"Wär' 11icht das Auge sonneHhaft,
die Salme köl1nt' es nie erblichen;
läg' nicht in UI1S des Gottes eigne Kraft,
wie kölmt' uns Göttlidfes eHtzUchel1?4
So erfüllt uns die ehrwürdige Vergangenheit mit jenem Zauberhauche( der die
Seele auf seine Schwingen nimmt und die geistige Welt als Wirklichkeit
erscheinen läßt.
"Uhu -
Aha
üho" durchwalten geheimnisvoll das "Uhuversum" (welch
glückliches Wort!), dessen Mitte immer der "Mensch" ist. In dieser unserer
Welt haben Raum alle, die zu uns stoßen und finden, vom Pilger bis zum Ritter
und zu den abgeklärten Großursippen und Erbwürden -- und -
auch die in
"Ahall eingerittenen Recken" bleiben mit uns Irdischen verbunden - vereinigt,
wie zu einem Allgegenwärtigen, von dem her das ganze Walten Sinn und
Glanz erhält. Darüber zu wachen, daß dieses Lichtvolle seinen Gnadenschein
nicht verliert, ist unsere höchste Aufgabe. Denn wie eh und je gibt es auch bei
uns neben dem Erhabenen Unzulängliches (Weltenhöhen und Erdentiefen, wie
einst in der Artusrunde oder im Gralsrittertum). Auch für uns gilt es deshalb,
Hüter zu sein, daß uns des Grales Heil erhalten bleibt und wir nicht in Grals
not geraten, der Weisung und Mahnung Nietzsches gemäß: "nur aus der
köd1sten Kraft der Gegenwart dürft ihr das Vergangene deuten!"
Seit Gründung Schlaraffias änderte die Welt auf allen Gebieten dauernd ihr
Angesicht. Die gesamte Gestaltung der öffentlichen Verhältnisse, die Belebung
von Handel und Wandel, die einsetzende und sich überstürzende Industriali
sierung, die sich entwickelnde Befreiung des wirtschaftlichen und sozialen
Lebens: Alles hatte einen neuartigen Zug voll schöpferischer Unruhe, die schier
überhastet so viel Neues und Gewaltiges schuf, aber auch vieles gute Alte
zerbrach. Schlaraffia ging an dieser Entwicklung nicht achtlos vorüber, paßte
sich in dem und jenem auch an, blieb aber, was sie war, und hielt und hält auch
heute im Zeitalter totaler Umwälzungen und ungeahnter Entwicklungen, in
dem alles Leben bedrohenden Atomzeitalter, bewußt und unerschütterlich fest
an ihrer Tradition, am Hergebrachten. Sie blieb getreu der alten, gefestigten
Sitte und den als richtig erkannten, höheren und ewigen Wahr- und Weisheiten
und läßt sich nicht blenden von all dem aufreizenden und verführerischen
Schein, der bar ist geistiger Ideale und innerer Beseelung. Ihre Form ist in
Schönheit und Weisheit erschaffen und hat sich durch ein ganzes Jahrhundert
hin als fest und dauerhaft erwiesen. Ihr Inhalt sind die Blumen und Blüten des
Geistes und der Ideale, die immer wieder erneut uns Schlaraffen in ihrer viel
fältigen, duftigen und farbenfrohen Buntheit und ihrem sOllnenhaften, unsterb
lichen Zauber begeistern und beglücken.
Ehrerbietigen Dank schulden wir den Urschlaraffen und den Großen All
schlaraffias, die ihr Erbe übernahmen, die uns das große Bauwerk zu einem
gewaltigen, geistigen Dome erbauten und emporführten. Deshalb ist es wohl
eine selbstverständliche Ehrenpflicht, welm"wir mehrere dieser alten Baumeister
über ihre damalige Denkweise und Auffassung vom Wesen Schlaraffias zu uns
sprechen lassen, unbeschadet dessen, daß natürlich Gedankengänge sich
wiederholen.
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20 Chronik
Hkt. H y p der Praga (Univ.-Prof. Dr. Walko) sagt:
"Profane, dein Alltag verhaftete Menschel1, die mit einem überlegel1en
Läd1eln die Frage "Schlaraffia" abtun möchte~!, als handele es sich um eine
Kinderei, um Narrenposse11
reifer Männer ul1wert - gleichen dem Wanderer,
der gedankel1los über etue blumige Wiese hil1schreitet.
Was !,ÜH1I11erl1 diesel1 die BlUten, die seil1 Fuß achtlos zertritt I Er denl1t nicht
dal'Cll1, daß das. was ihm liebevoller Betrad1tuHg unwürdig erscheil1t. eil1 Ideines
Wunder !md TauSeftdcl·t eine Freude ist . . " Sdtlaraffia will i111 harmlosen
Spiele l1ichts al1deres als Frohsil1l1 ul1d Freude, Erhebul1g .md Erbauul1g ul1d eil1
wellig Glück il1 das Bewußtsetl1 der vom Alltag miidel1 El'denwal1dem' ver
pNanul1,
Die "Ritteridee" war gletd! bei der GrUndul1g des Vereil1s vorhal1del1 (hier
irrt Hyp!) Imd el1twicl~elte sid1 im weiterel1 Verlauf mit dem gal1zel1 roman
tischel1 uHd phal1tasievolle11 I1tittelalterlidtel1 Gepräge. Dieser äußere Rahmen
ergibt sich wahrsd1eiltlid1 ill Anlehmmg an die RitterbüHde. die schol1 tUt
18. lahr/tultdert gerade i~! J~ÜHstlerisdlen KreiseH bestanden und als Vorläufer
der Schlaraffia bezeichl1et werdel1 mÜS5e/1 (1). Der Gründu11g der schlaraffischel1
Idee war die Verspowmg der kleil1lidtett Eitelkeitel1 tmd Lächerlichkeiten der
Welt. eiHe lustige Parodie des höfischel1 Lebens, des Adels-, der Titel- tmd
Ordel1ssucht untergelegr, geh/eider itt das romantisch-pual1tastische GewCll1d
I1tittelalterlichel1 Rittertums. Die FrolmCltur des Kilr1stlers t.Julldeidete itt feil1
si:miger Weise die GeselligJ?eit mit eil1er CHtsprechenden F01"111, die dein i1Üdt
ternel1 Lebel1 fer115tehen sollte; sie suchte die Gebräuche eitter der Gegenwart
artfremden Zeit ~md fladttete 111 die Epoche aufbliiheHdell mittelalterlichet!
