ergebene Narrenkolonien mit Namen wie Utopia, Eldorado, Narragonien und auch wieder Schlaraf-
fia, die friedlich und fröhlich koexistieren. Mit der Narrheit hat Kalisch die Freiheit gemeint. Damit
konnte er sich der damals alles beherrschende Zensur entziehen.
Hinter seinen Narrenreich-Träumen verbarg sich Kalischs ungeduldiges Warten auf die bürgerlichen
Freiheiten, die sich die Franzosen in ihrer Revolution von 1789 erstritten hatten und die man auch
in den von 1797 bis 1814 zu Frankreich gehörenden linksrheinischen deutschen Gebieten kennen
und schätzen gelernt hatte. Nur wollten die noch absolutistisch regierenden Fürsten im Deutschen
Bund von demokratischen Freiheiten noch nichts wissen.
Wer war dieser für uns Schlaraffen interessante Ludwig Kalisch, den wir vor dem Vergessen be-
wahren sollten? Er wurde am 7. September 1814 in Kleinstadt Lissa in der Provinz Posen als Kind
einer jüdisch-orthodoxen, im Ghetto lebenden Familie geboren. Schon als 14-jähriger ist er aus der
beklemmenden Ghetto-Abgeschiedenheit ausgebrochen und auf Wanderschaft nach Deutschland
gegangen ist, u.a. nach Glogau, Frankfurt a.M., Stuttgart und Bingen. Seinen Lebensunterhalt soll
er als Sprachlehrer verdient und nebenher in Heidelberg und München Medizin und später verglei-
chende Sprachwissenschaften studiert haben. Erst 1847, als 33-jähriger, hat er an der Universität
Gießen zum Dr.phil. promoviert.
1840, mit 26 Jahren, hat er endlich in Mainz seine Wanderschaft beendet. Chancen für eine Realisie-
rung seiner literarischen Ambitionen dürfte er nicht zuletzt im Mainzer Karneval gesehen haben, in
dem das freiheitlich denkende Bürgertum unter der tarnenden Narrenkappe seinen Unmut gegen
die reaktionären Verhältnisse kundtun konnte.
1843 übernahm Kalisch die Redaktion der achtmal jährlich erscheinenden Carnevalszeitung „Nar-
halla“. Darin brachte er Satiren, Parodien und Glossen sowie Berichte über den Mainzer Sitzungs-
karneval, an dem er sich mit witzigen Vorträgen selbst beteiligt hat. Ein Jahr später wurde er Redak-
teur der Zeitschrift „Das Rheinland“, die er dazu nutzte, auf satirische Art demokratische Freiheiten
zu fordern, vor allem auch die ihm als Journalist am Herzen liegende Pressefreiheit.
Eine indirekte, aber zuverlässige Bestätigung dafür, dass Kalisch der Wortschöpfer von Schlaraffia
ist, liefert das „Deutsche Wörterbuch“ der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. In dem 1899 er-
schienenen 9. Band wird das Wort Schlaraffia allein als Name „einer weitverbreiteten Verbindung“
erklärt, die „unter närrischen Formen heitere, durch die Kunst verschönte Geselligkeit und treue
Freundschaft pflegen will und ihre Gesellschaft Schlaraffia nennt.“
Hiermit ist selbstverständlich unsere 1859 in Prag gegründete Schlaraffia gemeint. Andere Wort-
verwender bzw. Verwendungen gab es bis dahin offenkundig nicht. Von Kalischs Wortschöpfung
führt also diese eine, direkte Spur zu deren erstmaliger Verwendung 1859 als Vereinsname unseres
Gründungs- und Allmutterreyches Praga.
Seine zweite, 34-jährige Lebenshälfte hat Kalisch in Paris verbracht, wo ihm die Atmosphäre und Le-
bensart besonders zugesagt haben, worauf seine dortigen literarischen Arbeiten schließen lassen.
Den Lebensunterhalt konnte er wiederum durch Sprachunterricht und Übersetzungen verdienen.
Ferner hat er Opern und Operettenlibretti vom Französischen ins Deutsche übersetzt, u.a. „Or-
pheus in der Unterwelt“ von Jacques Offenbach, und in der „Gartenlaube“ interessant über diesen
auch in Paris sehr populären Künstler berichtet.
Schließlich hat man von Kalisch aus der“Gartenlaube“ auch über Heinrich Heines klägliches Leben
in seiner Pariser „Matratzengruft“ erfahren, wo ihn Kalisch mehrmals besucht hat. Am 3. März 1882
starb Ludwig Kalisch im 69. Lebensjahr in Paris.
Nun aber wenden wir uns Franz Thomé zu, dem anderen Akteur unserer erstaunlichen Geschichte.
