treibt mich fort. – Ich weiß wohl, ich darf keinerlei Groll gegen Euch hegen, nein, ich wün- sche alles Gute auf Euer Haupt herab, und wenn ich mich wieder ruhelos draußen in der Welt herumtreibe, so will ich denken an jene Stunde, da Ihr mich von meiner Schuld freigesprochen habt. Das darf ich doch, Else? Und wenn ich sterbe, – vielleicht hinter dem Zaun, – so will ich in der letzten Stunde denken an den Hollunderbaum –« Seine Stimme stockte, und er wandte sich ab. In Else aber war's aufgegangen wie ein heller Stern in der Nacht, und ihr Herz jubelte wie ein Waldvögelein. »Also das war's!« Sie hätte die ganze Welt umarmen mögen, und da sich dies nicht thun ließ, so flog sie dem, der ihr zunächst stand, an die Brust und weinte und lachte und stammelte wie ein kleines Kind Fritz Hederich athmete schwer. Was war das? Wie war das ge- kommen? Herr des Himmels und der Erde, er hielt Else in seinen Armen. Wenn es nur ein Traum wäre, wenn er jetzt plötzlich er- wachte! Nein, es war Wirklichkeit, er fühlte ihr Herz pochen und spürte ihren lebenswarmen Athem. »Else, Else, Du hast mich lieb?« Aber Else lachte und weinte in einem fort, und er küßte ihr die Thränen von den Wimpern und küßte sie auf Stirn und Mund und streichelte ihren blonden Kopf. In der Küchenthür aber stand die alte Hanne und wischte sich mit dem Schürzenzipfel abwechselnd das rechte und linke Auge. Endlich hatte sie den Thränenquell vorläufig gestopft und schickte sich an, nunmehr handelnd einzugreifen. Sie stemmte die Arme in die Seite und hub an: »Schöne Bescheerung das! Else, Herr Subjekt, seid Ihr wohl bei Fritz und Else fuhren bei dem ersten Wort der alten Schaffnerin zusammen und ließen sich los. Die Überraschung war zu jäh gewesen. Else wurde blutroth und senkte den blonden Kopf; scher und konnte kein Wort finden. So war es gerade der alten Hanne recht; mit großem Behagen betrachtete sie die Zerknir- schung der beiden abgefaßten Sünder, und nun war der richtige Zeitpunkt gekommen, um die Rede, die sie für diesen Fall schon längst präparirt hatte, loszulassen. »Aber Kinder,« begann sie, »was sind das für Geschichten! Was wird der Vater dazu sagen und der Magister?« Diese beiden Fragen waren allerdings sehr geeignet, die beiden Liebenden einigermaßen zur Besinnung zu bringen. Else schmiegte sich wie Schutz suchend an die Brust des geliebten »Jungfer Hanne Storchschnabelin,« hub Fritz an, »ich weiß, Ihr liebt meine Else, wie eine Mutter ihr Kind –« »Das weiß der liebe Himmel,« fiel Hanne ein und tastete nach dem Schürzenzipfel. »Gut also, Ihr seht, Else liebt mich, und ich liebe sie. Da wäre es denn doch eine Grausamkeit sonder Gleichen, wenn Ihr Ein- sprache erheben und uns verrathen wolltet. Nein, Hanne, das könnt Ihr nicht über's Herz bringen; Ihr seid kein Judas Ischa- Der Schürzenzipfel wurde emporgehoben. »Hanne,« flehte Else, »gute, liebe Hanne, ich kann nicht anders, der Fritz ist mir lieb wie mein Leben.« Hanne schluchzte. »Eh' ich den Magister freie, lieber spring' ich in die Ammer, wo sie am tiefsten ist –« Die alte Hanne trug kein Tigerherz im Busen; sie ließ sich er- weichen. Vorerst fuhr sie in ihrer Rede, in der sie unterbrochen worden war, fort und führte den Beiden ihren grenzenlosen Leichtsinn zu Gemüthe, bis diese ganz mürbe geworden waren. Dann machte sie eine Kunstpause und schloß endlich mit den versöhnenden Worten: »Nun, nun, es ist freilich eine schlimme Geschichte; da 's aber einmal so weit gekommen ist, – und ich hab' mir's wohl gedacht, – so müssen wir eben sehen, wie wir's zu einem guten End' füh- ren. Seid nur ruhig, Kinder, und laßt mich machen; mit der Hilfe Gottes und der Jungfer Johanna Storchschnabelin wird sich alles zum Guten wenden!« Hierauf erhielt Else einen Kuß, und dann bat auch der Herr Sub- jekt um eine gleiche Vergünstigung, die ihm auch nach einigem jungfräulichen Sträuben von Seiten der alten Hanne zu Theil Nun ging es an ein Erzählen und Erklären. Fritz Hederich be- richtete, was ihm Herr Thomasius mitgetheilt und was er selbst gedacht habe, und schließlich baten sie sich gegenseitig um Verzeihung und küßten sich von neuem. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 47 von 71 Daß der Magister nun die Else doch nicht bekäme, das war der alten Hanne die größte Lust, und sie ermangelte nicht, dies kund zu geben. Man wurde eins, vorläufig sowohl gegen den Vater als auch gegen den Magister zu schweigen, bis sich eine passende Gele- genheit fände; man könne ja warten, komme Zeit, komme Rath. Schließlich trieb Hanne ihren Liebling in die Küche und gab dem Herrn Subjekt den wohlgemeinten Rath, sich im Liebestau- mel kein Versehen gegen den Tiegel des Alten zu Schulden kom- men zu lassen, überhaupt klug die Augen offen zu halten, denn wenngleich sie selbst im Grund nichts gegen die Sache einzu- wenden habe, so sei doch auch Else's Vater um seine Meinung zu fragen, ja dieser sei doch eigentlich, beim Licht betrachtet, die Hauptperson. Das solle der Herr Subjekt ja bedenken und sein Thun danach einrichten. Fritz dankte für die guten Lehren und ging zu seiner Tinktur zu- rück. Der Kolben, in welchem diese dampfte, glühte wie ein gro- ßer Granat, das Feuer knisterte und knackte, Fliegen summten und Millionen Stäubchen tanzten in den Sonnenstrahlen, wel- che schräg durch die runden Fenster fielen und auf allen Fla- schen und Gläsern zitterten. Dem Baccalaureus kam das alles wie etwas Neues, nie Gesehenes vor; die Sonne schien ihm bis in's Herz hinein, und drinnen sang und klang es wie Vogelschlag und Kirchenglocken. Dazwischen schwirrte freilich der Gedanke an Else's Vater und an den Magister; zu seiner Ehre müssen wir gestehen, daß er einige Gewissensbisse empfand, als er an den arglosen Hieronymus Xylander dachte. »Was wird der Vater, der alte Thomasius sagen! Das wird ein Auftritt werden! Wenn die Tinktur geräth, dann ist Hoffnung vor- handen, – aber wenn sie nicht geräth? Ei was, laß das Schicksal herankommen! Kopf oben, Augen offen! Else ist mein, bleibt mein; den will ich sehen, der sie mir nimmt.« Seine Brust hob sich stolz. Er öffnete das Fenster und jauchzte in die Welt hinaus, daß es von der Gartenmauer und dann noch einmal leise, leise von den Bergen drüben zurückhallte. Vor dem Fenster, zwischen den Gemüsebeeten lustwandelte Jakob der Rabe und spähte nach Schnecken und Regenwür- mern. Als der liebestrunkene Subjekt seine Freude so laut kund gab, fuhr Jakob erschreckt zusammen, wie er aber sah, daß der Schreier kein anderer war als sein Gönner Fritz, kam er flügel- schlagend herbeigehüpft und krächzte: »Else, Else!« dann flog er in's Fenster und ließ sich von Fritz in den Halsfedern krauen. »Wart', alter Herr,« sagte Fritz, »Du sollst auch eine Freude haben, ich werde Dir ein Stück Ochsenleber holen lassen.« Jakob schien das zu verstehen, denn er nickte eifrig mit dem Kopf. Die Leber wurde gebracht, der Herr Subjekt zerschnitt sie eigenhändig und setzte sie dem Raben vor. »Du warst der erste,« sagte er, »der mir bei meinem Eintritt in dies Haus ihren Namen nannte, weißt Du's noch, alter Schelm? Wenn sich meine Hoffnung erfüllt, dann sollst Du's gut haben, alle Tage Ochsenleber und Sonntags ein Stück Käse; hörst Du, Jakob hielt sich an die Gegenwart und widmete der Ochsenleber seine ungetheilte Aufmerksamkeit Unterdessen saß die alte Hanne in der Küche und gab der blon- den Else allerlei gute Lehren und weise Rathschläge. Dann er- zählte sie von ihrer Jugendliebe, und der Schürzenzipfel wurde wieder in Bewegung gesetzt. Else hörte geduldig zu und dachte dabei: »Nachmittags treffe ich ihn unter dem Hollunderbaum.« Leider umzog sich bald der Himmel, und ein leichter, aber gleichmäßiger Regen senkte sich nieder. Nach Tisch kam Bürgermeisters Käthe zu Besuch. Sie sprach viel von dem gestrigen Festspiel, von der Auszeichnung, die dem Magister Xylander zu Theil geworden, und von der Belohnung, die er erhalten werde. Dann lenkte sie die Rede auf den Subjekt. Alle Leute, selbst ihre Mutter sei seines Lobes voll, und es sei sehr leicht möglich, daß der Fürst etwas für ihn thun werde, wenn ihm nur einer die Sache an's Herz legte; dazu sei nun nie- mand geeigneter, als ihr Vater, der Bürgermeister, auf welchen Fritz Hederich einen außerordentlich günstigen Eindruck ge- macht habe. Else mußte den Wortschwall ihres Gespiels über sich ergehen lassen. Noch nie war ihr Käthe so lästig gewesen, als heute. Die alte Hanne kam mit einem ungeheuren, rothen Regenschirm unterm Arm und erklärte, eine Base besuchen zu wollen. Käthe hatte nun erst recht Ursache, ihren Besuch zu verlängern, denn sie behauptete, es sei ihre Pflicht, Else Gesellschaft zu leis- ten und ihr die Zeit zu verkürzen. Die Zeit schwand allerdings rasend schnell. Der Regen hatte aufgehört, und die Sonne schien wieder. Jetzt wäre der geeig- netste Zeitpunkt gewesen, um eine Stunde mit dem Geliebten im Garten beisammen zu sein. Aber Käthe dachte nicht an's Fortgehen; unermüdlich schnurrte das Räderwerk ihres Mundes, und Else rang in der Verzweiflung unter der Schürze ihre klei- Endlich erinnerte sich Käthe, daß sie mit ihrer Mutter ausgehen solle, und verabschiedete sich. Mit erleichtertem Herzen gab ihr Else das Geleite und küßte sie unter der Hausthür mit solcher Inbrunst, daß ein Dritter geglaubt haben würde, hier nehme eine Schwester von der andern Abschied auf Nimmerwiederse- Jetzt flog Else in den Garten und warf wieder ein paar Steinchen gegen das Fenster, hinter welchem Fritz Hederich in der Gesell- schaft des Raben Jakob weilte. »Ich komme, ich komme,« winkte Fritz, legte ein Scheit in das Feuer und eilte in den Garten. Sie saßen auf der hölzernen Bank unter dem Hollunderbaum, er konnte freilich keine weißen Blüthen mehr auf ihre Häupter schütteln, denn er trug schwarze Beeren; auch sang der Ammer- ling nicht mehr, denn er hatte für fünf unmündige Gelbschnäbel zu sorgen. Einzelne vergilbte Blätter kreiselten zur Erde, aber Frühling war's doch in den Herzen der Beiden. Ihr Kopf ruhte an seiner Brust, und er neigte sein Ohr, um ihre Herzschläge zu hören. Aus ihren schweren Flechten hatte sich eine Locke gelöst und flatterte im Wind; er wickelte sie um seine ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 48 von 71 Finger und freute sich, wie sie sich schnellkräftig wieder los- Alte Märchen zogen durch seinen Sinn; von der Königstochter mit dem goldenen Haar, die den armen Hirten liebte. »Else,« sagte er leise, um sich zu vergewissern, daß er nicht träume. Und Else erhob ihre Augenlider und bot ihm den Mund. Nein, es war kein Traum! Er küßte ihre Lippen, und dann küßte er auch das kleine, braune Mal auf ihrer Schulter. Else schlang ihre Arme um seinen Hals und sah ihm in's Gesicht. »Also so schaust Du aus, Deine Augen sind braun, das sehe ich erst jetzt, und hier auf der Wange hast Du eine Narbe.« Sie fuhr mit dem Finger leicht darüber, und es durchschauerte »Meine Else!« »O, mein Geliebter!« Hanne, alte verständige Hanne, wo bist Du? Als sich die Liebenden satt geküßt hatten, erhoben sie sich von der Bank und lustwandelten im Garten Hand in Hand wie zwei kleine Kinder. »Hier bei der Krauseminze war es, wo wir uns zum ersten Mal sprachen. Weißt Du's noch?« Fritz riß einen blühenden Zweig ab und steckte ihn Else in's Sie kamen an den alten Thurm, der in ein Gartenhäuschen um- gewandelt war, und stiegen die Treppe hinauf. Von dem Fenster aus sah man die Berge im Schmuck ihrer dun- kelgrünen Tannenwälder. Der Regen hatte die Luft gereinigt, der Höhenzug war so nahe gerückt, daß man jede Erhebung, jeden Abhang erkennen konnte. »Dort oben,« sagte Fritz, »steigt jetzt der Magister umher, weißt Du, Else, daß ich bei dem Gedanken an den Magister große Un- ruhe fühle? Wenn er heute Abend heim kommt, ich kann ihm nicht in's Auge sehen.« »Laß den Magister, Fritz! – Sieh, wie hell dort drüben die Klos- terruinen in der Sonne glänzen! Weißt Du, daß dort ein armes Gespenst haust? Nein? – Hast Du nie gehört, daß nach dem Glauben der Leute allnächtlich in der Geisterstunde ein verzau- berter Mönch von den Klosterruinen in unsern Garten kommt und mit einer verwünschten Nonne spazieren geht?« Fritz hatte wohl von einer Sage gehört, wußte aber nichts Nä- Else schlug vor Verwunderung die Hände zusammen. »Die ganze Stadt kennt die Sage, und der Herr Subjekt, der seit Jahr und Tag in der Löwenapotheke wohnt, nicht! Ich habe die Geschichte von meiner Muhme gehört; sie hat in Deiner Stube gewohnt. – Ach Fritz, wenn die gute Muhme Ursula noch am Leben wäre, dann wären wir geborgen. Ich war noch ein kleines Mägdlein, als sie vom Schlag getroffen wurde, – es war am Dreikönigstag – aber ich habe darum ihr liebes, freundliches Gesicht nicht ver- gessen, und gar oft, wenn ich Abends meine Augen schließe, sehe ich die gute Muhme Ursula im hellen Glanz vor mir. Gott geb' ihr eine sanfte Ruh!« Fritz Hederich beugte sich nieder und küßte Else auf die Stirn. »Komm,« sagte er, »laß uns zurück zum Hollunderbaum gehen; dort sollst Du mir von Deiner Muhme erzählen und vom Mönch und der Nonne. Willst Du?« »Gern Fritz, aber Du bist so gelehrt und klug, das sagen alle Leute, auch der Vater und der Magister. Kannst Du Gefallen an meiner Rede finden? Ich bin nur ein einfältiges –« Fritz verschloß ihr den Mund mit einem Kuß. Wieder saßen sie unter dem Hollunderbaum. Die Sonne war nicht mehr weit von den Bergen entfernt. Hanne, alte Hanne, wo bleibst Du? Else erzählte: »Jeden Nachmittag pflegte die Muhme in ihrer Postille zu lesen; sie war eine gar kluge Frau und konnte lesen und schreiben und rechnen, aber die Regula de tri kannte sie nicht. Dann mußte ich mich auf ein Bänklein neben sie setzen und durfte nicht mucksen, sonst zauste sie mich am Ohr.« Fritz konnte sich nicht enthalten, Else geichfalls ein wenig am Ohrläppchen zu zausen. »Das war keine angenehme Stunde für mich,« fuhr Else fort, »aber wenn sie ihre Predigt zu Ende gelesen hatte und den Spinnrocken vornahm, dann begann meine fröhliche Zeit. Stun- denlang saß ich ihr gegenüber und horchte wie ein Mäuschen, wenn sie mir die wundersamen Mären von dem gehörnten Sieg- fried, von der schönen Magellone und den sieben Raben er- zählte; auch schauerliche Sachen wußte sie in Menge, Hexen- und Gespenstergeschichten, vom Wärwolf, von feurigen Drachen und anderen Unholden. Gruselig war's anzuhören, aber doch er- götzlich! Kam dann aber unversehens der Vater, und das ge- schah meistens, wenn die Geschichte noch nicht beendet war, wenn ich auf den Schluß spannte, da verstummte die Muhme Ursula, und der Vater sprach mit gerunzelter Stirn: »Frau Muhme, Sie hat dem Kind doch keine Gespenstergeschichten erzählt? Ich leid's nicht, daß Sie dem Mägdlein den Kopf ver- dreht.« – Dann schlich ich mich leise hinaus, und oft hab' ich in kindischem Jammer über des Vaters Härte geweint, denn ich wußte nicht, wie gut er's meinte. Die Muhme Ursula also hat mir auch erzählt, was es für eine Bewandtniß mit dem Mönch und der Nonne hat, die im Garten spuken sollen. Unser Haus ist früher ein Nonnenkloster gewesen; das weißt Du doch?« Fritz nickte. »Da hat denn vor vielen, vielen Jahren einmal ein Edelfräulein den Schleier genommen, weil ihr Geliebter im Morgenlande von den Türken erschlagen worden war; so hatten nämlich die er- zählt, die sich in die Heimath gerettet hatten. Der Ritter aber war nicht todt, sondern nur gefangen. Große Noth mußte er lei- den bei den Türken, endlich nach drei langen Jahren machte er sich frei und kam zurück in's deutsche Land. So schnell ein Roß traben konnte, eilte er nach dem Schloß seines Fräuleins, aber o weh, sie war eine Nonne. Da band sich der Ritter den Helm ab, hing Schild und Schwert an die Wand und klopfte an die Pforte des Klosters, das dort am Berg stand. Sie nahmen ihn auf, und er wurde ein Mönch. So lebten denn Ritter und Fräulein als Klosterleute, und hiemit könnte schließlich die Geschichte zu Ende sein. Was nun kommt, ist grausig und schauerlich, und ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 49 von 71 mich überläuft's, wenn ich daran denke. Beide vergaßen, was sie geschworen hatten; in nächtlicher Stunde schlich die Nonne aus ihrer Zelle, und von drüben herüber kam der Mönch und schwang sich über die Mauer. Hier im Garten trafen sie sich. Einmal nun geschah es, daß sie die Zeit vergaßen, sie kosten und küßten sich so lange, bis das Glöcklein zur Mette rief, bis die Klosterleute sie beisammen fanden. Da haben sie die arme Nonne im Kreuzgang lebendig begraben, und dem Mönch ist drüben im Kloster ein Gleiches geschehen. Nun erzählen sich die Leute, die beiden könnten keine Ruhe im Grabe finden, sie müßten allnächtlich wandeln von Mitternacht bis zum ersten Hahnenschrei. Es wollen sie manche selbander hier im Garten gesehen haben, der Wurzelpeter schwört Stein und Bein, daß er sie gesehen hat, und auch unsere Hanne glaubt an den Spuk. Ja, sogar der Magister, wenn er schon am Tage über den Aber- glauben des Volkes lacht, würde sich bei Nacht um keinen Preis in den Garten wagen, trotz meines Vaters Spott und Schelten. – Ist die Geschichte nicht schauerlich, Fritz?« »Gruselig, Else, aber das Märlein kann noch nicht zu Ende sein. Die armen Gespenster müssen doch nicht etwa bis zum jüngsten Tage umgehen? Es muß doch einmal die Erlösungsstunde für sie kommen. Hat denn Deine Muhme Ursula nichts darüber ge- Else verneinte. »Gut, dann will ich Dir den Schluß erzählen. Der Mönch und die Nonne sind allerdings verdammt worden, allnächtlich zu wan- deln, aber nur so lange, bis hier unter dem Hollunderbaum, wo sie ihr Gelübde brachen, zwei andere sich Treue schwören und den Bund für's Leben mit einander schließen. Wenn das gesche- hen ist, so gehen Mönch und Nonne ein zur ewigen Seligkeit und beten droben für das Heil derer, die sie erlöst haben. Und die beiden Liebenden werden glücklich, so glücklich, wie nur immer zwei Menschen auf Erden werden können.