Beschreibung
Vegesack, Siegfried von
Titel: Weissenstein
Reych: Nr. 307 Pluna Silvana (Zwiesel)
Geb.: 20.03.1888 auf Gut Blumbergshof, Livland
Gest.: 26.01.1974 auf Burg Weißenstein, Regen
Volltext
baltischer Schriftsteller Eine halbe Stunde Fußweg von Regen entfernt, erhebt sich auf der höchsten Stelle des „Pfahl' die Burgruine Weißenstein, die sich Vegesack schon im Jahre 1918 erworben hatte. Sein Vater war der letzte Ordnungsrichter von Wolmar im Baltikum. Siegfried von Vegesack hatte schon als wohlbehütetes Kind auf dem väterlichen Gut Blumenbergshof zwiespältige Gefühle, wenn er gegenüber dem Gesinde und den Arbeitern die Rolle des Jungherrn zu spielen hatte. Die „gläserne Wand", wie er sich ausdrückte, zwischen seinen Kreisen und den übrigen Mitmenschen hat ihm zeitlebens Probleme aufgegeben. Er studierte in Dorpat, Heidelberg, München und Berlin. Vegesack hatte als Student in Dorpat bei einer Mensur das rechte Auge verloren und trug seither ein Monokel. In Berlin war er als Journalist tätig, bevor er nach Schweden, der Heimat seiner ersten Frau Clara Nordström, reiste, wo er glückliche Zeiten in der Einsamkeit der nordischen Natur erlebte. Dort gewann er auch die Freundschaft von Pär Lagerquist, dem späteren Nobelpreisträger für Literatur. Geprägt von seinen Reisen ins Tessin, nach Südamerika und nicht zuletzt von Russland selbst, dessen Bürger er bis 1918 war, entstanden viele interessante Erzählungen. Auf Grund der genauen Kenntnis der Russen und seiner Eindrücke während seiner Dolmetscher-Zeit im Russlandfeldzug schrieb er die Werke „Als Dolmetscher im Osten", „Soldaten hinter dem Pflug" und „Tanja“. Nach dem Krieg zog er wieder in den „alten Getreidekasten", in den „Turm" seiner für 1800 Mark erworbenen Burg, von der er sagen konnte: „Ich bin der einzige Russe, der eine deutsche Burg besetzt hält". Von hier aus lernte er Land und Leute des Bayerischen Waldes kennen. Viele Gedichte und Geschichten, wie „Das Dorf am Pfahl", „Das idyllische Dorf' geben uns Zeugnis seiner humorvollen und genau beobachtenden Art, wenn er schreibt: „Man nimmt es hier nicht so genau mit dem Kinderkriegen, der Krankheit und Kot. Die Hauptsache ist Schmalz und Brot und Gselchtes zum Sauerkraut, es wird alles verdaut". Obwohl der „Turm“ seine neue, lebenslange Heimat und Wirkungsstätte wird, bleibt er im Innersten heimatlos. Als Neunundsechzigjähriger schreibt er in „Der letzte Akt": „Sonderbar, dass man an einem Stückchen Erde so hängt. Vor 40 Jahren war ich froh, das alles hinter mir zu lassen. Aber das Heimweh kommt nach, und je älter man wird, desto schlimmer wird es." Und in der „Überfahrt“ meint er: „Wo gibt es für uns Balten ein Zuhause? Immer diese Vergangenheit, diese schrecklichen siebenhundert Jahre" und nennt sich selbst einen „Saurier aus einer anderen Welt". Auf der Burg lebten auch seine zweite Frau Gabrielle Ebermayer, von ihm liebevoll „Jella“ genannt, sein älterer Bruder Manfred, dessen Tochter Adda, die ihn aufopfernd pflegte, und der eine oder andere aus der Verwandtschaft. In der gemütlichen Wohnstube durften auch seine geliebten Dackel nicht fehlen. Vegesack pflegte enge Kontakte mit Werner Bergengrün, Ina Seidel, Hans Carossa, dem Bildhauer Heinz Theuerjahr und dem Maler Alfred Kubin, mit dem er einen Sommer lang durch die böhmischen und bayerischen Wälder wanderte. Ganz besonders verehrte er Jean Paul und Adalbert Stifter. Stets war dem Dichter die persönliche Freiheit durch nichts zu ersetzen. Er schlug mehrmals hochdotierte Stellen. wie etwa als Chefredakteur einer Kölner Zeitung aus. um auf seinem „Turm“ bleiben zu können. Sein umfangreiches literarisches Werk umfasst ein breites Spektrum von Roman, Lyrik, Erzählung, Drama, Hörspiel, Essay und Reisebericht, von dem nur einige angeführt sein sollen: Dank an Bergengrün, Vorfahren und Nachkommen, Die baltische Tragödien-Trilogie, Unter fremden Sternen, Südamerikanisches Mosaik, Die gestohlene Seele, Die kleine Welt vom Turm gesehen, Der Mensch im Käfig, Liebe auf dem laufenden Band, Versunkene Welt, Meerfeuer, kleines Handgepäck und Übersetzungen aus dem Russischen (Gogol, Turgenjew, Lesskow). Als sein reifstes Werk bezeichnete der Dichter selbst das „Weltgericht von Pisa". (Text: N.N. / Das Blaue Buch)
Quelle: Mediathek Schlaraffia Arnstadt