Lipsia

Unbekannt ·Reychsgeschichten

Beschreibung

Reych Nr. 3 — Lipsia (Leipzig). Geschichte aus Band I der Allschlaraffischen Chronik.

Volltext

Nr. 3
LI PSI A (Leipzig)
gegründet 23. 8. a. u. 13 (1872)
Man spricht der Lipsia als einzigem Reych des Uhu­
versums von Anbeginn zwei Mütter zu, die h. Praga
und die h. Berolina. Das ist Anachronismus. Entweder
ist die sieben Jahre ältere Pragatochtcr Berolina die
Schwester Lipsias, oder sie ist allenfalls ihre Ziehmutter.
Gegründet wurde die h. Lipsia in der Goethestube des
Hotels Stadt Frankfurt von dem Urschlaraffen der
h. Praga Huppel di Hax (Wenzel Reisinger) und den
Berolina Rittern Kure/la I. (Oswald Hanke) und
Caligula (Dr. Schumacher), zu denen sich noch R. Tartaruga (Jos. Tietz), Mit­
glied des Gambrinushofes in Riga gesellte. Außer den vier Genannten waren
in der Gründungsversammlung noch sechs Schauspieler und Sänger, ein Kapell­
meister, ein Kaufmann, der Steinsetzmeister und Stadtrat Max Ehmig (später
Eb-O. Pipifax) und nicht zuletzt der Musikdirektor und Komponist Viktor
Neßler (später Hkt. Quartett) anwesend, die nach kurzer Debatte ihre Auf­
nahme in den neuen Schlaraffenstaat beantragten.
Dreieinhalb Jahre später, am 26. und 27. des Lenzmonds a. u. 17 (1876),
fand auf Vorschlag Raps des Großen in den Mauern Lipsias, die dadurch zur
Geburtsstätte unseres Weltbundes wurde, das r. Allschlaraffische Concil statt,
dessen hehre Aufgabe es war, Einigkeit und Übereinstimmung in Formen
und Gebräuchen, Recht und Gesetz herbeizuführen, und auf dem der h. Praga
-
nunmehr All mut t e r benannt -
die Leitung Allschlaraffias rückhalt­
los zuerkannt wurde. Außer Raps und seinem Erzkantzellar UlricU von Hutten
waren die Vertreter der weiteren damals bestehenden Reyche Berolina, Lipsia,
Hammonia und Canisa erschienen. Die stark besuchte Festsippung, sowie die
vorausgegangenen Beratungen, leiteten die Herrlichkeiten Raps,
KraJ~el1l­
Berolina und Kurella-Lipsia, der leider schon kurz darauf die Gemarkungen
Leipzigs verließ. An seine Stelle trat einer der bekanntesten und am meisten
geschätzten Sassen aus der Reihe der Gründer, Junkermeister Pipifax, der
zwölf J ahrungen auf dem Thron verblieb. Die h. Allmutter hat ihn ganz
besonders geehrt, indem sie ihn in dem großen Wandgemälde ihrer Burg
überlebensgroß und hoch zu Roß als Bannerträger Allschlaraffiae der Nach­
welt vor Augen führte.
Von den Sassen, die der Lipsia schon kurz nach der Gründung beitraten,
verdienen die Ritter Helm (Carl Römer), der Schöpfer ungezählter Zeichnungen,
die seine Künstlerhand in den Dienst Uhus stellte, und Klex eRobert Zangen­
berg) an erster Stelle erwähnt zu werden. Ihm hat nicht nur das Reych,
sondern unser Bund unendlich viel zu verdanken. Sein Name ist zum schlaraf­
fischen Begriff geworden durch das Bundesorgan, das er mit großen pekuniären
Aufwendungen und Opfern an Zeit und Mühe am 3. des Brachmonds a. u. 15
(1874) ins Leben rief und viele Jahrungen bis zu seiner Erblindung muster­
haft leitete. Fünfzig Reyche haben ihn zum Ehrenritter erkürt. In den Tagen
vom 30. des Brachmonds bis zum 2. des Heumonds a. u. 40 (1899) wurde
ihm zu Ehren eine 25-Jahrfeier zusammen mit dem Allschlaraffischen Sommer­
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fest in der h. Dessavia veranstaltet. Im Laufe der Sommerung 47 (1906)
vollzog sich der Übergang der von Graf Klex herausgegebenen "Schlaraffia
Zeyttungen" in den Besitz Allschlaraffias. Leider zog diese Aktion eine
Trübung des so überaus herzlichen Verhältnisses zwischen der h. Allmutter
und ihrer zweitältesten Tochter nach
die aber bald wieder aus der Welt
geschafft werden konnte. Im Herbstmond 23 (1882) wurde das zehnjährige
Stiftungsfest im Kaisersaal der Centralhalle feierlichst begangen. Siebzehn
Reydle mit 83 Sassen waren vertreten. Zwei Jahre später wurde das erste
Allschlaraffische Sommerfest als Schützenfest in Leipzigs Mauern zelebriert.
Das Sommerfest a. u. 38 (1897) wurde mit der Feyer des 25jährigen
Bestehens der Llpsia zusammengelegt. Die Teilnehmerzahl mit 360 Schla­
raffen. die siebzig Reyche vertraten, übertraf die kühnsten Erwartungen
und füllte mit den erschienenen Burgfrauen und Pilgern zur Festsippung