« Else lachte, wie ein fröhliches Kind lacht. »Ja,« rief sie, »so muß die Geschichte enden. Wir haben die armen Geister erlöst, es ist nur schade, daß wir die Erlösung des Mönchs und der Nonne noch nicht in alle Welt verkündigen dürfen.« Wieder küßten sie sich und schwuren sich Treue, und keins von beiden dachte daran, wie weit sie noch bis an's Ziel hatten. Die untergehende Sonne goß ihr rothes Licht auf die Kräuter im Garten, und die Zweige des Hollunderbaumes rauschten: »Geht, geht!« Aber Fritz und Else verstanden nicht die Sprache des alten, klugen Baumes, sie merkten nicht, wie die Stunden ver- schwanden, just ebenso wie vor Jahrhunderten Mönch und Nonne an derselben Stelle. Hanne, alte Hanne, wo bleibst Du? Jakob der Rabe hatte längst die Leber vertilgt und wollte zur bes- seren Verdauung der schweren Speise einen Spaziergang in den Garten unternehmen, fand aber die Thür und das Fenster ver- »Ja, so sind die Menschen,« murmelte er ingrimmig, »vorhin verspricht mir einer alles Mögliche, Ochsenleber und Käse, und jetzt ist er davongegangen und hat mich vergessen. O Men- schen, Menschen!« Hierauf suchte er seinen Sprachschatz hervor und rief zuerst laut und mahnend seinen eigenen Namen: »Jakob, Jakobi« Alles blieb still. Dann krächzte er kläglich: »Else, Else!« Armer Jakob, jetzt hat Else keine Zeit, an dich zu denken. Endlich schrie er erbost: »Lump, Lump, Lump!« Aber auch das verfing nicht. Dem Raben wurde Angst; wer weiß, wie lange er hier eingeschlossen zubringen muß. Das Bild einer Ohreule, die sich auf dem Bodenraum gefangen hatte und da- selbst langsam verhungert war, trat vor seine Seele. Mit teufli- scher Lust hatte er sich damals an den Qualen des armen Thiers geletzt, jetzt sah er sich von dem gleichen Schicksal bedroht. Als umsichtiger Vogel trat er sofort eine Entdeckungsreise an, um etwas Eßbares zu finden, aber da sah's schlimm aus. Fla- schen und Gläser gab's genug, aber der Inhalt derselben war nichts für einen Rabenschnabel. Der große Kolben auf dem Ofen, der mußte noch einer genauen Prüfung unterzogen wer- den; die rothe Flüssigkeit, die er enthielt, war vielleicht Roth- wein, und Jakob kannte dies edle Getränk recht wohl. Er flatterte auf den Ofen und tauchte prüfend seinen Schnabel in die rothe Pfui! Was war das für ein nichtswürdiges Gebräu! Jakob pustete und schüttelte sich, dann schlug er, ein rasender Roland, mit den Flügeln gegen den Kolben. Dieser wankte und fiel um, die Scherben klingelten, und die rothe Tinktur floß zischend über den Ofen und tropfte auf den Fußboden nieder. Jakob betrachtete einigermaßen erschreckt den angerichteten Schaden. Es dämmerte in ihm auf, daß er ein Unglück angestif- tet habe, und weil eben jetzt ein Geräusch an dem Thürschloß vernehmbar war, so verbarg er sich eilig hinter einem Haufen alter Flaschen. Die Thür des Laboratoriums ging auf, und Herr Thomasius, der soeben zurückgekehrt war, steckte seinen Kopf herein. »Fritz,« rief er, »was soll das heißen, daß Ihr den Schlüssel von außen stecken laßt?« Jetzt merkte er, daß der Subjekt nicht zugegen sei. Ahnend flog sein Bick nach der Stelle, wo sonst der Kolben mit der werden- den Tinktur gestanden hatte, – dort lag ein Häuflein Scherben, und der letzte Rest der rothen Flüssigkeit verdampfte auf den erhitzten Steinplatten. Der Apotheker betastete mit zitternden Händen abwechselnd die Glasscherben und seine Stirn, und vor seinen Augen wurde es dunkel. Es war ein großes Glück für den alten Mann, daß er in diesem Augenblick die Gruppe unter dem Hollunderbaum gewahrte. Die Entdeckung brachte seinen stockenden Lebenssaft wieder in Wallung und bewahrte ihn vor einem Schlagfluß. In auflodern- dem Zorn stieß er einen Schrei aus, ballte die Fäuste und stürzte aus dem Laboratorium. Kaum war er verschwunden, so kam Jakob, der Unglücksrabe, vorsichtig aus seinem Versteck hervor und strebte ängstlich hüpfend und flatternd der Thüre zu, um den Schauplatz seines verruchten Thuns zu verlassen und sein böses Gewissen in irgend einem Winkel des Hauses zu bergen. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 50 von 71 Kühne Reisende, die sich in fernen Ländern mit allerlei wilden Bestien herumgeschlagen haben, versichern, es gebe nichts Fürchterlicheres, als das Trompeten eines gereizten Elephan- Aber das Wuthgebrüll einer ganzen Elephantenheerde, verstärkt durch einige Nashörner und Nilpferde, würde dem Pärlein unter dem Hollunderbaum sicherlich nicht einen solchen Schrecken eingejagt haben, wie das Schnauben, welches ihnen jetzt das Herannahen des wüthenden Apothekers verkündete. Da kam er quer durch die Kohlpflanzungen der alten Hanne ein- her, und jetzt stand er mit zornsprühenden Augen und geschwol- lenen Stirnadern vor den ertappten Sündern. »O Ihr, Ihr, Ihr –« Mehr konnte der aufgeregte Mann zuerst nicht hervorbringen. Else näherte sich ihrem Vater mit aufgehobenen Händen, wich aber zurück, als dieser drohend die Hand emporhob. Fritz Hederich streckte schützend seinen Arm über die Geliebte und rief: »Hört mich, Herr Thomasius –« »Schweig!« schrie dieser, »mit Dir ist das Unglück in mein Haus eingezogen. Drinnen liegt der Kolben, in dem die Tinktur zei- tigte, in Scherben, nun willst Du mir auch noch mein Kind ver- derben? Fort, fort! Hinaus aus dem Haus, oder ich vergreife mich »Herr Thomasius,« sagte Fritz mit flammenden Augen, »Ihr wer- det Euch nicht an mir vergreifen. Aus dem Haus könnt Ihr mich weisen, das ist Euer Recht. Ich werde gehen, aber schonet meine »Deine Else!« schrie der Apotheker wüthend. »Ja, Vater,« sagte Else leise, »ich bin sein und will es bleiben in alle Ewigkeit.« Der Apotheker stand sprachlos da ob dieser Kühnheit. »Gut, Du ungeratenes Kind, geh mit ihm, – ich halte Dich Else stand todtenblaß vor ihrem Vater und blickte auf den Boden »Geh, geh!« lachte Herr Thomasius ingrimmig. »Vater,« sagte Else mit zitternder Stimme, »das kann Dein Ernst nicht sein; ich weiß, wie lieb Du mich hast – verzeih uns, Vater.« »Mit diesem da,« erwiderte Herr Thomasius jetzt ruhiger, »habe ich nichts mehr zu schaffen, er geht noch in dieser Stunde. Ob ich Dir verzeihe, das wird von Dir selbst abhängen. – Entscheide Dich, willst Du bei mir bleiben und mein Kind sein, oder willst Du Deinen alten Vater verlassen und mit diesem da gehen?« »Else wird bei Euch bleiben, Herr Thomasius,« sagte Fritz, »ich gehe allein. Leb' wohl Else, und denk' an mich, Du wirst doch mein. – Lebt wohl, Herr Thomasius, ich danke Euch für alles Gute, das Ihr an mir gethan habt, es ist mir herzlich leid, daß Euch durch meine Schuld ein Kummer bereitet worden ist.« Er wandte sich und verließ den Garten. Herr Thomasius winkte seiner Tochter und stieg mit ihr die Treppe hinauf. Oben öffnete er Elses Kammer und sagte: »Hier bleibst Du so lange, bis ich Beweise habe, daß Du andern Sinnes geworden bist.« Dann drückte er die Thür zu, zog den Schlüssel ab und steckte ihn in seine Tasche. Kurze Zeit darauf verließ Fritz Hederich mit seinem Bündel das Haus. Der Apotheker hatte ihm seinen Lohn bis zum nächsten Termin durch den Lehrling auf seine Stube bringen lassen. Er schritt aufrechten Ganges aus dem Thor; trotz der Niederlage, die er erlitten, war's ihm zu Muth wie einem Sieger. Else, das wußte er, liebte ihn, – nun komm, Schicksal! Der Löwe, der noch immer auf Vergoldung harrte, sah in dem Abenddunkel doppelt düster aus. Fritz Hederich strich ihm über den Rücken und sagte: »Alter Geselle, wir sehen uns wieder; dann scheint die Sonne, dann soll auch Dein Fell wieder vergoldet werden, wenn auch nicht mit Gold aus dem Schmelztiegel des Alten.« Er stieg die Treppe hinunter. Da kamen zwei Männer die Straße herab; der eine war offenbar der Magister, den andern kannte er nicht. Er wollte ein Zusammentreffen mit ersterem vermeiden und trat deshalb in den Schatten. Die beiden Männer blieben vor der Apotheke stehen und schüttelten sich die Hände. »Gute Nacht, Herr Graf!« schrie der Magister mit überlauter Stimme, so daß einige neugierige Nachbarn die Köpfe aus den Fenstern steckten, und trennte sich von seinem Begleiter. Dieser ging mit großen Schritten dem unteren Thor zu. Fritz Hederich folgte ihm, denn das Wirthshaus zur Goldenen Gans, wo Fritz vorläufig Quartier nehmen wollte, lag dicht vor dem Zwölftes Kapitel. Der verwunschene Mönch Der Ganswirth hatte von den beiden Fremden, die in seinem Hause wohnten, großen Vortheil. Sie ließen sich an Speise und Trank nichts abgehen, und alle Sonnabend erschien ein Hofbe- amter, der die abgelaufene Zeche bezahlte. Daß der bärtige Fremde ein italienischer Graf sei und als Astro- log und Alchymist im Dienst des Fürsten stehe, das wußte man jetzt. Mehrmals in der Woche holte ein Hofwagen den Grafen in das Schloß ab und brachte ihn wieder zurück, und eines Tages kam sogar der durchlauchtigste Herr in höchsteigener Person, begleitet von einem Kammerherrn, um der Goldenen Gans oder vielmehr dem in derselben wohnenden Fremden einen Besuch abzustatten. Der Ganswirth hätte fast den Hals gebrochen, als er zur Bewill- kommnung des hohen Herrn herbeieilte, und seine rothe Nase berührte beinahe die Erde, als er sich vor ihm bückte. Der Fürst lächelte sehr gnädig und sagte bedeutungsvoll: »Er ist der Wirth zur Goldenen Gans?« Der Wirth wollte darauf etwas sehr Gescheites erwidern, da ihm aber nicht gleich etwas Gescheites einfiel, so ließ er es bei einer stummen Verbeugung bewenden. Der Fürst ging mit dem Kam- ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 51 von 71 merherrn an ihm vorüber und die Treppe hinauf. In fieberhafter Eile ertheilte der Ganswirth verschiedene Befehle und warf sich selbst Hals über Kopf in sein bestes Gewand. Der Fürst aber blieb sehr, sehr lange bei dem italienischen Gra- fen, so daß den Wirth die Versuchung ankam, einmal nach oben zu gehen, um womöglich etwas zu erlauschen. Er schlich sich vorsichtig an die Thür und hörte, wie der Fürst sagte: »Mein lieber Graf, Ihr wißt, daß ich großes Vertrauen in Eure Kunst setze. Bisher habt Ihr immer nur kleine Quantitäten her- vorgebracht, die keineswegs im Verhältniß zu den Summen ste- hen, die ich Euch habe auszahlen lassen.« »Gnädigster Herr,« antwortete die Stimme des Grafen, »ich habe zu wiederholten Malen unterthänigst darauf hingewiesen, daß unter den bisherigen Constellationen an einen bedeutenden Er- folg nicht zu denken sei, aber Ew. Durchlaucht bestanden da- rauf, daß die Experimente unverzüglich angestellt würden.« »Schon gut,« unterbrach der Fürst die Rede des Grafen, »diesmal steht viel auf dem Spiel, und ich wünsche, daß Ihr mit aller Vor- sicht zu Werke geht. Wann also glaubt Ihr, daß der richtige Zeit- punkt für die Multiplikation eintreten wird?« »Sicherlich in sechs Wochen, wenn nicht schon früher.« »Wohlan, Herr Graf, thut, was Eure Wissenschaft vermag! Es steht viel auf dem Spiel, zweitausend Dukaten sind kein Pfiffer- »Aber doch nur eine Kleinigkeit gegen die Millionen, die ich Ew. Durchlaucht liefern werde.« Hierauf wurde ein klingendes Geräusch hörbar, welches dem Ganswirth recht wohl bekannt war, und als er das Auge an das Schlüsselloch legte, sah er, wie der Graf einen großen Haufen Gold in einen ledernen Beutel raffte. Da der Fürst sich zum Gehen anschickte, so flog er mit Windes- eile auf seinen Posten, und als einige Minuten darauf die Her- ren die Treppe heruntergestiegen kamen, stand der Ganswirth in der geöffneten Thür seines besten Gemaches und bat in wohl- gesetzter Rede, Serenissimus wolle seinem schlechten Haus die hohe Gnade erzeigen, einen Becher Weins zu sich zu nehmen. Der leutselige Herr willfahrte dieser Bitte und betrat das Zim- mer, wo auf einem versilberten Teller ein großer, reichverzierter Becher für ihn und ein kleinerer, minder kunstreicher für den Kammerherrn bereit standen. Der Fürst trank, lobte den Wein und richtete noch einige Fragen an den Wirth, auf welche dieser jetzt mit ebenso viel Unterwür- figkeit als Zungengeläufigkeit Bescheid gab. Dann wandte sich der Fürst der Thür zu, und der Kammerherr legte zwei Dukaten auf den Tisch. Der Ganswirth sträubte sich zwar, Bezahlung zu nehmen, schließlich aber nahm er die Goldstücke doch und ge- leitete ehrerbietig seinen hohen Gast bis an den Wagen. Begreiflicher Weise war der Wirth zur Goldenen Gans an diesem und den nächstfolgenden Tagen in sehr gehobener Stimmung. Jedem Stammgast zeigte er den Becher, aus dem der Fürst ge- trunken hatte, und die beiden Dukaten; er verschwor sich hoch und theuer, dieselben nie ausgeben, sondern als ewiges Anden- ken an den durchlauchtigsten Herrn aufheben zu wollen. Glück macht übermüthig. Der durch die Lippen des Fürsten ge- weihte Becher und die zwei Dukaten genügten dem Ganswirth nicht; er strebte nach einer Auszeichnung, welche dauernder als Erz der Nachwelt Zeugniß gebe für die Ehre, die seinem Wirthshaus widerfahren war. Es fiel ihm ein, daß sein Vetter, ein Gastwirth in Ammerstadt, bei der Thronbesteigung des Fürsten Rochus die Erlaubniß er- halten hatte, sein Schild zu ändern und sein Wirthshaus, »Zur Krone« genannt, in ein Wirthshaus »Zum Landesvater« umzu- taufen. Seit jener Namensänderung hatte das Geschäft des »Landesvaters«, wie nunmehr der ehemalige Kronenwirth schlechthin genannt wurde, einen sehr bedeutenden Auf- schwung genommen, und der Besitzer selbst war eine bei Hofe beliebte Person geworden. Dies schwebte dem Ganswirth vor, und rasch entschlossen machte er eine Eingabe an den Fürsten, in welcher er, auf das Beispiel des Kronenwirths hinweisend, die unterthänigste Bitte aussprach, es möge ihm gestattet werden, sein Gasthaus für- derhin nicht mehr »Zur Goldenen Gans«, sondern »Zur Landes- mutter« zu nennen. Das, meinte er, müsse auf die allerhöchsten Herrschaften einen sehr günstigen Eindruck machen und ihm selber zum Guten ausschlagen. Es kam aber ganz anders. Statt der ersehnten Genehmigung erschien in der Goldenen Gans der Herr Bürgermeister, nicht als Gast, sondern in seiner Eigenschaft als obrigkeitliche, überdies mit einer fürstlichen Botschaft betraute Person, und überbrachte dem Wirth wegen seines ungebührlichen Gesuches eine so fürchterliche Nase, daß diesem Hören und Sehen verging. Es war daher kein Wunder, daß der Ganswirth an dem Tage, da er die Nase empfangen, und dem nächstfolgenden sich in einer sehr gereizten Stimmung befand. Das Allerschlimmste war aber, daß seine Vertrauten, denen er etwas voreilig mitgetheilt hatte, was im Werke sei, so niederträchtig gewesen waren, das Ge- heimniß weiter zu erzählen, was zur Folge hatte, daß man den armen Wirth, wenn er es nicht hörte, mit dem Namen nannte, um den er für sein Wirthshaus nachgesucht hatte. Selten kommt ein Unglück allein. Der Wirth hatte einen vier- zehnjährigen Sohn, der zu Ostern aus der Stadtschule entlassen worden war und seitdem in der Wirthschaft zu allerlei Verrich- tungen gebraucht wurde. Besagter Junge, er hieß Kaspar, war aber sehr ungeschickt, und die Gläser und Teller, die er seit sei- nem Amtsantritt zerbrochen hatte, waren nicht zu zählen, noch weniger freilich die Rippenstöße, die ihm sein Erzeuger verab- reichte. Jetzt aber hatte Kaspar seiner Ungeschicklichkeit die Krone aufgesetzt, indem er den Hahn eines Weinfasses zu schließen vergessen hatte. Die Wuth des Ganswirthes über die- sen Streich war grenzenlos. Zuvörderst oder vielmehr zuhinterst erhielt der mißrathene Sohn eine jämmerliche Tracht Prügel, welche in Folge des über die bürgermeisterliche Nase gehabten Ärgers weit reichlicher ausfiel als sonst bei ähnlichen Gelegen- heiten. Dann hielt der Ganswirth seinem heulenden Sprössling ungefähr folgende Rede: ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 52 von 71 »Nichtswürdiger Lotterbube! Am liebsten jagte ich Dich zum Kukuk, das geschähe Dir recht. Aber weil ich mich vor den Leu- ten schämen müßte, wenn Du, Hans Taps, draußen in der Welt herumstolpertest, und man zufällig erführe, daß ich Dein Vater bin, so will ich Dich behalten. Aber Deine guten Tage sind vorü- ber. Zum Wirth bist Du zu dumm, das ist ausgemacht, – ich will Dich studiren lassen!« Hierauf ertheilte er dem durch diese Rede völlig niederge- schmetterten Kaspar noch einen Rippenstoß und jagte ihn zur Thür hinaus. Der Gedanke, seinen Sohn studiren zu lassen, der dem Gans- wirth im Zorn gekommen war, reifte in den nächsten Stunden zum unabänderlichen Entschluß. Leider war der Junge schon ein wenig zu alt, um ihn in die unterste Klasse des Lycei zu brin- gen, und das in der Stadtschule Erlernte hatte er sicherlich größ- tentheils während seiner Dienstzeit wieder vergessen. Dies erwog der Vater und kam zur Einsicht, daß man den Jungen so schnell wie möglich zu einem Schulmeister in die Lehre geben müsse, der ihm mit großer Geduld und vielen Prügeln das Noth- wendigste in den Kopf brächte. Die Sache durfte aber nicht viel »Halt, ich hab's!« rief der Ganswirth aus, »droben der Baccalau- reus, der muß ihn in die Lehre nehmen. Mit der Bezahlung wird's so wie so windig aussehen; da soll er seine Zeche abver- Gedacht, gethan. Der Wirth klomm die Treppe hinauf und trat in die Stube, welche Fritz Hederich seit einigen Tagen inne Dieser räumte rasch einen Mantel oder etwas der Art bei Seite und sah verlegen aus. »Aha,« dachte der Gastwirth, »er flickt einen zerrissenen Rock, da muß es schlecht mit dem Beutel aussehen.« Er stellte sich mit gespreizten Beinen vor seinen Gast, steckte die Hände in die Taschen und fragte von oben herunter: »He, guter Freund, ich möchte wissen, wie lange Er in meinem Hause zu bleiben gedenkt.« Fritz Hederich betrachtete den Sprecher mit verwunderten Augen und antwortete: »Wenn Er sich nicht anständiger beträgt, Ganswirth, so wird's nicht lange währen.