DIE REYCHSGESCHICHTEN
2. B E R 0 L I N A
(Berlin)
Gegründet 24. 10. a. u. 6 (1865)
Die Mitternachtsstunde des 20. des Heumondes 1561
(1861) muß als eine der bedeurungsvoilsten in der aH
schlaraffischen Geschichte bezeichnet werde;], da zu diesem
Zeitpunkte der Ehrenkantzler der Schlaraffia Praga. G r a f
PI Ci t 0, seinen Freunden die Mitteilung machte, daß er
seinen Wohnsitz nach dem profanen Berlh1 verlegen werde.
Seine Abschiedsrede klang aus in die Mahnung: "Seid
einig,
Weder Plato selbst, noch seine in Prag verbliebenen Freunde konnten siCt1
schon damals der Bedeutung dieser profanen Umsiedlung bewußt sein. Heute
wissen wir, daß damit der Grundstein gelegt wurde zu einer Ausweitung der
in Prag geborenen schlaraffischen Idee. die im Laufe der Zeit die gesamte
Welt umspannte. Zunächst nur gedacht als eine rein örtliche Vereinigung
gleichgesinnter, künstlerisch interessierter Freunde, wurden durch Plato die
Grundgedanken, die er in Prag zu formen mitgeholfen hatte und die er in
seinem Herzen bewahrte, zum ersten Male über den bisher eng gezogenen
Rahmen hinausgetragen.
Es sonten jedoch noch vier Jahre vergehen, bevor es Plato gelang, in Berlin
einen kleinen Kreis von Männern um sich zu scharen, von denen er annahm,
daß sie geeignet sein würden, sich die schlaraffische Idee zu eigen zu machen,
die er ihnen kündete.
Am 24. des Lethelllondes a. u. 1565 (1865) kam in Berlin auf Veranlassung
des Hofschauspielers D e h nie k e ein kleines Häuflein munterer Gesellen,
darunter auch Plato~Praga zusammen, um fröhliche Kurzweil zu treiben. Das
Protokoll dieser Grundungsversammlung hat sich erhalten. Es sollte das erste
der künftigen Schlaraffia Berolina sein. Wir wollen es in seine:} wesentlichen
Punkten im Wortlaut zitieren:
"In dem Lokal von R 0 eck e, Mohrenstraße 19, hatten sich heute
folgende Herren zu einer gemütlichen Unterhaltung eingefunden:
Herr Dr. Sc h m i cl t - W eiß e n fe 1s, Schriftsteller,
Herr Schauspieler P a e tel,
Herr Kaufmann P a e tel,
Herr Hofschauspieler D e h nie k e ,
Herr Po:izei-Sekretär H aas e •
Herr Kassen-Kontrolleur B r a 11 n .
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Von Herrn Hofschauspieler D eh nie k e wurde der Antrag gestellt, "zum
Zwecke erhöhter Geselligkeit und humoristischer Unterhaltung einen Verein
zu gründen, mit bestimmten Statuten und bestimmt ausgesprochener Tendenz".
Der
Vorstand bestand auf Vorschlag von Sc h m i d t - W e i-
ß e n fes (Plato-Praga) aus 1 Oberschlaraffen, 1 Vize-Oberschlaraffen,
1 Schatzmeister-Schlaraffen, 1 Junkermeister-Schlaraffen.
Der Verein sollte den Namen "S chI ara f f i a" tragen. Durch Zettel
wahl wurden mit absoluter Mehrheit gewählt:
zum Oberschlaraffen Herr Dr. S eh mi d t - W eiß e n f eIs,
zum Vize-Oberschlaraffen Herr P a e tel senior,
zum Schatzmeister Herr P a e tel junior,
zum
Herr Paul D eh nie k c ,
zum Kantzler Herr B rau n .
Dem armen Schatzmeister wurde eine drückende SonderverpHichtung auf
auferlegt: "... vom Schatzmeister wurde die ihm vom Vorstand sofort auf
erlegte Verbindlichkeit übernommen, alle für den Verein in sein Verwahrs ein
übergehenden Kapitalien und Gelder vom Tage der Übernahme ab mit 5 0/0
per anno zu verzinsen, resp. zinsbar zu belegen, auch alle bei deren Belegung
~ntstehenden Verluste selbst zu tragen und ein Gehalt nicht zu beanspruchen
wogegen derselbe von Stellung einer Ambts-Kaution entbunden wird."
Am 27. des Lethemonds hielt der Oberschlaraffe Sc h m i d t - W e i
ß e n f eIs (Plato-Praga) einen Vortrag über die in Prag bestehende Schla
raffia mit dem Erfolge, daß sein Antrag, sich als Tochter der großen Mutter
Praga zu betrachten, die profanen Namen abzulegen und sofort den Taufakt
vorzunehmen, einstimmig angenommen wurde.
Schlaraffia Berolina wollte im übrigen unabhängig von Praga sippen unter
der Regierung eines Mikado und eines T aikun.
Die Namen der Erzschlaraffen lauten von da ab:
Kaldws für Schmidt-Weißenfels (Plato-Praga), später wieder Plato,
Gl'öltlll1eyel' für Paetel senior
Sdmepper für Paetel junior
Fridolin),
AdoHis für Dehnicke
Rettiglt!1ber für Draeger,
PeriH für Haase,
Ursus für Braun.
