Die schlaraffische Idee

Unbekannt ·Reychsgeschichten

Beschreibung

Grundidee und Philosophie der Schlaraffia

Volltext

spotten und die ganze Sache {Ur absurd !md lädlerlidt zu erMitTen wagte/1, so
ward zu atTer Bestrafung so lange intriquiert, bis mal1 eil1e11 eYi1stttaftel1 Ehe­
mal1n oder l1ahefl Verwal1dtel1 beizutreten Imd del1 Ritterschlag al1umehmel1
bewogel1 ttatte, da dalm über del1 Verdruß der AI1gel1örigefl eil1e l1erzliche
Schadel1{reude eiltstal1d."
1;1 dieses Rltterwesel1 verschlang sidl 110dt ein seltsamer Orde/I, welcher philo­
sophisch lmd 111ystiscJl seil1 sollte ul1d keil1el1 eigel1tlicJlel1 Namel1 hatte. Der
1. Grad hieß der Übergal1g, der 2. des Übergal1gs Übergal1g, der 3. des Über­
gaNgs Übergal1g zum Übergaflg ul1d der 4. des Übergal1gs Übergaflg zu des
Übergal1gs Übergal1g. Defl hol1efl Sil1l1 dieser Stufel1{oIge auszulegefl, war I1UI1
die Pflicht der Eil1geweil1tel1, ul1d dieses gescJlal1 l1ach Maßgabe eil1es gedrud~­
fel1 Biid1elchel1s, 111 welche/tl je/te seltsa111e11 Worte auf eil1e ,Iodl seltsamere
Weise erklärt oder vielmehr amplifiziert warel1. Die Beschäftlgul1g mit diesel1
Dil1gel1 war der erwül1schteste Zeitverderb. Beh"el1'sche Torheit lmd Lel1zel1s
Verkehrtheit schieltel1 sich hier vereil1igt zu habel1; Hur wiederhole ich, daß
auch l1icht eilte Spur VOH Zweck EtiHter diesel1 HülleH zu fil1del1 war.
Ob ich I1Lm gleich zu sold1e11 Possel1 sellr ge1'l1 beiriet, aucJ, zuerst die Peris­
l~opel1 aHS del1 ,,4 Haimol1ski/1dent" il1 Ordl1u11g brachte ul1d Vorsdlläge tat,
wie sie bei Festel1 Imd Feierlid1keite11 vorgelesel1 Wel'deH solltel1, aucJ, selbst
sie ,nit großer Emplwse vorzutragel1 verstal1d, so Itatte id1 midt dodt SchOI1
früher alt solchel1 Dil1gel1 müde getriebel1."
Von einem besonderen tieferen geistigen Gehalt kann demnach also bei der
"Wetzlarer Rittertafel wohl nicht gesprochen werden. - Goethe schloß sich in
H
der Folge dann mehr Gotter'n an und kam dadurch auch innig mit den beiden
Grafen Stolberg, mit Bürger. Voss und Hölty in Freundschaftsberührung. Die
"Wetzlarer Rittertafel ", von Goue gegründet, soll durch letzteren bereits
einen "Vorläufer" anderswo gehabt haben.
Ganz wesentlich wichtiger und interessanter für uns ist
"Die Ritterschaft von der blauen Erde
zu Wildenstein"
von 1782 bzw. 1790 bis 1823. Sie wurde gegründet von verschiedenen Ange­
hörigell steirischer Familien und hatte ihren Sitz auf Burg Sebenstein in Nieder­
österreich (ehemaliger Name: "Burg Wildenstein"). Der eigentliche Gründer
der Ritterschaft war David Steiger Edler vom Amstein. Er restaurierte die Burg
in mittelalterlichem Stil und gestaltete sie auch innerlich stilgerecht, indem er
zeitgemäße Einrichtungsgegenstände, Wappenbilder usw. zusammentrug. . ..
Als Ziel hatte man sich die Pflege alter Ritterbräuche gesetzt im Rahmen eines
heiteren, dem unseren unglaublich ähnelnden Ceremonials! Sie hatten auch
Rittemamen, ähnlich den unseren, schieden sich in Knappen, Junker und
Ritter, wiesen neben dem Kantzler eine Reihe anderer Würdenträger auf, von
denen vielleicht am interessantesten für uns der Burgvogt ist, der auf der Burg
wohnen und jederzeit bereit sein mußte. Gäste entsprechend zu empfangen. Bei