« »Er hat Geld,« dachte der erfahrene Wirth und fuhr etwas klein- laut fort: »Der Herr muß verzeihen; unsereins hat viel Ärger und immer den Kopf voll. Es war nicht böse gemeint, ich wollte nur »Er wollte wissen, ob ich im Stande sei, die Zeche zu bezahlen? Da sei er ohne Sorgen.« Fritz stand auf und holte einen Beutel herbei, dessen Inhalt er auf den Tisch schüttete. Es war ein hübsches Sümmchen, wel- ches er sich zusammengespart hatte. Der Ganswirth wurde jetzt sehr höflich. Fast getraute er sich nun nicht mehr, dem Herrn Baccalaureus einen Vorschlag zu machen. Dann begann er, die Ungeschicklichkeit seines Sohnes und seinen Vaterschmerz zu schildern und rückte endlich mit der Bitte heraus, der Herr Baccalaureus wolle gegen mäßige Vergütung Kaspar's Lehrer werden. Fritz Hederich nahm als guter Wirthschafter den ziemlich vor- theilhaften Antrag an. Der Ganswirth ertheilte ihm noch unbe- schränkte Vollmacht über das Fell seines Sprößlings und stieg dann froh, so billigen Kaufes weggekommen zu sein, wieder in sein Schenkzimmer hinab. Fritz Hederich stützte den Kopf in die Hand und lächelte. »Mediziner, Geisterbeschwörer, Quacksalber, Apothekersubjekt, Alchymist, Komödiant, Hofmeister des Ganswirthsöhnleins, – was wird noch alles kommen? Indessen ist mir durch das Aner- bieten des Wirths ein längerer Aufenthalt in der Stadt ermög- licht, und Zeit gewonnen, viel gewonnen!« Hierauf suchte er das Tuch, welches er beim Eintritt des Gans- wirths bei Seite geworfen hatte, wieder hervor, nähte drauf los wie ein gelernter Schneidergesell und pfiff dazu ein lustiges Schelmenlied. Als er mit seiner Arbeit fertig war, zog er das Kleidungsstück an. Es war ein weitärmeliges, mit einer Kapuze versehenes Gewand, und als er sich nun noch einen hänfenen Strick um die Hüfte band, sah er aus wie ein richtiger Mönch. Er betrachtete sich prüfend in einem Handspiegel und schien zufrieden zu sein. Dann zog er die Kutte wieder aus, schnürte sie mit einem Strick zusammen und verbarg sie im Kleiderspind. Am selbigen Abend ging es in der Trinkstube der Goldenen Gans lustig zu. Die Altmeister der ehrsamen Zünfte saßen bei einem festlichen Bankett, welches der dicke Metzger und der kleine Schneider veranstaltet hatten; sie waren nämlich gleichzeitig, jener zum Hofmetzger, dieser zum Hofschneider ernannt wor- Sie saßen am oberen Ende der Tafel, gaben sich Mühe, recht de- müthig und bescheiden auszusehen, wenn ihnen die übrigen Meister mit Honig der Freundschaft auf den Lippen und mit der bittern Galle des Neides im Herzen Glück wünschten, und ver- sicherten einem jeden unter Händeschütteln: »Zwischen uns bleibt's beim Alten.« Natürlich ergossen sich aus dem Munde der beiden Beförderten wahre Wolkenbrüche des Lobes über das fürstliche Haus, und die anderen Handwerker mußten mit süßsauren Gesichtern ein stimmen, wenn sie nicht eine gleiche Standeserhöhung ver- scherzen wollten. Einer aber glaubte, keine Ursache zu haben, ein Blatt vor den Mund zu nehmen, das war der Ganswirth. Er rückte sich einen Stuhl herbei, spuckte aus und sagte: »Mit Verlaub, Meister, Ihr übertreibt! So ein Fürst ist im Grund Eine bängliche Stille folgte auf das kühne Wort des Gastwirths. Betreten schauten die Meister vor sich nieder, Hofschneider aber und Hofmetzger sahen gereizt aus wie zwei Truthähne, wenn die Viehmagd in einem rothen Unterrock über den Hof Der Metzger warf dem Wirth einen Blick der tiefsten Verachtung zu und sagte: ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 53 von 71 »Wer das spricht, der muß in seinem Lebtag wenig mit fürstli- chen Personen verkehrt haben.« »Jawohl,« nickte der Hofschneider. Der Ganswirth aber ließ sich nicht so leicht aus dem Feld schla- gen; er fuhr fort: »So ein Fürst kommt zur Welt wie unsereiner, ißt, trinkt und schläft wie unsereiner und stirbt wie unsereiner. Ihr Meister, hab' ich nicht Recht?« Die Meister gaben keine Antwort und blickten auf den Hofmetz- ger, der in sichtbarer Verlegenheit war. »Na, Hofmetzger,« drängte der Wirth, »Hab' ich Recht oder Un- »So gewissermaßen,« erwiderte dieser und blickte hilfesuchend im Kreis umher, »so gewissermaßen habt Ihr Recht – und doch – doch habt Ihr gewissermaßen Unrecht –« »Na jetzt bin ich aber begierig,« sagte der Wirth. »Denn,« fuhr der andere fort, »der Unterschiede zwischen einem Fürsten und einem gewöhnlichen Menschen sind so viele – es fällt mir zwar gerade keiner ein, aber das liegt doch auf der »Zum Beispiel,« fiel der Hofschneider, dem ein glücklicher Ge- danke gekommen war, ein, »zum Beispiel hat jedes fürstliche Geschlecht einen Burggeist –« »Jawohl,« fuhr der Metzger fort, »einen Burggeist, oder wie man's auch heißt, eine Ahnfrau. Das haben die Fürsten vor den anderen voraus.« »Dummes Zeug!« sagte der Ganswirth. Jetzt aber schlug sich die Mehrheit der Anwesenden auf die Seite des Hofmetzgers, und fast jeder wußte eine Schauerge- schichte zu erzählen. Vor dem Tode des alten Fürsten Mauritius sei eine weiße Frau im Schloß erschienen und habe mit klagen- den Geberden die Hände gerungen, und drüben in Ammerstadt erscheine jedesmal, wenn ein Glied der fürstlichen Familie ster- ben müsse, eine schwarze Frau mit einem weißen Schleier. Der aufgeklärte Ganswirth mochte sagen, was er wollte, er wurde überschrieen, denn von den Meistern zweifelte keiner an dem Vorhandensein der schwarzen und weißen Frau, da viele glaub- würdige Kammerzofen und Küchenjungen sie gesehen zu haben versichert hatten. »Demnach,« hub der Ganswirth wieder an, »hätte also nunmehr unser Fürstenhaus zwei Ahnfrauen, eine schwarze in Ammer- stadt und eine weiße in Finkenburg; wenn nur die beiden Ge- spenster sich aus Brotneid nicht einmal in die Haare gerathen!« Die Meister lachten. Der Hofschneider aber blickte strafend umher. Über solche Dinge dürfe man keinen Spaß machen, sagte er, übrigens sei es eine bekannte Thatsache, daß jede rich- tige Ahnfrau nur so lange umgehe, als einer aus ihrem Haus noch am Leben sei, da nun das Geschlecht derer von drüben er- loschen sei, so gebe es auch keine Ahnfrau dieses Geschlechts Die Meister nickten zustimmend. »Was geschieht nun aber,« fuhr der Ganswirth fort, »wenn ein- mal einer aus unserem Fürstenhaus hierorts verstirbt? Kommt dann die Ammerstädter Ahnfrau herüber, oder erscheint sie nach wie vor im Ammerstädter Schloß?« Diese Streitfrage gab zu lebhaften Erörterungen Anlaß. Endlich entschied der Hofschneider, der in Gespensterangelegenheiten eine Autorität war, die Ahnfrau begleite jedesmal das Hoflager und werde sich diesem Gesetz zufolge im Winter in Ammerstadt, im Sommer in Finkenburg aufhalten. Der Ganswirth aber gab sich noch nicht zufrieden. »Gesetzt auch;« sagte er, »daß das wahr ist, was Ihr von den Burggeistern erzählt, so beweist das noch gar nicht, daß Fürsten etwas vor den anderen Menschen voraus haben.« »Oho,« riefen Hofmetzger und Hofschneider einstimmig. »Gar nichts beweist es,« fuhr der Wirth fort, »auch andere Häu- ser haben ihre Geister, wie man sagt. Als ich auf der Wander- schaft war, hab' ich einmal in einem Haus übernachtet, darinnen ist zu gewissen Zeiten der Geist eines Schneiders ge- sehen worden. Er soll einen ungeheuer langen Schlafrock nach sich geschleppt haben, welcher aus all den Lappen zusammen- gestückt war, die der Schneider bei Lebzeiten in seine Hölle hatte fallen lassen.« Alle Meister, sogar der Hofmetzger lachten überlaut und blickten den Schneider an. Dieser verbiß indessen, so gut er konnte, sei- nen Ärger und antwortete, das sei ihm gar nicht unwahrschein- lich. Er habe einmal Ähnliches erlebt in einer Herberge. Dort sei alle Nacht ein Wirth umgegangen und sei von zwölf bis ein Uhr, unter der Last einer Butte keuchend, fortwährend zwischen dem Weinkeller und dem Brunnen hin- und hergelaufen. Die Geschichte sei wahr, er selbst habe das Gespenst gesehen, und jetzt erinnere er sich auch an den Namen der Herberge, sie habe den sonderbaren Namen »Zur Landesmutter« geführt. Jetzt hatte der Hofschneider die Lacher auf seiner Seite, der Ganswirth aber schoß einen wüthenden Blick auf den Spötter und ging zur Thür hinaus. Die Altmeister blieben, wie dies immer der Fall ist, wenn über- natürliche Dinge besprochen werden, sehr lange beisammen. Der Hofschneider besaß einen unerschöpflichen Schatz von Ge- spenstergeschichten, aus welchem er bereitwillig mittheilte, was man zu wissen verlangte. Selbstverständlich ward auch des Trinkens nicht vergessen, und als man endlich aufbrach, fühlte sich mancher der ehrsamen Meister nicht eben sicher auf den Füßen, namentlich der neugebackene Hofschneider schwankte bedenklich und nahm den dargebotenen Arm des ausgepichten Hofmetzgers mit großem Dank an. Hinter der alten Stadtmauer befand sich eine Gasse, wo nur we- nige Häuser zwischen Gärten und Gemüsefeldern standen. In diese Gasse bog der Metzger mit seinem Freund ein, erstens weil dies der nächste Weg nach Hause war, und zweitens weil dort die Luft frisch von den Bergen wehte und deshalb ganz ge- eignet war, erhitzte Köpfe abzukühlen. Durch zerrissene Wolken flimmerte die schmale Mondsichel, und der Wind blähte den Mantelkragen des Hofschneiders auf wie ein Segel. Dieser hing schwer am Arm seines Führers und gab demselben Belehrung über Natur und Wesen der Geister im ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 54 von 71 Allgemeinen und der Ahnfrauen im Besonderen. Da wurden Schritte hörbar, und aus einem Gäßchen tauchte eine dunkle Gestalt auf. Wie auf Kommando standen Hofmetzger und Hofschneider still. Die Gestalt kam mit langen Schritten näher. Der Schneider zitterte wie ein Märzhase und zog seinen Begleiter in eine dunkle Ecke. Jetzt trat der Mond hinter den Wolken hervor und beleuchtete den Herankommenden. Er war in ein dunkles Gewand gehüllt, welches durch einen Strick zu- sammengehalten wurde, den Kopf bedeckte eine spitzige Ka- »Alle guten Geister!« stammelte der Hofschneider, »der verwun- schene Mönch!« »Still,« raunte der Hofmetzger, dessen gewaltige Glieder gleich- falls wie Espenlaub zitterten. »Sprecht ein Gebet, Hofschneider, oder es ist mit uns Matthäi am letzten.« Der Mönch trat an die Mauer heran und blieb einen Augenblick wie horchend stehen, dann setzte er einen Fuß in das zerbrö- ckelte Gestein, griff mit den Händen nach oben und schwang sich behend auf die Mauer. Droben blieb er ein paar Sekunden rittlings sitzen und glitt dann leise auf der anderen Seite hinab. Kaum war er verschwunden, so machte der dicke Hofmetzger Kehrt und sprang trotz seiner Schwerfälligkeit mit solcher Hast voran, daß ihm der Hofschneider nur mit Mühe folgen konnte. Mit dem Unheil, welches Jakob der Rabe angerichtet hatte, waren trübe Tage über die Löwenapotheke gekommen. Als die alte Hanne erfuhr, was in ihrer Abwesenheit vorgefallen war, machte sie einen Versuch, den erzürnten Apotheker zu be- sänftigen. Herr Thomasius aber blieb felsenfest, und als Hanne zum äußersten Mittel griff und erklärte, das Haus verlassen zu wollen, antwortete Herr Thomasius: »Geh' Sie!« worauf Hanne Der Magister war von seinem Waldspaziergang als ein völlig Ver- wandelter zurückgekehrt. Als man ihm berichtete, daß der Sub- jekt entlassen worden sei, weil er die Tinktur vernachlässigt habe, entgegnete er zerstreut: »Schon gut, schon gut!« Von dem zweiten Grund der Entlassung erfuhr er nichts. Daß mit Else etwas vorgegangen war, fiel ihm auch nicht auf, und die Wort- kargheit und Verstörtheit des Apothekers schrieb er einzig und allein dem Unfall zu, der die Tinktur betroffen hatte. Über sein Zusammentreffen mit dem italienischen Grafen hatte er dem Apotheker noch keine Mittheilung gemacht; er ging allabendlich in die Goldene Gans und traf daselbst mit dem Fremden zusam- men, aber was da gesprochen wurde, das bewahrte der Magister in seiner Brust. Wenn er seinen Lieblingsgedanken nachhängend und Luft- schlösser bauend in seinem Museo auf und ab ging, wollte es ihn wohl bedünken, als ob das Auge des gekrönten Poeten vor- wurfsvoll auf ihm ruhe; aber er tröstete sich dann jedesmal mit dem Gedanken, daß er, wenn der Graf seine Verheißungen er- füllt habe, mit um so größerem Eifer zu der vernachlässigten Leier zurückkehren werde. Else war schon nach wenigen Tagen aus ihrem Arrest entlassen worden. Herr Thomasius hatte ihr eine sehr schöne, erbauliche Rede von Jugendverirrungen und Kindespflicht gehalten, und da Else bei den väterlichen Ermahnungen viel Thränen vergos- sen hatte, so glaubte der Apotheker, sie beginne ihr Unrecht ein- zusehen und werde, wenn man ihr Zeit und Ruhe lasse, bald wieder die alte, fröhliche Else sein. Inzwischen aber hatte er ein scharfes Auge auf die alte Hanne. Er ahnte, daß sie im Einverständniß gewesen und fürchtete, der verbannte Fritz werde sich ihrer als Liebesbotin bedienen, darum pflegte er, so oft Hanne das Haus verließ, den Lehrling in einiger Entfernung hinter ihr drein zu schicken. Auf diesen konnte er sich verlassen, denn der Lehrling, der hie und da, wenn er in der Offizin eine Dummheit begangen, von dem Sub- jekt scharfe Vermahnungen erhalten hatte, war diesem nicht eben hold und würde es seinem Prinzipal unfehlbar gesagt haben, wenn er die alte Hanne mit dem Baccalaureus zusam- men getroffen hätte. Else lebte in diesen Tagen wie im Traum. Sie besaß nicht den glücklichen Leichtsinn, der in dem ehemaligen Studenten Fritz Hederich wieder zum Durchbruch gekommen war und Blüthen trieb, sie trug sich nicht mit den Hoffnungen, die jener hegte, die Zukunft erschien ihr vielmehr trüb und verworren. Aber doch hatte sie etwas, an dem sie sich aufrichten konnte, das war die Zuversicht, mit welcher Fritz beim Scheiden gesagt hatte: »Du wirst doch mein.« Du wirst doch mein – das Wort klang ihr fortwährend im Ohr, und wenn sie des Abends ihr müdes Haupt niederlegte, so flüs- terte es ihr eine Stimme in's Ohr so lange, bis sie eingeschlafen In der Nacht, da sich die Meister in der Goldenen Gans Gespens- tergeschichten erzählt hatten, war Else wie gewöhnlich mit dem Gedanken an ihren Geliebten zur Ruhe gegangen. Sie mochte schon ein paar Stunden geschlafen haben, als ein leises Pochen an die Fensterscheiben sie aufweckte. Da sich dasselbe wieder- holte, so erhob sich Else, hüllte sich in ein Tuch und öffnete mut- hig das Fenster. Herr des Himmels und der Erde! Drunten im Garten stand der verwunschene Mönch und trug eine lange Stange, mit der er of- fenbar soeben an das Fenster geklopft hatte. Sie wollte zurückspringen, aber der Mönch winkte eifrig mit der Hand und rief mit gedämpfter Stimme: »Else, ich bin's.« »Um Gottes willen, Fritz, Du bist's? Was fällt Dir ein?« »Still!« sagte Fritz, »ich mußte wissen, wie es Dir geht, darum hab' ich mich als Mönch verkleidet und bin über die Mauer ge- stiegen. Else, liebe Else, komm herunter, komm zu mir!« »Wo denkst Du hin,« sagte das geängstigte Mädchen. »Fort, fort! Wenn Dich jemand sähe!« Fritz lachte leise. »Wenn mich jemand sähe, würde er es gewiß nicht wagen, dem gespenstigen Mönch den Weg zu verlegen. Kommst Du, oder soll ich wieder gehen?« »Nein, Fritz, ich komme nicht. Eile, eile aus dem Garten, wenn Du mich lieb hast!« »Else, noch ein Wort. Ich vergeh', wenn ich ohne Nachricht von ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 55 von 71 Dir bleibe. Schreib' mir, was bei Euch vorgeht, und gieb den Brief der alten Hanne.« »Es geht nicht, Fritz. Die gute Hanne wird auf Schritt und Tritt bewacht. Es geht nicht.« Der Mönch stieß zornig seine lange Bohnenstange auf den »Dann will ich Dir etwas sagen,« sprach er nach einigem Nach- denken. »Der Magister kommt alle Abende in die Goldene Gans – der könnte –« »Fritz, Du bist nicht wohl bei Trost!« »Hör' mich, Else! Der Magister muß den Boten machen. Er trägt einen Mantel mit großem Kragen; unter den Kragen verbirg Dei- nen Brief, ich werde ihn dort finden und die Antwort an seine Stelle heften. Willst Du?« »Fritz, das wäre sündlich!« »Ei was, eine Kriegslist ist erlaubt. Else, wenn Du mir das ab- schlägst, dann« – er erhob seine Stimme – »dann weiß ich nicht, was ich thue.« »Still, still! Gut, willst Du mir versprechen, nicht wieder verstoh- lener Weise in den Garten zu kommen, so will ich thun, was Du verlangst. Nun aber geh', geh', lieber Fritz!« »Und Du hast mich noch lieb, Else?« »Lieber als meine Augen, aber geh', geh'!« »Gute Nacht, Else!« flüsterte Fritz und verschwand in den Bü- Else blieb am Fenster stehen, bis auf der Brüstung der Mauer die Mönchsgestalt sichtbar wurde. Dieselbe winkte noch einmal gegen das Fenster, und dann war die Mauer wieder leer. Else horchte noch einige Minuten mit klopfendem Herzen in die Nacht hinaus, es blieb alles still. Sie schloß das Fenster und ver- barg den Kopf und ihre Angst wieder in den Kissen. Dreizehntes Kapitel. Das Experiment. Der Magister begab sich, wie wir berichtet haben, jeden Abend in die Goldene Gans. Im Herrenstüblein daselbst trank er, wie er dies seit Jahren zu thun gewohnt war, einen, zuweilen auch zwei Schoppen und unterhielt sich mit den Anwesenden über Witterung, Stadtneuigkeiten und Welthandel. Seitdem er die Bekanntschaft des italienischen Grafen gemacht hatte, kam er eine Stunde früher als sonst, bevor sich noch die Stammgäste eingefunden hatten. Traten dann diese einer um den andern herein, so beeilte er sich sein Glas zu leeren, und entfernte sich, nicht um nach Hause zu gehen, sondern um dem Grafen einen Besuch zu machen. Diese Besuche waren natür- lich den Gästen des Herrenstübleins kein Geheimniß und gaben zu mancherlei Bemerkungen Veranlassung. Und das war es ge- rade, was den Magister bewog, die Gesellschaft der Stammgäste zu vermeiden. Es war ihm daher sehr angenehm, als Fritz Hederich ihm sein Zimmer anbot. Dahin ließ er sich nun allabendlich seinen Schoppen bringen und verplauderte ein Stündchen mit dem Bac- calaureus. Was zwischen letzterem und Else vorgefallen war, davon ahnte der Magister nichts, und gutmüthig sprach er ihm Er habe klug gehandelt, vorläufig die Stadt Finkenburg nicht zu verlassen; er müsse abwarten, bis sich die gallige Stimmung des Herrn Thomasius verbessere, dann wolle er, der Magister, zu seinen, des Baccalaureus Gunsten schon ein Wort reden. Über- dies stehe auch der fürstliche Recompens für die Komödie in Aussicht, und er zweifle nicht, daß ... u. s. w. Wenn der Magister so sprach, regte sich in dem Baccalaureus einigermaßen das Gewissen, da er aber von dem Grundsatz aus- ging, daß jeder sich selbst der Nächste sei, so beschwichtigte er die mahnende Stimme in seinem Innern und verdoppelte äu- ßerlich seine Aufmerksamkeit gegen seinen Gast. Wie zuvor- kommend nahm er ihm den Mantel ab, wie dienstbeflissen rückte er ihm den Stuhl zurecht, und wie zartfühlend vermied er jede Anspielung auf den italienischen Grafen. Kam dann der Magister von seinem Besuch bei dem Grafen zurück, so stand Fritz wie ein treuer Diener schon mit der Lampe bereit, hüllte den Körper des Herrn Hieronymus Xylander sorgfältig in den Mantel und leuchtete ihm bis an die Hausthür. »Er ist mir sehr zugethan,« sagte dann der Magister bei sich, »ich wollte es dem braven Knaben wohl gönnen, wenn er auf einen grünen Zweig käme.