Kulturlebel1s, dieses lidt Kl111st tll1d höstlic11e'l! Humor erfiillettd.
Wohl möge11 wir heute das ursprUttgliche Treibel1 einer UbermUtigel1 KÜl1st
lergetueit1de mit i/ueH TrinJ~sittel1 uld ihrer Ausgelassel111eit etwas beläd1e1:1,
aber es entsprad1 durchaus del1 SitteH der damaligen Zeit uml bildete nw' eine
lmrze Episode, die del1 geistigel1 Wert lmd del1 Aufstieg des schlaraffischei1
Gedal11~eHs l1icht hemmel1 lWHl1te. Das Lebensfältige tmd Starke ist geblieben,
vel'schönt nod! durch die Veredehmg des geistigen sd11araffisdte11 Lebel1s.
Das geistige Fluidum. das 111 den meistel1 sd1IaraffischeH Reychel1 herrscht, ist
die treibende Kraft, die alle ergreift, auch die aHfangs Schiicllteri1en begeistert,
AHiagelt ul1d Tale~/te freimad1t. So wird Schlaraffia für alle Beteiligtel1 zu ei~ter
Stätte, die etHer feil1ereH
Geselligl~eit Al1regtmg ui1d Gel1uß vermittelt, dem
Lebel1 aber Freude gibt.
Die sdtlaraffisdte Fröltlidi/uit erhlingt UNS wie der Ruf des Leb e 11 s,
ihm zu
aber nid!t 111 die Tiefel1 und Abgriinde, SOlidem in seil1e liditen
Höhelt liinauf, die UItS die Kultur des Geistes und Herzens offertbaren, il1 jeHe
Btmtheit und Vielfältigheit, wie sidl das LebeH il1 seiHer märchenlUlfteit, phal1
tasievolleH Gestaltung einem Kil1de erschließt. Der sd1laraffische HU1110r ist
..Hehr im Sitme vor. B0l1lt011111tie tll1d Biederheit gehalten, eil1 gematlicher Imd
geiMUtvoller HUHlor, der lacht ul1d versöhnt, 11icht wie der scharfe Witz, der
lacht tll1d verletzt. -
Die Pflege der KUHst fit Sdtlaraffia bedeutet deli GeHul;
-
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des Sc1tönen in jeglic1ter Form und Art, die Erwechung des Verständnisses für
das KunstwerJ~, für das Sd1öne, das mensc1tlic1te Empfindul1g durc1tgeistigt und
idealisiert uat. -
Die gal1ze Kultur wäre ul1del1l~bar oUfte die sc1töl1el1 Künste,
oUl1e del1 S i 11 11 für die Ku 11 S t, der U11seret11 Lebel1 Weiue uvtd Adel
gibt. So wurde die KU/1st zu einem Pflic1ttgebot i/1 Sc1tlaraffia. Sie soll die
Sippul1gel1 auf eit1 höueres Niveau uebeu, del1 Sil111 für das Ideal und das Ideale
ersc1tließen, die Pual1tasie anregen ul1d befruc1ttel1, sowie vor Puilisterltaftigheit
ul1d Banausel1tum bewauren. Dabei gilt es, KUl1st nic1tt nur ZlI gel1ießel1, SOI1
dern (soweit möglic1t) selbst mitzusc1taffel1 ul1d zu gestalten. -
Fr e u vt d
s cu a f t : Wie viele ältere und seur alte Mensc1teH saU ic1t iH Sc1tlaraffia eit1
tretel1, die vom Lebel1 verfolgt ul1d verbrauc1tt l1ic1tts meur envartetel1, derevf
HerzeH aH El1ttäusc1trmgevt reic1t ul1d al1 HoffvtUl1gel1 arm gewordefl warevt.
Auc1t iUl1evt erblühte bei UvtS des Lebevts Freude wieder im Bewußtseivt, Ullter
froueH und treuen Mel1sc1ten geborgen zu sein.
Sc1tlaraffia nimmt "einen Einfluß auf p r i v a t e Meinung ul1d Lebcns
ansc1tauuftg iurer Mitglieder. Unbenommen bleibt jedem Sc1tlaraffen die freie
Betätigung außerualb Sc1tlaraffias, soweit sie einer anständigel1 und eurenuaftel1
Lebensfüurung entspric1tt. Dagegen sind in Sc1tlaraffia alle Debatten u/1d Er
örterungen, die das Vereinsgesetz aussc1tließt (Politik, Relig
[… Fortsetzung im Originalband]