Allmutter Praga
Ihr historisches und künstlerisches Umfeld
im 19. und 20. Jahrhundert
Verfasst vom Rt Zwai-da (384) a.U. 135
Zwischen Deutschen und Tschechen herrschen sehr verschiedene Betrachtungsweisen ihrer ge-
meinsamen Geschichte vor, in jüngster Zeit zumeist verengt auf die Jahre von 1938, dem Münchner
Abkommen, bis zum Prager Frühling im Jahre 1968. Diese Betrachtungsweisen sind historisch
gesehen sicher zu eng, denn beide Volksgruppen hatten Jahrhunderte lang eine gemeinsame Ge-
schichte in Böhmen und Mähren.
Schon im 15. Jahrhundert ketzerte das Königreich Böhmen, mit Deutschen und Tschechen als
Untertanen, mit Jan Hus als Anführer z.B. gegen die katholische Obrigkeit in Wien. Das führte
schließlich zu einem Eckdatum, nämlich zum Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618, der den 30-jäh-
rigen Krieg auslöste und sowohl die deutschen Lande als auch Böhmen und Mähren verwüstete.
Kaiser Ferdinand schlug dann 1620 in der Schlacht am Weißen Berge die aufständischen Böhmen
vernichtend, und das Land wurde wieder österreichisch und damit katholisch. Die deutschen und
tschechischen Protestanten mussten bitter für ihren Aufstand büßen.
Ein hervorragendes Beispiel für das Zusammenwirken und Zusammenleben - aus dem Bereich der
Kunst - ist die Opern- und Zeitungsarbeit Carl Maria von Webers in Prag.
Prag war im 17. und 18. Jhdt. eine Stadt der Künste, ganz im Sinne des schlaraffischen Wahlspru-
ches „in arte voluptas”, vor allem aber eine Musikhochburg. Allerdings spielte sich das Musikleben
weniger öffentlich als in den Palästen des Adels und des Großbürgertums ab. Das wurde erst
anders nach dem Staatsbankrott 1811, als das Prager Konservatorium gegründet und das National-
theater stärker gefördert wurde.
Im Jahre 1813 übernahm Carl Maria von Weber die Leitung der Prager Staatsoper. In seinem Ensem-
ble und Orchester wirkten sowohl deutschsprachige, als auch tschechische Künstler mit, weswegen
von Weber Tschechisch lernte. Über seine Arbeit und die musikalischen Veranstaltungen allgemein
schrieb er im „Prager Tagblatt” und führte damit die regelmäßige journalistische Musikkritik ein,
die Max Brod später fortführte.
Seine besonderen Verdienste sind darüber hinaus die Einführung der französischen Oper und die
Erstaufführungen der Opern „Faust” von Louis Spohr und „Fidelio” von Ludwig van Beethoven.
1816 verließ Weber Prag, ging nach Dresden und dirigierte 1821 seinen begeistert aufgenommenen
„Freischütz”, allerdings in Berlin.
Wie sah es zu der Zeit in Prag aus, als der Opernsägern Albert Eilers, der unvergleichliche Graf
Gleichen, seine „Proletarier” mit Hand und Wort verpflichtete, treu und fest zusammenzustehen.
Das war am 10.10.1859. Und wie danach, als die Allmutter Praga zunächst aufblühte und dann wie-
der zu zerfallen drohte, weil viele Sassen Prag verließen. Was waren also die Fakten in der zweiten
Hälfte des 19. Jhdt. in Böhmen? Prag war zu dieser Zeit eine österreichische Provinzstadt. Man
sprach Österreichisch mit seinen charakteristischen Merkmalen, ziemlich insular, was zu einem
„Kuchelbehmisch”, wie Rilke das nannte, führte.
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Erst gegen Ende des Jahrhunderts setzte infolge der Industrialisierung jener Zustrom tschechischer
Arbeiter ein, der die deutschösterreichische Bevölkerung von ca. 50 % zu einer Minderheit machte,
um die Jahrhundertwende waren es noch ca. 8 % worunter sich viele Bankiers, Journalisten, Wissen-
schaftler und Künstler jüdischer Herkunft befanden.
Diese Bevölkerungsgruppe lebte gewissermaßen in einem dreifachen Ghetto: in einem deutschen,
einem deutschjüdischen und einem bürgerlichen. In der ständigen Auseinandersetzung mit sowohl
dem detuschen, als auch dem tschechischen Geistesleben entfaltete sich eine besondere Deutsch-
Prager-Literatur, die nicht nur große eigene Leistungen hervorbrachte, sondern durch qualitativ
hochstehende Übersetzungen von einer Sprache in die andere zwischen den beiden Bevölkerungs-
gruppen zu vermitteln versuchte.