« Seitdem der welsche Graf dem Magister Unterricht in der Gold- macherei ertheilte, führte letzterer wie ein gewissenhafter Stu- dent ein Heft, in welches er allabendlich das Erlernte aufzeichnete. Staub bedeckte seine Bibliothek und die umfangreichen Manu- skripte, welche die Perlen der Xylandrischen Poesei bargen, und dem gekrönten Poeten an der Wand hatte eine Kreuzspinne mit- leidig Augen und Ohren mit dichtem Gewebe verhangen, damit er von dem Gebahren des Abtrünnigen nichts wahrnehme. Statt hochtönender Verse mit kunstreich verschlungenen Endreimen, welche vordem diejenigen zu hören bekamen, die in später Abendstunde an der Thür des Xylandrischen Musei vorübergin- gen, hätte jetzt ein Lauscher die mystischen Lehren vom großen Magisterium vernehmen können, welche der Magister mit halb- lauter Stimme sich vorsagte. Unter ihm in dem geheimen Laboratorium saß Herr Thomasius. Aber das Laboratorium war kein solches mehr. Staub bedeckte wie die Bücher des Magisters so auch die Apparate des Apothe- kers. Herr Thomasius hatte den Muth verloren. Jetzt saß er Tag für Tag neben dem erloschenen Feuer seines Schmelzofens in einem alten Lehnstuhl und brütete über den dunklen Schriften des Theophrastus Bombastus Paracelsus. Ehemals hatte er viel auf ein reputirliches Äußere gehalten, seine Manschetten und die Krause, die ihm vorn zu der seide- nen Weste heraussah, waren stets blendend weiß gewesen, und ein Fleck auf dem Tuch seines Rockes hatte unter Umständen ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 56 von 71 für den mit der Reinigung der Kleider betrauten Knecht ver- hängnißvoll werden können. Jetzt vernachlässigte er seine Klei- dung, statt der glänzenden Stiefel trug er alte, niedergetretene Pantoffel an den Füßen, sein ergrautes Haar war verwirrt, und sein Bart, über den kein Schermesser mehr kam, stand ihm struppig von Wange und Kinn und gab ihm das Aussehen eines alten bengalischen Tigers, der mit sich und der Welt hadert. Seine Wangen fielen ein, und aus dem lederfarbenen Gesicht leuchteten seine grauen Augen mit eulenhafter Unheimlichkeit. Dazu war Herr Thomasius in einer Stimmung, welche von der des geduldigen Tobias sehr verschieden war. Niemand konnte ihm etwas zu Dank machen. In der Offizin, wo er seit des Sub- jekts Ausgang nothgedrungen hin und wieder erscheinen mußte, behandelte er seine Untergebenen tyrannisch und die Kunden grob. Der alten Hanne aber gab er kein gutes Wort mehr, mit Else sprach er nur das Nothwendigste und den Magister Xy- lander behandelte er geradezu verächtlich. Der einzige, mit dem er noch auf ziemlich gutem Fuß stand, war Jakob, der Unglücks- rabe, der es verstanden hatte, durch harmloses Gebahren und sicheres Auftreten jeglichen Verdacht von seiner Person abzu- Der Apotheker hatte sein Mittagsmahl beendet und fütterte den Raben mit Brocken, Else hatte das Zimmer verlassen, und der Magister saß träumend in seinem Sessel. »Da, Jakob,« sagte der Hausherr, »es ist dir gegönnt, wohl be- komm dir's.« »Lump!« krächzte der Vogel und blickte den Apotheker zutrau- »Ja,« sagte dieser, »Du bist der einzige, der's redlich mit mir meint. Alles fällt von mir ab, die Alte, mit der ich fünfundzwanzig Jahre zusammen gehaust habe, schmiedet Anschläge hinter meinem Rücken, und er, den ich liebgewonnen hatte, thut mir »Herr Thomasius,« räusperte sich der Magister. »Was wollt Ihr?« fuhr der Apotheker auf. »Ihr thut mir Unrecht, Herr Thomasius –« »Ich hab' Euch nicht gemeint,« versetzte der Apotheker. »Ihr thut mir Unrecht, glaubt mir, ich bin noch der Alte.« »Das glaub' ich Euch gern, und Ihr werdet Euch nunmehr auch schwerlich ändern.« »Hört mich an, Herr Thomasius. Ihr habt Ursache, mich argwöh- nisch zu betrachten, aber ich versichere Euch, daß meine Ge- fühle für Euch und Eure Tochter –« Der Apotheker lachte ingrimmig. »– noch dieselben sind wie vordem; wenn ich Euch in den letz- ten Tagen etwas zerstreut und flatterhaft vorgekommen bin –« »Ihr seid mir gar nicht vorgekommen, Magister!« »– so hat das seinen Grund. Bald werde ich Euch einweihen in das Geheimniß, welches ich auf meinem Herzen trage. Bis dahin geduldet Euch und bis dahin muß sich auch Else gedul- »Ich denke, sie hält's aus,« spottete der Apotheker. Der Magister erhob sich, trat auf ihn zu, ergriff seine Hand und sprach: »Mag auch kommen, was da kommen will, Herr Thoma- sius, ich bin ein Mann, der sein Wort hält.« In dem Ton eines Sehers fuhr er fort: »Der Stufen sind drei: Notio, Mutatio, Mul- tiplicatio. Ihr, Herr Thomasius, mühet Euch vergeblich, die erste zu erreichen, ich stehe mit dem Fuß auf der dritten. Bald wird die Stunde schlagen, da sich der Schleier heben wird und dann –« der Magister hob die Rechte empor wie zum Schwur – »dann wird eitel Freude sein in dem Haus, so den güldenen Löwen im Zeichen führt!« »Entweder ist er übergeschnappt,« sprach der Apotheker, indem er dem abgehenden Magister nachschaute, »oder er hat einen tiefen Blick gethan.« Der Magister hatte eigentlich beabsichtigt, dem Herrn Thoma- sius nicht eher etwas von den geheimen Zusammenkünften in der Goldenen Gans mitzutheilen, als bis er zu einem Resultat gekommen sei; da ihm aber das Leid des alten Herrn, dessen Gestalt von Tag zu Tag gebeugter wurde, zu Herzen ging, so faßte er den Entschluß, eine Zusammenkunft zwischen dem ita- lienischen Grafen und dem Apotheker zu veranstalten, und wider sein Erwarten stieß er nicht auf erheblichen Widerstand. Herr Thomasius lebte ordentlich auf, als der Magister ihm seine Eröffnungen machte, und drängte zu einer Unterredung mit dem Grafen. Dieser runzelte zwar die Stirn, als ihm der Magister vor- schlug, den Apotheker an dem anzustellenden Experiment Theil nehmen zu lassen, gab aber doch schließlich seine Einwilligung zu einer Zusammenkunft. An einem der nächsten Abende saßen die drei Goldmacher in dem Laboratorio des Herrn Thomasius beisammen. Der Graf ließ sich von diesem ausführlich über seine Arbeiten berichten und schüttelte bisweilen den Kopf. Dann begann er seine Aus- einandersetzungen und sprach so gelehrt und dunkel, daß Apo- theker und Magister nicht wußten, wo ihnen die Köpfe standen. Schließlich bat Herr Thomasius den Grafen, in seiner und des Magisters Gegenwart einen Versuch anzustellen. Der Graf wil- ligte nach einigem Zögern ein. Die Constellationen seien aller- dings günstig, auch sei der Mond im Zunehmen begriffen, und man könne ein Experiment wohl wagen. »Ich sehe dort in Eurem Garten einen alten Thurm,« fuhr der Graf fort, »ist das Innere desselben so beschaffen, daß man dort den Apparatus aufstellen kann?« Der Apotheker bejahte dies, fragte aber einigermaßen verwun- dert, warum der Herr Graf nicht im Laboratorio das Werk vor- nehmen wolle. »Weil,« entgegnete dieser, »das siderische und lunarische Licht nicht ungehinderten Eingang in diesen Raum findet. Dort auf dem Thurm kann man es bequem auffangen und zur Mitwir- kung zwingen.« Das leuchtete dem Apotheker ein, und der Graf versprach, in ei- nigen Stunden wiederzukommen und den nöthigen Apparat mit- zubringen. Gegen Mitternacht kam er in der That mit seinem Gehilfen in die Löwenapotheke und wurde von dem Hausherrn und dem Magister nach dem Thurmzimmer geleitet, welches durch Kerzen erhellt war. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 57 von 71 Der Graf entnahm dem Kasten, den sein Gehilfe getragen hatte, mehrere Hohlspiegel, einen Tubus und andere Geräthschaften. Mit diesen hantirte er eine Weile herum, beobachtete den Him- mel und stellte die Spiegel so auf, daß die matten Strahlen, die sie zurückwarfen, eine kleine Schale von Malachit trafen, die in die Mitte des Tisches gestellt worden war. Dann zog er ein Stück- chen Gold, nicht größer als eine Linse, hervor und reichte es dem Apotheker. »Seht zu, Herr Thomasius, ob das Gold ist.« Der Apotheker erklärte nach genauer Prüfung, es sei in der That reines Gold. »Gut,« fuhr der Graf fort, »nun legt das Gold dort in die Schale, verlöscht die Lichter und haltet Euch ruhig.« Der Apotheker that, wie ihm geheißen war, und das Gemach war nunmehr nur durch den Schein des Mondes erhellt. Das Stück- chen Gold in der grünen Schale leuchtete wie ein kleines Der Graf wandte sein Gesicht nach dem Monde und bewegte leise die Lippen. Der Apotheker blickte gespannt bald auf die Schale, bald auf den gräflichen Adepten. Der Magister zitterte vor Angst und Aufre- gung und hielt den Rockschoß des Apothekers krampfhaft fest. Jetzt wandte sich der Graf vom Fenster ab, trat an den Tisch und goß aus einer kleinen Phiole ein paar Tropfen in die Malachit- schale. Alsbald wallte ein bläulicher Dampf auf. Schnell ergriff der Gehilfe eine kleine Marmorplatte und bedeckte die Schale, der Graf aber sprach in ruhigem Tone: »So, nun ist's geschehen. Zündet die Kerzen immerhin wieder Es geschah. Der Graf und sein Gehilfe räumten kaltblüthig das Geräthe zusammen und packten es in den Kasten. »Ist das Experiment zu Ende?« fragte Herr Thomasius ungläu- big. »Völlig,« erwiderte der Graf, »und es ist gelungen. Geduldet Euch nur ein paar Augenblicke noch, dann mögt Ihr den Deckel Mit zitternder Hand hob endlich der Apotheker die Marmor- platte, und auf dem Grunde der Schale lag ein rundliches Stück Gold, groß wie eine Nußschale. »Nehmt und prüft,« sagte der Graf. Es war Gold, feines Gold, ohne Beimischung von Silber oder Kup- fer und hatte das Gewicht von fünf Dukaten. Das Gold hatte sich also hundertfach vermehrt. Der Apotheker und der Magister standen sprachlos da und blick- ten mit Ehrfurcht und geheimem Schauer auf den Mann, der die Multiplikation bewerkstelligt hatte und jetzt so gleichgültig drein blickte, als wäre das etwas ganz Alltägliches. »Es ist erstaunlich,« sagte Herr Thomasius nach langem »Erstaunlich!« wiederholte der Magister. Dann schwiegen sie wieder alle beide, während der Graf sich zum Gehen rüstete. Der Apotheker hielt noch immer das Gold in der Hand. »Erlaubt Ihr,« fragte er zu dem Grafen gewandt, »daß ich dieses Gold einwechsele? Ich möchte es zum Andenken behalten.« Der Graf antwortete vornehm: »Das Gold welches ich bei solchen Gelegenheiten im Kleinen erzeuge, gehört meinem Gehilfen. Einigt Euch mit dem.« Herr Thomasius fuhr schnell in die Tasche und reichte dem Ge- hilfen ungezählt einige Goldstücke, welche dieser ohne Dank einsteckte. »Herr Graf,« hub der Apotheker wieder an, »Ihr seht in mir einen Mann, der die besten Jahre seines Lebens geopfert hat, um dem Geheimniß, das Ihr besitzt, auf die Spur zu kommen. Gebt mir die Bedingung an, unter welcher Ihr mich einzuweihen ge- Der Graf machte eine verneinende Handbewegung und lächelte so überlegen, daß der Apotheker schwieg. »Freilich,« dachte er, »wer mit ein paar Tropfen aus einem Du- katen hundert machen kann, der darf hochmüthig sein.« Dennoch aber ließ er nicht ab, mit Bitten in den Grafen zu drin- gen, und der Magister unterstützte ihn dabei. Der Graf aber blieb ungerührt. Er sei, sagte er, im Dienst des Fürsten, seine Zeit sei dermaßen in Anspruch genommen, daß er unmöglich dem An- sinnen des ehrsamen Herrn willfahren könne. Damit selbiger aber seinen guten Willen erkennen möge, erkläre er sich bereit, das Experiment der Multiplikation zu wiederholen, und zwar mit jedem beliebigen Quantum des edeln Metalls. Er beanspruche für sich selbst keinerlei Belohnung, müsse aber darauf beste- hen, daß man seinem getreuen Gehilfen einen Antheil gönne. Das war wenigstens etwas. Dem Apotheker lag freilich mehr an dem Geheimniß der Multiplikation als an dem Gold, der Magis- ter aber zitterte vor Wonne, als er vernahm, daß ihm die Mög- lichkeit geboten werden solle, seine Habe zu verhundertfachen. Die beiden Herren nahmen also den Vorschlag mit großem Dank an und erklärten, jede Bedingung gegen den Gehilfen eingehen »Gut,« sagte der Graf, »gebt ihm zehn vom Hundert, damit wird er zufrieden sein. Gelt, Balthasar?« Der Gehilfe nickte. »Sorgt also für eine Last Gold und hütet Euch vor falschen Mün- zen, denn das könnte eine üble Wendung herbeiführen, die Tinktur darf kein unedles Metall benetzen. Und beeilt Euch, daß wir baldigst das Experiment anstellen können, denn die Zeit ist jetzt außerordentlich günstig.« Apotheker und Magister versprachen, den Wünschen des Grafen gewissenhaft nachzukommen, und geleiteten denselben nebst seinem Gehilfen unter häufigen Dankesworten und ehrerbieti- gen Bücklingen durch den Garten und das Haus bis auf die Kaspar, der Sohn des Ganswirths, hatte einen harten Schädel, und da Fritz die einem Lehrer nöthige Geduld nicht besaß und häufig von der ihm durch die väterliche Gewalt des Ganswirths ertheilten Erlaubniß Gebrauch machte, so hatte sich Kaspars Lage keineswegs verbessert, seitdem er in den Gelehrtenstand eingetreten war. Seine Thätigkeit war eine andere geworden, ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 58 von 71 die Rippenstöße und Schopfbeutler waren geblieben, und es konnte ihm im Grunde einerlei sein, ob er sie für die leichtsin- nige Behandlung der Teller und Gläser oder der Deklination des klassischen Wortes mensa erhielt. So schlimm aber wie heute war's ihm noch nie ergangen. Da saß der arme Junge über ein Schreibheft gebeugt in der Stube des gestrengen Herrn Hederich. Ängstlich duckte er sich auf sein Heft, welches er mit entsetzlich großen, schiefen Buchsta- ben bemalte, und von Zeit zu Zeit fiel ein salziger Tropfen von seiner Nasenspitze auf das Papier. Dann hob er scheu seine Augen empor und schlug sie schaudernd sogleich wieder nieder, denn drohend über seinem Haupte schwebte das große Lineal, welches der Herr Baccalaureus mit unheimlich glänzenden Augen verdächtig hin und her schwenkte. Endlich konnte der arme Bursche seines Jammers nicht mehr Herr werden. Er legte den Gänsekiel bei Seite und schluchzte und gluckste so erbärm- lich, daß in der Brust des Baccalaureus das Mitleid rege wurde. »Was giebt's zu flennen, Kaspar?« fragte er. Statt der Antwort heulte Kaspar immer lauter und bohrte die tin- tenbeklexten Fäuste in die Augenhöhlen. »Weißt Du was, Kaspar,« fuhr Fritz in wohlwollendem Tone fort und legte väterlich die Hand auf den Kopf des Heulenden, »weißt Du was, Kaspar? Räume Deine Bücher zusammen und packe Kaspar hob sein von Thränen und Tinte bethautes Antlitz fra- gend empor. »Ja, Kaspar, es ist mein Ernst; geh' und komm' nicht wieder! Ich will mit Deinem Vater sprechen, an Dir ist Hopfen und Malz ver- Das waren Äolsharfen in Kaspars Ohren. Er sah mit einem rüh- renden Dankesblick zu dem Sprecher empor. »Zeuch hin, mein Sohn!« sagte Fritz Hederich noch einmal und öffnete eigenhändig die Thür seines Zimmers. Kaspar ging zwar mit Thränen in den Augen, aber mit großer Freude im Herzen über die unvermuthete Wendung seines Ge- Die aufgeregte Stimmung, in der sich Fritz Hederich befand, war durch einen Brief hervorgebracht worden. Seit jener Nacht, da er als Mönch vermummt über die Gartenmauer gestiegen war, brachte der Magister alle Abend unter seinem Mantelkragen Botschaft vom Goldenen Löwen in die Goldene Gans und zurück. Am letztvergangenen Abend aber überbrachte er dem harrenden Baccalaureus außer dem Brief, von dem er nichts wußte, einen andern, den ihm Herr Thomasius eingehändigt hatte. Der Apotheker zeigte in demselben kurz an, daß sein Kollege in Ammerstadt einen Subjekt brauche, und daß dem Herrn Hede- rich nichts im Weg stehen würde, wenn er diesen Dienst antre- Dieser Brief gab dem Baccalaureus viel zu denken. »Es ist doch schön von dem Alten, daß er mich das wissen läßt,« war sein erster Gedanke. »Aber jetzt fort von hier, fort aus der Nähe meiner Else? – Nein.« Dann erhob die Vernunft, die zwar in der letzten Zeit wenig Ein- fluß auf die Handlungen des Baccalaureus ausgeübt hatte, ihre Stimme und rief ihm zu: »Thu's, greif zu! In alle Ewigkeit kannst Du nicht das Brot des Ganswirths essen. Vorwärts, Fritz!« »Zum Glück durch Leid, Zur Ruh durch Qual Über Berg und Thal Die Welt ist weit!« Schließlich lag ja die Stadt Ammerstadt auch nicht im Mond, und wer weiß, ob ihm dort nicht endlich das Glück blüht, das er seit Jahren sucht. »Es muß sein,« schloß er mit einem Seufzer, »aber sprechen muß ich meine Else noch einmal, ehe ich scheide.