Reych Nr. 45

Kalisch, Ludwig

Unbekannt ·J-L

Beschreibung

Kalisch, Ludwig
Titel: Freiheit
Reych: Nr. 45 Moguntia (Mainz)
Geb.: 07.09.1814 in Lissa
Gest.: 03.03.1882 in Paris

Volltext

deutscher Dichter Er wurde am 7. September 1814 in der Kleinstadt Lissa in der Provinz Posen als Kind einer jüdisch-orthodoxen, im Ghetto lebenden Familie geboren. Schon als 14-Jahriger ist er aus der beklemmenden Ghetto- Abgeschiedenheit ausgebrochen und auf Wanderschaft nach Deutschland gegangen, u.a. nach Glogau, Frankfurt a.M., Stuttgart und Bingen. Seinen Lebensunterhalt soll er als Sprachlehrer verdient und später nebenher in Heidelberg und München zunächst Medizin, später vergleichende Sprachwissenschaften studiert Erst 1847, als 33-Jähriger, wurde er an der Universität Gießen zum Dr.phil. promoviert. 1840, mit 26 Jahren, hat er endlich in Mainz seine Wanderschaft beendet. Chancen für eine Realisierung seiner literarischen Ambitionen dürfte er nicht zuletzt im Mainzer Karneval gesehen haben, in dem das freiheitlich denkende Bürgertum unter der tarnenden Narrenkappe seinen Unmut gegen die reaktionären Verhältnisse kundtun konnte. 1843 übernahm Kalisch die Redaktion der achtmal jährlich erscheinenden Karnevalzeitung „Narhalla“. Darin brachte er Satiren, Parodien und Glossen sowie Berichte über den Mainzer Sitzungskarneval, an dem er sich mit witzigen Vorträgen auch selbst beteiligt hat. Ein Jahr später wurde er Redakteur der Zeitschrift „Das Rheinlande“, die er dazu nutzte, auf satirische Weise demokratische Freiheiten zu fordern, vor allem die ihm als Journalist am Herzen liegende Pressefreiheit. Eine indirekte, aber zuverlässige Bestätigung dafür, dass Kalisch der Wortschöpfer von „Schlaraffia“ ist, liefert das „Deutsche Wörterbuch“ der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. In dem 1899 erschienenen 9. Band wird das Wort „Schlaraffia“ allein als Name einer weitverbreiteten Verbindung erklärt, die „unter närrischen Formen heitere, durch die Kunst verschönte Geselligkeit und treue Freundschaft pflegen will und ihre Gesellschaft „Schlaraffia“ Hiermit ist ohne jeden Zweifel unsere 1859 in Prag gegründete Schlaraffia gemeint. Andere Verwender bzw. Verwendungen dieses Wortes gab es bis dahin offenkundig nicht. Von Kalischs Wortschöpfung führt also diese eine, direkte Spur zu deren erstmaliger Verwendung 1859 als Vereinsname unseres Gründungs- und Allmutterreyches Praga. Es nimmt nicht Wunder, dass sich der nach demokratischen Freiheiten drängende Kalisch im Frühsommer 1849 an dem Aufstand der seinerzeit zu Bayern gehörenden linksrheinischen Pfalz beteiligt hat, um diese Freiheiten mit Waffengewalt zu erzwingen. Kalisch hat sich an dieser Erhebung zwar nicht mit der Waffe beteiligt, aber als engagierter Redakteur des „Boten für Stadt und Land“ in Kaiserslautern, des Sprachrohres der zum Kampf auffordernden pfälzischen Revolutionsregierung. Nach dem kläglichen Zusammenbruch dieses Aufstandes wurde Kalisch im Oktober 1851 in einem gegen 333 Aufständische geführten Schauprozess zum Tode verurteilt, weil er „zur Unterstützung der revolutionären Gewalt aufgefordert“ hatte. Kalisch war allerdings schon sogleich nach dem Zusammenbruch des Aufstandes Ende Juni 1849 über die nahe Grenze nach Frankreich geflohen. Seine zweite, 34-jährige Lebenshälfte hat Kalisch in Paris verbracht, wo ihm die Atmosphäre und Lebensart besonders zugesagt haben, worauf seine dortigen literarischen Arbeiten schließen lassen. Seinen Lebensunterhalt konnte er wiederum durch Sprachunterricht und Übersetzungen verdienen. Er hat aber auch Opern- und Operettenlibretti von Französischen ins Deutsche übersetzt, u.a. „Orpheus in der Unterwelt“ von Jacques Offenbach. Und er hat als Korrespondent der „Gartenlaube“ sehr interessant über diesen ebenfalls in Paris lebenden, außerordentlich populären Künstler berichtet. Schließlich konnte man von Kalisch in der »Gartenlaube« auch über Heinrich Heines klägliches Leben in seiner Pariser „Matratzengruft“ lesen, wo Kalisch ihn mehrfach besucht hat. Am 3. März 1882 ist Ludwig Kalisch im 69. Lebensjahr in Paris verstorben. (Text: Rt. Kientje (45))
Quelle: Mediathek Schlaraffia Arnstadt