Die Satzung der
wurde als Grundlage angenommen, dennoch bestand
nur ein loses Band zwischen Mutter und Tochter. Graf Plato allein ist es zu
verdanken, daß die Verbindung mit der .praga nicht wieder abriß, die Plato
durch einen regen Schriftwechsel aufrecht erhielt. Den entscheidenden Schritt
jedoch zu einem innigeren Zusammenhalt tat
der die Praga persönlich
in ihrer Heimstätte besuchte und es erreichte, daß, nachdem bisher Praga und
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Berolina getrennt dem schlaraffischen Gedanken nachgegangen waren, man
nunmehr sich zu gemeinsamen Tun zusammenschloß. Praga übernahm offiziell
die Mutterstelle und bekundete dies durch einen richtungsweisenden Sendboten
vom 22. April 1567 (1867), verfaßt von der damaligen Herrlichkeit der Praga
Barbarossa: "Mögel1 alle RittertugeHdeH mit Dir uerclHwad1seH uHd gedeiueH
tll1d Du eiH vielverueißender Sproß unseres Gesd1/ed1tes werdeH, dem, VOH
Deinern Beispiel erleudJtet und enl1lmtert, bald andere. blüuend wie Du, in
Deutsd1laHds Gauen Hacufo/geH 111ögel1."
Damit war der Grundstock gelegt zu "des UHUbunds Dom" dank der
schlaraffischen Begeisterung von den Großen der Berolina Plato und Adonis,
der, wie wohl zunächst von niemand erwartet, sich rasch über Gleichgesinnte in
der gesamten Welt wölben sollte.
Wie sich die Wünsche von Barbarossa für die Berolina erfüllen sollten, möge
die folgende Übersicht über die im Laufe der Jahre entstandenen Tochterreyche
zeigen:
a. u. 1572, am 23, 8.
Gründung der Lipsia
Reych Nr.
3
a. u. 1573, am 30.10.
Gründung der Grazia
Reych Nr.
4
a. u. 1580, am 30. 3.
Gründung der Revalia
Reych NI. 16
(gestrichen a. u. 36 [1895])
a. u. 1580, am 20.10.
Gründung der Hannovera
Reych Nr. 20
a. u. 1581, am 11. 11.
Gründung der Hammonia
Reych Nr. 36
a. u. 1583, am 22. 1.
Gründung der Carolsuhu
Reych Nr. 49
a..u.15S4, am 11. 9.
Gründung der Franciscana California
Reych Nr. 59
a. u. 1585, am 10.11.
Gründung der Colonie Altonavia
(gestrichen a. u. 28 [1887])
a. u. 1587, am 11. 2.
Gründung der Hala Saxonum
Reych Nr. 93
(freiwillig aufgelöst a. u. 48 [1907])
a. u. 1588, am 18. 11.
Gründung der Colonie Alexandria
(verschollen a. u. 30 [1889])
a. u. 1589, am 10.12.
Gründung der Colonie Aucklandia
(verschollen a. u. 30 [1889])
a. u. 1591. am 24.10.
Gründung der Potsdamia
Reych Nr. 111
(z. Z. nicht bestehend)
a. u. 1595, am 7. 3.
Gründung der Londinium
Reych Nr. 129
(erloschen a, u. 61 [1920])
a. u. 1608, am 17, 4.
Gründung der Lietzowia
Reych Nr. 175
In der neuesten Zeit, seit der Winterung a. u. 98/99 (1957/58) wächst der
Berolina in dem profanen Säckingen (Hochrhein) ein weiteres Reis heran durch
Gründung eines vielversprechenden Feldlagers, ins Leben gerufen von Sr. Ge
treuen Ritter Raster der Rastlose (Rheinhold Vietz), einem fahrenden Sassen
der Berolina.
Doch zurück zu der Weiterentwicklung, die Berolina genommen hat von
dem
an, da sie sich mit der Bezeichnung Schlaraffia Berolina als Tochter
der Praga bekannte und ihre Sippungen nach dem Statut der l\'iutter gestaltete.
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Am 30. des Christmonds a. u. 6 (1865') wurde das erste schlaraffische
Weihnachtsfest, in der Folge als Uhubaumfest bezeichnet, begangen, das
künftig zur Tradition wurde, "dazu beitragend, durch derartige gemeinsam mit
den Burgfrauen begangene Feste das enge Band, welches die Schlaraffen unter
einander bindet, immer enger und fester zu knüpfen".
Bereits die Zusammensetzung der frühesten Sassenschaft zeigte ein starkes
Überwiegen des künstlerischen Elementes, so daß die I3erolina schon von
Anbeginn der Kunst eine Heimstätte schuL eine Richtung schlaraffischer Be
tätigung, die sich bis auf den heutigen Tag durch stetigen Zuwachs an selbst
schaffenden und ausübenden Künstlern sowie durch einen großen Kreis von
Kunstfreunden. die sich der Berolina anschlossen. erhalten hat. Dieses Grund
element trug und trägt noch heute in besonderem Maße dazu bei, daß von ihm
wertvolle Anregungen ausgingen, die sich befruchtend auf die übrige Sassen
schaft aus
[… Fortsetzung im Originalband]