Schlaraffia — ein geistiges Rittertum

Unbekannt ·Reychsgeschichten

Beschreibung

Das Konzept eines geistigen Rittertums

Volltext

"Her Walther von der Voge1weide,
swer des vergaez', der taet mir Leide!"
_(um li65 bis 1230)
(Miniatur der Manessischen Liederhandschrift
in der Universitätsbibliothek zu Heidelberg)
~z.(p
Kunst und Kultur
Auch in Schlaraffia gilt der Grundsatz: "Die Kunst ist die Blüte aller gei-
Kultur." Unser Bund besaß in allen Epochen, besonders aber in der
Urzeit und in den folgenden Jahrzehnten, Künstler, Könner von Beruf mit
klingenden Namen, welche von Schlaraffia angezogen sich in deren Dienst
stellten und stellen und dadurch zu ihrem Teile erheblich zum geistig-ethischen
Leben, zur kulturellen Höherentwicklung und zur VerwirldiChung der sc,1Jaraf­
fischen Ideale beitrugen und beitragen.
Das "UrreiCh"
bestand ja hauptsächlich aus wirklich namhaften und
hervorragenden Künstlern (Opernsänger, Schauspieler, lvlusiker, Komponi­
sten' Theaterdirektoren, Schriftsteller, Literaten
denen sich begabte
Kunstfreunde anschlossen. Auch in vielen anderen Städten mit Residenz- und
Landestheatern war in den dortigen SChlaraffenreyChen das Künstlerturn lange
Jahre tonangebend.
Das hat sich in der Neuzeit fühlbar gewandelt. In den vorn Ir.
heimgesuchten Ländern, Deutschland und Österreich, wurden viele Kunst­
stätten (Theater, Konzertsäle, Bildungsstätten ete.) durch Bomben und flam­
men vernichtet;
viele Künstler wurden brotlos, auch vertrieben, oder sie
emigrierten. Und nach dem Kriege wurden prominente Künstler mit Rang und
Namen von den verlockenden Angeboten aus anderen Ländern, insbesondere
Übersee, mehr und mehr angezogen oder auch durch den Film in dessen
turbulente Entwicklung unrettbar hineingezogen. Wer aber wollte es ihnen
verdenken, war doch die eigentliche Kunst in der Heimat zunäc,1.st ganz klein
geschrieben und bot kaum Aussichten für einen Aufstieg des Einzelnen.
An Stelle der früheren friedlichen und beschaulichen Welt ist für sie nun
eine Zeit der drückenden Verpflichtungen, der dauernden Unruhe, des Hastens,
des immerwährenden Unterwegseins getreten, die ihnen weder Muße und
Gelegenheit noch Interesse lllld Lust mehr läßt für eine
verinner­
lichte Geselligkeit.
Um so mehr freut es UllS deshalb, trotzdem auch heute noch viele Künstler in
unseren ReyChen zu wissen und uns an ihren Darbietungen tmmer wieder er­
bauen zu können.
Die 1\1a5se der Schlaraffen selbst steht beruflich auBerhalb der Sphären der
Kunst. Aber viele von ihnen sind kunstbeflissen und kunstbesessen, ohne
Künstler sein zu wollen. Sie betätigen sich auf den verschiedensten Gebieten
des Kunstbereidls und bilden somit in erster Linie das belebende und be­
geisternde Element der Sippungen.
Was Schlaraffia aber zuvörderst
iSt nicht nur die Pflege der Kunst,
sondern in besonderem Maße das Bestreben, das Verständnis, die Liebe für die
Kunst und die Freude an ihr in ihren Reihen zu wecken und zu vertiefen und
so zu deren Verehrung und Verherrlid1Ung beizutragen.
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Sichtbar und leuchtend tritt dies hervor in vielen Gedenksippungen und
Festturneys zu Ehren der großen Kunst~ und Geistesheroen, die unter de!
Bezeichnung "Ehrenschlaraffen" (wie Goethe [Faust], Schiller ["Funke"], Joh.
Seb. Bach f"Ozean"] , van Beethoven ["Florestan"J, Mozart
Juan"],
Rieh. Wagner ["Parsifal"J, usw.) für alle Zeiten einen
in Sc..~la-
raffia einnehmen. Sie, diese Titanen der Kunst, die der
den Weg
zur Höhe, zur Schönheit, zur Wahrheit und zu einem edlen Menschentum ge­
wiesen und erhellt haben, sie sollen auch uns Vorbid und
Mahner und
Warner sein und bleiben.
Kunst ist ja durchaus kein
das nur den erschaffenden, schöpferischen
und den ausübenden Künstler
Erst wenn sie allgemein aufgenommen
und verstaFlden wird, ist sie in ihrer Wirkung lebendig. Nur ein
Eines
unserer herrlichsten Kunstwerke
wenn nicht das herrlichste
sitzen, ist Goethes "Faust". Von dem hächstgebildeten und
Menschen geschaffen, vermochte er auch einfache Menschen bis in die innersten
Tiefen zu erschüttern. Und so ist der "Faust" nicht der Besitz
sondern
Besitz des deutschen Nlenschen, ja der ganzen Welt. Wahre Kunst wird ihren