die prachtvoll dekorierten weiten Räume des Krystallpalastes. Ein neues
Gesicht verlieh dem Reyche eine Stiftung seines Ritters Co/um bus in Höhe
von 3000 Mark. Die großzügigste
die je in unserem Bruder­
bund gemacht wurde, erfolgte durch den Ritter Paula (Paul Lömpe). Dieser
Recke. den seine schlichte Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit besonders
auszeichneten und dessen zahlreiche Spenden, in aller Stille gegeben, den
Burgen manches wertvolle Ausrüstungsstück zuführten, hinterließ ein Testa­
ment zugunsten seiner Lipsia, das nur als einmalig angesprochen werden
kann. So liegt dem Chronisten ein vertraulicher Kassenbericht über die
Jahrung 55/56 (1914115) vor, der ein Reychsvermögen von 6000 lYiark aus­
weist, zuzüglich rund 225 000 Mark des Paulafonds. Leider hatte sich laut
den Bestimmungen die Gesamtheit der Mitglieder jeder Einwirkung auf die
Geschäftsführung der Vermögensverwaltung zu enthalten. Diese setzte sich
nidlt gerade aus besonders versierten Kaufleuten zusammen. was zum Verlust
des beachtlichen Vermögens bis zum letzten Groschen führte.
In der ersten Jahrung seines Bestehens war das Reyd1 mehrmals auf der
Suche nach einer Burg, die der anwachsenden Sassenschaft entsprach. So zog
sie von der Goethestraße nach der Tauchaer Straße 12. von da nach der
Turnerstraße 3 und schließlich in die St. Bernhard-Veste in der Zentralhalle,
die durch den Universitätskeller, Ritterstraße 3
wurde. Im Ernte­
mond a. u. 25 CI 8 84) bezog das Reych den
der Centralhalle, vier
Jahre später mit vollständig eigener
eine neue Burg in der
Nicolaistraße 6, die erst im Erntemond a. u.
mit der Pleißenburg
in der Kurzen Straße vertauscht wurde. Fast genau
Jahre später,
mitten im ersten Weltkrieg, wurde Lipsias letzte
im Kl1ppeIbau des
Handlungsgehilfen-Verbandes in der Zeitzerstraße 8-14 geweiht. Keine
zweite Burg Allschlaraftias hatte wohl eine
Anzahl VOll Besuchern
in ihren großen Räumen aufzuweisen. Sie wurde neidlos von allen, die in
iluen Mauern einritten, nicht zuletzt mit Rücksicht auf ihre herrliche Lage,
als die schönste Burg unseres Bundes anerkannt.
Beim 40. Stiftungsfest, das am 26: und 27. des Lethemonds a. u. 53 (1912)
besonders feierlich begangen wurde, dienten die Räume des Krystallpalast­
Varietes als Festburg. Am Nachmittag des lubeltages versammelten sich die
Festbesucher zu Füssen des Völkerschlachtdenkmals. Glock sieben erstrahlte
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der Burghof in hellem Lichte und eine Stunde später
der feierliche
Einritt der einundzwanzig Recken der h. Allmutter unter Vorantritt von
Hkt. Devast. Geleitet wurde die Jubiläumssippung von den Herrlichkeiten
Zwilling (Carl Ziegenhirt), PiHte (August Proft) und Optimist (Gast on
Demme). Unvergeßlich dürfte den wenigen noch lebenden Teilnehmern das
Festspiel sein, das im Alten Theater vor über 400 Schlaraffen abrollte, "Der
Allschlaraffia
, ein allegorisches Spiel in zwei Teilen von R. KarJ!i­
gula, vertont von lunkermeister ZWiHldy (Carl Osterloh). Dröhnende Beifalls~
salven ließen am Schluß die dicken Wände des altberühmten Musentempels
erzittern. Der siebenundsiebzigjährige R. Oie Bull der Fntd1tbare der h.
Colonia CWilhelm Mühldorfer), einer der Gründer der
schuf aus Anlaß
der Feycr einen endgültig letzten Vers seiner "Schlaraffen-Schöpfung".
Beim VIII. Allschlaraffischen CondL das vom 15. bis 18. des Brachmonds
a. u. 55 (1914) in Turicensis stattfand, war die Lipsia durch ein stattliches
Fähnlein vertreten. Ihrem Legaten wurde wiederum der Vizevorsitz zu­
gewiesen. Kaum hatte das Condl sein Ende gefunden, als sich plötzlich der
politische Himmel in erschreckender Weise verdunkelte. Der furchtbare Welt­
krieg entflammte. Zunäch~t wurde von weiteren Sippen Abstand genommen,
nach einiger Zeit wurde jedoch das volle schlaraffische Leben. wie ziemlich
im ganzen
wieder aufgenommen. In der neuen Burg kam es
durch die Teilnahme von Feldgrauen zu erhebenden
Leider sind
von den dreizehn Sassen. die ins Feld rückten, zwei geblieben. Ihnen gilt
ein ehrendes Gedenken.
Trotz der Ungunst der Zeiten rief Allmutter P

[… Fortsetzung im Originalband]
Quelle: Chronik Band I, S. 378-384