« Am Abend des Tages, da der Baccalaureus beschlossen hatte, nach Ammerstadt zu wandern, um daselbst als Apothekersubjekt den Besuch der Glücksgöttin abzuwarten, trug der Magister unter seinem Mantelkragen nach der Löwenapotheke einen Brief, in welchem Jungfer Else Thomasius von dem Entschluß des Baccalaureus Fritz Hederich benachrichtigt und in den be- wegendsten Worten um eine heimliche Zusammenkunft im Gar- ten gebeten wurde. Die Antwort der blonden Else enthielt erneuerte Liebesschwüre und rührende Klagen, aber die bestimmte Weigerung, mit Fritz zusammenkommen zu wollen. Darauf beschrieb der arme Fritz einen großen Bogen Kanzlei- papier mit lauter abgerissenen Sätzen, die ein so fürchterliches Durcheinander von Liebe, Verzweiflung, Gram, Hoffnung, Bitten und Schwüren bildeten, daß Else ein Herz von Feuerstein hätte haben müssen, wenn sie nach Empfang der Epistel noch länger auf ihrer Weigerung bestanden hätte. Der Zettel, den Fritz am nächsten Abend von dem Mantel seines Nebenbuhlers löste, enthielt die mit zitternder Hand geschrie- benen Worte: »Ich komme; Gott wolle mir die Sünde verzeihen! Vorsicht, Fritz, Vorsicht!« Das war eine Nacht! Die wetterkundigen Bürger, die vor dem Schlafengehen prüfend ihre Nasen zum Fenster hinaussteckten, behaupteten: »Es giebt Reif.« Und sie hatten Recht, denn am andern Morgen trugen die Halme auf dem Feld und die dürren Blätter am Busch glitzernde Spitzengewänder, die verspäteten Blumen senkten ihre Köpfe, und die Gurken im Garten des Herrn Bürgermeisters hingen kraftlos an den Stielen, der feindliche Frost war über sie hin- weggefahren und hatte ihren Lebenssaft erstarren gemacht. Ein früher Frost war sonst ein Ereigniß, welches den Finkenburgern mindestens für drei Tage Stoff zu lehrreichen Gesprächen bot. Diesmal ward desselben kaum gedacht, denn in der Nacht, da des Bürgermeisters Gurken erfroren, geschah noch etwas, das den Leuten viele Jahre lang im Gedächtniß blieb. Um die Zeit, da in Finkenburg alles auf dem Ohr lag, mit Aus- nahme des Nachtwächters (der schlief sitzend auf einem Eck- stein), kletterte Fritz Hederich als Mönch verkleidet über die ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 59 von 71 Gartenmauer der Löwenapotheke, wand sich wie ein Marder durch die dürren Büsche der Arzneigewächse und kam an der Hinterthür des Hauses eben an, als eine verhüllte weibliche Ge- stalt in derselben sichtbar wurde. Er zog die zitternde Else an die Brust, und sie schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn auf den Mund. »Komm,« sagte er, »noch einmal wollen wir unter dem Hollun- derbaum sitzen, wo wir so glücklich waren, dann muß ich schei- den von Dir – nicht auf immer, Else – aber wer weiß, wann ich wiederkomme, wie ich wiederkomme. Kennst Du das Lied? Sie singen's bei uns daheim: »Wer reitet im Trab zum Thor herein? Das muß ein edeler Reiter sein, Sein Rößlein ist weiß, von Gold sind die Sporen, Im Städtchen hat er ein Lieb erkoren.« Else, weine nicht, mir sagt eine Stimme: Alles wird gut! Weißt Du, hier unter dem Baum ist's gewesen, wo Du mir ein Märchen erzählt hast. Ich will Dir heut' ein anderes erzählen von Einem, der ausging in die weite, weite Welt und daheim sein Lieb in Leid zurückließ. Und da kamen Grafen und Fürsten, und zuletzt kam auch ein Königssohn und freiten um sie. Sie aber schüttelte das Haupt und sagte: In meines Vaters Garten – da blüht ein' schöne Blum' – drei Jahr' noch muß ich warten – drei Jahr' sind bald herum. Und als die drei Jahre um waren, da kam in der Nacht beim Sternenschein –« »Still, Fritz, um Gottes willen still! Ich höre etwas.« Fritz horchte auf. An der Thür des Hauses war ein Geräusch ver- nehmbar. Die beiden Liebenden duckten sich hinter die Büsche wie Hasen im Krautacker. Die Thür wurde langsam geöffnet, und ein rother Lichtschein strömte aus dem Innern des Hauses. »Das ist eine unverzeihliche Nachlässigkeit,« wurde die Stimme des Herrn Thomasius vernehmbar, »die Thür steht offen. Na Fritz und Else sahen zu ihrem Schrecken, wie aus dem Haus der alte Thomasius, der Magister und zwei andere Männer traten. Der Magister trug eine Laterne, die übrigen waren mit unkennt- lichen Gegenständen schwer beladen. »Seid so gut, Magister, schließt die Thür zu und zieht den Schlüssel ab,« sagte der Apotheker, »es ist für alle Fälle.« Der Magister that wie ihm geheißen, dann schritten die vier Personen quer durch den Garten nach dem alten Thurm. »Fritz,« stöhnte Else leise, »jetzt ist's um mich geschehen; die Thür ist verschlossen, ich kann nicht mehr zurück. Fritz, ich sterbe vor Angst, was soll nun werden?« »Ruhe, mein Herz,« tröstete Fritz, aber während er der Geliebten Muth einsprach, suchten seine eigenen Gedanken ängstlich einen Ausweg aus der peinlichen Lage. »Wer waren die beiden Anderen?« fragte er. »Ich glaube, es sind die Fremden aus der Goldenen Gans, die der Magister in's Haus gebracht hat.« »Hm, dann wird dort vermuthlich ein Experiment gemacht, das kann lange dauern. Wenn wir der alten Hanne ein Zeichen geben könnten.« »Thu' das nicht, Fritz! ich stürbe vor Scham, wenn jemand er- führe, daß ich mit Dir bei Nacht im Garten zusammengekom- »Dann muß ich versuchen, das Schloß aufzubrechen –« Else rang in stummer Verzweiflung die Hände. »Horch! Was war das? Hast du nichts gehört?« Fritz erhob sich und lauschte in die Nacht hinaus. Da drang zum zweiten Mal ein dumpfer Laut von dem alten Thurm herüber. »Hilf, Fritz!« schrie Else, »meinem Vater geschieht ein Un- Fritz Hederich sprang, so schnell er konnte über die Beete vor- wärts, unterwegs riß er eilig einen Pfahl, der den schwanken Ranken einer blauen Winde zur Stütze gedient hatte, aus dem Boden und stürmte, diese Waffe schwingend, auf den Thurm los. Hinter ihm her eilte mit fliegenden Gewändern Else, jede Rück- sicht vergessend. Die vier Männer im Thurmzimmer hatten ihr nächtliches Werk begonnen. Der Gehilfe des welschen Grafen stellte Geräthschaf- ten auf, während Herr Thomasius und der Magister einen an- sehnlichen Vorrath gemünzten Goldes aus einem Sack in die bereitstehenden Gefäße schütteten. Der Apotheker hatte all sein baares Geld in Gold umgewechselt, und der Magister hatte mit seinem Sparpfennig ein Gleiches »Wenn's nur erst glücklich vorüber wäre,« flüsterte der Magister, »mir ist gar nicht wohl zu Muth.« »Ich glaub's Euch,« sagte der Graf und warf einen spöttischen Blick auf den ängstlichen Sprecher. »Dafür werdet Ihr nachher, wenn alles vorüber ist, desto ruhiger sein, verlaßt Euch darauf. Jetzt schließt die Thür und schweigt still. Es ist doch kein fal- sches Stück unter den Münzen?« »Keine Sorge, Herr Graf,« erwiderte der Apotheker. »Alles ist in »Dann wollen wir beginnen. An's Werk, Balthasar!« Im nächsten Augenblick fühlte der Apotheker seinen Hals durch eine Schlinge zusammengeschnürt und sich von hinten zu Boden gerissen; mit einem dumpfen Laut stürzte er nieder. Gleichzeitig warf sich der Gehilfe des Grafen auf den Magister. »Mord, Mord!« zeterte dieser und flüchtete sich in eine Ecke. »Schneid' ihm den Hals ab, wenn er nicht still ist!« rief der wel- sche Graf, der dem Apotheker auf der Brust kniete und ihm mit großer Gewandtheit die Hände zusammenschnürte. Der Magister knickte zusammen und schloß die Augen. Baltha- sar schickte sich an, den Widerstandslosen zu knebeln. Herr Thomasius lag gebunden mit verstopftem Munde am Boden. »Kennst Du mich?« rief ihm der italienische Graf in's Ohr. »Kennst Du den Doktor, der Deinetwegen auf dem Esel reiten mußte? Jetzt ist die Stunde der Rache gekommen. – Balthasar, beeile Dich, mit dem verrückten Magister an den Rand zu kom- men – raffe das Gold zusammen, so – wir müssen über die Gar- tenmauer zurück – Höll' und Tod! Was ist das?« Die Thür flog auf, und herein stürzte der Mönch mit geschwungener Waffe. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 60 von 71 Knirschend vor Wuth zog der Graf das Messer und drang auf den Mönch ein, aber der schwere Pfahl, den dieser führte, fuhr sau- send durch die Luft, und schwer getroffen sank der Betrüger zu- Balthasar dachte nicht an Widerstand; wie der Blitz schwang er sich zu dem geöffneten Fenster empor, um zu entwischen, aber der Mönch war nicht minder schnell; wieder schwirrte der Pfahl durch die Luft und Balthasar rollte betäubt vom Fensterbrett in das Gemach zurück. »Balthasar Klipperling, der Hanswurst!« schrie Fritz, als er dem Bewußtlosen in's Gesicht sah. »Dann ist der Doktor Rapontiko nicht weit. – Richtig, er ist's,« sagte er nach einem Blick auf den andern, dem das Blut aus einer klaffenden Wunde über das Gesicht lief. Else kniete längst neben dem Vater und mühte sich mit zittern- den Händen die Stricke zu lösen, mit denen er gefesselt war. Fritz sprang hinzu, schnitt sie rasch durch und richtete den Ohn- mächtigen auf. Dann löste er ebenso schnell die Bande des Ma- gisters, der fortwährend leise um Gnade winselte. »Seid ein Mann,« mahnte Fritz, »und helft mir die Schurken bin- »Gnade, Gnade!« wimmerte der Magister, der über das Erschei- nen des Mönchs womöglich noch mehr erschrocken war, als über den Mordanfall. »Alle guten Geister loben Gott den Herrn! – Mönch, was ist Dein Begehr?« »Kommt zu Euch, Magister, ich bin's, Euer Freund, der Fritz He- derich, und dort kniet Else neben ihrem Vater. Ihr seid gerettet. – Wie wir hierher gekommen sind, das erzähl' ich Euch ein ander Mal. – Jetzt ermannt Euch und steht mir bei, daß wir die beiden Schurken in Gewahrsam bringen. Den Hausschlüssel muß Herr Thomasius in der Tasche haben. Hier ist er. Nun eilt!« Der Magister kam zu sich. »Ich hole Hilfe,« rief er und lief schreiend durch den Garten dem Hause zu. Unterdessen schnürte Fritz seinem ehemaligen Genossen, Bal- thasar Klipperling aus Wien, die Arme zusammen, Doktor Ra- pontiko war vorläufig unschädlich, – und trat dann an die Seite des Apothekers. Der Alte lächelte matt und mühte sich, seine Hand leise auf das blonde Haupt seiner Else zu legen, die weinend vor ihm auf den Knieen lag. Fritz Hederich beugte sich zu ihm herab und fragte »Wie geht's Euch, Herr Thomasius?« Dieser konnte nicht reden, aber er streckte die Hand aus, und als Fritz die seinige hineinlegte, zog er ihn sanft an sich heran. Dann nickte er mit dem grauen Kopf und schloß, die Hände der Kinder haltend, wieder die Augen. Das Zetergeschrei des Magisters hatte alles auf die Beine ge- bracht. Der Knecht, der Lehrling und zuletzt die alte Hanne stürmten jetzt nach dem Thurm. Des Magisters Hilferuf hatte Nachtjacken und Zipfelmützen herbeigeeilt, um zu helfen. Nach- dem sich der Magister überzeugt hatte, daß die herangezogenen Streitkräfte genügend seien, um jeden Widerstand der beiden Schurken unmöglich zu machen, bewaffnete er sich selbst mit einer Mörserkeule und ging zurück nach dem Schauplatz seiner Niederlage. Dort traf er begreiflicher Weise alles in der größten Verwirrung. Die Insassen der Löwenapotheke und die Nachbarn bestürmten einander mit Fragen, Hanne heulte laut und rang die Hände, Else war um ihren Vater beschäftigt; der einzige, welcher den Kopf nicht verloren hatte, war Fritz Hederich. In gedrängter Kürze berichtete er, was geschehen war, und traf dann die nöt- higen Anordnungen. Der Lehrling wurde abgeschickt, um die Wache zu holen, der Magister erhielt den Auftrag, das Gold zu bergen, einige der Nachbarn blieben bei den Gefangenen zu- rück, während andere den halbtodten Apotheker in das Haus tru- Er wurde zu Bett gebracht, und Fritz Hederich flößte ihm stär- kende Arzneien ein, während Else und Hanne hin- und herlie- fen, um alles, was dem Kranken dienlich sein konnte, herbeizuschleppen. Die zeisiggrünen Stadtknechte kamen mit ihren Hellebarden, der Herr Bürgermeister führte sie in eigener Person an. Fritz mußte von dem Lager des Alten herbei, auch der Magister wurde citirt, um Rede zu stehen. Dann wurde Balthasar Klipperling aus Wien, der längst aus seiner Betäubung erwacht war, von den Stadtsoldaten in die Mitte genommen. Sein Herr, der fürstliche Astrologus, war durch den erhaltenen Schlag und den Blutverlust zu entkräftet, um gehen zu können; er mußte auf einer Bahre in das Gefängniß getragen werden. Als man die Kasten und Bündel der beiden Gauner untersuchte, fand man eine große Summe in Goldstücken, die der Bürger- meister einstweilen in Verwahrsam nahm. Nachdem die Ordnung durch die Diener des Gesetzes hergestellt war, entfernte sich zwar die zusammengeströmte Menge, aber noch lange standen aufgeregte Gruppen vor der Apotheke auf der Straße und besprachen das unerhörte Ereigniß. Im Innern des Hauses, welches den goldenen Löwen als Wahr- zeichen führte, that in dieser Nacht niemand ein Auge zu mit Ausnahme des Hausherrn, der hatte die Augen geschlossen und war eingeschlafen. An seinem Lager saßen Fritz Hederich und Else und horchten ängstlich auf jeden seiner Athemzüge. Auf den Fußspitzen schlich die alte Hanne ab und zu. Bald war sie um den Kranken beschäftigt, bald betrachtete sie die beiden Kinder, die sich am Bett des Vaters gegenüber saßen, bald war sie im Zimmer des Magisters, um darauf zu sehen, daß er den von Fritz verordneten Trank gehörig einnehme; dazwischen fand sie auch einige Augenblicke, um mit dem Lehrling und dem Knecht, die sich bei einem Trunk von den Schrecknissen der Nacht erholten, das Geschehene zu besprechen, und ihr Schür- zenzipfel war noch nie so häufig mit ihren Augen in Berührung gebracht worden, wie in dieser denkwürdigen Nacht. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 61 von 71 Vierzehntes Kapitel. Die gütige Fee erscheint in den Wolken. Am andern Tage war das gewölbte Zimmer in der Goldenen Gans mit redelustigen Bürgern gefüllt zu einer Stunde, wo sonst nur vereinzelte Gäste hinter den eichenen Tischen saßen. Der Ganswirth war heute eine Person von doppelter Wichtigkeit, ers- tens als Schenke und zweitens als derjenige, dessen Haus die Hauptpersonen des nächtlichen Dramas beherbergt hatte. Er führte natürlich das große Wort, und so sehr war er als Bericht- erstatter in Anspruch genommen, daß er dem jungen Kaspar nothgedrungen einen Theil der Geschäfte aufgebürdet hatte. Nächst dem Wirth waren diejenigen am meisten gesucht, die in der Nacht, durch den Hilferuf des Magisters aufgeschreckt, den Schauplatz des Verbrechens betreten hatten, und so oft einer derselben einem Kreis von Neugierigen das Erlebte zum besten gab, fand sich ein neuer Umstand, der bei der letzten Erzählung vergessen worden war. Am gewohnten Tisch unter den aufhorchenden Altmeistern saß der Hofmetzger, neben ihm der Hofschneider. Beiden war mit der Enthüllung des nächtlichen Abenteuers ein zentnerschwerer Stein vom Herzen gefallen. Als ihnen der Mönch erschienen war, waren die zwei Meister in sich gegangen, denn die Erscheinung war nach dem Urtheil des sachverständigen Hofschneiders eine Mahnung an beide gewesen, das Haus zu bestellen und mit den irdischen Dingen abzuschließen. Am Sonntag, der jener Schau- ernacht folgte, waren beide in langen, dunklen Feströcken, das Gesangbuch unter dem Arm, einträchtig zur Kirche gegangen und hatten andächtig, ein bischen Schlaf beim zweiten Theil der Predigt abgerechnet, den Worten des Herrn Superintenden- ten gelauscht, hatten dann den Tag in erbaulichen Gesprächen über das Jenseits verbracht und den Entschluß gefaßt, allen Freuden der Welt, insonderheit dem Wirthshausleben zu entsa- gen und mit Ergebung ihr sanftseliges Ende zu erwarten. – Das war nun alles nicht mehr nöthig, seitdem man wußte, wer unter der Mönchskutte gesteckt hatte. Der Hofschneider meinte zwar, es sei sündlich, alle guten Vorsätze mit einem Mal wieder fallen zu lassen, und stimmte für einen fortgesetzten gottgefälligen Lebenswandel mit spärlich eingestreutem weltlichen Plaisir, aber der Hofmetzger wollte davon nichts wissen. Er habe große Angst ausgestanden, und diese sei Strafe genug, wenn sein Wandel straffällig sei, was man ihm übrigens erst beweisen müsse. Jetzt wolle er nachholen, was er seither versäumt habe, nach so vielen Leiden werde ihm ein frischer Trunk gut thun, und er sehe gar nicht ein, warum er sich nicht zur Feier des Tages einen Spitz antrinken solle. Der Hofschneider entsetzte sich anfangs über diese Frevelworte, als ihm aber der Freund haarscharf bewies, daß er als Mensch und Familienvater die Ver- pflichtung habe, seinen durch die ausgestandene Angst herun- tergekommenen Leib zu kräftigen, so gab er nach und ging mit seinem dicken Freund in die Goldene Gans. – Da saßen sie also jetzt und besprachen das nächtliche Ereigniß. Der Hofmetzger war in der angenehmen Lage, eine wesentliche Lücke in der Darstellung des Geschehenen zu ergänzen; er war nämlich darüber unterrichtet, wie die Nachricht von der Verhaf- tung des Goldmachers und seines Gehilfen am Hof aufgenom- men worden war. Er hatte am Morgen, obwohl es sich mit seiner Würde nicht gut vertrug, das Fleisch für den Küchenbedarf des Hofes in eigener Person abgeliefert und bei dieser Gelegenheit mancherlei erfahren. Der Fürst war in der Nacht geweckt worden, und die Schreckens- botschaft hatte ihn außerordentlich erschüttert. Der Bürger- meister war in's Schloß befohlen und nach einer langen Unterredung äußerst gnädig entlassen worden. Daß man bei dem welschen Grafen, wie er noch immer hieß, eine große Geld- summe gefunden hatte, war bereits bekannt; der Hofmetzger wußte genau, daß es über 2000 Dukaten gewesen seien, die der Goldmacher aus dem Fürsten herausgelockt habe, und das traf mit der Aussage des Ganswirths überein. Derselbe wurde herangewinkt und mußte zum hundertsten Mal erzählen, was er damals, als der Fürst bei dem Grafen gewesen war, durch das Schlüsselloch erspäht hatte. Er fügte hinzu, er für seinen Theil habe den beiden Fremden von allem Anfang an nichts Gutes zugetraut und jedesmal die Löffel nachgezählt, wenn das Eßgeschirr aus ihrem Zimmer zurückgebracht worden Die Meister, die den welschen Grafen gekannt hatten, behaup- teten, es sei ihnen ebenso gegangen, und der Hofmetzger sagte: »Wißt Ihr, Meister, wer ich jetzt sein möchte?« »Na, der welsche Graf doch nicht?« »Meister Schuhmacher, laßt Eure ungehörigen Bemerkungen! Daß der gehenkt wird, ist sicher. He, Meister Seiler! Habt Ihr noch nicht den Auftrag bekommen, einen festen, gedrehten Strick zu liefern?