In der ersten Hälfte des 19. Jhdt. drangen zwei Strömungen vom Westen und Süden her nach
Böhmen, nach Prag. Die eine war eine romantische, die andere eine revolutionäre. Die deutsche
Romantik mit ihrem Sinnbild der „blauen Blume” und ihre Sehnsucht nach dem Unerreichbaren
- unter anderem aber auch der Sehnsucht nach der Einheit aller Deutschen - ausgedrückt in den
Künsten, die romantische Rückbesinnung auf das ritterliche Mittelalter haben auch die Schlaraffia
stark geprägt. Dabei denken wir an ihren indirekten Vorläufer, wie die Rittertafel in Wetzlar, an der
ein Goethe als Ritter Götz der Redliche saß, oder an die Wiener Ritterrunden, in denen ein Franz
Schubert, ein Grillparzer und ein Anzengruber eifrig mitwirkten.
Die zweite Strömung war gekennzeichnet vom Kampf der Bürger gegen autokratische Systeme, wie
er sich dann in der März-Revolution 1848 vergeblich entlud. Die Folge war unter Metternich eine
Reaktion mit Verfolgung politisch Mißliebiger, Polizeispitzelei und Pressezensur.
Diese Maßnahmen schürten aber das Selbständigkeitsstreben der Tschechen und Ungarn. Ich will
nun versuchen, in Auswahl und in aller gebotener Kürze die historischen und künstlerischen Hin-
tergründe und Aspekte kaleidoskopartig nach der Gründung der „Allmutter Praga” zu verbinden
und darzustellen:
Zwei Jahre nach Gründung der Schlaraffia erhält der tschechische Bevölkerungsteil zum ersten Mal
die Mehrheit im Prager Stadtparlament, ein folgenreiches Ereignis!
1863 besucht Richard Wagner die Stadt. Er hat den Gründer unserer Vereinigung, den Graf Gleichen,
mehrmals nach Bayreuth eingeladen. Die Begeisterung über diesen Besuch ist groß und lässt für
den Augenblick die nationalen Spannungen verstummen.
Drei Jahre später, 1866, besetzten am Ende der preußisch-österreichischen Auseinandersetzungen
preußische Truppen die Stadt.
1869 wird Gustav Meyrink in Wien geboren, der sich später als Bankier in Prag niederlässt und ei-
nen Roman schreibt, der sehr bekannt geworden ist und den Titel „Der Golem” trägt. Darin knüpft
der Autor an eine alte jüdische Legende vom Rabbi Löw (16. Jhdt.) an, der einen künstlichen Men-
schen aus Lehm geschaffen haben soll, also quasi eine Menschenmaschine, zum Schutz seiner
Glaubensbrüder. Diese Figur ist sicherlich auch ein Symbol für die spannungsgeladene, hinter-
gründige Atmosphäre der böhmischen Hauptstadt zu dieser Zeit. Meyrink schrieb außerdem noch
einen dreibändigen satirischen Roman: „Des deutschen Spießers Wunderhorn”. Der Autor starb
übrigens 1932 in Starnberg.
1871 konstituierte sich aus den Resten der „Arcadia” eine neue Vereinigung, der „Verein deutscher
Künstler und Schriftsteller in Böhmen”, die „Concordia”- Daneben besteht auch noch die „Verei-
nigung deutscher bildender Künstler in Böhmen”. In diesem Verein liest später der 1875 geborene
Rainer Maria Rilke aus seinen Werken, in denen er u.a. ich zitiere, das „vielthürmige Prag” zeichnet.
Ein ganz besonderes Datum für die Schlaraffia ist dann das Jahr 1876, als das I. Concil zu Leipzig für
alle Zweigvereine eine einheitliche Organisation schafft, den Verband „Allschlaraffia”.
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Fünf Jahre später, 1881, wird das Tschechische Nationaltheater feierlich eröffnet. Und mit der Auftei-
lung der Karls-Universität in einen deutschen und einen tschechischen Zweig wird praktisch auch
die Teilung der beiden Kulturkreise vollzogen.
Der wohl berühmteste Sohn der „Goldenen Stadt” erblickt 1883 das Licht der Welt - Franz Kafka -
von dem noch zu sprechen sein wird.
Ein Jahr jünger ist der Freund und Retter der Werke Kafkas, Max Brod
[… Fortsetzung im Originalband]