Beschreibung
Tucholsky, Kurt (auch in Schweden lebte und der hier in Schweden starb, mit Freuden zum Ehrenschlaraffen gemacht: ES)
Titel: Theobald Tucho, der kasparpanternde Wrobel
Reych: Nr. 371 Malmöhus (Malmö)
Geb.: 09.01.1890 in Berlin
Gest.: 21.12.1935 in Göteborg
Volltext
deutscher Schriftsteller 1935 starb Kurt Tucholsky in Göteborg. Mit ihm starben Kaspar Hauser, Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Peter Panter. Er steht uns Schlaraffen nahe, besonders hier in der schlaraffischen Provinz, in der die deutsche Sprache nicht selbstverständlich ist. In all seinen Pseudonymen ist er natürlich immer auch ein politischer Autor gewesen. Wenn wir dabei aber den wunderbaren Sprachkünstler Kurt Tucholsky übersehen, so verpassen wir viel von dem, was unserem Spiel seine Besonderheit gibt! So findet man viele Kommentare bei ihm, die wie für die Schlaraffia geschrieben sind: Z.B. hat er im Vorwort zu seinem Sammelband Mit 5 PS erklärt, was uns mit unseren Ritternamen passiert: “Pseudonyme sind wie kleine Menschen; es ist gefährlich, Namen zu erfinden, sich für jemand anders auszugeben, Namen anzulegen – ein Name lebt.” Die Bandbreite seines Schaffens ist erheblich, aber er hat ja auch für fünf geschrieben. Michael Hepp erklärt die Avatare Tucholskys wie folgt: “Ignaz Wrobel, der bissige, scharfzüngige Kritiker, [...] Peter Panter nannte sich der Feuilletonist, der seiner Leidenschaft für Bücher und Theater ausgiebig fröhnte und kleine Begebenheiten des unzulänglichen Alltags auf die “Weltbühne” stellte. Theobald Tiger griff der Muse unter ihre Röcke und himmelte in erotisch-frecher Form seine Geliebten an. Er war für gereimte Leitartikel zu allen möglichen Tagesereignissen ebenso zuständig wie für Schlager und Weimarer Republik. melancholische Kaspar Hauser [...] setzte sich bereits im Diesseits auf eine himmlische Wolke, betrachtete die Welt nachsichtig von oben und machte sich so seine Gedanken. Wurde seine Geduld allerdings überstrapaziert, konnte er auch die schärfsten Satiren gegen den deutschen Spießer schreiben.” Erinnert sei an seinen wachen Blick auf Kultur, zu unserer Freude und Erbauung, an seine meisterhaften Eulenspiegeleien, an die Geschichten, in denen Menschen und alle ihre Gemütslagen in treffsicherer (Selbst-) Ironie betrachtet sind, an seine Pflege und Feier der Freundschaft! So erzählt er in seinem Bericht von einer mehrtägigen Wanderung mit zwei Freunden in Das Wirtshaus im Spessart von den Weinen, der Landschaft, den Menschen, den Diskussionen und dem Schweigen, den Spielen miteinander. Seine Beschreibung der Absurdität, die in vielem Menschlichen steckt, ist großartig und treffsicher und auf jede Sippung anwendbar. Und nebenbei streiten in diesem Text Bocksbeutel und Steinwein, wobei letzterer gewinnt. Wißt Ihr, was es heißt, wenn ein Wein “möpselt”? Das Bild Schwedens, das im Ausland besteht und mit dem wir in Schweden Lebenden immer wieder zusammenstoßen, ist nicht nur auf Carl Larssons Bildern, Astrid Lindgrens und Henning Mankells Texten gebaut, Beschwörungen schwedischen Sommers wie in Schloß Gripsholm und Tucholskys anderen Texten über Land und Leute. Schloß Gripsholm erzählt leicht, ist aber tief, in vollem Wissen um die damalige Gegenwart und uhufinstere Zukunft. Es wurde wohlverdient zum Bestseller. Tucholsky erzählt bei all dem aber immer wieder besonders von der Freundschaft und trifft sehr genau unser schlaraffisches Ideal, weil er eben mit Hilfe der Ironie realistisch bleibt. In Kurt Tucholsky treffen wir einen, der die äußere und innere Perspektive auf unsere Sprache und Kulturen verbunden hat. Und nicht zuletzt in seinen Auseinandersetzungen mit z.B. der schwedischen Verwaltung finden wir uns wieder. Daher hat die Malmöhus den melancholischen Spötter und Menschenfreund Kurt Tucholsky, der Theobald Tucho, der kasparpanternde Wrobel, er lebe hoch! (Text: Jk. Jakob (371))
Quelle: Mediathek Schlaraffia Arnstadt