« »Das geht nicht so schnell,« erklärte der Seiler, »erst kommt die Untersuchung, dann, wenn Inculpat nicht gesteht, die peinliche Frage und dann erst das Urteil. Der Strick wird's übrigens bei dem nicht thun, der wird gerädert, und wenn's nach mir ginge, von unten auf.« »Verdient hätt' er's freilich,« nickte der Hofschneider, »aber Ihr kennt nicht die Milde unseres durchlauchtigsten Herrn; denkt an mich, Meister, er wird zum Galgen begnadigt.« »Na, meinetwegen,« sagte der Hofmetzger, »aber Ihr habt mich vorhin nicht ausreden lassen. Wißt Ihr, wer ich jetzt sein »Na, wer denn, Hofmetzger?« »Der Fritz Hederich möcht' ich sein, der hat jetzt ausgesorgt. Er ist aber auch ein Staatsbursch« »Ja,« knurrte der Hofschneider, »es ist wirklich schade, daß er kein hiesiger Bürgerssohn ist, denn daß ein Fremder die Jung- fer Thomasius kriegt, das ist doch nicht in der Ordnung. Ich hätte sie lieber dem gelahrten Magister Xylander gegönnt.« »Der Hasenfuß,« versetzte der Hofmetzger verächtlich, »der ver- dient ein so braves Mädel nicht.« »Na, mit der Bravheit wird's wohl nicht weit her sein,« bemerkte ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 62 von 71 der Schneider hämisch, »wenn Eine Nachts mit ihrem Schatz im Garten –« »Hofschneider,« unterbrach der Metzger, »Ihr bedenkt nicht, was Ihr sprecht. Wenn die Jungfer Thomasius nicht ein Techtel- mechtel mit dem Subjekt gehabt hätt' und nicht mit ihm im Gar- ten zusammengekommen wäre, so hätten die beiden Spitzbuben ungestört ihr verruchtes Werk vollbringen können, und unser gnädigster Herr wäre um 2000 Dukaten betrogen worden. Hof- schneider, Ihr seid doch sonst ein verständiger Mann, seht Ihr denn hierin nicht den Finger Gottes?« Dagegen ließ sich nichts sagen, die Meister nickten dem Spre- cher Beifall zu, und der Schneider trat den Rückzug an. »Aber,« sagte er, »es ist doch nicht recht, daß ein Fremder dem Magister seine Zukünftige wegnimmt.« »Lirum, larum,« erwiderte der Hofmetzger, »der Hederich ist so gut wie ein Hiesiger, oder er kann's wenigstens werden.« »Und dann,« fiel der Ganswirth ein, »ist ja der Magister auch kein geborener Finkenburger, sondern ein Ammerstädter.« »Richtig, richtig!« riefen die Meister mit erleichtertem Herzen, und der Hofschneider sagte überwunden: »Nun so will ich denn nichts weiter dagegen haben, daß sie sich »So ist's recht, Gevatter!« brüllte der Hofmetzger. »Ganswirth, bringt eine große Kanne, ich bezahl' sie, wir wollen dem Hof- schneider zu Ehren eins herum trinken.« Während man in der Goldenen Gans auf solche Weise über die Zukunft der bei dem Abenteuer betheiligten Personen entschied, befanden sich diese selbst in großer Ungewißheit über die Fol- gen ihrer Handlungsweise. Am wenigsten im Zweifel über ihr Schicksal brauchten jeden- falls die beiden Gefangenen zu sein. Sie saßen jeder in einem besonderen Kerker, Doktor Rapontiko schweigend vor sich hin- starrend, Balthasar Klipperling aus Wien zitternd und zähne- klappernd, oft mit der Hand seinen Hals befühlend, der ihm zusammengeschnürt vorkam, als ob er schon das hänfene Hals- band trüge. In der Löwenapotheke stand es in den ersten Tagen, welche der Schreckensnacht folgten, nicht gut. Herr Thomasius lag hart mitgenommen in seinem Bett, und der Doktor schüttelte den Kopf. Fritz und Else schlichen zaghaft durch die Krankenstube und wachten des Nachts abwechselnd am Lager des Vaters. Auch der Magister hütete das Bett, alle wollenen Tücher und Kleidungsstücke, die er besaß, und es waren ihrer viele, hatte er um seinen Leib gewickelt und leerte ohne Widerstreben einen Humpen Thee nach dem andern, eine Arzneiflasche nach der Die alte Hanne hatte viel zu thun, aber sie trug ihre Bürde mit Ausdauer, denn sie hatte die Überzeugung, daß alles gut werden Und sie täuschte sich nicht. Nach ein paar bangen Tagen kehr- ten dem Alten die Kräfte wieder, und der Tod, der dem Tränklein des Apothekers schon oft hatte weichen müssen, mußte auch diesmal vor den Medizinflaschen und Pillenschachteln des Gol- denen Löwen die Flagge streichen. Wieder einige Tage später saß Herr Thomasius, zwar noch etwas schwach, in seinem großen Lehnstuhl, und daneben auf dem Tisch stand ein Glas mit goldbraun schillerndem Cyperwein, den er für besondere Fälle in dem hintersten Winkel seines Kellers aufbewahrte. Die Oktobersonne schien durch die runden Fensterscheiben und beleuchtete das blonde Haar der Jungfer Else, so daß es schien, als ob alles Licht in der Stube von dem Haupt des schönen Mäd- chens strahlte; die Sonne fiel aber auch auf einen von braunen Locken umwallten Kopf und zwei runzelige Hände, die auf dem blonden und dem braunen Scheitel lagen. Herr Thomasius mußte eine sehr rührende Rede gehalten haben, denn Fritz und Else sahen sehr ergriffen aus und küßten nach einander mit Inbrunst den grauen Kopf des Alten, während etwas abseits die alte Hanne stand und mit dem unvermeidli- chen Schürzenzipfel das reichlich quellende Wasser ihrer treuen Augen trocknete. »Es war eine böse Krankheit,« sagte der Apotheker, »die mich seit langen Jahren gefangen hielt; das Goldfieber hat mir meine beste Lebenszeit vergällt. Jetzt bin ich geheilt, und glücklicher Weise ist es noch nicht zu spät, das Verlorene einzubringen. So Gott will, wird mein Lebensabend noch lang sein, und meine Kinder werden sorgen, daß er heiter sei. – Jetzt geht! Du, Fritz, siehst zu, wie es in der Officin aussieht; ich mag nicht daran denken, was sie da alles zerbrochen und verdorben haben wer- den, seitdem ich ihnen nicht auf die Finger gesehen habe. Du wirst Arbeit finden. – Du, Else, gehst in die Küche! Jetzt wird sich's zeigen, ob Du zur Hausfrau reif bist. Wenn Du heute, nachdem ich schwacher, alter Mann Euch meinen Segen gege- ben habe, ein ordentliches Mittagsessen zu Stand bringst, so mögt Ihr immerhin Hochzeit machen. Brennst Du aber die Suppe an, oder verbrauchst Du auch nur ein Korn Salz zu viel, so wird noch ein Jahr gewartet. Punktum. Jetzt marsch! – Sie, Hanne, hört jetzt vor allen Dingen auf, zu flennen; Sie weiß, daß mir das in den Tod zuwider ist –« »Ich bin schon ruhig, Herr Thomasius!« »Gut, und nun geh' Sie hinauf zum Magister und bitte Sie ihn, er möge einmal zu mir kommen, ich habe etwas mit ihm zu Auch der Magister war von seiner Krankheit, die von allem An- fang an nicht bedenklich gewesen war, genesen, aber seine Stimmung war eine sehr düstere. Bald nachdem er den ersten Schrecken überwunden hatte, war es ihm fürchterlich klar geworden, wie Fritz Hederich zu der blonden Else stehe, und theilnehmende Freunde, die den kran- ken Magister besuchten, ermangelten nicht, ihm all' die inte- ressanten Einzelheiten mitzutheilen, die ihm bisher unbekannt geblieben waren. Fritz Hederich hatte selbst am zweiten Tage den Magister ausgesucht und ihm Generalbeichte abgelegt, der Magister aber hatte den Kopf nach der Wand gedreht und get- han, als ob er schliefe, worauf Fritz, gestärkt durch das Bewußt- ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 63 von 71 sein, sein Möglichstes gethan zu haben, wieder gegangen war. Jetzt saß der Magister, sorgfältig bis an den Hals eingewickelt in seinem Arbeitsstuhl und dichtete. Ach, es war keine Komödie, kein tiefsinniges Lehrgedicht, was er schrieb; es war eine Traue- rode, lieblich und zu Zähren rührend wie der Gesang eines todt- wunden Nachtigallenmännchens: Du hast verschmäht den liebenden Magister, Deß Herz vergebens brannte lichterloh, Dich hat bethöret des Subjekts Geflüster, Du gabst Dich hin dem Baccalaureo. Ich selber unter meiner Toga Kragen Hab' arglos Botschaft hin und her getragen. O, Else, wie mißfällt mir Dein Benehmen! Fürwahr, das hätt' ich nicht von Dir gedacht! Durch meinen Busen zieht ein tiefes Grämen, Und einsam klag' ich in der stillen Nacht Mein Leid dem Mond, der durch die Wolken wandelt: Nein, Else, nein, Du hast nicht schön gehandelt! Ihm, der gerettet mich aus Mörderhänden, Der mannhaft mit der Keule für mich stritt, Ihm sei verzieh'n, doch kann ich Dank nicht spenden Dem, der mir Else raubte. – Wir sind quitt. Zieht hin und werdet glücklich mit einander! Dies wünscht Euch Hieronymus Xylander! – – Die beiden letzten Verse waren ihm ganz unversehens aus der Feder geflossen, und als er sie niedergeschrieben hatte, zogen milde, versöhnliche Gedanken in sein mißhandeltes Herze ein. Unschuldig leiden ist auch ein Genuß; er gleicht dem des Dul- camarastengels, der anfangs abscheulich bitter, dann aber süß wie Honig schmeckt. Der Magister begann bereits die Süßigkeit des Märtyrerthums zu schmecken. In blasser Verklärung, wie ein richtiger Märtyrer, der gerade- wegs von dem glühenden Rost oder vom Rad kommt, das ihm die Gebeine gebrochen hat, trat der von der alten Hanne geru- fene Magister vor seinen gewesenen zukünftigen Schwiegerva- Die beiden Männer sahen sich seit der Schreckensnacht heute zum ersten Mal, und die Fragen nach dem beiderseitigen Befin- den halfen ihnen daher über den Eingang der Unterredung, die für beide Theile peinlich sein mußte, hinweg. Dann hub Herr Thomasius an, das Thema »der Mensch denkt, Gott lenkt« ausführlich zu behandeln. Er sprach wie ein Buch, und der arme Magister hörte geduldig zu, denn er mußte sich wohl oder übel die Logik des Apothekers gefallen lassen, der ihm bewies, Else sei keine Frau für einen so gelehrten Herrn; er solle froh sein, daß ihm die Augen geöffnet worden seien, bevor es zu spät geworden. Der Magister sagte zu allem Ja und hing den Kopf wie eine ge- knickte Lilie. »Ich wüßte wohl eine Frau für Euch,« fuhr der Apotheker fort. Die geknickte Lilie hob das Haupt ein wenig. »Da ist des Bürgermeisters Tochter, die Käthe. Das wäre ein Weib für Euch. Der Bürgermeister ist mein Gevattersmann, die Sache würde sich machen, wenn ich ein Wort mitspräche. Was meint Ihr zu dem Vorschlag?« Der Magister lächelte trüb: »Sie ist schön, aber sehr stolz.« »Was macht das aus?« fiel der Apotheker eifrig ein. »Ihr seid ein angesehener Mann, und jeder Jungfrau muß es eine Ehre sein, wenn Ihr ihre Hand begehrt. Magister, verlaßt Euch auf mich, daraus muß etwas werden; wir sprechen noch darüber. – Und jetzt noch eins, lieber Magister, ich habe eine große Bitte an Euch. Seht, ich habe vormals oft verächtlich von Eurer Poeterei gesprochen; es war eine böse Zeit, die leidige Goldmacherei hatte mir den Kopf verrückt und meinen Geist umnachtet; ich wußte nicht mehr, was rechts oder links, was schön oder häßlich sei. Das ist nun Gott sei Dank vorbei, mein Kopf ist wieder klar, und ich sehe ein, wie ungerecht ich gegen Euch war. »Wollt Ihr mir verzeihen?« Der Magister reichte gerührt dem Alten die Hand. »Nun,« fuhr der Apotheker fort, »wenn Ihr mir nichts mehr nachtragt, und wenn's Euch Eure Gesundheit erlaubt, so thut mir den Gefallen und leset mir etwas von Eurer Poesei vor.« »Mit tausend Freuden!« rief der Magister, und seine blassen Wänglein rötheten sich. »Ich gehe sogleich, ein Manuskriptum zu holen. Wollt Ihr etwas Ernstes, oder etwas Lustiges?« »Was Ihr wollt, lieber Magister, mir ist's gleich.« Der Magister ging und kam bald mit einem dicken Heft zurück. Er setzte sich dem Apotheker gegenüber und begann den ersten Gesang seines Heldengedichtes zu lesen. Er las lange. Zuweilen nickte der Apotheker und murmelte Worte der Anerkennung, endlich war er still, und als der Magister den ersten Gesang, der aus eintausendsiebenhundert Versen bestand, zu Ende gelesen hatte, war Herr Thomasius sänftlich eingeschlafen. Der Magister erhob sich, ging leise aus dem Zimmer und sprach draußen zu der alten Hanne: »Er ist wie umgewandelt. Denke Sie sich, Hanne, ich habe ihm eins meiner Gedichte vorlesen müssen.« Hanne schlug vor Verwunderung die Hände über dem Kopfe zu- »Das kommt,« fuhr der Magister fort, »von der Erschütterung seines Gehirns, die er neulich davongetragen hat. Man hat Bei- spiele, daß Narren, die aus dem Fenster gesprungen und dabei auf den Kopf gefallen sind, plötzlich ihren Verstand wiederbe- kommen haben. Daß er jetzt den Werth der Poesei erkennt, das ist die beste Bürgschaft für seine völlige Genesung.« Sei es, daß Hanne von der Wahrheit des Gesagten überzeugt war, sei es, daß sie den Magister, dessen Kummer sogar seiner alten Widersacherin zu Herzen ging, durch Widerspruch nicht erzürnen wollte, sie nickte zustimmend mit dem Kopf und sagte: »Ihr seid ein gelehrter Herr und trefft immer das Richtige. Aber, wenn ich Euch einen guten Rath geben soll, so bleibt nicht hier im Zug stehen, sondern macht, daß Ihr in Eure Stube kommt.« »Sie hat Recht, Hanne,« versetzte erschrocken der Magister und ging eiligen Schrittes nach seinem Museum. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 64 von 71 Fürst Rochus hielt viel auf Popularität; denn die Popularität ge- winnt die Herzen der Unterthanen, und dann kostet sie auch Wie Harun al Raschid mit seinem Vezir die Straßen von Bagdad durchstreifte, so liebte es der Fürst, mit seinem Kammerherrn zeitweilig sich unerkannt unter das Volk zu mischen, um sich durch eigene Anschauung über das Leben und Treiben der Bür- ger zu unterrichten. Bei solchen Gelegenheiten kam es oft zu komischen Auftritten. Einmal wurde Serenissimus von einem alten Weib aufgefordert, ihr den Tragkorb auf den Rücken zu heben, was er ohne eine Miene zu verziehen auch wirklich that, so gut er konnte. Ein an- deres Mal sah er sich durch die geschwärzten Fäuste eines ei- fersüchtigen Schlossergesellen, der in dem hohen Herrn einen Nebenbuhler vermuthete, ernstlich bedroht und konnte sich nur dadurch der Gefahr entziehen, daß er aus seinem Inkognito he- raustrat, worauf der Schlossergeselle kniefällig um Gnade bat, die ihm auch zu Theil wurde. Und wieder einmal mußte der neue Harun al Raschid die Flucht ergreifen, als ihn ein paar Gas- senbuben, die er bei ihrem Spiel in der Gasse gestört hatte, mit allerlei Stoffen, die ihnen gerade zur Hand kamen, bewarfen. Bei der Liebhaberei des Fürsten, in die Privatangelegenheiten seiner Unterthanen handelnd einzugreifen, darf es nicht Wun- der nehmen, daß, als die näheren Umstände der Mordgeschichte bekannt geworden, Serenissimus mit großem Eifer die Gelegen- heit ergriff, die gütige Fee aus dem Märchen zu spielen, die mit ihrem Zauberstab den Wirrwarr zu aller Betheiligten Zufrieden- heit schlichtet. Er fühlte sich um so mehr bewogen, die Rolle des Vermittlers zu spielen, da er dem Haupthelden des nächtli- chen Dramas, dem Baccalaureus, der ihn vor einem empfindli- chen Geldverlust bewahrt hatte, Dank schuldete, den er bei dieser Gelegenheit bequem abtragen konnte. Daß der Magister Xylander, für den der Fürst schon seit mehreren Tagen eine Überraschung bereit hielt, in die Geschichte verwickelt war, war ein Zusammentreffen, wie es sich der Fürst nicht besser hätte wünschen können. Der hohe Herr ging diesmal allein und über- dachte unterwegs noch einmal sein Programm. Es war ein paar Tage nach den zuletzt geschilderten Ereignissen, als der Fürst unvermuthet die Löwenapotheke betrat. Herr Thomasius ruhte in seinem Lehnstuhl, Else und Fritz saßen abseits und sagten sich das, was sie sich bereits unter dem Hollunderbaum gesagt, zum tausendsten Male, der Magis- ter aber stand am Fenster und blickte gedankenvoll nach den Wolken. Da wurde die Thür aufgerissen, und vor der tief kni- xenden Hanne vorüber schritt Serenissimus über die Schwelle. Verlegene Stille, tiefe Verbeugungen. »Bleib' Er nur sitzen,« sagte der Fürst gnädig zu dem Alten, »Er ist der Apotheker Thomasius?« »Mit Verlaub, durchlauchtigster Herr, ja.« »Wir sind beide von einem Spitzbuben angeführt worden, Er aber ist am schlimmsten dabei weggekommen. Ich habe mit gro- ßem Bedauern gehört, wie übel Ihm die Schufte mitgespielt haben. Jetzt geht's Ihm wieder besser?« Herr Thomasius dankte tiefgerührt. »Ist diese da« – der Fürst deutete auf Else – »Seine Tochter?« »Ja, Durchlaucht, mein Kind, die Else.« Else verneigte sich tief. Der Fürst betrachtete mit Wohlgefallen das schöne Bürgerkind, aber er zwang sich, recht streng auszu- sehen, als er zu Else gewandt sprach: »Wie ich höre, hat die Jungfer eine große Vorliebe für das Klos- terleben, da kann Ihr geholfen werden. Zwei Stunden von mei- ner Residenz Ammerstadt liegt ein hübsches Schlößlein im Wald. Dort führt meine fromme Base, die Prinzessin Emerentia, als Äbtissin das Regiment über ein Dutzend Stiftsfräulein, die ein gottseliges Leben führen. Wenn die Betstunden vorüber sind, gehen sie im Garten spazieren, und wenn der Spaziergang vorüber ist, so beten sie. Dabei fehlt es ihnen auch nicht an Kurzweil, denn zweimal in der Woche kommt mein Hofprediger zu ihnen hinaus und führt mit ihnen allerlei erbauliche Gesprä- che über die Sündhaftigkeit der Welt und die Freuden des Jen- seits. Das wäre so etwas für die Jungfer. – Freilich,« fuhr der Fürst achselzuckend fort, »werden eigentlich nur Edelfräulein in das Stift aufgenommen, indessen glaube ich, meine erlauchte Base wird mir zu Gefallen einmal eine Ausnahme von der Regel machen. Was meint die Jungfer Thomasius zu dem Vorschlag?« Else stand da mit gesenkten Augen und zupfte in der Verlegen- heit an ihrer Schürze, Fritz räusperte sich und trat einen Schritt näher, Herr Thomasius aber erhob sich von seinem Sitz und er- griff das Wort: »Mit Permiß, gnädigster Herr, die Else ist die Freude meines Al- ters; es würde mir schwer ankommen, das Kind zu entbehren. Zudem ist sie auch bereits die Verlobte von diesem da« – er zeigte auf Fritz Hederich – »und der durchlauchtigste Herr wer- den gewißlich nicht wollen, daß ich mein gegebenes Wort zu- rücknehme.« »O weh!« lachte der Fürst, »da komme ich also zu spät. Seht, Kinder, es war nur Spaß von wegen des Stifts; ich hatte mir aus- gedacht, ich wollte den Freiwerber für den Baccalaureus ma- chen, weil ich ihm zum Dank verpflichtet bin, und nun verderbt Ihr mir so den Spaß! Hättet Ihr nicht noch ein paar Tage warten »Wenn wir gewußt hätten,« sagte Fritz, »daß Durchlaucht sich »So hättet Ihr gewartet?