Er wurde am 21. November 1807 in Wien geboren, ist schon mit 17 Jahren zum Theater gegangen
und hat zunächst auf Wiener Bühnen jugendliche Liebhaber gespielt. Nach weiteren Engagements
C h r o n i k B a n d I V d e r A l l s c h l a r a f f i a ® m i t I n h a l t s v e r z e i c h n i s d e r 4 C h r o n i k e n O s t e r m o n d 1 5 3 , L a n g s a m , P s e u d o - S c h w a b , T a u r r i e s e u s
an Theatern in Osterreich-Ungarn kam er im Oktober 1841 nun 34 Jahre alt an das Theater in
Mainz. Zunächst ist er dort noch als Regisseur des Theaters in Triest und Gast aufgetreten, aber
immer in Hauptrollen und mit glänzenden Kritiken. Damit hat er sich rasch eine besondere Aus-
zeichnung verdient: Die Ankündigung der Mainzer Erstaufführung von Nestroys Posse „Der Ta-
lisman“ mit ihm in der Hauptrolle als Benefizvorstellung für Thomé, was bedeutete, das ihm alle
Einnahmen des Abends zufließen würden.
Fortan wurde er auf den Theaterzetteln auch nicht mehr als Gast, sondern als Mitglied des Ensemb-
les aufgeführt. Bis zum Ende der Spielzeit und seines Mainzer Engagements im April 1842 hat er in
29 Stücken stets als Hauptdarsteller gespielt und durchweg vorzügliche Kritiken erhalten.
Wie Kalisch ist auch Thomé neben seinen Bühnenauftritten im Mainzer Sitzungskarneval im
„Frankfurter Hof“ aufgetreten, möglicherweise sogar mit Kalisch zusammen. Von Kalisch ist ferner
belegt, dass er Stammgast in der Mainzer Künstlerkneipe „Schützenhof“ war, in der u.a. der Kom-
ponist Meyerbeer, der Walzerkönig Johann Strauß, der Dichter Freiligrath und andere namhafte
Künstler verkehrten.
Dass sich dort auch Thomé nach seinen Bühnenauftritten entspannt hat, zumal der“Schützenhof“
nur einen Steinwurf vom Theater entfernt lag, ist mehr als wahrscheinlich. Schließlich wird der
künstlerisch so engagierte Kalisch wohl auch häufiger Theaterbesucher gewesen sein und Thomé
als Schauspieler erlebt und gekannt haben. Es kann also mit an Sicherheit grenzender Wahrschein-
lichkeit angenommen werden, dass sich Thomé und Kalisch in Mainz kennengelernt haben und
dass Thomé die originelle Wortschöpfung Schlaraffia von Kalisch kannte.
Auf Thomés künstlerische Karriere zwischen seinem Mainzer Engagement und seiner Berufung
zum Direktor des Ständetheaters in Prag im Herbst 1857 soll hier nicht näher eingegangen werden.
Nur soviel. Thomé hat in dieser 15-jährigen Periode eine überaus erfolgreiche, wohl glänzend zu
nennende Karriere als Schauspieler und Regisseur und sehr bald dann als Direktor und Oberregis-
seur der Bühnen in Nürnberg, Laibach, Triest, Lemberg, Klagenfurt, Graz und Riga gemacht. Als
im Herbst 1857 ein neuer Direktor für das Prager Ständetheater gesucht wurde, hat man sich von
neun qualifizierten Bewerbern für ihn entschieden. Er soll in dieser neuen Aufgabe den Zenit seiner
Künstlerkarriere erreicht und das Ständetheater zu solcher Blüte gebracht haben, dass es bald zu
den bedeutendsten in Europa gezählt wurde.
Als der „Proletarier-Club“ im Herbst 1859 zerfiel, hat Thomé den „Bassproletarier“, den Bassisten
seines Opernensembles Albert Eilers und späteren Rt Graf Gleichen veranlasst, die „Proletarier“
und dazu weitere Freunde zusammenzurufen und für den Gedanken eines neuen Vereins zu ge-
winnen, der ihn wohl schon länger beschäftigt hat. Die in der „100 Jahr-Chronik“ geschilderten
Urgeschichte Schlaraffias gibt etliche Beispiele dafür, dass die grundlegenden, den neuen Verein
prägenden Ideen und Initiativen überwiegend von Thomé als Schlaraffe Rt Carl II. ausgegangen
sind. Es hat sich damit aber keineswegs in den Vordergrund gespielt, vielmehr die Realisierung
seiner Ideen oft an jüngere, besonders aktive Schlaraffen seines Vertrauens delegiert. Das waren
vor allem die Rtt Graf Gleichen und Plato. Leider ist nur von 9 der 23 Urschlaraffen ihr Alter bei der
Schlaraffia-Gründung bekannt.
Von diesen 9 war Carl II. mit 52 Jahren der mit Abstand Älteste, die übrigen 8, auch Graf Gleichen
und Plato, alle „Twens“ von maximal 29 Lebensjahren. Carl II. hatte also von allen Urschlaraffen die
größte Lebenserfahrung, war einerseits als Direktor des Ständetheater
[… Fortsetzung im Originalband]