nomen ist von anderen eingeschworenen Gruppierungen wie Unterweltorganisationen oder Mo-
torradbanden bereits bestens bekannt, z.B. der Kawasaki-Ferdi oder der Revolver-Edi....Sobald eine
Infektion jedoch einmal erfolgt ist, nimmt das Krankheitsgeschehen unweigerlich seinen bekann-
ten, dreistadienhaften Verlauf: Der Vorstufe des Prüflings (medizinisch „latente Infektion“) folgt das
erste Stadium, auch Knappentum genannt, in dem die Veränderungen durch das „Schlaraffia“-Virus
noch weitgehend verborgen schlummern; bei den Befallenen ist noch kaum eine individuelle Krank-
heitseinsicht vorhanden, über viele Symptome herrscht noch Unklarheit.
Das Uhuversum hat daher eine Selbsthilfegruppe geschaffen (sog.„Junkertafel“), in der Frischin-
fizierte unter der Aufsicht eines bereits seit Längerem im Endstadium Befindlichen („Junkermeis-
ters“) ihre Nöte und die wesentlichen Fragen ihre Erkrankung betreffend im amikalen Gespräch
diskutieren können. Auch die im 2. Stadium Erkrankten (sog. „Junker“) haben noch Zutritt zu dieser
Selbsthilfegruppe. Dies hat vor allem den Vorteil, dass sich Frischinfizierte nicht nur mit einem be-
reits hoffnungslosem Fall wie dem Junkermeister unterhalten müssen, sondern auch bei annähernd
Gleichaltrigen Zuspruch erhalten können.
Der im Endstadium Erkrankte wird dann „Ritter“ genannt, wobei die Namensgebung für die einzel-
nen Stadien offensichtlich Anleihe im Mittelalter genommen hat, wo die Ritter bestimmter Orden
sich durch das „memento mori“ - also die Allgegenwärtigkeit des profanen Lebensendes - aus-
zeichneten und mit der daraus gewonnenen Kraft zu besonderer Weisheit oder auch zu besonderer
Grausamkeit befähigt waren. Im Falle des „Schlaraffia“-Virus scheint das Erreichen des Endstadi-
ums mit einer Verlangsamung des körperlichen Alterungsprozesses einherzugehen, anderenfalls
ist es unerklärlich, warum das Erreichen des 80. Lebensjahres mit einem traditionellem Ritus- auch
„Großursippenfeier“ genannt - begangen wird, und das seit einem Zeitpunkt, als die allgemeine
Sterbetabelle der Lebensversicherer für Männer bei 72,6 Jahren endete.
Ob diese Verlangsamung des körperlichen Alterungsprozesses und damit das sagenhafte Alter vie-
ler Infizierter mit der geistigen Leistungsfähigkeit Schritt hält, ist nach wie vor ungeklärt und Inhalt
weiter führender Studien.
Wir haben nun die Grundstadien abgehandelt und sind zu folgenden Schlüssen gekommen: „Schla-
raffia“ ist eine virale, nicht hochkontagiöse Infektionskrankheit, die x-chromosomal rezessiv gebun-
den, nur bei männlichen Individuen an bestimmten Endemieorten („Burgen“) auftritt. Die Krank-
heit nimmt einen klassischen, dreistadienhaften Verlauf. Bemerkenswert ist eine Verlangsamung
des körperlichen Alterungsprozesses bei Erkrankten im Endstadium, sog. „Rittern“. Da jedoch
darüber hinaus weitere Varianten des Krankheitsbildes beschrieben sind, stellt sich nun konsequen-
terweise die Frage nach deren Beurteilung, Wir werden versuchen, einige beispielhaft abzuhandeln,
so die Reiselust und Verbrüderung mit anderen Endemiegebieten, das Burgfrauenwesen sowie das
sogenannte „Berufschlaraffentum‘.