« fiel der Fürst ein, »das glaube Euch ein anderer. Wann soll denn die Hochzeit sein?« »Noch vor Weihnachten.« »So, nun Ihr habt's eilig. Als Freiwerber habt Ihr mich also nicht nöthig, wenn Ihr mich aber über's Jahr brauchen könnt – –« Else wandte sich ab. »– so erinnert Euch, daß ich Euer wohlaffektionirter Fürst bin.« Der Magister, der noch immer gänzlich unbeachtet im Hinter- grunde stand, seufzte tief auf. »Nun komme Er einmal näher, Freund Hederich!« fuhr der Fürst fort. »Er hat mich neulich durch Sein Komödienspielen delektirt und mich neuerdings durch Seine kühne That vor einem großen Verlust bewahrt, ich bin Ihm also zwiefachen Dank schuldig. Da ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 65 von 71 es nun einem Fürsten nicht wohl ansteht, der Schuldner eines seiner Unterthanen zu sein, so bitte Er sich eine Gnade aus und spreche Er frisch von der Leber weg.« »Durchlauchtigster Herr, seitdem ich meine Else habe, trage ich nach nichts weiter Verlangen; ich bin glücklich.« »Seht mir den Diogenes an! Soll ich Ihm etwa aus der Sonne gehen? Hm? Er scheint mir so ein Dickkopf zu sein, den man zu seinem Vortheil zwingen muß. Weiß Er, daß ich Ihm bereits eine Gnade erwiesen habe? Ja, sperr' Er nur die Augen auf! Der Betrüger, den Er niedergeschlagen hat, ist, wie bekannt, zum Galgen verurtheilt worden und wird demnächst baumeln. Da hat er nun in der Meinung, dies könne ihn vom Tod retten, höchst sonderbare Aussagen über seinen ehemaligen Gehilfen, einen gewesenen Studenten, gemacht, der wegen einer Teufelsbe- schwörung flüchtig geworden sei. Nun ist zwar der Goldmacher ein Spitzbube, dem nicht das dritte Wort zu glauben ist. Dennoch aber haben die Herren von meinem Gericht große Lust verspürt, der Sache auf den Grund zu kommen, und wer weiß, was für ku- riose Dinge dabei zu Tage gefördert worden wären, wenn ich nicht den Befehl gegeben hätte, die Angelegenheit niederzu- schlagen. Das hab' ich gethan; warum? Das ist meine Sache. Wenn aber der Herr Baccalaureus von meiner Gnade nichts wis- sen will, so bedarf es nur eines Wortes, und die Untersuchung beginnt. Was dabei herauskommen würde, weiß ich nicht, aber das weiß ich, daß dann die Hochzeit in der Löwenapotheke nicht vor Weihnachten gefeiert werden würde.« So sprach der Fürst und weidete sich an der Zerknirschung des Baccalaureus und der Verlegenheit der Übrigen. »Seht, Kinder,« sprach er dann in väterlichem Ton, »es ist immer gut, wenn man einen Mächtigen zum Freund und Beschützer hat. Jetzt gebt mir die Hände und nehmt meinen Glückwunsch!« Zu Aller Erstaunen begann jetzt Else, nachdem sie dem Fürsten die Hand geküßt hatte, mit schüchterner Stimme: »Ist es denn wirklich wahr, daß der Goldmacher gehenkt werden »Das ist so gewiß wie das Amen in der Kirche,« versetzte der »Gnädigster Herr,« flehte Else, »laßt ihn nicht henken, schenkt ihm das Leben! Wenn er nicht gewesen wäre, hätte ich meinen Fritz nicht bekommen – und dann – er hat freilich ein großes Verbrechen begangen, aber, durchlauchtigster Herr, ich könnte nie wieder froh werden, wenn jetzt in meinem Brautstand der Mann gerichtet würde, der einmal, so zu sagen, der Meister mei- nes Verlobten gewesen ist.« »Was schwatzest Du da für Zeug durcheinander!« unterbrach Herr Thomasius ärgerlich den unlogischen Sermon seiner Toch- ter. »Davon verstehst Du nichts, Else! Gerechtigkeit muß sein. Der saubere Doktor Rapontiko gehört an den Galgen, schon al- lein wegen seiner gefälschten Alraunwurzeln.« »Der Vater hat Recht, Jungfer, die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben,« sagte der Fürst ernst. »Nichts weiter davon.« Der erste Theil der Handlung war vorüber, der Fürst schritt jetzt zu dem zweiten. »Magister Xylander, trete Er näher!« rief er und senkte die Hand in die Rocktasche, in welcher ein leises Klirren vernehmbar Der Magister kam eilfertig aus seinem Winkel hervor und machte seinen zierlichsten Kratzfuß. »Ich stehe noch in Seiner Schuld,« hub der Fürst an, »von wegen der höchst ergötzlichen Komödie, die Er mir zu Ehren gedichtet hat – aber warum hat Er denn das dicke Tuch um den Hals ge- »Ich bin leidend noch von der Schreckensnacht her,« versetzte der Magister. »Hm, so – kann Er das Tuch nicht für ein paar Augenblicke ab- »Zu Befehl, Durchlaucht.« Der Magister wickelte bedächtig eine Elle Wollenzeug nach der andern von seinem Hals, daß der Fürst Mühe hatte, seinen Ernst, den er für die nächste Scene durchaus nöthig hatte, zu bewahren. Endlich war die Halsberge beseitigt. »Bücke Er sich!« befahl der Fürst. Der Magister that's, und im nächsten Augenblick hing ihm ein güldenes Kettlein, welches vorn eine große Schaumünze trug, um den Hals. Hieronymus Xylander erglühte wie ein Gletscher in der Abend- sonne und verbeugte sich so tief, daß die Münze an der Gna- denkette fast den Boden berührte. Der Fürst hatte unterdessen aus seiner andern Rocktasche ein Pergament hervorgezogen. Er hielt dasselbe in die Höhe und sprach in feierlichem Ton: »Kraft dieses Dekrets ernennen Wir Ihn, Hieronymus Xylander, alias Holzmann, Magister der freien Künste und bisherigen Quartus an dem städtischen Lyceo zu Finkenburg, zu Unserm Hofbibliothekarius und Archivarius mit dem Gehalt und Deputat eines fürstlichen Rathes und hoffen, daß Er Uns treu und ge- wissenhaft dienen werde.« Das war zu viel des Glücks für den Magister. Er fand kein Wort des Dankes und hätte um ein Haar vergessen, dem Spender der Gnade die Hand zu küssen ... »Hier hat Er das Dekretum, mein lieber Hofbibliothekarius,« sagte der Fürst, dem die sprachlose Rührung des Magisters sehr gut gefiel, mit wohlwollendem Lächeln. »Richte Er sich ein, daß Er mir bald nach Ammerstadt nachkommen kann, Sein Verhält- niß zu dem Lyceo ist bereits gelöst. Und sobald Er in Ammerstadt warm geworden ist, dann muß Er mir die Hochzeit zu Kana noch einmal aufführen, damit auch meine getreuen Ammerstädter den Genuß haben. Verspricht Er mir das?« »Alles, alles, was mein gnädigster Herr zu befehlen geruht!« rief der Magister begeistert und hob die Hand zum Schwur gen Him- »Gut, und nun wickele Er die Wollenschlange immerhin wieder um seinen Hals, damit Er keinen Rückfall bekommt.« Aber der Magister war plötzlich genesen von aller Krankheit und allem Kummer. Der Fürst warf einen Blick auf seine Umgebung. Die Scene war ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 66 von 71 wider Erwarten gut ausgefallen. Rasch entzog er sich den Dank- sagungen der vier Personen und schritt nach freundlichem Gruß der Thür zu. Dort blieb er noch einmal stehen, winkte Else heran und flüsterte ihr etwas in's Ohr, worauf Else ihm mit einem dankbaren Blick die Hand küßte. Dann eilte er rasch von hin- nen. Er war außerordentlich zufrieden mit sich und hatte sich so lebhaft in die Rolle einer gütigen Fee hineingespielt, daß er sich vor der Thür der Apotheke nach seinem mit Tauben be- spannten Wagen umsah, aber den hatte er nicht. »Else,« fragte Fritz Hederich, »was hat Dir der Fürst in's Ohr ge- »Etwas Gutes, es betraf die beiden armen Sünder, aber ich darf's nicht verrathen.« Herr Thomasius war bemüht, sich den Anschein zu geben, als mache er sich aus der Ehre des fürstlichen Besuches blutwenig. »Laßt mich doch einmal Euer Gnadenkettlein besehen, Herr Hofbibliothekarius! Hm, recht hübsch, aber schlechtes Gold, achtkarätig und leichte Arbeit.« »Und wenn's Katzensilber wäre,« warf Hieronymus Xylander ge- reizt ein, »die Sache bliebe dieselbe. Ehre, das ist's, worauf's ankommt, nicht der Goldwerth. Dafür habt Ihr freilich kein Ver- »Hofbibliothekarius, Ihr werdet grob! Na, wenn Ihr zufrieden seid, ich bin's auch. Aber, Else, wann werden wir denn eigentlich zu Mittag essen? Die Ehre macht wenigstens nicht satt, soviel verstehe ich doch davon. Gebt Ihr das zu, Herr Hofbibliotheka- Dieser zuckte die Achseln und entfernte sich, um das güldene Kettlein und das Pergament in sein Heiligthum zu tragen. Auf welche Weise der neucreirte Hofbibliothekarius und Archivarius innerhalb der vier Pfähle seines Musei seiner Freude Luft ge- macht hat, wissen wir nicht, sicher ist, daß er den ganzen Tag über in sehr gehobener Stimmung war, welche die beiden Ver- lobten und in gelindem Grad auch Herr Thomasius mit ihm Spät Abends, als Fritz Hederich nach seiner Kammer ging, ver- trat ihm noch der Magister den Weg und nöthigte ihn in seine »Herr Baccalaureus,« sagte er, »ich war in der letzten Zeit nicht besonders gut auf Euch zu sprechen, und Ihr wißt auch, »Ich weiß es und wiederhole Euch –« »Laßt's nur gut sein, es ist alles vergeben und vergessen. Und die paar Wochen, die ich noch hier bei Euch zubringe, bevor ich mein neues Amt in Ammerstadt antrete, wollen wir als gute Freunde wie ehemals miteinander verleben. Das Carmen für Eure Hochzeit dichte ich, und das soll meine letzte Arbeit hier- orts sein.« Die beiden ausgesöhnten Nebenbuhler reichten sich die Hände. Der Magister sprach noch viel von seinen Plänen für die Zu- kunft; dabei wurde mehr als ein Becher geleert, und als sich Fritz in später Nachtstunde von seinem Freund trennte, sagte ihm dieser in's Ohr: »Im Vertrauen, Fritz, mir ist's jetzt im Grund gar nicht unlieb, daß Ihr mir die Else weggekapert habt, denn – Ihr seid ein ver- ständiger Mann, der ein wahres Wort nicht übel nimmt – ein fürstlicher Hofbibliothekarius und eine Apothekerstochter – Ihr versteht mich schon, nicht wahr?« »Ich verstehe Euch, Herr Hofbibliothekarius,« nickte Fritz zu- stimmend. »Nein, es ist besser so, Ihr wäret mit der Else nicht glücklich geworden.« »Das meine ich auch,« versetzte der Magister, »aber das bleibt unter uns.« »Es bleibt unter uns. Geruhsame Nacht, Herr Hofbibliotheka- »Gute Nacht, mein Lieber!« Fünfzehntes Kapitel. Polterabend. Jakob der Rabe war nicht so verrucht, daß er nicht über die glückliche Wendung der Dinge einen gewissen Grad von Freude empfunden hätte, welche er dadurch an den Tag legte, daß er dem Baccalaureus und der blonden Else ungewöhnliche Auf- merksamkeit erwies. Sei es nun, daß die Beiden Verdacht gegen den Heuchler geschöpft hatten, sei es, daß sie viel zu viel mit sich selbst beschäftigt waren, kurz, Jakob sah seine Zärtlichkeit nicht erwidert. Grollend hielt er sich daher fern von den glück- lichen Menschen im ersten Stock, und wer weiß, welch bekla- genswerten Ausgang die trübe Stimmung des Raben genommen hätte, wenn derselbe nicht in dem neuen Lehrling einen Freund gefunden hätte. Dieser aber war kein anderer als Kaspar, der Sohn des Gans- wirths, welchen Herr Thomasius auf Verwendung des Fritz He- derich in's Haus genommen hatte, nachdem der bisherige Lehrling freigesprochen worden war. Wir freuen uns, dem Sprößling des Ganswirths das Zeugniß aus- stellen zu können, daß derselbe viel Eifer im Süßholzraspeln und Gläserspülen an den Tag legte und auch nicht mehr Schaden als recht und billig anrichtete. Da es zu den Obliegenheiten des jeweiligen Löwenapothekerlehrlings gehörte, für das leibliche Wohl des Raben Sorge zu tragen, und da Kaspar sich diesem Amt mit großer Freudigkeit unterzog, so entspann sich bald zwischen Kaspar und Jakob ein Verhältnis welches von Tag zu Tag inniger wurde und den letzteren für die Zurücksetzung, die er von Sei- ten seiner bisherigen Gönner erfuhr, reichlich entschädigte. Heute ging er gleichmäßigen Schrittes wie eine Schildwache auf der Freitreppe des Hauses auf und ab und warf, so oft er eine Wendung machte, einen prüfenden Blick auf den Löwen. Dieser war nämlich heute Morgen neu vergoldet worden, und Jakob paßte auf, daß keine täppische oder böswillige Hand die noch frische Farbe abstreife. »Gehorsamer Diener, Jakob!« sagte da Einer, und das war kein ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 67 von 71 anderer als der alte Wurzelpeter, der bei dem Raben in Gunst stand, weil er ihm zuweilen eine todte Haselmaus oder etwas derartiges aus dem Wald mitbrachte. Der Kräutermann schien für das frisch angestrichene Löwenthier nicht gefahrbringend, darum ließ ihn Jakob mit dem Wort »Lump« passiren. Peter führte heute weder Wurzeln noch Krämer mit sich, sein Besuch galt auch nicht der Officin, sondern seiner Jugendliebe, der Jungfer Hanne. Die treue Schaffnerin stand in der Küche am prasselnden Herd- feuer und schwang den Schaumlöffel über einem halben Dut- zend Töpfe und Pfannen, als der Wurzelpeter die Thür öffnete und seinen Kopf durch die Spalte steckte. »Ist's erlaubt, Jungfer Hanne?« Die Alte drehte ihr von der Hitze geröthetes Gesicht nach der Thür und sagte erfreut: »Ach, der Peter! Ist die Sache schon zu End'? Das hat ja nicht lange gedauert. Da setz' Er sich, ich hab' Ihm einen Gansflügel aufgehoben.« Der Wurzelpeter schmunzelte. Hab' eigentlich schon gefrüh- stückt,« sagte er, »aber gebe Sie immer her!« Hanne brachte den Gansflügel, legte ein Stück Brot dazu und blieb mit eingestemmten Armen vor dem Alten stehen. »Das hätt' Sie mit ansehen sollen,« sagte der Wurzelpeter und hob das Messer zum Angriff. »Die ganze Stadt war draußen. Zwei auf einmal, das sieht man nicht alle Tage.« »Gott sei den armen Seelen gnädig!« versetzte Hanne und tas- tete nach dem Schürzenzipfel. »Haben sie lange gezappelt?« Peter lachte, so gut er das mit dem vollen Mund konnte, und sagte: »Ich denk', sie zappeln noch.« »Was? das wäre ja entsetzlich!« »Na hör' Sie nur, Jungfer Hanne, wie die Sache hergegangen ist. Um sieben Uhr, es war noch dunkel, sind sie aus dem Thurm abgeholt worden; voraus ein Haufen Soldaten, dann die Richter und dann die armen Sünder in weißen Hemden mit schwarzen Schleifen.« Hanne schauderte. »Der Große, der mit dem Bart – ach du mein Herrgott, wenn ich mir das hätte denken können, daß der welsche Graf so ein arger Bösewicht war! Wie oft haben wir beisammen gesessen, so nah wie jetzt wir zwei, und haben mit einander gesprochen wie zwei gute Freunde. – Der Große also war ganz ruhig; man hat's ihm angesehen, daß er sich vor dem Tod nicht gegraut hat, der Kleine aber, der Klipperling, der Hanswurst, der hat gezittert, wie sie ihn hinausgeführt haben, und Gesichter hat er geschnit- ten, so gräulich, daß mir's kalt den Buckel hinuntergerieselt ist. Endlich sind sie draußen am Rabenstein angekommen. Der Dreibein war ganz mit Flittergold beklebt und hat schon von wei- tem gefunkelt; die Goldmacher werden nämlich, wie ich mir hab' sagen lassen, immer an vergoldete Galgen gehenkt. Nun hat der Richter den armen Sündern das Urtheil noch einmal vorgelesen und zum Schluß – knack! – hat er den Stab gebrochen. Alsbald hat der Meister Hämmerlein mit seinen Gesellen das Werk be- gonnen; die beiden armen Sünder sind die Leitern hinaufge- schleppt worden, und man hat ihnen den Strick um den Hals ge- legt. Alles ist still gewesen, und ich hab' mich auf die Zehen ge- stellt, damit ich's besser sehen könnte, denn grad' vor mir ist der Hofmetzger mit seinem breiten Buckel gestanden, und da – Der Wurzelpeter, der bisher unthätig seinen Gansflügel in der einen, das Messer in der anderen Hand gehalten hatte, erinnerte sich jetzt des Leckerbissens und führte denselben zum Munde. »Na Peter,« drängte die alte Hanne, »und da – fahr' Er fort!« Der Wurzelpeter grinste seine Jugendliebe an und fragte in zärt- lichem Ton: »Was krieg' ich zum Lohn, Jungfer Hanne, wenn ich die Ge- schichte zu End' erzähle?« Er spitzte den Mund. »Alter Narr!« erwiderte die erröthende Hanne, »wann wird Er einmal zur Vernunft kommen! Seinen Lohn hat Er schon, den Gansflügel nämlich. Jetzt erzähl' Er weiter!« Das Auge des alten Verliebten glitt von dem Antlitz der Hanne auf den Knochen in seiner Hand, und er fuhr fort: »Der letzte Augenblick für die beiden Sünder war also gekom- men. Da winkte plötzlich der Justitiarius mit dem Schnupftuch und rief: Halt! Dann zog er eine Schrift aus der Tasche und las etwas ab, was ich aber nicht verstehen konnte. Als er fertig war, da fing der ganze Haufe an, laut zu schreien und zu lachen, und die beiden armen Sünder wurden wieder von der Leiter herun- tergeholt. Ich wußte nicht, was das zu bedeuten hatte, bis mir's Einer erklärte. Daß ich's kurz mache, man hatte die beiden Spitzbuben nur die Todesangst ausstehen lassen, dann sollte ihnen das Leben geschenkt sein, so hatte unser gnädigster Fürst befohlen, und so geschah es auch. Meister Hämmerlein zog ihnen das Armesünderhabit aus, und dann wurden sie von den Grenadieren in die Mitte genommen, um über die Grenze ge- schafft zu werden. Aber das Gesicht, was der gewesene Hans- wurst machte, als er wieder auf dem Erdboden stand, das vergesse ich in meinem Leben nicht.« Hanne hatte mit großer Verwunderung zugehört, und als der Wurzelpeter geendet hatte, schüttelte sie den Kopf. »Wenn es nach mir gegangen wäre,« sagte sie, »so hätte man sie gehenkt; wer steht uns dafür, daß sie nicht zurückkommen und uns den rothen Hahn auf's Dach setzen?« »Das werden sie hübsch bleiben lassen,« versetzte der Wurzel- peter. »Wenn man Hasen mit der Schlinge fängt, was eigentlich verboten ist, und es kommt so ein Meister Lampe mit dem Kopf glücklich wieder heraus, so hütet er sich, je wieder in die Ge- gend zu kommen, wo es ihm an den Kragen gegangen ist. Das ist bei den Spitzbuben ebenso.« Als die alte Hanne und der Wurzelpeter das Ereigniß noch be- sprachen, kam der Lehrling Kaspar und bestellte die Schaffnerin in das Museum des Herrn Xylander. Hanne, die seit der Kata- strophe den Magister sehr rücksichtsvoll behandelte, befahl dem Kaspar, auf die Töpfe Acht zu haben und ging nach oben. »Hanne,« redete sie der Magister an, »hat Sie vielleicht ein wei- ßes Kleid?« ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 68 von 71 »Das versteht sich,« nickte die Alte, ich habe ein prächtiges, weißes Gewand, welches mir des Herrn Thomasius Muhme selig auf dem Sterbebett geschenkt hat. Es ist zwar nicht ganz neu, aber doch sehr schön.« »Gut,« erwiderte der Magister, »bringe Sie mir das Kleid!