ihren Zusammenkünften unterhielten sich die WiIdensteiner R. R. bei allerlei
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Ulk, Vorträgen und selbstverfaßten Gedichten und Gesängen, also auf eine
Art, wie sie der in unseren Sippungen nahekommt.
1810 wurde Erzherzog Johann, der beliebte, der am 18. 5. 1848 in der
Paulskirche zu Frankfurt a. M. von der Nationalversammlung zum Reichsver­
weser bestellt wurde, Mitglied und nahm den Namen "Hans von Österreich
der Thernberger" an, machte fortan ab 1813 als GroB- und Hochmeister nicht
nur das Treiben der"Wildensteiner" mit, sondern führte ihnen aus seiner Um­
gebung manch neue Mitglieder zu.
So gehörte (aus Anlaß des Wiener Kongresses 1815) auch der große Gönner,
Mäzen und Freund Goethes, der Großherzog Kar! August von Sachsen-Weimar,
der den Ritternamen "Pant von Weimar" führte, dazu, ferner auch Prinz
Leopold von Sachsen-Coburg (der spätere König Leopold 1. von Belgien) und
Prinz Wilhelm von Preußen (der nachmalige Kaiser Wilhelm 1.).
Der ziemlich weitgreifende Bund schloß (nach R. "Artus", Kyborgia) in sich
schlichte Bürger und Gewerbetreibende sowie Angehörige des Adels und der
Fürstenhäuser, des Militärs, der Beamten, Künstler und Gelehrten. Es gab
einen Großmeister, Kanzler, MarschalL Prunk- und Zeremonienmeister, Mund­
schenk, Herold, Burgvogt und andere auch bei uns übliche Funktionäre. Die
allgemeine ausgleichende Anrede war "Ihr" und "Euch". Es gab Bundesstatuten,
die nach unseren Begriffen Spiegel und Zeremonial enthielten. Beim Knappen­
schlag mußte der Neuaufgenommene mit der Hand auf dem Schwerte des
Marschalls die treue Befolgung der Statuten geloben und wurde ermahnt, gegen
jedermann über die Regelung, Sitten, Bräuche der Ritterschaft ein kluges Still­
schweigen zu beachten und sie nicht den Spöttereien der Witzlinge, dem Läster­
mund feindseliger Neider oder gar dem Verdachte einer gesetzwidrigen, ge­
heimen Verbindung preiszugeben. Der Knappe hatte eine Warte- und Unter­
richtszeit, dann wurde er beim feierlichen Ritterschlag mit dem Schwert zum
Ritter geschlagen. Die Einladung zu den nur
Male im Jahr stattfinden­
den Zusammenkünften auf Burg Wildenstein
mit der Formel "Ritter­
gruß und Handschlag zuvor!" Am 30. April 1823 wurde diese Wildensteiner
Ritterschaft von der Regierung trotz ihrer reichen Zuwendung für gute Zwecke
und trotz ihres Bestandes an hochstehenden Mitgliedern im ängstlichen, vor­
märzlichen Österreich aufgelöst unter der kurzen und nichtssagenden Begrün­
dung, daß "ein Verein wie die Wildensteiner derzeit leicht der Gegenstand
einer Deutung des Publikums werde",
Die Benennung der "Wildensteiner auf blauer Erde" erfolgte nach den
Wilden steinern, den einstigen Herren der Burg Sebenstein im 12. Jahrhundert,
und nach dem Blauen, als der Farbe des Himmels, der Beständigkeit und
Freundschaft.
Die"Wildensteiner Ritterschaft" auf Burg Sebenstein war auBer allem Zwei­
fel der bedeutendste romantische Ritterbund und
ein zur Wirklichkeit
gewordenes herrliches Märchen der mittelalterlichen Minnesängerseligkeit und
Ritterromantik. Anzunehmen ist, daß sie ein Vorbild, also eine Art "Vor­
läufer" hatte.
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Quelle: Chronik Band I, S. 42-43