Reych Nr. 57

Kreisler, Georg

Unbekannt ·J-L

Beschreibung

Kreisler, Georg Franz
Titel: Alpenglühen
Reych: Nr. 57 Lubeca (Lübeck), erk. 06.01.153
Geb.: 18.07.1922 in Wien
Gest.: 22.11.2011 in Salzburg

Volltext

österreichischer Komponist, Dichter, Sänger, Pianist „Ich bin Anarchist, aber bitte Anarchismus nicht zu verwechseln mit Chaos, mit Bomben in Kaffeehäusern...“ Treffender als im Buch „Das böse Wien“ hätte sich der Kabarettist, Pianist, Komponist, Dichter Georg Kreisler nicht selbst charakterisieren können. Der Mann mit der Hornbrille ist da gerade 51 Jahre alt und sein Ruhm beginnt sich über die Grenzen des deutschsprachigen Raumes hinaus zu verbreiten. Ein Erfolg fast wider Willen. Der Sohn des jüdischen Rechtsanwalts Dr. Siegfried Kreisler wollte eigentlich Dirigent werden. Später galt seine nur zögerlich erwiderte Liebe dem Theater. Von seinen 19 Bühnenwerken wurden 14 entweder nie oder nach der Uraufführung nicht mehr gespielt. Ausnahme „Heute Abend: Lola Blau“. So mussten die Lieder Kreislers – mehr als 600 – und zahlreiche Satiren und Gedichte seine oft sozialkritischen Botschaften unter die Leute bringen – in wunderbar bizarrer Poesie, scharfzüngig und zugleich melancholisch, und auch in dem für ihren Schöpfer so typischen makaberen Schmäh. Aber ehe seine Wortakrobatik in Jahrzehnten zur Meisterschaft reifte, lagen nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland Terror, Todesängste und materielle Not vor ihm. Die Flucht nach Kalifornien gelang Dr. Kreisler mit Frau und Sohn per Schiff im November 1938. An einer privaten Opernschule in LA kann er seine musikalische Ausbildung fortsetzen, lernt dirigieren, verdient sich als Korrepetitor, jobbt als Pianist und wird zum Ernährer der Familie. Er ist jetzt 19 Jahre alt und verliebt sich in Philine, die Tochter des berühmten Filmkomponisten und Kabarett-Autors Friedrich Hollaender. Die Ehe endet wie zwei folgende im Chaos. Auf Dauer glücklich wird er erst mit seiner vierten Frau, der Berliner Schauspielerin Barbara Peters. Ende 1942 schickt ihm die US-Army den Gestellungsbefehl und läst ihn in einer Spezialeinheit für Verhöre deutscher Kriegsverbrecher ausbilden. 1955, kehrt er nach Wien zurück. Durch ihn wird die Marietta Bar zum Mekka für Liebhaber Schwarzen Humors. Und Stars und Politiker pilgern zu ihm. Hier singt er erstmals vom „Taubenvergiften im Park“, das Lied, das sein Publikum oft gegen seinen Willen und zuweilen in Sprechchören einfordert. Nur der österreichische Rundfunk boykottiert ihn und spielt seine Lieder nicht – auch weil Kreisler die wohlfeile Bereitschaft vieler Wiener anprangert, ihre Rolle bei den Nazis zu vergessen oder zumindest zu verharmlosen. Er sieht sich in der Außenseiterrolle, fühlt sich in Wien wie im Exil, und aus diesem Gefühl heraus entstehen Lieder wie „Der Tod, das muss ein Wiener sein“ oder „Wie schön wäre Wien ohne Wiener“. Auch ohne ORF verbreitet sich sein Ruhm über die Grenzen und macht ihn in Deutschland früh zum Geheimtipp. 1962 treiben ihn Unrast und die Hoffnung, in Wien doch noch Heimat zu finden, für 14 Jahre wieder in seine Geburtsstadt zurück. Nun beginnt zwar seine produktivste Zeit, aber Heilung erfährt seine verwundete Seele nicht. Konsequent folgt 1976 der Umzug nach Berlin, wo er in der quirligen jungen Schauspielerin Barbara Peters seine vierte Frau und in ihr die Liebe seines Lebens findet. Jahre in Salzburg, Basel und seit 2007 wieder in Salzburg sind die letzten Stationen. Im November 2011 stirbt er mit 89. Kreisler sah sich zwar als Anarchist und feilte mit klammheimlicher Freude an diesen Ruf, aber was ihn im Innersten antrieb, sagte er im Interview einmal so: „Nicht nur meine Satiren, sondern fast alles, was ich schreibe, hat mit Humanität zu tun. Dazu gehören die Toleranz, die Rücksichtnahme und vor allem die Liebe, mit der Menschen miteinander umgehen.“ Und letzten Endes doch auch die Liebe zu seiner Heimat. (Text: Rt. Tintenhertz (57) in DSZ 3/153, gekürzt)
Quelle: Mediathek Schlaraffia Arnstadt