« Hanne ging verwundert und kehrte mit dem Gewand auf dem Arm zurück. »Paßt es Ihr noch?« fragte der Magister. »Ich hab' es lange nicht getragen, da ich aber meinen guten Wuchs noch nicht eingebüßt habe, so wird es wohl noch pas- »Ziehe Sie es einmal an!« »Was, Herr Hofbibliothekarius? Ich soll das Kleid hier vor Euren Augen anziehen? Was muthet Ihr mir zu?« »Ach was, geniere Sie sich nicht. Ich sehe derweilen zum Fens- ter hinaus.« »Nein, das geht nicht, aber ich will das Kleid drüben in meiner Kammer anziehen und dann herüberkommen.« »Gut, Hanne, thu' Sie das!« – Hanne kam wieder und präsentirte sich in dem Brautkleid der seligen Muhme Ursula. Der Magister betrachtete die Erröthende von allen Seiten mit kritischen Blicken und nickte endlich bei- fällig mit dem Kopf. »Das Kleid ist gut. Nun geb' Sie Acht, Hanne! Ich habe ein Hoch- zeitsspiel gedichtet, und Sie muß in diesem Kleid mitspielen.« Hanne trat erschrocken einen Schritt zurück. »Nein,« sagte sie dann in bestimmtem Tone, »ich bin eine recht- schaffene Person, Komödie spielen thu' ich nicht.« »Hanne, sei Sie kein Kind! Ich bin auch eine rechtschaffene Person und überdies Hofbibliothekarius und spiele doch mit.« »Ihr spielt auch mit?« »Das versteht sich; ich, Sie, und ein Dritter muß sich auch noch finden. Ich habe an den Wurzelpeter gedacht.« »Das ist ein kluger Gedanke,« nickte die Alte, »der Peter ist dazu wie geschaffen. Als die Else noch ein kleines Mägdlein war, hat er einmal den Knecht Ruprecht gemacht, und ich sag' Euch, er war ein Knecht Ruprecht, wie ich keinen zweiten gesehen habe. Der Peter ist just in der Küche, soll ich ihn holen?« »Wartet erst noch ein paar Augenblicke,« versetzte der Magis- »Also Sie will mir helfen, Komödie spielen?« »Meiner Else zulieb will ich's thun.« »Gut, Hanne! Sie hat nicht viel zu sprechen, nur ein paar Worte, die trichtere ich Ihr heute Abend ein. Und hier hat Sie eine Schachtel, darinnen sind Sternlein aus Silberpapier geschnitten, die muß Sie auf das Kleid nähen. Auch bekommt Sie eine sil- berne Krone, die ist aber noch nicht fertig. So, nun geh' Sie und schicke Sie mir den Wurzelpeter herauf. Und noch eins, Hanne, halte Sie die Sache geheim, damit die Überraschung recht groß Hanne versprach, ihr Möglichstes zu thun. »Morgen ist Hochzeit in der Löwenapotheke, und das wird eine Hochzeit werden, wie die Stadt Finkenburg noch keine gesehen So spricht der Herr Bürgermeister und erwägt, ob er bei der Ver- mählung seiner Käthe wohl den gleichen Aufwand machen könne. So spricht der Hofschneider, der die Pracht der Gewän- der, die er für den Bräutigam und den Brautvater gefertigt hat, nicht genug rühmen kann. So spricht der Hofmetzger und rech- net seinen staunenden Zuhörern an den Fingern vor, wie viel Pfund Fleisch von jeder Thiergattung er zu liefern hat. So spricht der Ganswirth und fügt hinzu, daß er seine drei Küchenmägde für morgen zur Aushilfe in das Hochzeitshaus geben müsse. So sprechen alle Honoratioren, denn alle nehmen Theil an dem fröhlichen Ereigniß und alle sind geladen. Auch die Armen spre- chen von dem morgen stattfindenden Fest, denn jeder erhält morgen von dem Herrn Thomasius ein Pfund Fleisch, eine Metze Mehl und drei Batzen baar Geld. Der Herr Thomasius kann's aber auch, dem thut's an Reichthum keiner gleich in Stadt und Land; und das alles bekommt einmal der Tochtermann aus der Fremde. Das ist der einzige bittere Tropfen, der in den Freudenbecher fällt, aber es ist nur ein Tropfen. Das alte Haus in der oberen Marktstraße sieht selbst aus wie ein Bräutigam oder vielmehr wie ein Jubelgreis, der seine gol- dene Hochzeit feiert. Wie funkelt der neuvergoldete Löwe in der Wintersonne, wie freundlich grinsen die steinernen Ungeheuer vom Giebel herunter! Im Innern ist alles spiegelblank, von den metallenen Knöpfen des Treppengeländers bis zu den Schlüs- selschildern der Schreine und Truhen. Und die Schüsseln und Töpfe in der Küche klappern lustiger als sonst, und die Mörser im Laboratorium klingen wie festliches Glockengeläute. Denn morgen ist Hochzeit. Wenn morgen Hochzeit ist, so ist heute Kranzbinden und Pol- »Aber,« hatte Herr Thomasius gesagt, »das Gepolter, das heißt das Töpfezerschlagen, verbitte ich mir; es wird so mehr als genug im Haus zerbrochen.« Kaspar, der Sohn des Ganswirths, befand sich im Hinblick auf die herrliche Gelegenheit, ungestraft nach Herzenslust Töpfe und Teller zerbrechen zu können, seit drei Tagen in freudiger Aufregung und hatte in der Stille bereits eine beträchtliche An- zahl alter Geschirre zusammengetragen; aber das Gebot des Alten mußte respektirt werden, und Kaspar begnügte sich dem- gemäß, seine Thätigkeit auf das Abbrennen des Feuerwerks zu beschränken, welches von seinem Vorgänger, dem nunmehrigen Subjekt, für den Abend vorbereitet worden war. Die Feier des Kranzbindens wurde im Familienkreis begangen. Bürgermeisters Käthe und Stadtschreibers Lore hatten die Myr- thenzweige zusammengeflochten, und die alte Hanne hatte ge- holfen, das heißt, sie hatte die Hauptsache dabei gethan. »Die Jungfer, welche den Brautkranz angefangen hat, kommt zunächst an die Reihe,« hatte Herr Thomasius gesagt und der schönen Käthe zugenickt. Da war Käthe roth geworden, und der Herr Hofbibliothekar hatte angelegentlich seine güldene Kette betrachtet, die er zur Feier des Tages um den Hals trug. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 69 von 71 Der Abend war herangekommen. Die kleine Gesellschaft saß an dem großen runden Tisch; man nippte hin und wieder von dem süßen Wein, der den Frauen zu Ehren aufgetragen worden war, und lauschte den Worten des Hausherrn, welcher verschiedene Jugendabenteuer zum Besten gab. Der Magister hatte das Zim- mer verlassen. Fritz und Else saßen im Schatten, sie hatten sich bei der Hand gefaßt und sprachen kein Wort. Während der Vater von den Städ- ten und Menschen erzählte, die er in der Fremde kennen ge- lernt, flogen die Gedanken des Baccalaureus zurück in die Vergangenheit. Er sah das alte Pfarrhaus mit dem hohen Dach, umgeben von blühenden Obstbäumen, und die unbestimmten Schatten seiner Eltern glitten an ihm vorüber. Dann tauchte die alte Universitätsstadt mit ihren Giebeln und Thürmen vor ihm auf, und seine lustige Studentenzeit zog an seinem Geist vorbei. Nun kam's schwarz und düster; die Beschwörung, die Flucht, die Begegnung im Wald, das abenteuerliche Leben in der Ge- sellschaft des fahrenden Arztes – es war ein schlimmer Traum – vorbei, vorbei! Er drückte die Hand seiner Else und küßte sie auf die Stirn. – Zum Glück durch Leid! – Das Wanderlied zog ihm durch den Sinn: »Wohin des Wegs, Müd' Menschenkind? Zum Glück durch Leid, Über Berg und Thal! – Die Welt ist weit.« Ja, die Welt ist weit, aber früher oder später kommt der Wande- rer doch zur Ruh. Freilich glückt's nicht jedem wie Fritz Hede- rich, dem Baccalaureo. »Ja, die Welt ist weit,« sagte Herr Thomasius zu seinen beiden Zuhörerinnen, »aber glaubt mir, Kinder, die Menschen sind überall dieselben; Chinesen und Mohren machen vielleicht eine Ausnahme, so weit bin ich auf meiner Wanderschaft nicht ge- kommen – aber die Völker, die ich kenne, mögen sie nun Sach- sen oder Schwaben, Baiern oder Finkenburger heißen, unterscheiden sich im Wesentlichen gar nicht. Es ist überall wie bei uns, nur haben andere Völker andere Namen für dieselbe Sache. So zum Beispiel –« Herr Thomasius konnte seine Rede nicht vollenden, denn die Thür öffnete sich, und herein schritt eine kleine, mit einem lan- gen flächsenen Bart versehene Gestalt. Hinter der Gestalt wur- den zwei andere sichtbar, wie es schien, eine männliche und eine weibliche, beide in große Tücher von Kopf bis Fuß einge- »Was stellt denn das vor?« polterte Herr Thomasius. »St, Vater,« sagte Fritz, »es ist der Magister mit der Hanne und dem Wurzelpeter, sie wollen einen Schwank aufführen.« Der Wurzelpeter, der in seiner Vermummung kaum kenntlich war, trat, von dem hinter ihm stehenden Magister in den Rü- cken gestoßen, einen Schritt vor, machte einen ungeschickten Bückling und hub im Bänkelsängerton an: »Schön' guten Abend! Ich bin der Meister Aller unterirdischen Geister, Der Gnomen, Kobold' und Erdmännlein, Die wohnen unter dem Felsgestein. Wir schmelzen, pochen, hämmern und schweißen Das Gold, das Silber, das Kupfer und Eisen, Wir schleifen mit kunstgeübter Hand Den grünen Smaragd und den Diamant, Den rothen Rubin, den gelben Topas, Karfunkel, Granaten und Chrysopras. Auch müssen wir emsig die Hände rühren, Das große Erdenfeuer zu schüren, Daß die Wurzel und Samen nicht erfrieren. Fürwahr, wir haben weidlich zu schaffen, Nicht Zeit zum Spazierengehen und Gaffen, Doch heute hab' ich mir Urlaub genommen Und bin selbdritt hierher gekommen. Die werthen Herr'n und schönen Frauen Schwankweis zu ergötzen und zu erbauen. Heda, ihr Kobolde hinter mir, Gold und Silber, tretet herfür!« »Bravo, Wurzelpeter!« rief Herr Thomasius, »komm Er her und trink' Er einmal!« »Noch nicht, Herr Thomasius,« wandte der Gnomenkönig ein, »wir sind noch lange nicht fertig.« Unterdessen war die eine der beiden Gestalten hervorgetreten und hatte die Hülle abgeworfen. Es war der Magister. Er hatte einen rothen, mit güldenen Sternlein beklebten Rock an und trug eine Krone von Goldpapier auf dem Kopf. Die Mädchen kicherten. Herr Thomasius beugte sich tief hinun- ter und schaute nicht rechts, nicht links. Der Magister machte einen zierlichen Kratzfuß und begann: »Ihr Herr'n und Frauen' seid mir hold Und hört meinen Spruch: Ich bin das Gold. Von allen Erdengeistern zumeist Bin ich ein fürnehmer, mächtiger Geist, Vor dem viel Tausend die Häupter neigen, Selbst Kaiser und König die Kniee beugen. Der reiche Krösus war mein Sklav', Den König Midas nahm ich in Straf', Selbst Salomo, der weise König, War mir, dem Golde, unterthänig. Auch bin ich ein gar gewaltiger Held, Der immer siegreich ziehet zu Feld. Was ich begehr', das kann ich haben, Die stärksten Schlösser nehm' ich ein, Es hindern mich weder Wall noch Graben, Nicht Mauern und Thürme von festem Stein, Denn wo ich anklopfe, läßt man mich ein. Fürwahr, meine Kraft ist ohne Gleichen, ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 70 von 71 Auch Götter müssen dem Golde weichen; Die blinde Göttin mit Waag' und Schwert, Frau Themis, hat oft auf mich gehört; Cupido mit seinem Bogen und Köcher Ist gegen mich nur ein armer Schächer, Zeus selber nur mit mir im Bund Die schöne Danae gewinnen kunnt. Wer ist auf Erden noch, sagt an, Der solche Wunder wirken kann? Drum muß ich oft im Stillen lachen, Seh' ich, wie es die Menschen machen, Wie sie sich plagen, wie sie sich mühen, Mit Mischen, Schmelzen, Kochen und Glühen, Mit Zauberwerk und geheimen Künsten Mich zu zwingen zu ihren Diensten. Vergebens ist all' ihr Sorgen und Plagen, Nimmer lass' ich in Fesseln mich schlagen, Ein König herrsch' ich über die Welt, Komme und gehe, wie mir's gefällt. Aus freien Stücken komm' ich heut', Zu grüßen die lieben Hochzeitsleut', Herrn Hederich, den Baccalaureum, Jungfer Else und Herrn Thomasium. Durch mich gewannt Ihr viel Verdruß, Kummer und große Ärgernuß, Viel Pein und Trübsal und Bedrängniß Wie die Juden im babylonischen Gefängniß. Und da Ihr durch mich gekommen zu Schaden, So will ich mich neigen jetzt in Gnaden, Denn, wo Mann und Weib die Hände regen, Da bleib' ich nicht aus mit meinem Segen, Da zieh' ich mit meinem Glanze ein; Dann häufen sich die gelben Dukaten In des Mannes Truhen und Laden, Dann schimmert gülden der Hausfrau Schrein, Gülden der Faden auf ihrer Spindel, Gülden selber des Kindes Windel. So will ich denn über Euer Haus Den Segen des Reichthums schütten aus, Dafern Ihr mich mit Kochen und Schmoren, Glühen und Mischen laßt ungeschoren. Und wenn ich Euch über fünfzig Jahr' Mit güldenem Kranz im weißen Haar, Umgeben von Kind und Kindeskind, Glücklich annoch beisammen find': Will ich Euch fragen an diesem Ort, Ob ich nicht redlich gehalten Wort. Gehabt Euch wohl, Ihr lieben Leut', Amen, dixi. Ich tret' zur Seit'; Du aber, Silber, komm' heran Und heb' Dein Sprüchlein zu sprechen an'.« Die zweite Gestalt trat vor und warf die Umhüllung zurück. Die alte Hanne kam zum Vorschein. »Ich bitt' Euch inständig,« flüsterte Else, »lacht nicht!« Aber dabei konnte sie selbst nur mit Mühe ernsthaft bleiben, und Braut und Brautjungfern, Bräutigam und Brautvater schnit- ten schreckliche Gesichter, während sie sich bemühten, das La- chen zu verbeißen. Die alte Hanne sah aber auch zu sonderbar aus in dem weißen, mit Silbersternlein besetzten Brautkleid der seligen Muhme Ursula und der silbernen Zackenkrone auf dem Kopf. Hanne knixte tief und begann mit leiser Stimme: »Ich bin das Silber – ich bin das Silber – ich bin das Silber –« »Die bleiche Schwester des Goldes,« raunte ihr der Magister zu. »Ich bin das Silber, die bleiche Schwester –« Die Stimme der Alten zitterte, und ihre Hand fuhr mechanisch nach der Gegend des Schürzenzipfels, da aber die bleiche Schwester des Goldes keine Schürze anhatte, so gerieth sie völ- lig außer Fassung. »Ach, es ist zu rührend!« winselte sie, »zu rührend!« »Ich hab' mir's doch gedacht,« knirschte der Magister, daß Sie mit Ihrem Geflenne den ganzen Spaß verdirbt. Verlass' sich Einer auf das Weibsvolk!« Der Zorn des Goldes und die Rührung des Silbers zusammen wirkten so unwiderstehlich, daß die Zuhörer alle auf einmal he- rausplatzten. Und je lauter das Lachen schallte, desto mehr stei- gerte sich die Wuth des Magisters, desto reichlicher flossen die Thränen der alten Hanne. Wurzelpeter, der Geisterkönig, stand mit offenem Munde daneben und wußte sich nicht zu rathen und zu helfen. »Beruhigt Euch, Herr Hofbibliothekarius,« sagte Herr Thoma- sius mit thränenden Augen. »Das hätte ich Euch vorher sagen können, daß Euch die Hanne das nicht recht machen würde.« »Wie kann man Komödie spielen,« schluchzte Hanne, »wenn man vor Rührung zerfließen möchte? Das ist zu viel verlangt.« Else beschwichtigte die Alte, und auch Fritz Hederich that das Seinige, den Frieden wieder herzustellen; aber wer weiß, wie lange dies bei der Aufregung des Magisters gewährt hätte, wenn nicht das unerwartete Erscheinen eines fürstlichen Dieners den Gedanken Aller eine andere Richtung gegeben hätte. Beim Ein- tritt des Boten hoben sich Gold und Silber eilig von hinnen, und Peter folgte ihnen nach. Als der Magister sich seines Geisterornates entledigt hatte und das Zimmer wieder betrat, hatte sich der Diener bereits entfernt. Fritz, Else und die Brautjungfern betrachteten einen silbernen Becher, Herr Thomasius hielt ein Schreiben, an dem ein großes Siegel hing, in der Hand. Der Becher war äußerst kunstvoll gearbeitet, und oben auf dem Deckel stand ein Storch, der ein Bündelkind im Schnabel trug. Das war so ein Spaß, wie ihn Serenissimus liebte. Während das junge Volk den Pokal bewunderte, hatte der Hausherr das fürst- liche Schreiben zu Ende gelesen und schritt jetzt mit strahlen- dem Gesicht und gehobenem Kopf auf den Magister zu. »Hier leset, Herr Hofbibliothekarius!« sagte er und reichte ihm das Schreiben hin. ES Truggold prof. Rudolf Baumbach Ergänzungen aus unserm Reychsarchiv Erzählungen aus dem 17. Jahrhundert Seite 71 von 71 Der Magister las mit lauter Stimme: »Wir Rochus von Gottes Gnaden Fürst von Ammerstadt-Finken- burg etc. etc. ertheilen Unserem lieben, getreuen Daniel Tho- masius, Inhaber der Apotheke zum goldenen Löwen, den Titel eines fürstlichen Hofapothekers und verfügen, daß dieser Titel dem jeweiligen Besitzer der genannten Apotheke verbleiben soll für alle Zeiten. Gegeben u. s. w.« – Erstaunen, Glückwünsche, Händeschütteln! – Herr Thomasius brummte zwar etwas in den Bart, – aber aus dem kräftigen Händedruck, mit dem er jedem für die darge- brachte Gratulation dankte, und aus seinen leuchtenden Augen konnte man schließen, daß ihm seine Rangerhöhung keines- wegs gleichgültig war. »Jetzt Hanne,« befahl er, »bring Sie ein paar Flaschen vom Bes- ten herauf! Wir wollen den Becher einweihen.« »Setzt Euch, Kinder,« rief Herr Thomasius »und nehmt Eure Ge- danken zusammen, denn jeder muß einen Leberreim machen. Ich als Brautvater fange an. Achtung!« Er stand auf und hob den blinkenden Becher. »Die Leber ist vom Hecht und nicht von einem Spitz, Es leben meine Kinder, die Else und der Fritz!« »Hoch! Hoch!« »Jetzt kommst Du an die Reihe, Fritz.« Fritz Hederich hob den Pokal hoch und rief: »Die Leber ist vom Hecht und nicht von einem Kater, Ich trinke auf das Wohl von unserem lieben Vater!« »Hoch! Hoch! Hoch!« »Nun kommt der Hofbibliothekarius dran. Gebt Acht, der ver- Der Magister schwenkte den Becher und rief: »Die Leber ist vom Hecht und nicht von einer Kröte, Ich trinke auf das Wohl der schönen Jungfer Käthe!« In diesem Augenblicke wurde sowohl der Magister als auch Käthe feuerroth. Aber nicht sie allein, sondern auch das Braut- paar, Herr Thomasius, Stadtschreibers Lore und die alte Hanne glühten in rothem Licht, denn drunten im Garten hatte des Ganswirths Kaspar soeben das Feuerwerk angezündet. Alle traten an's Fenster. Da krachten Böller, und mächtige Feuergarben loderten auf. Der Subjekt, der Lehrling, der Knecht, der Wurzelpeter und einige Kameraden Kaspars, die zur Verstärkung herangezogen worden waren, schrieen ein donnerndes Vivat in die Lüfte, und Jakob, der Rabe, der mit den Andern im Garten war, krächzte abwech- selnd: Else, Jakob und Lump! Unter dem alten Hollunderbaum aber standen sechs Stadtzinkenisten, die bliesen einen Tusch, daß es drüben in den Bergen widerhallte. Herr Thomasius winkte von oben herunter, und das Brautpaar ließ die Tücher aus dem Fenster wehen. Der ganze Garten schwamm in rothem Feuer und der Hollun- derbaum neigte grüßend seine dürren Zweige, und die steiner- nen Männer an der Mauer des Hauses verzogen grinsend die Gesichter und hätten vielleicht mit den Andern Vivat geschrieen, aber steinerne Männer können nicht schreien.