Ewigkeitswert immer, über alle Epochen hinweg, behalten, aber es wäre ver­
gebliche Liebesmühe, die früheren Zeiten der Klassik und Romantik wieder
lebendig machen zu wollen, wenn auch gerade in neuerer Zeit (zu 'werten als
Zeichen einer gewissen Resignation und eines Widerwillens
dem
"Allzuneuen", sowie al s Flucht aus der Turbulenz unserer
mehr und
mehr aus einer gewissen Sehnsucht zurück zur Wahrheit, Klarheit und äste­
tischen Schönheit des klassischen Altertums, große Anstrengungen
werden, kostbare Schätze der Antike wieder ans Licht zu bringen.
Wir leben nun einmal in der Gegenwart, einer Gegenwart, die sich in ra­
sendem Wirbel verändert. "Alles fließt"; das hatte zu keiner Zeit eine solche
Geltung wie heute. Die ungeheure Entwickhmg der Erfindungen auf dem
Gebiete der Technik, der Wissenschaften, insbesondere der Physik, dann die
Erweiterung der philosophischen Erkenntnisse, sind so gewaltig, daß wir
obwohl mitten darin -
es ja kaum selbst mehr verstehen und
ge­
schweige denn das Weitere zu ahnen vermögen. Und in dem l\1aße, wie durch
die Eroberung der Luft, die Dienstbannachung der ,i\therwellen, die
stischen Anstrengungen für den Brückenschlag zu den Sternen und durch das
Eindringen in die letzten und tiefsten Geheimnisse der Natur und des Welt­
alls unsere Erdenwelt immer kleiner geworden ist, wurden die Grenzen unseres
gesamten Denklebens erweitert, ja förmlich gesprengt. Wir befinden uns mit­
ten in einem schon Jahre dauernden, nicht nur politischen und wirtschaftlichen,
sondern insbesondere auch in einem gei s t i gen Um f 0 r m u n g s
pro z e ß von so unglaublichen, unfaßlichen, immer sich noch erweiternden
Ausmaßen, wie ihn unsere Welt noch niemals erlebte.
Auch A 11 s chI ara f f i a wird zumindest am Rande die Folgen dieser
epochalen Ereignisse zu spüren bekommen. Sie wird an diesen Entwicklungen,
besonders auf
Gebiete wie der Kunst, der Kultur und der Wissen­
schaft nidlt
vorübergehen können und dürfen, wenn sie als Geistes­
faktor weiterhin ernst genommen werden will.
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Wir wissen um die ständig fortschreitende Materialisierung; wir wissen, wie
WirtsChaftskonjunktur, Wirtschaftswunder oder wie man es sonst nennen mag,
den äußerlichen Wohlstand heben, der sich nun in einem bedenklichen Wohl­
leben, z. T. in Saus und Braus, breitmaCht. Wir wissen aber auch, welch eine
zunehmende VerflaChung, Verarmung, ja Zersetzung von Geist und Sitte,
Kunst und Kultur, diese Entwicklung leider zur Folge hat.
Deshalb muß Allschlaraffia in der Phalanx derer stehen, die gegen diese
gefährlichen Verirrungen mit ihren üblen, ja tragischen Weiterungen angehen
und ankämpfen. Der Kampf des schlaraffischen "geistigen Rittertums" soll
seinen sinnfälligen Ausdruck erhalten in den charakteristischen Bildwerken des
"Kampfes St. Georgs mit dem Drachen" und Albrecht Dürers "Ritter, Tod
und Teufel".
Kultur! Für das Abendland begann sie (nach Griechenland und Rom) mit der
Ritterzeit unter dem Schutze eines mächtigen Kaisertums, das seine Kultur­
arbeit an die Grenzmarken nadl dem Osten immer weiter vortrug. Ein wehr­
haftes Geschlecht, das, seiner Heimat verbunden, einfach und edel dachte,
kampfgewohnt, ohne Überschwang und große Gebärde. Die Macht der Kirche
schuf uns die mächtigen Dombautell; KUl1st- und Geisteswissenschaften blühten
in den Klöstern.
Durch den Reichtum der ReiChs- und Hansestädte trat danach das Bürger­
tum in den Vordergrund, dessen Kulturträger die großen Altmeister der Kunst
wie -
um nur die Bedeutendsten zu nennen
Hans Sachs, AlbreCht Dürer,
Grünwald, Peter Vischer, Veit Stoß, Joh. Seb. Bach und FriedriCh Händel, um
die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts die beiden Geistesheroen Goethe
und Schiller wurden.
Von ihnen durften wir und die Welt ein gewaltiges und wunderbares Erbe
und Kulturgut übernehmen.
Und was ist es um die Kultur I Kultur hat mit Zivilisation an sich nichts
zu tun, aber diese muß ihr vorangehen, so sie gedeihen soll. Andererseits ist
für die Menschheit nichts gefährlicher als Wissenschaft ohne P

[… Fortsetzung im Originalband]
Quelle: Chronik Band I, S. 341-344