Die Reiselust der Infizierten wird schon ab dem ersten Stadium der „Schlaraffia“-Infektion beob-
achtet. Interessant ist, dass offensichtlich erst mit zunehmendem Krankheitsverlauf die Vorliebe,
andere Endemieorte zu besuchen (sog. „Ausritte“) ausgeprägt wird, sodass die Frischinfizierten
zunächst gemeinsam mit dem Leiter der Selbsthilfegruppe die ersten Reisen gemeinsam zu unter-
nehmen angehalten sind („Ausritt der Junkertafel“). Das Besuchen von anderen Erkrankten wird
aber auch vom ganzen Endemieort regelmäßig zelebriert (sog. „Reychsausritte“), und jeder erhält
ein kleines Dankeschön beim ersten Besuch (soziologisch durchaus vergleichbar den Initiationsri-
ten verschiedener primitiver Stämme, bei den Schlaraffen „Willekumm“ genanntt). Nachdem welt-
weit mehr als 250 Endemieorte bekannt sind, sind der Möglichkeit der Verbrüderung mit anderen
Infizierten kaum Grenzen gesetzt. Besondere Anerkennung innerhalb der Gruppe der Erkrankten
kann erlangen, wer entweder möglichst viele andere Endemieorte besucht hat („Basta-Ritter 1. bis
C h r o n i k B a n d I V d e r A l l s c h l a r a f f i a ® m i t I n h a l t s v e r z e i c h n i s d e r 4 C h r o n i k e n O s t e r m o n d 1 5 3 , L a n g s a m , P s e u d o - S c h w a b , T a u r r i e s e u s
III. Klasse“), bzw. wer alle bestehenden Endemieorte mit seiner krankheitsbedingten Solidarität
erfreut hat. Dieser erhält dann eine besondere Ehrung („Viking-Orden“), die dazu führt, dass dieser
vielgereiste Infizierte de facto seine Identität verliert, da man nur mehr von „unserem Vikingritter“
spricht. Auch wird der regelmäßige Besuch eines einzelnen anderen Endemiegebietes besonders
hervorgehoben und mit „Amicus“, „Botschafter“ oder „Ehrenritter“ bezeichnet. Die zweite hervor-
zuhebende Variante stellt das „Burgfrauenwesen“ (auch „Kristallinitis“ genannt) dar. An sich wäre
die Gründung eines Angehörigenvereins als Selbsthilfegruppe - analog der Selbsthilfegruppe für
Frischinfizierte („Junkertafel“ s.o.) - nichts Außergewöhnliches.
Erstaunlich ist jedoch, dass beim germanischen und beim US-amerikanischen Phänotyp, wie auch
in manchen alpinen Endemiegebieten, sich die weiblichen Angehörigen derartig mit der Infektion
ihrer männlichen Familienmitglieder
identifizieren, dass man glauben möchte, sie selbst wären die mit „Schlaraffia“ Infizierten.
Dabei handelt es sich in Wirklichkeit um ein der Scheinschwangerschaft nahestehendes medizini-
sches Phänomen, welches nur durch sekundären Krankheitsgewinn (also individuelle Vorteile durch
Erkrankungsvortäuschung) erklärbar ist. Hiezu zählen nachhaltiger familiärer Kontrollzwang, Iden-
titätsverlust durch mangelnde soziale Anerkennung, sowie Sinnkrise durch fehlende intellektuelle
Herausforderungen untereinander.
Eine viel einfachere Erklärung, die jedoch insbesondere von den betroffenen weiblichen Angehöri-
gen bestritten wird, ist der Wunsch, an der Verlangsamung des Alterungsprozesses ihrer Angehöri-
gen teilzunehmen, sei es aus rein narzisstischen Motiven oder aus Angst, das zu erwartende Erbe
nicht mehr persönlich antreten zu können und gänzlich den Nachkommen überlassen zu müssen.
Somit gelangen wir zur letzten abzuhandelnden Infektionsvariante, zum „Berufsschlaraffentum“.
Wie von anderen viralen Infektionen bekannt, begünstigt auch die Infektion mit dem „Schlaraffia“-
Virus die Entstehung von malignen Entartungen.
Als „maligne Entartung“ (im Volksmund auch „Krebsgeschwür“ genannt) bezeichnet man ein
selbstständiges infiltratives Wachstum, welches geeignet ist, die Grenzen des Ausgangsorgans zu
überschreiten. Daher versteht man unter „Berufsschlaraffentum“ rein medizinisch gesehen, die ma-
ligne Entartung der „Schlaraffia“-Infektion, die sich infiltrativ im erkrankten Individuum ausbreitet
und unter Verdrängung der ursprünglichen Symptomatik (Freundschaft, Humor, Kunst etc.) nach
Anhäufung von Ehrentiteln, Ämterkumulierung, permanenter Wiederwahl in Funktionen - sprich
nach Machtausübung innerhalb einer Gemeinschaft von mit dem gleichen Virus Infizierten strebt.
Die strenge Hierarchie in dieser Krankengruppe lässt hier vielfachen Spielraum, vom Erbtitel bis zur
Aufnahme in den Allschlaraffenrat, dem nationalen bzw. internationalen Gremium der Erkrankten.
Die Aufgabe der modernen Medizin kann es daher nur sein, die „Schlaraffia“-Infektion weiter zu
erforschen.
Da die Infektion an sich nicht gefährlich erscheint (die Symptome Freundschaft, Humor und Kunst,
die Verwendung von Decknamen, ja selbst die Kennzeichnung durch eine sogenannte Rüstung,
stellen keine wesentliche Bedrohung unserer Spezies dar), wird besonderes Augenmerk auf die
Isolierung der lebensverlängernden Umstände zu legen sein. Die Forderung von Gruppen der „gen-
der medicine“ dies auch das weibliche Geschlecht zu übertragen, sind nachvollziehbar, jedoch auf
Grund der besonderen Spezifität des V
[… Fortsetzung im Originalband]